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zum Gedenken

Helga Reich

Frühbürgerliche Revolution in unserem Territorium

Luther / Einsiedel

Gedanken über Frondienste

Herausgeber: Rat des Kreises Geithain - Abteilung Kultur

Martin Luther schrieb am 12. Januar 1541 an seinen Mitstreiter Georg Spalatin, zu jener Zeit Superintendent in Altenburg:
"Die Einsiedel sind ein seltenes und einzigartiges Licht im Dunkel jenes verworrensten Adels dieses Jahrhunderts".
Was bewog wohl den Reformator, der sich in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens vor allem auch mit großen und kleinen Streitfragen beschäftigen musste, weil er von Freund und Feind dazu getrieben wurde, Recht auf Erden im Sinne des Evangeliums zu sprechen, zu einem solchen Urteil über eine der damals bedeutendsten, weil auch ökonomisch starken Adelsfamilien Sachsens?

In welchem Verhältnis standen die Einsiedel zu den führenden Reformatoren?

Der bereits im Jahre 1522 verstorbene Haugold bzw. Haubold von Einsiedel war Rat am Hofe Friedrichs des Weisen und machte sich dort vor allem in den Jahren 1521/22 um die Sache der Reformation verdient, zu einem Zeitpunkt als Luther auf der Wartburg verborgen war. Martin Luther würdigte diese Haltung durch die Widmung von Schriften und mit persönlichen Kontakten, so z.B. in Eilenburg bei einem Treffen einiger kurfürstlicher Räte mit Luther und Melanchthon am 13. November 1520. Dieses frühe Bekenntnis des humanistisch gebildeten Haugold von Einsiedel zu Luther und zu einer Erneuerung der Kirche wurde seinen wesentlich jüngeren Halbbrüdern, Heinrich Hildebrand und Heinrich Abraham, zum Vorbild. So gehören alle drei Einsiedel zu den ersten adligen Vertrauten der Reformatoren in Sachsen und förderten mit den ihnen möglichen Mitteln auch Reformbestrebungen über theologische Fragen hinaus. Eine weitere Besonderheit sei noch angedeutet: Das frühe Bekenntnis der Einsiedel zur Lehre Luthers war vor dem Jahre 1539 insofern mit Gefahr für Besitz und Einkünfte verbunden, als etwa die Hälfte ihrer Schlösser, Güter und Dörfer im herzoglich-albertinischen Teil Sachsens gelegen war. Herzog Georg, strenger Gegner der Reformation, war deshalb im Jahre 1523 nur widerwillig zur Belehnung der zwei jüngeren Brüder mit deren auf seinem Territorium gelegenen Gütern bereit, hatte er doch von ihrem Bekenntnis zu Luther, ja mehrfachen freundschaftlichen Kontakten erfahren. Die Differenzen spitzen sich 1527/28 derartig zu, dass Herzog Georg 18 Dörfern verbot, weiterhin den Einsiedels Dienste und Abgaben zu leisten; diese hatten die Bauern nun direkt an
landesherrliche Ämter abzuführen. Die Einsiedelschen Brüder werden aufgefordert, ihre im herzoglichen Gebiet liegenden Besitzungen bis zum 24. August 1528 zu verkaufen, wenn sie weiterhin der "ketzerischen Lehre" anhängen wollen.

Mit einigen der sich hierdurch ergebenden Konflikten wurden Spalatin und Luther - durch Briefwechsel Ende 1527/Anfang 1528 nachweisbar - konfrontiert und Luther riet den Einsiedel dabei, nicht ihre Besitzungen aufs Spiel zu setzen. Die lutherischen Prediger sollte man aus dem Gebiet Herzog Georgs fortziehen lassen, unter Umständen auch Pfarrstellen zunächst gar nicht besetzen.
Im allgemeinen verstanden es die Einsiedelschen Brüder aber auch in der Folgezeit, sich durch ein geschicktes Lavieren zwischen den jeweiligen Kurfürsten und den Herzögen von Sachsen, ihren Landesherren, sich diesen politisch und ökonomisch nutzbar zu machen, obwohl oder vielleicht auch gerade weil ihr persönlicher Kontakt zu Luther, Melanchthon, Spalatin und anderen namhaften Reformatoren bekannt war. So diente Heinrich Hildebrand von Einsiedel in seinem Leben nacheinander fünf sächsischen Kurfürsten als Rat: den Ernestinern Friedrich dem Weisen, Johann und Johann Friedrich und den Albertinern Moritz und August. Unterstrichen wird die Rolle Heinrich Hildebrands von Einsiedel im politischen Geschehen dieser Jahre auch dadurch, dass die Gegner "seines" Kurfürsten, an der Spitze Kaiser Karl V., am 18. April 1547 mit ihren Heeren in Gnandstein und Umgebung weilten, ja der Kaiser als Gegner der im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossenen protestantischen Fürsten, bei einem Anhänger Luthers übernachtete.

Ein Einsiedel stand in Worms neben Luther

Mit den führenden Reformatoren sind die Einsiedelschen Brüder mehrfach, vor allem in Wittenberg und Altenburg, zusammengetroffen. Zu Spalatin in Altenburg bestanden herzliche persönliche, freundschaftlich-familiäre und auch durch Geldverleih Spalatins an Einsiedel unterstrichene vertrauensvolle Kontakte. Mit Martin Luther sollen die Einsiedel zur Leipziger Disputation 1519 zusammengetroffen sein. Beim Wormser Reichstag 1521 war Heinrich Abraham von Einsiedel im Gefolge Friedrichs des Weisen anwesend, und die Familiengeschichte überlieferte, er hätte als 3. neben Martin Luther gestanden. Sein Bruder Heinrich Hildebrand traf 1522 in Borna mit Luther zusammen, als dieser nach seiner Rückkehr von der Wartburg für zwei Tage dort beim befreundeten kurfürstlichen Geleitsmann, Michael von der Straßen, weilte. Dagegen gibt es über einen Aufenthalt Luthers in Gnandstein keinen Nachweis, diese Legende ist wohl erst Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, als auf der Burg ein "Lutherzimmer" eingerichtet worden war. Vor 1539 wäre das herzogliche
Gebiet, in dem, wie gesagt, Gnandstein damals lag, zu gefährlich für Luther gewesen, und nach 15 39 hatte Luther kaum die Zeit zu solchem Besuch, zumal die Reiseorte in der Nähe auch als Treffpunkte überliefert sind; die Einsiedels weilten mehrfach in Altenburg und wohl auch im Gut Zöllsdorf (heute nur noch Gedenkstein bei Neukieritzsch). Das ehemalige Vorwerk hatte Luther 1540 als Leibgedinge für seine Frau Käthe gekauft, hier weilte er auch gern in seinen letzten Lebensjahren. Über ein gutes Verhältnis des Heinrich Hildebrand von Einsiedel zu Luthers Witwe und deren Verwandten gibt uns ein Briefwechsel aus den Jahren 1546 - 1547 Auskunft, in dem sich ersterer für die Gewährung eines Stipendiums für Käthes Neffen, Florian von Bora, zwecks Studiums an der Universität Wittenberg einsetzen soll und mit Erfolg eingesetzt hat.

Nehmen wir aus dem umfangreichen Briefwechsel der Einsiedels mit bekannten Reformatoren eine Frage heraus, die als Besonderheit in die Geschichte der frühbürgerlichen Revolution eingegangen ist:

Die Frage nach der "Rechtmäßigkeit" der Frondienste

Wir erhalten durch die Anfragen des Heinrich Hildebrand von Einsiedel bei Luther, Spalatin und Melanchthon und deren daraufhin gegebenen Antworten
Einblick in deren Ansichten darüber. Bekannt ist uns der Inhalt von 24 Briefen zu dieser Thematik aus den Jahren 1539 bis 1549.

Konsequenzen sollten gezogen werden


Martin Luther war der Mann, der geistig die Bewegung auslöste, die wir heute unter dem Begriff der Frühbürgerlichen Revolution zusammenfassen. Am Beginn der Übergangsperiode vom Feudalismus zum Kapitalismus stand eine zugespitzte gesellschaftliche Situation. In dieser Zeit wirkte Luther, seine Ideen wurden vom Volk aufgegriffen sowie in weiterführende Aktionen umgesetzt.

Doch auch ein Feudalherr, wie Heinrich Hildebrand von Einsiedel, war von Luthers reformatorischem Werk ergriffen. Die lutherische Bibelübersetzung, in jener Zeit erstmals veröffentlicht, gab auch diesem Einsiedel die Möglichkeit, das Werk gründlich zu studieren und offensichtlich seine eigene Haltung am Inhalt zu messen. Er meinte wohl, dass es nicht bei einer bloßen Kenntnisnahme oder Zustimmung bleiben könne, sondern dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten im Sinne christlicher Ideen handeln müsse.

Für diesen Feudalherren hatte also ebenso wie für die Bauern die Tat Luthers persönliche Konsequenzen ausgelöst. Bereits Valentin König, einst Pfarrer zu Kohren, schreibt in seiner "Adelshistorie. . ." (Leipzig, 1729) über das Legat des Heinrich Hildebrand von Einsiedel von 3765 Gulden im Jahre 1544:

"Die Ursache zu solchem Gestiffte war meistens der vorgefallene Bauer-Krieg darinnen die Unterthanen, besonders der Bauern der vielen Fröhnen und Dienste wegen, einen Aufstand gemacht, dahero er sich ein gar schwer Gewissen gemacht; Ob man einen freyen Menschen mit gutem Fuge Frohne und Dienste zumuthen, abzwingen und ohne Bezahlung begehren könnte?"

Die Furcht vor einem neuen Aufstand hielt auch noch lange nach dem Bauernkrieg an und wurde, wie zum Beispiel durch die Frondienstverweigerungen der Altmörbitzer Bauern, auch in den folgenden Jahren durch neue Konfliktstoffe beeinflusst. Es ist nun nur zu verständlich, dass sowohl die Herrschenden als auch die Bauern durch ihre Advokaten rechtliche Mittel zu finden suchten, mit denen die Konflikte entschärft oder gelöst werden sollten. In dieser Situation befand sich auch Einsiedel, als er versuchte, Luthers Rat zu erhalten. Doch Luther reagierte sowohl auf die Aktionen der Bauern 1524/25 als auch auf die Überlegungen Einsiedels nur im Rahmen seiner zeit- und klassenbedingten Grenzen.

Bibel belegt sowohl Bedenken als auch Antworten

Luther blieb bei seinen Antworten an Einsiedel im Prinzip bei dem, was er schon in seiner "Ermahnung zum Frieden" auf die 12 Artikel der Bauernschaft wollte: Er wandte sich gegen die übertriebene Ausbeutung durch die Feudalherren, lehnte aber die Ausbeutung nicht ab. Das entsprach Luthers Auffassung, die weltlichen Herrschaftsverhältnisse nicht zu verändern.

Diese Einstellung unterstreicht aber auch einmal mehr Luthers soziales Empfinden für verarmte Menschen. Er wollte keine Verschlechterung der Lage der Bauern und empfahl, den Unvermögenden "Linderung" zu gewähren.

Luther entlastet Heinrich Hildebrand von Einsiedel auf Gnandstein von dessen religiöser Furcht, mit Fronforderungen, vor allem den erst vor nicht allzulanger Zeit eingeführten, ein Unrecht zu tun, das er einst vor Gott zu verantworten habe. Interessanterweise führen sowohl die Reformatoren als auch Einsiedel für ihre "Bedenken" und Antworten Bibelstellen an.

Frondienste noch bis in das 19. Jahrhundert

Martin Luther und die anderen Reformatoren, die mit der Frage der Frondienste befasst wurden, lieferten Heinrich Hildebrand von Einsiedel um seinen Nachfolgern eine Art reformatorisches Alibi, um nach wie vor Frondienste zu fordern, die auf den großen Rittergütern des heutigen Kreises Geithain meist erst um 1840 durch Geldzahlungen der Bauern abgelöst worden sind.

Zur Zeit des 16. Jh. als die Hoffnungen der Bauern auf freizügige Entscheidung über ihren Arbeitstag in Spitzenzeiten der Landwirtschaft für weitere Jahrhunderte zunichte gemacht wurden, waren die Frondienste in verschiedenen deutschen Territorien, auch in Westeuropa teilweise schon seit dem Mittelalter aufgegeben und durch "Dienstgeld" ersetzt worden, so wie es die Altmörbitzer Bauern bis Ende des 15. Jh. auch nur gezahlt hatten, allerdings an ihre früheren Herrn.

Brief Martin Luthers an Heinrich Hildebrand von EinsiedeJ auf Gnandstein, Wittenberg den 30. April 1545

Dem gestrengen und vhesten Er Heinrich von Einsidel zum Gnanstein, meinem besondern gunstigen herrn und freunde.

GNade und Friede ym Herrn! Gestrenger, Vhester, lieber herr und freund! Auff ewr angezeigte fragen hab ich kurz an den rand meine meinung verzeichent. Aber wol hat mirs gefallen, das yhr ein solch zart gewissen habt', niemand gern wollen wissentlich unrecht zu thun. Gleichwol ist die weit bose, und der baur hat seer diebische negel an den fingern', und ist nicht beunisch, sondern Doctorisch gnug, das seine zu suchen', Wo man nicht vleissig drauff sihet. Denselben mus man scharf auf die schantze sehen.' Aber wo es arme, gute leute sind, da werden sich E. G. wol wissen Christlich mit nachlassen etc. zu halten. Das mehren teil, sonderlich die nicht so arm sind, geitzen so getrost, das wir uns auf unserm marckt mussen schinden und schaben' lassen, wie alle weht klagt. Hie mit dem lieben Gott befohlen, der euch behute fur allem ubel, Amen. Am letzten Apnilis 1545.

Martinus LutheR D.

Die Gemeinde Altmörbitz - ein Beispiel des bäuerlichen Widerstandes gegen erhöhte Ausbeutung im 16. Jahrhundert.

Für Altmörbitz sind im Frühjahr 1525 Bauernversammlungen belegt, in denen die "12 Artikel" beraten worden sind. Aus der Höhe der Strafgelder für alle 25 Besitzer von Bauernhöfen nach der Niederlage im deutschen Bauernkrieg ist zuschließen, dass sich die gesamte Gemeinde an den revolutionären Aktionen im Altenburg-Bornaer Gebiet beteiligt hat. Dieser Ort und andere Dörfer der Grundherrschaft Gnandstein (Bocka, Eschefeld, Flemmingen, Jahnshain, Linda, Meusdorf und Neuenmörbitz) stehen an der Spitze der Strafgeldliste im Amt Altenburg. Die 25 Bauern von Altmörbitz sind aber auch diejenigen, die sich nachweislich jahrzehntelang gegen eine Erhöhung der Frondienste, ja gegen die Frondienste überhaupt, wehrten und dabei Prozesse gegen die Gnandsteiner Familie von Einsiedel bis vor das kurfürstliche Hofgericht in Wittenberg geführt haben. So verweigerten sie z. B. die nach dem Tod Haugolds von Einsiedel 1522 seinen Brüdern neuerlich zu erweisende "Erbhuldigung" und leisteten in den Jahren 1523 bis 1525 die von ihnen geforderten Frondienste nicht oder jedenfalls nicht im verlangten Umfang. Als Begründung gaben sie an, früher keine Frondienstverpflichtungen, sondern nur ein "Dienstgeld" von 6 Schock und 19 Groschen an ihre damaligen geistlichen Herren in Altenburg gezahlt zu haben, und der im Jahre 1457 erfolgte Tausch ihres Dorfes gegen andere Dörfer könnte ihre Bedingungen nicht verschlechtern. Sie berufen sich ausdrücklich auf ihre alten "Gewohnheiten und Gebrauch". Weiterhin heißt es in einer Beschwerde der Gemeinde vom 16. August 1525, also wenige Monate nach der blutigen Niederschlagung des Bauernkrieges, dass sie jetzt den Einsiedels als ihren neuen Herren nicht nur das Dienstgeld weiterzahlen
müssten, sondern außerdem noch alle Fronen zu leisten haben, "wie man sie erdenken kann, mit Holzhauen, alles Getreide, Erbsen, Hafer, Gerste pflügen, eggen, säen, Gras und Grummet hauen, machen und einfahren, Korn schneiden und das bei eigener Kost". Die Bauern beschweren sich außerdem noch über die Frondienste des Schafescherens und die wegen der verstärkten Schafhaltung des Rittergutes Gnandstein auf ihren Feldern ausgeübte Trift. "Das alles ist neben dem Frongeld mit Gewalt und Zwang eine Zeitlang gemacht worden, ungefähr länger als ein Jahr, was aber vorher nie gewesen ist; . . . seyndt oberzcaltte beschwerunge fronne vnd dynste mith der zceyt cyntzeln, eynnes nach dem andern vif vns mith schwindigkeyt getribe(n), die wyr armme leutte nicht lenger ertragen(n) mogen(n)"...

In der gleichen Beschwerde lehnen die Altmörbitzer Bauern auch das grundherrliche Gnandsteiner Gericht ab, bei dem Einsiedel "Kläger und Richter sein will".

Hier haben wir organisierte Formen des Klassenkampfes, unterstützt von durch Bauern bezahlte Advokaten vor uns, entschlossene Formen der Abwehr feudaler Willkür. Trotz eines sogenannten Vertrages vom Jahre 1534 gehen die Streitigkeiten um einzelne Frondienste, vor allem auch die geforderten Baudienste für Burg und Rittergutsgebäude in Gnandstein und Wolftitz, bis 1549 weiter. Da Heinrich Hildebrand von Einsiedel in seinen "Bedenken" an Melanchthon im Jahre 1549 ausdrücklich neben Niedergräfenhain auch Altmörbitz erwähnt, können diese Orte unseres Kreises mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, den Anstoß zu derartigem Schriftwechsel eines Feudalherren mit den Reformatoren gegeben zu haben.

Vor welchem ökonomischen Hintergrund vollzogen sich diese Entwicklungen, was bewegte letztlich Denken und Handeln des damaligen Gnandsteiner Feudalherrn?

Der Kern des umfangreichen Besitzes der Einsiedel in Sachsen befand sich in der Zeit der Frühbürgerlichen Revolution im Territorium des heutigen Kreises Geithain. Etwa ein Drittel seiner jetzigen Fläche war damals in der Hand der Einsiedel. Gnandstcin mit umliegenden Dörfern war der Mittelpunkt; Prießnitz gehörte bis zum Jahre 1534 einer Nebenlinie. Obwohl die Familie von Einsiedel mit Gnandstein und Zubehör erst Anfang des 15. Jahrhunderts beliehen worden war, verstanden es die jeweiligen Besitzer im Laufe von etwa ioo Jahren, ihren Einfluß erheblich zu erweitern.

Schließlich wurden 16 Dörfer im heutigen Kreis Geithain mit ihrem ihrem Boden, mit bebautem und unbebautem Grund und vor allem ihren Menschen feudal abhängig, damit ihre Untertanen. Von weiteren mehr als zehn Dörfern unseres Territoriums besaßen die Einsiedel kleinere oder größere Anteile an Grund und Boden, und damit an der Arbeitskraft von Menschen, die zu Frondiensten, zu Geld- und Naturalabgaben verpflichtet waren. Diese Anteile waren meist Pfandbesitz für vorgestrecktes Kapital und von Schuldnern dann verkauft. In einigen Dörfern hatten die Einsiedel die Höfe kleinerer Feudalherren mit dazugehörigen Rechten aufgekauft oder auch Bauernstellen an sich gezogen, Bauern gelegt. Aus diesen Gütern waren etwa 12 Einsiedelsche Vorwerke entstanden, meist mit einer für damalige Zeit schon beachtlichen Viehwirtschaft.

Zum Einsiedelschen Feudalbesitz gehörten auch Dörfer oder Dorfanteile in den heutigen Kreisen Altenburg und Rochlitz.


Die bedeutendste Besitzerweiterung gelang aber Ritter Heinrich von Einsiedel im Jahre 1492 mit dem Erwerb der Herrschaft Scharfenstein im Erzgebirge, zu der weitere zehn Dörfer und außerdem ein Schloß mit zwei Vorwerken gehörte.
Im Jahre 1495 wurden Haus und Hof in Dresden erworben, und seit 1455 gehörten den Einsiedel zwei Weinberge bei Lobeda/Jena. Gut verwahrt auf dem Gnandstein lagen schließlich 9 Anteilscheine - Kuxen - an Bergwerken in Geyer und Annaberg, so daß nach Gnandstein schon seit vielen Jahren der Gewinn von den Erträgnissen des erzgebirgischen Bergbaus in reichen Strömen floss.

Auf Anhäufung von Reichtum bedacht

Diese Bergbauverbindungen der Einsiedel wurden wohl auch gefördert durch Verheiratung des Ritter Heinrich mit Töchtern aus dem Hause Schönberg (Stollberg/Sachsenburg) - seiner ersten und seiner dritten Frau. Die zweite - kinderlos verstorbene Frau - war eine geborene von Schleinitz, stammt somit aus einem der reichsten sächsischen Geschlechter. Schließlich heiratete der 20jährige Heinrich Hildebrand von Einsiedel im Jahre 1517 Elisabeth von Haugwitz aus einem um Markkleeberg und Mölbis begüterten Geschlecht, übrigens auch frühen Anhängern der Reformation. Insgesamt eine kluge und wirtschaftlich sicher Nutzen bringende Heiratspolitik der Einsiedelgenerationen im 15. und 16. Jahrhundert. Erbschaften und Heiratsgut waren schon gute Grundlagen für die Entscheidungen dessen, der auf der Burg Gnandstein saß, und von dem der Biograph Kurt Krebs schreibt: „Heinrich von Einsiedel war wacker auf die Vermehrung seines persönlichen Gutes bedacht."

Ein Vermögen, für dessen Umfang auch die an die Landesherren zu zahlenden Steuern einen Anhaltspunkt bieten:

Bei etwa 200 größeren Feudalherren - "Schriftsässigen" - gab es 1488 im albertinischen Sachsen zehn mit einem Steueraufkommen über 100 Schock, sie waren meist zugleich Räte des Landesherrn, und unter ihnen nahmen die Einsiedel nach den Schleinitz, Schönberg und Miltitz den vierten Platz ein! Im Jahre 1522, als die "Türkensteuer" erhoben wurde, standen die Einsiedel als dritthöchste Steuerzahler des Landes.

Da ihre Ländereien in zwei unterschiedlichen wettinischen Machtbereichen lagen, ist wohl die ökonomische Stellung zeitweilig noch höher anzuschlagen. Da aber die Erbteilung der Brüder Heinrich Hildebrand und Heinrich Abraham im Jahre 1534 das Vermögen halbierte, wollen wir es bei der vorgenannten Einstufung belassen. Die Herrschaften Sahlis und Scharfenstein gehörten bis 1568 nicht mehr der Familie des Gnandsteiner Feudalherren, sollen also in der nachfolgenden Betrachtung ausgeklammert werden.

Das Gewissen wird beruhigt

Wohl bis an sein Lebensende war Heinrich Hildebrand von Einsiedel von Glaubenskonflikten und Gewissensnöten, orientiert am Evangelium, bewegt. Das ist auch aus einem Briefwechsel zu erkennen, den er noch kurz vor seinem Tode, in den Jahren 1556 und 1557 mit dem zu dieser Zeit in Gößnitz wirkenden namhaften Theologen Martin Wolf führte. Auch hier wurden Fragen nach dem rechten Verhältnis zur Bauernschaft, zu Frondiensten für gelegte Bauernstellen und dem Gewinn aus Geldverleih und Holzverkauf aufgeworfen. "So saget auch die Heilige Schrift: Wehe denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen", zitiert Wolf die Bibel und damit wandte er sich gegen das Bauernlegen. Zugleich aber wollte er, wie auch die anderen Reformatoren, den Bauern nicht eine zu große Freiheit zubilligen, denn Einsiedel „tut nicht Unrecht", wenn er die „ungehorsamen Bauern
rechtlich zum Gehorsam zwinge. . .". Als Heinrich Hildebrand sein Testament verfsste, da konnte er ein Vermögen von 120 bis 150 Tausend Gulden vererben, darunter etwa 30 bis 40 Tausend Gulden Bargeld und vier Rittergüter (Gnandstein, Prießnitz, Wolftitz und Syhra/Hopfgarten). Dieser Besitz wurde unter seinen noch lebenden fünf Söhnen ausgelost, ein Sohn erhielt dabei ein "Geldlos". Außer der Witwe wurden auch die fünf verheirateten Töchter nochmals reichlich bedacht. Bei diesen Beträgen ließen sich zur "Gewissensberuhigung" leicht jene 3765 Gulden für die Einsiedelschen Dörfer zur jährlichen Nutznießung der davon abfallenden Zinsen aussetzen, auch die 1000 Gulden für das Hospital in Kohren (1534 noch von beiden Einsiedelschen Linien gegründet) und die 200 Gulden zur Unterstützung von Witwen und Waisen der Pfarrer in verschiedenen Dörfern.

Tendenzen frühkapitalistischer Entwicklung auf dem Lande

Deshalb muss zu den Beweggründen, die Einsiedel zum Briefwechsel mit den Reformatoren veranlassten, bei allem Respekt vor solchen Gewissensbissen eines Feudalherren, hinzugefügt werden: Die Familie Einsiedel besaß eine ökonomische Basis, durch die sie ohne weiteres auf Erträgnisse aus den Frondiensten verzichten konnte, zumal deren Umwandlung in Geldrenten den Ausfall ersetzt hätte.

Damals waren schon erste Zeichen einer frühkapitalistischen Entwicklung (z. B. Ausbau der "Vorwerke") zu erkennen, bei der auch auf dem Lande Feudalherren begannen, den Glauben an den Wert der Arbeitsrente zu verlieren und bei reichlich vorhandenen eigenen Betriebsmitteln Geldrente und Lohnarbeit vorzogen. Die Zahl der Gärtner und Häusler, der nicht- oder kleinstbäuerlichen, minderberechtigten Schichten überwog sowieso in den Einsiedelschen Dörfern die Anzahl der Pferdncr, der Gespannbauern. In Gnandstein

selbst, leicht "greifbar" für das Rittergut, vollzog sich dann bis 1745 folgende Entwicklung: 36 Häusler ohne das Produktionsmittel Boden, standen 13 Kleinhüfnern und zwei Spannbauern gegenüber. Für das 16. Jahrhundert gibt es noch eine interessante Feststellung über die Sozialstruktur in den ehemals Einsiedelschen Dörfern: Im Vergleich mit benachbarten Orten des platten Landes konzentrieren sich hier auch die sogenannten Inwohner, das sind haus- und grundbesitzlose Hausgenossen (Mieter) und Dienstboten (Knechte und Mägde). Dazu gezählt werden auch die mitarbeitenden Familienangehörigen (nicht erbberechtigte Geschwister, Auszügler u. a.). Die verstärkte Konzentration all dieser landlosen Schichten in dem Herrschaftsbereich der Einsiedel, deren Anteil an der Entwicklung der Vorwerke zeigt: die potentiellen Arbeitskräfte eines künftigen Agrarkapitalismus waren bereitgestellt.

Die Zeit war noch nicht reif

Doch für solche grundlegenden ökonomischen Veränderungen war die Zeit in der Mitte des 16. Jahrhunderts noch nicht reif. Auch die Reformatoren wussten es nicht so genau, ob es wirklich "Gottes Wille" war, die "Untertanen" in den Dörfern ganz aus den feudalen Bindungen zu entlassen, ihnen mehr Rechte und Freiheiten zu geben. Die aktive Rolle des "gemeinen Mannes" zur Zeit des deutschen Bauernkrieges war nicht in ihrem Sinne, deshalb sollten die Bauern weiterhin "mit bürdenn beladen sein".

Es kam noch einmal zu einer Stabilisierung des Feudalsystems, auch in den Dörfern um Gnandstein.

Heinrich Hildebrand von Einsiedel folgte dem Rat Luthers und hob nur einige, besonders strittige Fronen, auf, im wesentlichen blieben

sie aber mit 15 Tagen Spanndiensten und 12 Tagen Handdiensten für Pferdner und 18 Tagen Handdiensten für Hintersässer (Gärtner) im Jahr bestehen; wurden allerdings z.B. bei Güterteilungen bis zur Größe einer Viertelhufe auch geringer angesetzt.

Die Frondienste des Rittergutes Gnandstein, überliefert im Register von 1599, zeigen 66 Punkte über den Erntedienst, 16 Baufronen, 6 Wach-, 5 Woll-, 4 Jagd-, 4 Holz-, 3 Tafel- und 3 Flachsdienste.

Den Bauern gegenüber konnte sich Einsiedel auf Luthers Empfehlung berufen, seinen Klassengenossen gegenüber hatte er sich nicht mehr zu rechtfertigen, denn sie hatten ihn wegen seiner „Bauernfreundlichkeit" schon lange beargwöhnt (Wolf von Ossa z.B. im Jahre 1550).

Interessant und widersprüchlich

Heinrich Hildebrand von Einsiedel wurde so zu einer der interessanten, aber auch widersprüchlichen Persönlichkeiten im Zeitalter der Frühbürgerlichen Revolution. Seine ökonomisch richtigen und dem sozialen Fortschritt dienenden Gedanken blieben
damit in Ansätzen stecken. Mit einigen Entscheidungen über Frondiensterleichterungen und soziale Stiftungen konnten die sozialen Gegensätze in seinen und seiner Nachfahren Dörfern auf die Dauer nicht entschärft werden.

Zum Schluß soll noch die vielgestellte Frage nach dem Verbleib der Originalbriefe Luthers und der anderen Reformatoren,

die sich bis zur Demokratischen Bodenreform im Privatbesitz der letzten Einsiedels auf der Burg Gnandstein befanden, beantwortet werden.
Diese kitten auf Grund der Verordnung über das nichtlandwirtschaftliche Inventar in Rittergütern und Schlössern vom Dezember 1945 als zum Kulturbesitz unseres Volkes gehörig, in ein staatliches Archiv überführt werden müssen. Der letzte Einsiedel sah aber diese wertvollen Stücke auch weiterhin als sein Privateigentum an, und obwohl er bis zu seinem Tode auf dem Territorium der DDR wohnte, wurden die Reformatorenbriefe nach
und nach an einen Westberliner Autographenhändler verkauft.
Im dortigen Auktionshaus Gerd Rosen sind die unersetzlichen Kulturgüter in den Jahren 1954 bis 1961 zu hohen Preisen versteigert worden und wohl meist an unbekannte private Sammler gelangt.

Wir verdanken den Inhalt der Briefe vor allem den seit dem 18. Jahrhundert besorgten Drucken, die größtenteils auch zur Grundlage der Aufnahme in Luthers Briefwechsel in "D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe" (WA)" geworden sind - ein Werk, das erst in unserer Zeit beendet wurde.



Kanzel in der Jacubskirche Tautenhain, entstanden um 1560.
Der dreiseitige Kanzelkorb, 1903 in Holz erneuert, zeigt die Brustbilder von Luther und Melanchthon
Der Inhalt stützt sich auf Quellen aus den Staatsarchiven Dresden, Leipzig und Weimar und folgende Literatur:

Albert, F. R. Der Briefwechsel Heinrichs von Einsiedel mit Luther, Melanchthon, Spalatin u. a.
Grimma 1908
Czok, K.Der Widerhall des deutschen Bauernkrieges in Leipzig 5524/5525, in: Der Bauer im Klassenkampf. Studien zur Geschichte des deutschen Bauernkrieges und der bäuerlichen Klassenkämpfe im Spätfeudalismus,
Berlin 5975, S. 111 ff.
Straube, M.Über Teilnehmer und Folgen bäuerlicher Unruhen im kursächsischen Amt Altenburg während des Bauernkrieges, in: ebenda S. 255 ff.
Heitz, G.
Reich, H.
Unger, M.
Dokumente zur Geschichte des bäuerlichen Klassenkampfes 1525-1790 im Staatsarchiv Leipzig, in: Wiss. Zeitschrift der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock, Jg. XXVII 1978, S. 595 ff.
Kapp, J. E.Kleine Nachlese einiger größtenteils noch ungedruckter und sonderlich zur Erläuterung der Reformationsgeschichte nützlicher Urkunden, Bd.I Leipzig 1727
Krebs, K.Haugold von Einsiedel auf Gnandstein, der erste Lutheraner seines Geschlechts, Leipzig 1895
ders. Heinrich von Einsiedel auf Gnandstcin und Herzog Georg der Bärtige von Sachsen vor dem Jahre 1528, Leipzig 1896
Weimarer Lutherausgabe, Briefe
Mehlhose, Ph. Beiträge zur Reformationsgeschichte Ephorie Borna, Leipzig 1935
Werl, E.Die Familie von Einsiedel auf Gnandstein während der Reformationszeit in ihren Beziehungen zu Luther, Spalatin und Melanchthon, in: Herbergen der Christenheit - Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte, Leipzig/Berlin Jg. 1973/74 S. 41 ff.