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Die Spuren eines Rebellen

Ein Pilgerweg führt zu wichtigen Stationen im Leben von Martin Luther und räumt mit mancher Legende auf. Wir haben drei Etappen unter die Füße genommen, bevor alle kommen: Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen von 500 Jahren Reformation.
Von Gabriele Fleischer
erschienen am 22.04.2016 Wo bitte geht es hier zum Lutherweg?

Die Mitarbeiter auf der Burg Gnandstein schauen etwas ratlos drein - und fast wäre meine Spurensuche schon am Start zu Ende gewesen. Warum beginne ich damit auch ausgerechnet an diesem scheinbar unbedeutenden Ort und nicht etwa in Wittenberg? Dort, wo Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine Thesen an die Schlosskirche geschlagen haben soll - und eine Revolution in der Kirche auslöste.


In Möhra predigte Luther vor seiner Entführung
(Foto: Gabriele Fleischer)

Aber nein, als Sachse muss ich in Sachsen beginnen, knapp 160 Kilometer von Wittenberg entfernt. Immerhin liegt die Burg Gnandstein auch am Lutherweg, und das aus gutem Grund. Die einstigen Burgherren von Einsiedel gehörten nämlich zu den ersten sächsischen Adelsfamilien, die sich zum lutherisch-reformatorischen Gedankengut bekannten. Irgendwann finde ich dann doch noch das typische Wanderschild: ein verschlungenes L auf weißem und dunkelgrünem Untergrund. Jetzt beginnt sie, meine Pilgerreise in die Zeit der Reformation. 2015 wurde dieser Pilgerweg eingeweiht. Nimmt man es wörtlich, bedeutet Pilgern so viel wie "in der Fremde sein". Und das ist eine Wanderung auf dem Lutherweg sehr wohl, auch wenn sie quasi vor der Haustür beginnt. Eine Auszeit auf einsamen Wegen und zu geschichtsträchtigen Orten.

Hinein geht es in den Leinawald. Mittendrin betritt der Wanderer plötzlich Thüringen, ein großes Schild weist auf den Übergang von einem Freistaat in den nächsten hin. Weit und breit keine Menschenseele. Der Wind lässt die Blätter tanzen. Schnurgerade führt der Weg in die Skatstadt Altenburg. Nach 14 Kilometern endet die Etappe am Schlossmuseum. Catrin Fritzsche von der Touristinformation erzählt von einem Mann, der von sich behauptet: "Wenn ich nicht gewesen wäre, nimmer wäre es mit Luthero und seiner Lehr so weit kommen."

Der Überfall im Glasbachgrund

Die Ausstellung im Altenburger Schloss stützt dieses Zitat. Sie ist Georg Spalatin und dessen Vermittlungen zwischen dem Kurfürsten und Luther gewidmet. Als Geheimsekretär von Friedrich dem Weisen schützte er den Kirchenmann und förderte sein theologisches Werk. Und rettete die Haut des Reformators: 1521 musste Luther zum Reichstag nach Worms, um vor Kaiser Karl V. seine Reformationslehre zu widerrufen. Eine Lehre, die den Kirchenstaat, die Selbstherrlichkeit und Prunksucht seiner Vertreter, die Macht des Papstes und den Handel mit Ablassbriefen anprangerte und später zur Spaltung der Kirche führte. Doch Luther widerrief nicht. Auch wenn seine Worte "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, amen" als Legende gelten: Am Lutherdenkmal in Worms sind sie verewigt.


Als Junker Jörg arbeitete Luther in dieser Stube
auf der Wartburg.
(Foto: Gabriele Fleischer)

Die Stadt Worms verließ der Reformator mit dem Bann der Reichsacht - er wurde für vogelfrei erklärt. Jeder konnte ihn verhaften und nach Rom ausliefern. Um das zu verhindern, ließ Spalatin im Bund mit dem Kurfürsten Luther auf seiner Rückreise überfallen und auf die Wartburg bringen. Im Glasbachgrund erinnert eine Stele an diese Inszenierung. Eine mehr als 30 Kilometer lange Tour führt von hier nach Eisenach und lässt den Wanderer Luthers unfreiwillige Reise nachvollziehen. Vorbei am Schloss Altenstein führt der Weg zunächst nach Möhra. In der 700-Seelen-Gemeinde steht das Vaterhaus von Martin Luther. Er selbst soll dort Unterschlupf gefunden haben, als er nach seiner Ächtung in Worms zurückkam. Ein Denkmal schmückt den Platz, auf dem der Reformator predigte, ehe es später zu seiner Entführung auf die Wartburg kam.

Dort endet die Etappe. Die Lutherstube erinnert an die Zeit, als der Reformator zu Junker Jörg wurde und in der mehrere Monate währenden Schutzhaft das Neue Testament aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte. Die Besucher fragen auch nach dem Tintenfleck an der Wand. Aber auch der Wurf mit dem Tintenfass, mit dem Luther den Teufel vertrieben haben soll, ist nur eine der Legenden, die sich um Luther ranken. In Eisenach lohnt sich ein Abstecher ins neu gestaltete Lutherhaus. In diesem Fachwerkbau soll Luther während seiner Schulzeit gelebt haben.

Heilung in Tambach

Luthers 95 Thesen an der Schlosskirche Wittenberg.
(Foto: Wittenberg KultureV)

An einem anderen alten Fachwerkhaus, allerdings in Schmalkalden, beginnt meine dritte Tour. Die ist fast mit der identisch, die Luther 1537 auf einem Wagen zurücklegte. Den Konvent in Schmalkalden musste er vorfristig Richtung Wittenberg verlassen. Ein Nierenleiden zwang ihn dazu. Wahrscheinlich hatte er so keinen Blick für die Natur, die der Wanderer heute erlebt. 19 Kilometer lang ist die Strecke, die von der Stadt hinauf Richtung Floh-Seligenthal führt. An der Neuen Ausspanne ist der Rennsteig erreicht. Zeit für eine Rast.

Ein Stück weiter, am Grenzstein 57, so ist es überliefert, hat Luther den Rennsteig gequert. In einem Tal kurz vor Tambach-Dietharz soll er Wasser aus einem Brunnen getrunken haben und von seinem Leiden befreit worden sein: "Tambach ist der Ort, an dem mir Gott erschien", rief er aus. Vielleicht aber löste auch die rüttelnde Kutsche den Nierenstein. Wer die heilende Wirkung des Wassers probieren will, kann es versuchen. Die Einheimischen jedenfalls schwören auf das klare Wasser.


Einige Höhepunkte im Lutherjahr 2017


Eine Ausstellung im Altenburger Schloss klärt über Spalatin auf.
(Foto: Gabriele Fleischer)
Eisenach: Auf der Wartburg wird vom 4. Mai bis 5. November unter dem Titel "Luther und die Deutschen" ein Teil der nationalen Ausstellung zum Jubiläum "500 Jahre Reformation" gezeigt. Das Landestheater plant am 18. März die Uraufführung des Stückes "Ablass", das die extremen Formen heutigen Glaubens behandelt.

Wittenberg: Weltausstellung Reformation "Tore der Freiheit", 20. Mai bis 10. September; das 360-Grad-Panorama von Yadegar Assisi "Luther 1517" zeigt Wittenberger Ereignisse in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Altenburg: Sonderausstellung "Georg Spalatin - Martin Luthers Weggefährte" im Schlossmuseum; 30. April bis 31. Oktober Ausstellung "Georg Spalatin - Freiheit und Glauben" in der St. Bartholomäikirche.

Eisleben: In der Lutherstadt werden der Todestag des Reformators am 18. Februar am Denkmal und Luthers Geburtstag am 10. November begangen. Am letzten Sonntag im August findet ein Spaziergang auf dem Lutherweg Eisleben statt.


Weiterführende Links:
www.lutherweg.de
www.luther2017.de

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Quelle: Freie Presse vom 22.04.2016