zum Gedenken
Wie umgehen mit Luthers Judenhass? Der junge Martin Luther wollte die Integration von Juden. Der alte Luther wollte Juden vertreiben und Synagogen niederbrennen. Wie sollen Protestanten heute mit diesem Erbe umgehen? Wie zentral ist die Judenfeindschaft in Luthers Lehre? Fragen, die im Reformationsjubil├Ąum gestellt werden. Auch von Juden, die Luther - trotz allem - Positives abgewinnen k├Ânnen.

Von Christian R├Âther

Ursula Rudnick, Kirchenbeauftragte f├╝r das Judentum und Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann verbinden der Luther-Statue in Hannover die Augen. Die Aktion am 9.11.2016 sollte die "Blindheit" Martin Luthers gegen├╝ber dem Judentum symbolisieren.
(picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Am Hauptsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland wehen die Luther-Fahnen. In dreifacher Ausf├╝hrung blickt der Reformator auf Herrenhausen herab, einen Stadtteil von Hannover. "Luther 2017" steht gro├č auf den Fahnen - und etwas kleiner: "500 Jahre Reformation". Martin Luther ist das Gesicht der EKD-Kampagne zum Reformationsjubil├Ąum. Der Mann, der die Bibel ins Deutsche ├╝bersetzt hat, der die Reformation ins Rollen brachte - und der Juden vertreiben wollte und Synagogen niederbrennen.

"Dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und das, was nicht verbrennen will, mit Erden ├╝berh├Ąufe und besch├╝tte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien."

So Luther in seiner Schrift "Von den Juden und ihren L├╝gen", erschienen drei Jahre vor seinem Tod. Nur wenige hundert Meter von den Luther-Fahnen der EKD entfernt befindet sich die Liberale J├╝dische Gemeinde Hannover. Die Vorsitzende ist Ingrid Wettberg. Sie r├Ąumt ein: Erst seit dem Reformationsjubil├Ąum ist ihr das Ausma├č von Luthers Judenhass bewusst.

"Also, das war ein Hass mit unfl├Ątigen Beschimpfungen und Vernichtungsphantasien. Zumindest mir war der Antisemitismus und der Antijudaismus von Luther in dem Ma├če, wie ich das heute wei├č, nicht bekannt. Ich wusste, dass er den Juden nicht gut gesonnen war, wie mir mal jemand so sagte, aber im Fokus stand eben immer, was Luther alles Tolles gemacht hat."

Ein Mann mit Licht und Schatten

Zweimal Luther an der Marktkirche in Hannover. Wie viel Schatten wirft sein Judenhass auf das Jubil├Ąumsjahr? (Christian R├Âther)

1543 ver├Âffentlichte Luther die Schrift "Von den Juden und ihren L├╝gen". Zwei Jahrzehnte fr├╝her klang das noch anders. Da erschien sein Text "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei". Darin zeigte Luther sich vergleichsweise tolerant. Juden sollten geduldet werden und Berufe ihrer Wahl ergreifen d├╝rfen. Luther wollte damit erreichen, dass Juden zum Christentum konvertieren. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann schr├Ąnkt allerdings ein:

"Luther war in keiner Phase seines Lebens ein Judenfreund. Was sich ge├Ąndert hat, sind die strategischen Hinsichten, die strategischen Perspektiven im Umgang mit den Juden. Er ist nicht vom Philosemiten zum Antisemiten geworden. Das w├Ąre eine Verzeichnung."

Luther hoffte, dass Juden massenhaft zum Christentum ├╝bertreten. Doch das blieb aus. Wohl aus Entt├Ąuschung dar├╝ber nennt der Reformator Juden sp├Ąter verstockt, vom Teufel besessen, der L├╝ge verfallen, geldgierige Wucherer - obwohl Luther nur sehr wenige Juden pers├Ânlich getroffen hat, sagt Thomas Kaufmann. Luther attestierte Juden auch "verdorbenes Blut". F├╝r Kaufmann eine Fr├╝hform des Antisemitismus:

"Die Vorstellung, dass Juden ein eigener Menschentypus sind, dem nicht zu trauen ist, der verschlagen ist, der alles darauf anlegt, Christen zu ├╝bervorteilen oder noch Schlimmeres. Das sind Vorstellungen, die auch bei Luther immer wieder anzutreffen sind und die ich nicht ohne weiteres auf eine biblische Grundlage zur├╝ckf├╝hren kann."

Luthers Hass auf Juden wird in der aktuellen Debatte von niemandem angezweifelt. Doch die Frage ist: Wie zentral f├╝r Luthers Lehre ist seine Judenfeindlichkeit? So wichtig wie seine 95 Thesen zum Ablasshandel oder seine vier Glaubenss├Ątze "Allein durch Schrift, Glauben, Gnade und Christus"? Oder doch nur eine unsch├Âne Randerscheinung? Nein, sagten Experten im Deutschlandfunk: Luthers Judenfeindlichkeit geh├Ârt zum Kern seiner Lehre. Etwa die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg:

"Luther einerseits, der ├ťbersetzer der Bibel, die helle Seite - andererseits der Judenfeind, die dunkle Seite. Ich glaube, es handelt sich hier um keine Opposition, sondern Luthers Judenfeindlichkeit, die sich insbesondere in seiner zweiten Lebensh├Ąlfte deutlich zeigt, ist die Kehrseite seiner Liebe zur Bibel, insbesondere seiner Liebe zum Alten Testament."

Gelb steht f├╝r Verblendung

Wie sollte die Kirche, wie sollte die Gesellschaft also umgehen mit Luthers Judenhass - gerade jetzt im Reformationsjahr? Ingrid Wettberg von der Liberalen J├╝dischen Gemeinde Hannover erz├Ąhlt von einer Aktion, die sie f├╝r vorbildlich h├Ąlt:

"Die war jetzt gewesen am 9. November. Der 9. November - brauch ich nicht zu erkl├Ąren."

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Nationalsozialisten in Deutschland systematisch Synagogen nieder, verhafteten oder ermordeten J├╝dinnen und Juden. ├ťbrigens die Nacht zum Geburtstag von Martin Luther.

"Abkehr von der Gewalt im Namen Gottes"

"Wenn ich ├╝ber Martin Luther nachdenke, ├╝berwiegen eindeutig die Lichtseiten. Diese urspr├╝nglichen revolution├Ąren Gedanken, Thesen, die er formuliert hat, die f├╝hrten nat├╝rlich nicht unmittelbar zu einer Befriedung des mittleren Europas. Langfristig gesehen, glaube ich aber, dass darin tats├Ąchlich eine Abkehr von der Gewalt im Namen Gottes stattgefunden hat."

Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter geht f├╝r Julia Franck langfristig und indirekt auf die Reformation zur├╝ck. Ebenso die Achtung f├╝r Menschen unterschiedlicher Religion oder Herkunft. Die "Achtung des Menschen als Mensch", die tats├Ąchlich zu der M├Âglichkeit nicht nur einer demokratischen, sondern auch einer s├Ąkularen, wenn auch abendl├Ąndisch gepr├Ągten Welt gef├╝hrt hat", sagt Julia Franck.

Wurzel deutscher Obrigkeitsh├Ârigkeit?

Eine Perspektive m├Âchte Elisa Klapheck in die Debatte einbringen. Sie ist liberale Rabbinerin in Frankfurt und Professorin f├╝r j├╝dische Studien in Paderborn.

"Es ist v├Âllig klar, dass heute bei einer Auseinandersetzung mit Luther darauf hingewiesen werden muss, dass Luther antij├╝disch wurde, antisemitisch, und da gibt es auch nichts zu besch├Ânigen. Gleichwohl finde ich eine zweite Diskussion m├Âglicherweise interessanter und auch weiterf├╝hrend, n├Ąmlich dass Luther ja auch sehr stark in seiner Theologie betont hat, dass die Menschen der politischen Obrigkeit Untertan sein m├╝ssen."

"Luther wollte den Deutschen das Hebr├Ąische nahebringen"

"Dieses ist eine v├Âllig fehlleitende Interpretation. Man braucht nur mal zu analysieren, was meint Obrigkeit bei Luther, was meint Obrigkeit im 19. und 20. Jahrhundert, was verstehen wir heute unter Obrigkeitsh├Ârigkeit. Obrigkeit ist im 16. Jahrhundert schlicht und einfach dasjenige, was der sich herausbildende Staat ausmacht. Luther unterst├╝tzt damit die doch den Frieden herbeif├╝hrende Monopolisierung legaler Gewalt durch den Staat, das meint er mit Obrigkeit."

Luther sei allerdings oft falsch interpretiert worden, und zwar im Sinne der Herrschenden, so Schilling. Elisa Klapheck weist au├čerdem darauf hin, dass Luther - trotz seines Judenhasses - Anfang des 20. Jahrhunderts bei vielen Juden beliebt war. Zumindest seine ├ťbersetzung des Alten Testaments. Sie seien begeistert gewesen von der ├ťbersetzung aus dem Hebr├Ąischen ins Deutsche.

"Er wollte den damaligen Deutschen das Hebr├Ąische nahebringen. Die heilige Sprache, wie sie also ganz viel in jedem Wort transportiert, aussagt."


Das komplette Interview vom 21.03.2017 auf DLF


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