zum Gedenken
Geschichte des deutschen Glaubenskrieges "Wir Deutsche sind Kinder von Gotteskriegern"

Quelle: DLF 25.04.2016

Der Historiker Tillmann Bendikowski hat eine Geschichte des deutschen Glaubenskrieges seit der Reformation geschrieben. Der Streit zwischen Katholiken und Protestanten um den wahren Glauben habe die politische Kultur des Landes dauerhaft verseucht, sagt er. Ein Gespr√§ch √ľber katholische Dicksch√§del, protestantische L√§ngssch√§del und religi√∂sen Rassismus bis heute.

Tillmann Bendikowski im Gespräch mit Christiane Florin

Tillmann Bendikowski, Gr√ľnder der Medienagentur Geschichte in Hamburg (C. Bertelsmann)

Christiane Florin: 1517 war der Thesenanschlag Luthers, sieben Jahre später begannen die Bauernkriege. Was hatte dieser Krieg mit dem Christentum zu tun?

Tillmann Bendikowski: Eine gute Frage. Aus heutiger Sicht wenig. Viel interessanter ist: F√ľr Martin Luther war das Ganze ein ziemliches Missverst√§ndnis, was die Bauern dort auf die Schlachtfelder trieb. Das hatte er nicht gewollt. Tats√§chlich hatte der Krieg etwas mit dem Christentum und mit Luther zu tun. Man hatte das neue Evangelium genommen, um den sozialen Problemen der Zeit mit Gewalt zu begegnen. Da ist Religion aus Luthers Sicht schlicht falsch verstanden worden. Florin: Das ist eine √§hnliche Argumentation wie heute, wenn gesagt wird: Der Krieg des IS hat nichts mit dem Islam zu tun.

Bendikowski: Ja, und die Frage ist immer: Wer ist schuld? Ist es der Glaube, die Religion, das Konzept von Religion, oder sind es die Menschen, die verstehen wollen oder vielleicht auch missverstehen? Eine alte Streitfrage, die wir so nicht lösen können.

Florin: Die Sie auch nicht l√∂sen k√∂nnen f√ľr den Bauernkrieg oder den Drei√üigj√§hrigen Krieg?

Die konfessionelle Trennung wurde weltlich nachvollzogen

Bendikowski: Ich versuche genau hinzuschauen. Was treibt die Menschen in einen Religionskrieg wie den Bauernkrieg, den Schmalkaldischen Krieg, den Drei√üigj√§hrigen Krieg? Sind es wirklich religi√∂se Motive? Sind es vorgeschobene konfessionelle Motive? Schlummern dahinter ganz andere Motive? Das versuche ich zu rekonstruieren, komme allerdings zu dem ern√ľchternden Ergebnis, dass es vor allem religi√∂se Gr√ľnde sind, die die Deutschen gegeneinander in den Krieg trieben.

Florin: Welche religi√∂sen Gr√ľnde sind das denn? Geht es da wirklich um das unterschiedliche Sakramentenverst√§ndnis? Um Z√∂libat? Um Wiederheirat?

Bendikowski: In einem Bauernkrieg, im Schmalkaldischen Krieg, im Dreißigjährigen Krieg war es nicht die Frage des Abendmahlsverständnisses, was die Menschen aufeinander losgehen ließ.

Florin: Eben.

Bendikowski: Es war die Einteilung der Welt, das soziale und politische Nachvollziehen der religiösen Trennung. Man teilte die Menschen in Deutschland fortan ein in die einen und die anderen, in die Katholiken und die Reformierten, die Protestanten, die noch einmal in unterschiedliche Gruppierungen zerfielen. Das heißt, man vollzog eine konfessionelle Trennung weltlich nach und schuf damit neue soziale und politische Probleme, die dann nicht mehr aus der Welt zu schaffen waren, weil die religiöse Teilung nicht mehr aus der Welt zu schaffen war.

Florin: Zum Augsburger Religionsfrieden von 1555 schreiben Sie, die Verst√§ndigung sei erst m√∂glich geworden, weil die Wahrheitsfrage ausgeklammert wurde. Aber der Kampf um Einheit und Reinheit des Glaubens wurde danach umso verbissener gef√ľhrt. Kann man √ľberhaupt die Wahrheitsfrage ausklammern?

Das Ungl√ľck namens Religion

Bendikowski: Es entsteht ein Konflikt mit der Reformation - spätestens mit der Reformation, der auf dieser Welt nicht zu lösen ist. Das hat man in Augsburg gesehen. Wir können auf Erden nicht klären, welcher Gott der wahre ist.

Florin: Nächstes Jahr wird das Reformationsjubiläum gefeiert. Sie haben eine Geschichte von Religion und Gewalt und auch von Reformation und Gewalt geschrieben. Hat man Sie schon um einen Festvortrag gebeten?

Bendikowski (lacht): Ich w√ľsste nicht, wer mich einladen sollte. Die protestantische Seite wird mir ver√ľbeln, dass ich zu sehr auf den Konflikt schaue, die Katholiken w√ľrden √§hnliches machen. Den Theologen bin ich vielleicht zu historisch. Ich wei√ü nicht, ob das so jedermanns Geschmack ist. Vor allem, weil ich ein wenig in die Festsuppe spucke. Wir sollen nach 500 Jahren nicht einfach nur feiern wie die Protestanten, wir sollen nicht nur gedenken, wie es offiziell bei den Katholiken hei√üt. Wir m√ľssen uns die sozialen Folgen anschauen, dieses Ungl√ľck anschauen, was Religion mit den Deutschen angestellt hat. Wenn wir das realisieren, wie sehr wir selbst Kinder von Gotteskriegern sind, √ľber die Jahrhunderte gedacht, dann kann uns das auch lehren, was wir in der Gegenwart machen, wenn wir auf andere Gotteskrieger oder Kinder von Gotteskriegern treffen.

Florin: Der Dichter Martin Opitz reimte während des Dreißigjährigen Krieges: "Ihr Heyden reicht nicht zu mit eurer Grausamkeit, was ihr noch nicht gethan, das thut die Christenheit." Wir schauen heute sehr darauf, wenn von Religion und Gewalt die Rede ist, was gepredigt wird. Ganz aktuell: was in Moscheen gepredigt wird. Was wurde damals im Namen des Christentums gepredigt: Hass oder Nächstenliebe?

Bendikowksi: Die Nächstenliebe stand durchaus im Zentrum aller christlichen Predigt.

Florin: Auch damals?

Bendikowski: Auch damals. Entscheidend ist, was mit einem religi√∂sen Glauben passiert, der den engeren Zirkel, die engere theologische Reflexion verl√§sst und Allgemeingut wird. Ich beschreibe das in meinem Buch, wo ich die allt√§glichen Konfessionskonflikte beschrieben. Warum pr√ľgeln sich Menschen anl√§sslich einer Prozession? Warum geht ein Minderj√§hriger mit einer Mistgabel auf einen Polizisten los, nur weil er nicht in seine Kapelle darf? Das hei√üt, in dem Moment, wo es in die Welt hinausgetragen wird und von Laien missverstanden und instrumentalisiert wird, sozial, politisch, genutzt wird, da entsteht die Gefahr. Vor dem Theologischen habe ich eigentlich keine Sorgen.

Volle Anerkennung - statt Duldung und Toleranz

Florin: Der Westf√§lische Friede enthielt ein, wie Sie das nennen, Diskriminierungsverbot. Was n√ľtzte das?

Bendikowski: Es brachte gleiche Rechte. Anerkennung von Religionsgemeinschaften ist wirklich etwas Wertvolles. Es ist nur dann schwierig, wenn Sie eine Minderheit haben. Haben die Mitglieder dieser Minderheiten das volle B√ľrgerrecht? D√ľrfen sie sich wirtschaftlich genauso entfalten wie die alteingesessene religi√∂se Mehrheitsbev√∂lkerung? Wird die Minderheit beschnitten in ihren Rechten? D√ľrfen ihre Mitglieder heiraten, auch Andersgl√§ubige, oder auch nicht? Diese Anerkennung des anderen ist der erste Schritt. Indes dauerte es in Deutschland noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte, bis wirklich an allen Orten die Minderheiten gesch√ľtzt waren und die vollen Rechte hatten.

Florin: War es eine Anerkennung oder eine Duldung oder Inkaufnahme des anderen?

Bendikowski: Von einer Anerkennung der anderen Religionsgemeinschaft war man in Deutschland lange entfernt. Man sprach an Sonntagen oder an guten Tagen der Aufkl√§rung auch gern r√ľckblickend von der Toleranz, dem Toleranzgedanken. Da d√ľrfen wir nicht vergessen, dass Toleranz immer nur Duldung hei√üt. Das Ziel bei divergierenden religi√∂sen Interessen muss die volle Anerkennung des anderen sein. Das ist etwas, was in Deutschland √ľber Jahrhunderte hinweg nicht geschehen ist.

Florin: Ihr Buch √ľber den deutschen Glaubenskrieg endet weder mit dem Westf√§lischen Frieden noch mit der Toleranz-Idee der Aufkl√§rung. War es im 19. und 20. Jahrhundert noch ein Glaubenskrieg oder eher ein Kleinkrieg im Alltag zwischen Katholiken und Protestanten?

Bendikowski: Der urspr√ľnglich rein konfessionelle Glaubenskrieg endet in Westdeutschland in den sechziger, siebziger Jahren, in dem Moment, wo die Kirchen an Bindungskraft verlieren.

Florin: ¬Ö des 20. Jahrhunderts¬Ö

Der konfessionelle Dauerkonflikt verseucht die politische Kultur

Bendikowski: Ja. Was ich allerdings beschreibe, ist noch viel dramatischer, n√§mlich dass dieser konfessionelle Glaubenskrieg ein negatives Vorbild war f√ľr andere Heilsgemeinschaften. Als die Menschen aus den Kirchen austreten im 19. Jahrhundert - was wir S√§kularisierung nennen - verlassen sie nicht einfach nur die Kirchen, sondern sie nehmen die Erfahrung, die Rituale, die Sprache mit hinaus in die Welt und gr√ľnden neue Heilsgemeinschaften, politische, weltanschauliche, auch kirchliche und religi√∂se, in denen sie √§hnlich rigoros agieren mit dem Anspruch auf Wahrheit und Sinn wie die alten Kirchen. Das hei√üt, der deutsche Glaubenskrieg geht auch in die Welt hinaus und die Erfahrung des konfessionellen Dauerkonfliktes verseucht auch die politische Kultur in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert. Eine Kultur der Unvers√∂hnlichkeit, der Kompromissunf√§higkeit, der Einteilung der Welt in Gl√§ubige und Ungl√§ubige ist das bittere Ergebnis. Florin: Religion verseucht? Ganz grunds√§tzlich?

Bendikowski: Nein, so schnell bekommen Sie mich nicht. Was die politische Kultur verseucht, ist der konfessionelle Dauerkonflikt, das Einteilen der Welt in die einen und die anderen, die sozialen, alltäglichen Folgen von Diskriminierung und Denunzierung des anderen.

Florin: Stichwort Alltag: Besonders viel Aufmerksam widmen Sie den sogenannten Mischehen, also den Ehen zwischen Katholiken und Protestanten. Was war da der Hauptkonfliktpunkt? Ging es um Religion, um das unterschiedliche theologische Verständnis von Ehe oder um Macht, um die Zulassung der Mischehen?

Bendikowksi: Die Mischehen sind f√ľr die Kirchen ein permanentes √Ąrgernis, weil ja derjenige, der eine Mischehe eingeht, die Bindungskraft der Kirchen negiert. Ich beschreibe aber dahinterliegend ein sehr viel gr√∂√üeres Ph√§nomen. Ich habe es religi√∂sen Verfolgungswahn genannt. Im 19. Jahrhundert beginnen Protestanten und Katholiken mit den Kirchenstatistiken die Vermessung der kirchlichen Welt. Jede Seele wird gez√§hlt. Man ist in einem Wettbewerb zwischen Katholiken und Protestanten. Wer gewinnt, wer ist der St√§rkere, wer kann die Menschen besser binden? Bei den Mischehen war das Problem, das man f√ľrchtete: Da werden wir verlieren.

Florin: Sie sind freischaffender Historiker. Ihr Buch ist ein gut verst√§ndliches Sachbuch, kein historisches Fachbuch. Wer interessiert sich f√ľr Luther und die Folgen der Reformation?

Bendikowkis: Alle.

Florin: Sie sollen die Wahrheit sagen.

Bendikowski: Es ist f√ľr ein breites Publikum, das nicht zwangsl√§ufig einen wissenschaftlichen Background hat. Es interessieren sich erstaunlich viele daf√ľr, nicht nur √§ltere. Man k√∂nnte ja sagen, die Kirche ist eine aussterbende Institution. Es sind Menschen, die selbst in ihrer Familie konfessionelle Verwerfungen oder Konflikte erfahren haben. Und dann nat√ľrlich all die, die sich interessieren anl√§sslich des gro√üen Jubil√§ums vielleicht mal etwas ganz anderes zu h√∂ren als das, was wir alle noch erwarten d√ľrfen.

Teilung in Dumme und Kluge

Florin: Wir sprechen heute mit der Gelassenheit derer, die diese konfessionellen Konflikte halbwegs √ľberstanden haben. Die Kriege sind schon l√§nger her, aber die konfessionellen Auseinandersetzungen im Alltag sind noch nicht so lange her. Sie zitieren unter anderem Rudolf Virchow, der 1848 nach einem Besuch im katholischen Oberschlesien schrieb, die Menschen dort seien faul, sie machten einen widerw√§rtigen Eindruck, ihn befalle Ekel. Das erinnert stark an die Aussage Thilo Sarrazins von vor wenigen Jahren, Muslime seien weniger intelligent. Religi√∂ser Rassismus war im 19. Jahrhundert auch schon ein Thema, oder?

Bendikowski: Ja, das ist sicherlich eine der beeindruckendsten Stellen, die ich bei meinen Recherchen gesehen habe. Das sorgt auch immer bei meinen Veranstaltungen f√ľr viel Aufmerksamkeit. Man glaubte im 19. Jahrhundert, den Menschen die Religion ansehen zu k√∂nnen. Gerade der deutsche Protestantismus sah den Katholiken als den dummen, faulen, mittelalterlichen zur√ľckgebliebenen Menschen. Der hatte h√§ngende Lider, h√§ngende Wangen, der ging geb√ľckt, der rutschte auf Knien vor Kirchen herum. Das war etwas, wovor sich ein aufgekl√§rter deutscher Protestant ekeln konnte. Da ist Virchow eine authentische Stimme. Man mag sich gar nicht mehr vorstellen, wie tief geteilt die deutsche Gesellschaft im 19. Jahrhundert war. Die Protestanten schauten auf den Katholizismus als den Aberglauben der dummen Menschen, w√§hrend sie selber - ich erinnere an das evangelische Pfarrhaus - selbst zu einem Ort der Bildung, der Nationsbildung, der Kunst und der Wissenschaft emporstiegen. Diese Teilung in die Klugen und die Dummen ist ein g√§ngiges Motiv der Protestanten. Und man konnte das ja sehen: Es gab sogenannte Sch√§delvermesser, Frenologen, die glaubten den katholischen Rundsch√§del und den protestantischen L√§ngssch√§del vermessen zu k√∂nnen und damit nachweisen zu k√∂nnen, wo der Sitz der Intelligenz ist, n√§mlich bei den Protestanten.

Florin: Ist der Glaubenskrieg, den Sie beschreiben, jetzt zu Ende?

Bendikowski: Das will ich hoffen! Gleichwohl: Ich habe 500 Jahre √ľberschaut. Die Zeiten, wo evangelische M√§dchen aus katholischer Perspektive nicht in den Himmel kamen, ist 30, 40 Jahre her. Das hei√üt, diese Trennung der Welt ist ja gerade mal erst vorbei. Immer in dem Moment, wo eine neue St√§rkung von religi√∂ser Identit√§t stattfindet - sei es im Protestantismus vielleicht durch das Reformationsjubil√§um, sei es im Katholizismus nach dem deutschen Papst und jetzt mit dem sehr beliebten Papst Franziskus - stellt sich die Frage, ob diese neue Identit√§tsst√§rkung nicht auch zu einer Sch√§rfung auch alter konfessioneller Konflikte f√ľhren kann. Ich wei√ü nicht, ob dieser D√§mon des Konfessionalismus wirklich tot ist. Vielleicht schl√§ft er nur.

Islamisch-christliche Auseinandersetzung - mehr kulturell als religiös

Florin: Man k√∂nnte ja auch auf den Gedanken kommen - Sie legen das mit Ihrem Vokabular ja auch nahe -, dass das, was fr√ľher die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten war, heute die ist zwischen islamischer Welt und christlich gepr√§gter Welt. Sehen Sie einen neuen Glaubenskrieg zwischen christlich gepr√§gten L√§ndern und der islamischen Welt heraufziehen?

Bendikowski: Ob es tats√§chlich ein neuer Glaubenskrieg ist, das wage ich zu bezweifeln. Dazu geh√∂ren w√ľrde, dass die Bindungskraft auf allen Seiten eines Glaubenskrieges √§hnlich stark ist. Was ich f√ľrs 16. bis 19. Jahrhundert beschreibe, sind Religionsgemeinschaften, die eine hohe Bindungskraft gegen√ľber den Gl√§ubigen aufweisen. Das hei√üt, sie k√∂nnen, wenn sie wollen, ihre Heere wirklich aufstellen. Ob die Christen in Deutschland heute noch einmal aufbrechen zu einer Auseinandersetzung um den wahren Glauben, das wage ich zu bezweifeln. Hier geht es mehr um kulturelle Auseinandersetzung denn um genuin religi√∂se.

Tillmann Bendikowski ist Gr√ľnder der Medienagentur Geschichte in Hamburg. Er wurde 1999 bei Hans Mommsen an der Ruhr-Universit√§t Bochum promoviert. Sein Buch "Der deutsche Glaubenskrieg. Martin Luther, der Papst und die Folgen" ist im C.Bertelsmann Verlag erschienen.



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