Flagge
zum Gedenken

Walter Görnandt

Die Lutherfahrt

Einband und Typografle: Hans-Jürgen Keßler
Illustrationen: Hans Wiegandt
Evangelische Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1968
Herausgegeben von der Pressestelle der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen in Verbindung mit dem Wartburg Verlag Max Keßler Jena
Zweite verbesserte Auflage Lizenz-Nr. 420. 205-I78-68. ES 2 C. H 2984 - 430/11
Satz und Druck: Buch- und Kunstdruckerei Johannes Keipert, Weimar
Einband: Buchbinderei Carl Martini, Jena

Inhaltsverzeichnis

  • Ernst Rechmann wundert sich
  • Alfredo dirigiert
  • Sepp hat eine Idee
  • Heinrich IV.
  • Der erste Tag
  • Gespräch an einem alten Tisch
  • Schlote und Halden
  • Der eingemauerte Mönch
  • Herzliche Grüße
  • Studenten und Mönche
  • Dienstbarer Knecht
  • Der Tintenfleck ist weg
  • War das nur Zufall?
  • Ein Neger in Hinterbergen
  • Der Brief von Zuhause
  • Nachwort

  • Ernst Rechmann wundert sich

    Ernst Rechmann wunderte sich. Was war nur los im Kirchgässchen - seit Tagen ging es da hin und her, und sonst war doch hier kaum ein Mensch zu sehen. Höchstens der Kirchendiener kam einmal vorbei und sah nach der Uhr. Aber das war ein alter Mann, den man kaum hörte, während jetzt jeden Tag Jungen und Mädchen durch das Gässchen liefen. Dabei ging es da hinten gar nicht weiter, da war nur die Tür zum Kirchturm und sonst nichts.
    Ernst Rechmann wunderte sich - und er harte doch wohl ein Recht dazu! Aber schließlich wollte er nun wissen, was da eigentlich vorging. So machte er am Dienstag gegen Abend sein Fenster auf - es war nur mit dem untersten Wirbel verschlossen und er konnte es bequem von seinem Sitz aus erreichen - und rief den ersten an, der da vorbeikam. Das war ein junger Mann; er hatte ein buntes Hemd an, das ihm über die Hose herabhing. "Komisch, wie die jungen Leute sich jetzt anziehen", dachte Ernst Rechmann. Von seinem Fensterplatz aus harte er nur selten die Gelegenheit, einen jungen Mann zu sehen - was hätte der im
    Kirchgässchen zu suchen gehabt! Und von diesem Fensterplatz war er nun schon seit Jahren nicht mehr weggekommen. "Multiple sclerose" hatte damals der Arzt gesagt - und es sah aus, als hätte er dabei leise mit dem Kopf geschüttelt. Ein anderer hätte es vielleicht gar nicht gemerkt, aber Ernst Rechmann hatte genau hingesehen.
    So saß er also seit Jahren Tag für Tag an seinem Fenster und hatte nur die hohe Mauer des Kirchturms vor sich. Hinten war das Gässchen zu Ende - was gab es da schon zu sehen. Aber jetzt stand der junge Mann unter dem Fenster, und er konnte ihn ausfragen.

    "Wir bauen uns eine Turmstube aus", sagte der junge Mann, "wir brauchen einen Raum für die Junge Gemeinde."
    Junge Gemeinde? Davon wusste Ernst Rechmann kaum etwas und so fragte er weiter: "Aber drüben im Pfarrhaus war doch ein Gemeindesaal, ist der nicht mehr da?"
    "Natürlich ist der noch da, aber fast die ganze Woche belegt. Und außerdem möchten wir einen Raum für uns haben, den wir uns selber einrichten können, wie es uns gefällt."


    Ernst Rechmann musste sich schon wieder einmal wundern:
    "Einen Raum für euch? Und das ausgerechnet im Kirchturm? Was seid ihr eigentlich für ein Verein?"
    Der junge Mann lachte: "Ein Verein sind wir überhaupt nicht - wir sind eben Junge Gemeinde! Wir sind evangelisch und konfirmiert und kommen jede Woche mal zusammen, weiter nichts."
    "Und dafür baut ihr euch einen eigenen Raum aus - für die eine Stunde in der Woche? Lohnt sich denn das?"
    "Der ist nicht nur für uns da", sagte der junge Mann, "es gibt noch eine ganze Reihe anderer Kreise, die auch hierherkommen. Die Mädchen und die Neukonfirmierten und auch jüngere. Da wird bald jeder Abend belegt sein - und noch mancher Nachmittag dazu."
    Von dem allen hatte Ernst Rechmann bis jetzt noch nichst gewusst; aber wenn es wirklich so wäre, dann würde gewiss mehr Leben in die Kirchgasse kommen. Na gut! - aber hoffentlich machen sie nicht soviel Krach - man weiß ja: "Die Jugend von heute!" Der junge Mann da vor ihm machte aber trotz seines komischen Hemdes eigentlich doch einen sehr netten Eindruck. Auf alle Fälle: Abwechslung würde es nun geben. Nur eine Frage gab es noch:
    "Wann fangt ihr denn an in eurem neuen Raum?"
    "Eine Woche haben wir bestimmt noch zu tun, vielleicht wird es auch mehr. Wir warten jetzt auf den Installateur, der
    die Gasheizung anschließt, dann streichen wir den Fussboden und danach können wir einziehen. - Hallo, Renate, willst du nach oben?" rief er jetzt einem Mädchen zu, das quer über die Gasse auf die Turmtür zuging.
    "Ja, hast du die Schlüssel? Ich will die Fenster ausmessen, wir wollen heute Gardinenstoff einkaufen."
    "Ich komme gleich! Auf Wiedersehen! Wenn die Einweihung ist, laden wir Sie als Nachbarn ein, dann können Sie alles mit ansehen."
    Ernst Rechmann wären beinah die Tränen gekommen: "Schönen Dank! Aber das wird nicht gehen - ich bin gelähmt."
    Man sah es dem jungen Mann an, dass er erschrak. Auch Renate kam zurück und trat unter das Fenster. "Entschuldigen Sie," sagte der junge Mann, "aber das habe ich nicht geahnt. Man sieht Ihnen gar nichts davon an. Aber wissen Sie was - der Posaunenchor muss hier unten auf der Straße blasen - bei der Einweihung, meine ich - dann haben Sie auch was davon."
    Ernst Rechmann wollte sich bedanken, aber es kam nur so etwas wie ein Geknurre heraus. Saß doch gerade wieder so ein Kloß im Hals!
    So konnte er nur eifrig mit dem Kopf nicken. Als aber die beiden nach einem letzten Gruß in der Tür verschwanden, sah es beinah so aus, als ob er lächelte. Und wenn er das im Spiegel gesehen hätte, dann hätte sich Ernst Rechmann noch einmal gewundert.

    --zum Anfang--

    Alfredo dirigiert

    "Alfredo, komm, du musst dirigieren, sonst können wir doch nicht anfangen!" Dieser Zuruf galt einem kleinen - fast könnte man sagen winzigen - Jungen, der sich nun mit wichtiger Miene vor den Halbkreis der Bläser stellte und die rechte Hand hob. Man merkte kaum, daß alle so nebenbei auf den Bläser am rechten Flügel des Halbkreises sahen und auf sein Zeichen die Instrumente hochnahmen. Nun schlug Klein-Alfredo die Hand herunter, und eine helle Intrade schallte durch das Kirchgässchen. Es war wirklich so weit, der Raum im Turm war fertig, und heute wurde er eingeweiht.
    Ernst Rechmann saß natürlich an seinem Fenster, er gehörte ja dazu. In den vergangenen Wochen hatte er beobachtet, wie die Arbeit weiterging. Er hatte mit auf den Klempner gewartet und sich mit gefreut, als er ihn endlich mit seinen Rohren ankommen sah. Er hatte die Mädchen mit den Gardinen und eines Nachmittags mit Scheuereimern an seinem Fenster vorbeigehen sehen und daran gemerkt, wie die Fertigstellung näherrückte. Einige der jungen Leute kannte er nun schon. Mit seinem ersten Bekannten hatte
    er sich beinah angefreundet, der ging nie vorbei, ohne ein paar Worte mit ihm zu sprechen. Er wusste, dass sie ihn Harry nannten, obwohl er eigentlich Jürgen Hartmann hieß. Er wusste auch, dass der kleine Alfredo sein Bruder und sie beide die Söhne des Jugendpfarrers waren. Auch Harrys Freunde kannte er: den kleinen blonden Sepp und den gemütlichen Bobbi. Wie der zu seinem Spitznamen gekommen war, wusste er wahrscheinlich selbst nicht mehr - sein richtiger Name war nämlich ganz einfach Horst Müller.
    Sie alle und noch viel mehr standen nun an diesem Montagabend im Mai in der Kirchgasse und freuten sich über den kleinen Alfredo, der da so wichtig - und manchmal auch richtig - den Takt schlug. Es gab ein kleines Gelächter, als die Bläser schwiegen und er im Eifer noch weiter dirigierte, aber das macht ihm nichts aus. In der Stille, die nun entstand, hörte man um so kräftiger seine Stimme: "Noch eins, Vati?" und Vati musste erst mal mitlachen. Aber dann wurde es ernsthafter; alle sangen ein Lied, das Ernst Rechmann noch nicht kannte.

    Er wunderte sich, dass einige dabei ihr Gesangbuch aufgeschlagen hatten, es klang ihm eher wie ein fröhliches Wanderlied: "Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt!" Er konnte sich nicht erinnern, in seinem Gesangbuch so ein Lied gesehen zu haben. Danach hörte er einen jungen Mann etwas vorlesen, und ein paar andere sprachen etwas gemeinsam. "Komisch", dachte er, "die sehen alle eigentlich gar nicht so aus, wie ich mir die Junge Gemeinde vorgestellt habe, so fromm, oder wie man das nennt. Dass die sich hier auf die Straße stellen und Bibelworte aufsagen! Der eine mit der engen Hose - Mutter würde ihn vielleicht einen Halbstarken nennen und dabei ist er ganz bei der Sache. Das ist also auch Jugend von heute!"
    Alle sangen noch einen Spruch, der dann als Kanon wiederholt wurde und in dem engen Gässchen mit seinen hallenden Mauern wie ein großer Chor klang: "Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!" Dann musste wohl der Jugendpfarrer sprechen, aber weil sich alle dicht um ihn gestellt hatten, konnte Ernst Rechmann nicht viel davon verstehen. Mit einem Male sahen alle nach oben. Am Kirchturm hatte sich ein Fenster geöffnet, und es fiel etwas heraus, entfaltete sich und schwebte: ein kleiner Fallschirm. Schon konnte man erkennen, dass ein Schlüssel daran hing. Er segelte haarscharf an der Dachrinne vorbei, kam langsam tiefer und wurde endlich von vielen ausgestreckten
    Händen aufgefangen. Von oben hatte Harry aufmerksam dem Flug zugesehen. Jetzt wurde die Turmtür aufgeschlossen und eine Gruppe nach der anderen polterte die Treppe hinauf und herunter. Die übrigen sangen inzwischen unten, und die Bläser spielten. Es war eben nur eine Turmstube da oben und kein großer Saal, den alle gemeinsam benutzen konnten.
    Der Jugendpfarrer kam gerade wieder aus der Tür, als auch schon Klein-Alfredo auf ihn zulief: "Vati! Da drüben ist Herr Rechmann, dem musst du auch noch Guten Tag sagen." Und ehe Ernst Rechmann es richtig begriffen hatte, standen die beiden schon unter dem Fenster.
    "Nun muss ich Sie doch endlich auch mal kennenlernen, Herr Rechmann. Meine beiden Jungen haben mir schon von Ihnen erzählt. Sie sind ja unser Nachbar geworden, da werden wir uns öfter sehen. Hoffentlich machen die Jungens Ihnen nicht zuviel Krach."
    "Ach wo", sagte Ernst, "ich bin froh, wenn es mal was zu sehen gibt. Ich kann doch nie hier fort, und das ist langweilig genug. Das Singen und Blasen heute, das hat mir richtig gut getan."
    "Sollen wir nochmal?" fragte eifrig Alfred, der schon wieder ungeduldig zu "seinen" Bläsern hinüberschaute. "Was möchten Sie denn gerne hören?"
    Der Kranke überlegte einen Augenblick und sagte dann etwas zögernd: Wenn ihr das Lied vom Anfang nochmal singen könntet. Das war mir ganz neu, aber es war so schön."

    "Was war das, Alfred, weisst du es noch?" wandte sich der Vater an den Kleinen.
    "Zuerst? - Warte mal - das war doch das Mailied - ja, das können wir blasen und singen. Soll ich mal Bescheid sagen?" Und schon rannte er los, ohne die Antwort abzuwarten. Ernst Rechmann sah ihm lächelnd nach, aber dann wurde er ernst:
    "Sie werden mich wahrscheinlich für sehr dumm halten, wenn ich Ihnen sage, dass ich das Lied noch nie gehört habe. In meinem Gesangbuch habe ich das auch nie gesehen, aber die sangen es doch wohl aus dem Gesangbuch - oder nicht?" Der Pfarrer griff in die Tasche und zog ein kleines Gesangbuch heraus. "Hier, sehen Sie, da können Sie mitlesen, vielleicht sogar mitsingen. Wahrscheinlich haben Sie dieses Gesangbuch noch nicht kennengelernt. Als Sie zur Schule gingen, gab es das noch nicht."
    Ernst Rechmann hafte das Gesangbuch genommen. Er las unter dem Lied den Namen des Dichters und die Jahreszahl: 1606. Da staunte er: "So alt ist das Lied schon? Und ich dachte, es wäre ganz was modernes, als ich es vorhin hörte." Inzwischen war drüben Bewegung in die Schar der Bläser gekommen. Sie nahmen ihre Notenpulte auf und kamen über die Straße, dazu die ganze Schar der Jungen und Mädchen. Die Jüngsten stellten sich unter das Fenster, die Bläser im Halbkreis dahinter und schon hob Alfred wieder die Hand. Ein kurzes Vorspiel, dann sangen alle:
    "Wie lieblich
    ist der Maien aus lauter Gottesgüt', des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht." Der Kranke las Vers für Vers mit und versuchte auch, mitzusingen. Das ließ er freilich bald, denn es wollte nicht gehen. Wann harte er wohl zum letzen Mal gesungen? Als er an den dritten Vers kam, da war es ihm, als wäre der ganz besonders für ihn gedichtet:
    "Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein, damit sich's möge schicken, fröhlich im Geist zu sein."
    Fast wären ihm die Tränen gekommen, aber er räusperte sich und tat so, als hätte er in die Sonne gesehen. Das Lied war zu Ende, und die Schar löste sich auf. Die letzten kamen von der Besichtigung zurück, es wurde wieder leer und still im Kirchgässchen. Ernst sah vor sich hin - der letzte Vers des Mailiedes ging ihm immer noch durch den Kopf. Es schien ihm, als hätte der wieder einmal gezeigt, dass er eben doch ausgeschlossen blieb von all dem, was da draußen vor sich ging. Wie hieß es doch? "Mein Arbeit hilf vollbringen zu Lob dem Namen dein.. ." Ja, das war es! "Meine Arbeit! Ich sitze hier nutzlos am Fenster und mache nur anderen Arbeit. Wenn Mutter nach Hause kommt und müde ist, dann muss sie sich mit mir plagen - und ich kann gar nichts. Die sind alle gesund, da kann man freilich singen! Aber schön war es doch!" Und damit klappte er sein Fenster zu.

    --zum Anfang--

    Sepp hat eine Idee

    Es war einige Tage später, um einhalbacht Uhr. Einige Jungen standen an der Turmtür und warteten. Da bog Harry um die Ecke mit einer langen Rolle unter dem Arm. Er nickte Ernst Rechmann zu und ging zu den Jungen, die ihn mit Hallo begrüßten: "Was hast du denn da für eine Lanze?" Er ließ sich aber nicht aufhalten, schloss auf und verschwand mit der Schar. Einige kamen noch nach und schließlich bog auch der Pfarrer um die Ecke: "Guten Abend, Herr Rechmann! Haben Sie meinen Jungen schon gesehen?"
    Freilich hatte er ihn gesehen; sogar etwas neugierig war Ernst Rechmann, aber er wollte es sich nicht anmerken lassen. So sagte er nur: "Der ist schon rauf, er hatte einen langen Stock mit."
    "Das war die Karte, die er aus dem Gemeindesaal holen sollte", sagte der Pfarrer, "die brauchen wir heute."
    "Wozu brauchen Sie denn an Ihren Abenden eine Landkarte", wollte Ernst wissen, "halten Sie da Unterricht?"
    "Unterricht nicht gerade, davon haben sie genug. Aber ab und zu wollen wir auch etwas Neues kennenlernen. In dieser Woche jährt sich der Tag, an dem Martin Luther als Gefangener auf die Wartburg gebracht wurde. Deshalb wollen wir uns auf einer Lutherkarte seinen Reiseweg durch Deutschland ansehen. Aber nun muss ich rauf, sonst wird die Meute ungeduldig." Aha - das war
    also die lange Rolle! Aber eine Lutherkarte - was war das nun schon wieder? Na, vielleicht kriegte man sie mal zu sehen, der Harry war ja immer sehr freundlich, wenn man mal was von ihm wollte. Oben glänzten die letzten Sonnenstrahlen in den Fenstern der Turmstube. Komisch - das hatte er früher nie bemerkt - aber wahrscheinlich waren sie zu staubig und blind gewesen, während sie jetzt nur so funkelten. Ja, die Mädchen mit ihren Scheuereimern hatten ganze Arbeit gemacht! "Auf diese Weise kriege ich sogar noch was von der Abendsonne zu sehen", dachte der Kranke, "hier unten wäre schon längst nichts mehr davon zu merken." Er sah noch zum Turmfenster hoch, bis die letzten Sonnenstrahlen verglommen, erkannte dann, dass das Licht eingeschaltet wurde und saß fast im Dunkeln, als die Jungen nach Hause gingen. Harry kam als letzter, wieder mit der Rolle unter dem Arm. Als er unter dem Fenster war, machte Ernst Rechmann noch einmal auf: "Na, wie wars am ersten Abend bei euch?"
    "Ganz groß!" war die Antwort. "Einen Blick hat man da oben, wir haben noch nie so einen Sonnenuntergang gesehen. Der alleine lohnt schon den Aufstieg."
    "Ich habe auch gesehen, wie sich die Sonne in euren Fenstern spiegelte, das war sonst nicht so. Aber was habt ihr denn mit der Karte angefangen?"


    Man merkte es Ernst an, dass er neugierig war, und Harry konnte das auch gut verstehen. Immer nur am Fenster sitzen - schrecklich musste das sein! So kam es, dass er zum ersten Male die Wohnung des Kranken betrat. Und das nicht einmal allein, denn Ernst hatte die beiden Freunde Sepp und Bobbi, die vorn auf Harry warteten, mit hereingerufen. Er war allein, seine Mutter war an diesem Abend einmal ausgegangen, und er musste warten, bis sie wieder heimkam. Er saß auf einem plumpen, schweren Stuhl, an dem kleine Räder angebracht waren; seine Beine waren in eine Decke gewickelt. Die drei Freunde ließen sich nichts anmerken, aber sie waren doch erschüttert, als sie den doch auch noch jungen Mann, von dem sie nur das Gesicht kannten, das verhältnismäßig frisch aussah, nun so hilflos vor sich sitzen sahen. Harry rollte aber gleich seine Karte auf und zeigte sie dem Kranken. Das war nun nicht so ein langweiliges Stück Papier mit Linien und Klecksen, wie man sich vielleicht eine Landkarte vorstellt. Es war mehr ein großes Bild mit Städten, Wald und Bergen. Dort zog ein Kaufmann mit seinem Planwagen die Straße entlang; und da unten, nahe bei einer, Burg kämpften zwei Heerhaufen miteinander, während der Rauch eines Brandes weit über das Land zog. Dazwischen hinein waren Bilder aus Luthers Leben gezeichnet, so dass man seinen ganzen Lebenslauf auf der Karte verfolgen konnte. Harry zeigte: "Hier - Luther im Reisewagen auf dem Weg nach Worms; hier - der Reichstag zu Worms; und hier - der Überfall am 4. Mai..
    "1521!" fiel Sepp ihm ins Wort. Er musste unbedingt an den Mann bringen, was er heute abend gelernt hatte. Wie schon am Jungmännerabend musste
    er sich auch jetzt wieder über das buntgekleidete Männchen halb totlachen, das da wie ein Riese auf den Dächern der Wartburg saß. Es war ihm natürlich klar, dass man den Junker Jörg nicht im richtigen Größenverhältnis auf diese Karte malen konnte, dann hätte man ihn ja gar nicht gesehen. Aber er musste eben lachen, wenn er das Bild sah. Das schadet auch nichts, denn jeder im Jungmännerkreis wusste, dass Sepp immer die besten Ideen hatte, wenn er lachen musste. Und so kam es auch hier!

    "Männer!" schrie er mit einem Mal - "Männer, i hab an Idee!" Er sprach tatsächlich so, seine Eltern waren einmal aus Bayern zugezogen, und die bayrische Mundart hielt sich zäh in der Familie.
    "Mach einen Strich in den Kalender", sagte Bobbi trocken, aber Sepp ließ sich nicht hochnehmen: "Hab i net nötig, das gibts bei mir jeden Tag. Aber jetzt mal ohne G'spaß: I weiss was für die Urlaubsfahrt!"
    Das war freilich ein Grund zum Hinhören; die Urlaubsfahrt war ein wichtiges Thema. Bis jetzt waren sich die drei aber nur über eins einig: sie wollten zusammen mit den Rädern fort - aber wohin? Also: Her mit der Idee!
    "Mir machen a Lutherfahrt! Hier auf der Karten gucken wir uns alles genau an und dann: Auf gehts! Juhu!"
    So entstand der Plan zur Lutherfahrt an einem Maiabend gegen 10 Uhr vor dem Krankenstuhl von Ernst Rechmann - und am liebsten hätten sie ihn mitgenommen. Aber Karten wollten sie ihm schreiben, und Bobbi würde für ihn fotografieren. Er war der Fotograf des Jungmännerkreises und malte dem Kranken jetzt schon aus, wie schön es sein würde, wenn er ihm nach dem Urlaub seine Farbdias zeigen könnte.

    --zum Anfang--

    Heinrich IV.

    Das war ein Himmelfahrtstag, wie man ihn sich wünscht: strahlender Sonnenschein, die Glocken läuteten, und nun setzten auch die Posaunen oben auf dem Kirchturm ein. "Geh aus, mein Herz, und suche Freud", so bliesen sie da oben, und der Sepp war dabei. Wenn der wüsste, wie bedenklich es noch mit der Verwirklichung seiner Idee stand! Nur Harry wusste es, denn er war der Quartiermeister. Eben bog er unten ins Kirchgässchen ein, und wer ihn kannte, sah ihm an, dass er Sorgen hatte. Dabei war ihm alles so einfach erschienen - hatte er denn nicht das Wanderzelt seines Vaters? Das war zwar schon alt, aber es hielt noch gut dicht. Erst beim Probeaufbau im Garten hatte er mit Schrecken feststellen müssen: das reicht nur für zwei Mann - und sie waren doch drei! Sorgen hatte man! Ernst Rechmann musste wohl auch etwas davon merken, als Harry jetzt an das Fenster trat, denn er fragte gleich:
    "Na, Harry, was machen die Fahrtpläne? Klappt alles und wann geht es los?"
    "Ach, Herr Rechmann, ich sehe schwarz. Wenn ich nur wüsste, wo ich ein Zelt borgen könnte." Und nun erzählte Harry die ganze Geschichte, er musste sie erst einmal loswerden. Es tat ihm richtig wohl, dass der Kranke so aufmerksam zuhörte. Aber nun merkte er auf, denn der sagte:
    "Vielleicht gibt es einen Ausweg. Ich habe hier in der Stadt einen Kusin, der hat ein Zelt, glaube ich. Vielleicht borgt er es euch einmal."
    "Herr Rechmann", rief Harry ganz aufgeregt, "das wäre die Sache! Wo wohnt der denn? Ob er das Zelt wohl hergeben wird - er kennt uns doch gar nicht."
    "Vielleicht geht meine Mutter heute dort vorbei, ich will sie mal fragen." Er rief ins Zimmer, Harry hörte eine Tür gehen, und dann lernte er Frau Rechmann kennen. Sie kam ans Fenster und begrüsste ihn: "Das ist also der junge Herr Hartmann, von dem Ernst jeden Abend erzählt. Schön, dass ich Sie auch einmal kennenlerne. Wollen Sie nicht reinkommen?"
    "Jetzt doch nicht", lachte ihr Sohn, "siehst du denn nicht, dass er in die Kirche will? Aber - gehst du heute in die Kammerstraße?"
    "Zur Elli? Freilich, da wollte ich nachher schnell mit vorbei, sie soll mir etwas nähen. Was hast du denn mit der vor?"
    "Mit ihr nichts, aber mit dem Heini. Du könntest ihn mal fragen, ob er sein Zelt noch hat, und ob er es meinem Freund Harry für den Urlaub borgen würde. Es passiert nichts damit, nicht wahr, Harry?"
    "Also bestimmt nicht, wir würden es sehr in Acht nehmen", fiel Harry begeistert ein. "Wenn sie fragen könnten - also, das wäre ja großartig!"
    "Also Mutter, nun geh schon hin, du siehst doch, wie wichtig die Sache für den Harry ist!" Frau Rechmann sah ihren Ernst erstaunt an, so eifrig hatte sie ihn seit langem nicht gesehen. Warum sollte sie nicht einmal fragen; vielleicht könnte sie nach dem Gottesdienst schon zurück sein. Jedenfalls sollte Harry doch reinkommen, was er auch gerne zusagte. Da läuteten die Glocken zum letzten Mal, er verabschiedete sich und verschwand in der Kirche.
    Himmelfahrtsgottesdienst - die Sonne leuchtet durch die hellen Fenster im Chor - die Predigt sprach vom Missionsbefehl Christi und führte die Gemeinde auf die weiten Wege der Apostel und Missionare. Harry hörte alles, aber seine Gedanken waren ganz woanders - ob wohl Frau Rechmann etwas ausrichten würde? Da musste er plötzlich an Klein-Alfred denken. Vor einem Jahr hatte er sich durch dessen Betteln bewegen lassen, ihn mit in den Jugendgottesdienst zu nehmen. Da war dem Kleinen die Predigt zu lang geworden, und er hatte mitten hinein laut und deutlich "Amen" gesagt. Seitdem kannte man ihn in der ganzen Jungen Gemeinde, aber jetzt musste Harry daran denken, wie peinlich ihm das vor einem Jahr gewesen war. Und heute? Wartete er nicht auch nur auf den Schluss des Gottesdienstes - hatte er nicht innerlich schon ein paarmal Amen gesagt? "Jetzt will ich aber aufpassen! Ich bin ja schließlich kein kleines Kind mehr!" dachte er gerade, da sagte der Pfarrer Amen. "Verpasst", ging es ihm durch den Kopf - "wenn was für mich dabei war, dann habe ich es jetzt verpasst - so schnell kann das gehen." Um so aufmerksamer war er nun aber bei dem Gebet dabei, und vielleicht ging ihm heute zum ersten Mal auf, was ein Fürbittengebet doch alles enthält.

    Die Türen gingen auf, draußen stand schon der Sepp mit der Posaune und wartete auf Harry. Das war ja die beste Gelegenheit, ihn gleich mit den Sorgen eines Quartiermachers bekanntzumachen. Ernst Rechmann winkte schon am Fenster; seine Mutter war noch nicht zurück, aber lange würde es nicht mehr dauern. Es reichte auch gerade noch dazu, den Sepp mit der neuen Lage bekanntzumachen, da kam sie auch schon herein und begrüsste die beiden:
    "Da sind Sie ja schon wieder, bei mir ging es nicht so schnell, wie ich es vorhatte. Das ist wohl der zweite Freund?"
    "Ja, das ist der Sepp", sagte Ernst, "aber du siehst doch, wie die beiden gespannt sind; nun sag schon, was du erreicht hast. Hat der Heini ein Zelt - und gibt er es her?"
    "Freilich hat er ein Zelt - aber wann braucht ihr es denn."
    "Am 10. Juli!" riefen die beiden wie aus einem Mund und ebenso gleichzeitig nahmen ihre Gesichter einen enttäuschten Ausdruck an, als sie hören mussten:
    "Da habt ihr Pech gehabt. Gerade zur selben Zeit hat er nämlich selber Urlaub - und er will auch mit Rad und Zelt fort."
    "0 Heimatland!" entfuhr es dem Sepp, gleich darauf zeigten sich auf beiden Gesichtern wieder Zeichen der Hoffnung, als Frau Rechmann fortfuhr: "Vielleicht könnte er sich an euch anschließen. Er ist ungefähr so alt wie ihr, und er hat niemand."
    Sepp sah sie und dann Harry bedenklich an - ein vierter Mann, den sie nicht kannten, das konnte die ganze Fahrt verderben - aber das Zelt! Wenn sie doch das Zelt so notwendig brauchten.
    "Wie heißt er denn?" fragt Sepp. "Hoffentlich kann er auch richtig radfahren." Es wäre ja mies, wenn sie einen dabei hätten, der nicht richtig mitkäme und auf den sie dauernd warten müssten.
    "Er ist Schlosser", mischte sich jetzt Ernst wieder ein, "und er heißt Heini, das heißt eigentlich Heinrich Meiberg." Das gab Sepp Anlass, wieder einmal eine seiner berühmten Einfälle zum besten zu geben: "Aha, Heinrich der Vierte - du, Harry, von dem haben wir doch schon in der Schule gehört. Na, wenn er Schlosser ist, dann wird er ja seine Mühle auch in Ordnung haben. Aber ob er an unserer Lutherfahrt Interesse haben wird?"
    "Was für eine Fahrt?" fragte Frau Rechmann überrascht.
    "Na, die Lutherfahrt, die der Sepp hier bei Ihnen vorgeschlagen hat. Wir wollen doch die Luthergedenkstätten aufsuchen von Wittenberg bis zur Wartburg!"
    "Woher soll ich das wissen?" Frau Rechmann wandte sich an ihren Sohn: "Davon hast du mir kein Wort gesagt. Eine Lutherfahrt! - Und der Heini ist doch katholisch!"
    "Da legst di nieder!" konnte Sepp nur flüstern, dann legte er sich zwar nicht nieder, aber er sank auf einen Stuhl. "Heinrich IV. ist katholisch, und wir wollen ihn mit auf die Lutherfahrt nehmen! Aber der Name fiel mir doch gleich auf - hat der nicht was mit Casanova zu tun?"
    "Geschichte 1", stellte Harry fest, "aber das hieß damals Canossa, und das hilft uns jetzt nicht weiter. Jedenfalls hat er ein Zelt, und deshalb werde ich heute noch zu ihm hingehen und ihn fragen, ob er mitkommt."

    --zum Anfang--

    Der erste Tag

    Sie saßen am Elbufer und sahen auf die Stadt Wittenberg, die sich wie eine Silhouette vom Abendhimmel abhob. Sicher sah sie jetzt nicht viel anders aus, als zu Luthers Zeiten. Man sah nur die Türme und die Umrisse der Häuser und dahinter den weiten Himmel, der von keinem Berg eingeengt wurde. Sie hatten den ersten Tag hinter sich - einen schönen Tag, der schon früh am Morgen im Kirchgässchen begonnen hatte. Es war doch Ehrensache, dass sie sich dort trafen - "an historischer Stelle" - wie Sepp nicht ohne Stolz festgestellt hatte. Manche Steigung hatten sie hinaufgeschoben und eben sovielmal den Schwung genossen, mit dem das Rad sie ins Tal hinuntertrug. Trotz aller Autos und Motorräder war ein Fahrrad doch etwas Wunderbares: man spürte die eigene Kraft, mit der man die Landstraße unter sich abrollte, und man fühlte sich leicht wie ein Vogel, wenn es mit Gesang abwärts ging. Besonders Sepp war es, der seine bayrische Abstammung durch etwas, was er jodeln nannte, bei jeder Abfahrt unter Beweis stellte. "Heinrich IV." hatte sich gut gehalten, um den brauchten sie sich keine Sorge zu machen. An jenem Himmelfahrtstag hatte Harry sich mit ihm geeinigt, wobei es sich herausstellte, dass er mit Bobbi im gleichen Betrieb arbeitete. Etwas anderes stellte sich nach dem Besuch des Naumburger Domes heraus.

    Der Naumburger Dom - das war der Höhepunkt des ersten Tages. Sie hatten seine vier Türme schon gesehen, als sie von der Rudelsburg kamen. Dann hatten sie vor den Stifterfiguren gestanden, die sie fast alle schon von Abbildungen kannten: den finsteren Timo, den zornigen Sizzo, die lachende Reglindis und die trauernde Gepa. Und vor allen Dingen Uta und Ekkehardt. Wie lebendig standen sie da um den Altar, Menschen aus dem 13. Jahrhundert, mit Schuld und Zorn und Stolz und Ratlosigkeit. Im Grunde doch dieselben Menschen, wie die, die jetzt unter ihnen um den Altar standen. Dann traten sie vor den Lettner und sahen die Bilder der Naumburger Passion. Die drei Freunde kannten sei von einem Lichtbilderabend in der Jungen Gemeinde. Bobbi währe am liebsten hochgeklettert und hätte den Petrus fotografiert, der dreimal in dieser steinernen Passion zu sehen war - aber das ging natürlich nicht. Erstaunt aber horchte er auf, als nach der Führung ein junger Mann gerade über diese Petrusdarstellung redete. Der war zum Leiter der Führung gegangen und hatte gefragt, ob er nach den Erklärungen noch einen Augenblick mit seiner Schar am Lettner bleiben dürfte, sie wollten ihre Andacht hier halten. Bobbi hörte, dass es sich um eine Junge Gemeinde aus dem Thüringer Wald handelte, die mit einem Jugendwart im Omnibus unterwegs war und nun die Heimreise antreten wollte. Die Erlaubnis war erteilt worden, und Bobbi hatte die drei anderen dazugeholt, nachdem er sich bekannt gemacht hatte. Und da hörte er nun, dass dieser steinerne Petrus nicht nur für den Fotografen eine besonders beachtenswerte Figur war.

    "Habt ihr euch die drei Gesichter des Petrus angesehen?" begann der Jugendwart. "Am Abendmahlstisch sitzt er als ein Mensch, der ganz sicher ist, dass er ein Recht dazu hat - selbstsicher und von seiner Zuverlässigkeit überzeugt. Und dann seht euch hier bei der Gefangennahme dasselbe Gesicht an - wie zornig und verbissen sieht Petrus da aus. Und nun noch ein kleines Stück weiter, da möchte er am liebsten die Wand hochgehen. Da zeigt nämlich ein Finger auf ihn - seht ihr die Magd, die gerade sagt: "Und der war auch mit Jesus von Nazareth"! Seht ihr das ratlose Gesicht des Petrus? Wisst ihr, was ich mir bei diesen drei Gesichtern denke? Dass es nicht schwer ist, in einem gleichgesinnten Kreise am Tische Jesu zu sitzen. Es ist noch nicht einmal so schwer, in einer kritischen Lage Bekennermut zu zeigen und loszupoltern. Das schwerste scheint mir, auf eine spöttische Frage, die oft aus so einem gleichgültigen Mund wie da oben kommt, die rechte Antwort zu finden. Und dazu hilft nicht die Selbstsicherheit und nicht der Zorn; dazu hilft nur der, der auf allen Bildern hier so still in der Mitte steht und der hier mitten in der Tür am Kreuz hängt - Jesus Christus, König und Herr." Er stimmte an, und alle sangen:

    "Jesus Christus, König und Herr,
    sein ist das Reich, die Kraft, die Ehr,
    gilt kein andrer Namen heut und ewig. Amen."

    Draußen vor der Tür sagte Harry: "Nun haben wir doch auch noch unseren Sonntagsgottesdienst gehabt." Er war sehr erstaunt, als Heina fragte: "Ja wart ihr denn heute früh nicht in der Kirche?"
    "Wann denn", meinte Sepp, "du hast wohl schon vergessen, dass wir um 8 Uhr abgefahren sind?"
    "Na und?" sagte Heini, "ich war schon um 6 Uhr in der Frühmesse." Sie sahen ihn erstaunt an - das hatten sie allerdings nicht vermutet. Mit einem Male war ihnen Heini nicht nur der Mann mit dem Zelt - von dem konnte man vielleicht noch einiges lernen.
    Auf Bobbis Vorschlag hatten sie nach dem Besuch des Naumburger Dome die Bahn bestiegen und waren über Halle und Bitterfeld bis kurz vor Wittenberg gefahren. Das gab zwar ein Loch in die Reisekasse, aber sie ersparten sich so einen langweiligen Tag, den sie für die Radfahrt gebraucht hätten. In Pratau stiegen sie aus, holten die Räder aus dem Gepäckwagen und fuhren auf einem Wiesenweg ans Elbufer. Es wurde schon dämmerig, als sie einen Platz für die Zelte fanden, die schnell aufgestellt waren. Sie aßen die letzten mitgebrachten Brote und saßen dann am Fluss. Da drüben lag Wittenberg, morgen würden sie es ansehen. Heute waren sie müde, aber es war ein schöner Tag gewesen - der erste Tag! Als sie sich Gute Nacht sagten, fiel Harry etwas ein: "Wisst ihr, was da drüben in dem Haus Martin Luther seinen Kindern sagte, wenn sie den Abendsegen gesprochen hatten? Es steht in unserem Gesangbuch und es hat immer Spaß gemacht: Alsdann flugs und fröhlich geschlafen!"

    --zum Anfang--

    Gespräch an einem alten Tisch

    Tuuut - machte es draußen und nochmals: tuuut! "Brüllen denn hier die Kühe so komisch?" knurrte Sepp und steckte seinen Kopf aus dem Zelt. Er machte ein verdutztes Gesicht - die Landschaft sah heute ganz anders aus als gestern abend. Wittenberg war verschwunden, kaum das Elbufer war zu sehen. Da, ein Schatten auf dem Fluss, langsam schob sich ein Schlepper aus dem Nebel und wieder ging es: tuuut! Das war also die Kuh! "Aufstehen, ihr Schlafmützen!" brüllte Sepp, "habts denn meinen Wecker nicht gehört?"
    Heini guckte aus dem anderen Zelt: "Ich dachte, du hättest nur gegähnt. Nun guck mal die Mattscheibe an, so ein Pech!" Bobbi aber, der mit ihm zusammenwohnte, kroch hinterher und meinte: "Wieso Pech? Der Nebel kommt runter, das gibt heute das schönste Wetter, du wirst es bald merken." Er sollte Recht behalten. Schon während sie die Zelte zusammenpackten, wurde es über ihnen heller, und der Nebel sank in sich zusammen. Sie beeilten sich, denn sie hatten heute viel vor, aber Harry hatte noch etwas auf dem Herzen. Er druckste herum, ehe er den Anfang fand: "Also Leute, mir fehlt noch was!" Jetzt endlich war er in Gang gekommen und achtete nicht mehr auf die erstaunten Gesichter. "Wir sind ja schließlich nicht auf irgendeiner Ferientour, sondern auf einer Lutherfahrt. Und deshalb gehört auch bei uns an den Tagesanfang die Morgenwache, wie bei einer Bibelrüstzeit in der Jungen Gemeinde. Einen Pfarrer haben wir nicht bei uns, also müssen wir es selber machen. Heini, du machst doch sicher auch mit? Ich denke, wir fangen heute mit Luthers Morgensegen an." Während er sprach, hatte er in seiner Tasche herumgekramt und zog nun ein Gesangbuch und ein dünnes Heft heraus.
    "Na endlich ist es heraußen!" platzte Sepp los, "ich habe es schon lange gemerkt, dass du was auf dem Herzen hast. Aber es ist schon recht so." Harry las nach dem Morgensegen die Tageslese und eine kurze Auslegung aus dem Heft. Man muss schon sagen, dass sie alle etwas verlegen waren - aber jeder spürte doch: so musste es sein. Und da tauchten mit einem Male die Türme Wittenbergs aus dem Nebel auf. Sie sprangen auf die Räder und fuhren los.

    Lutherstadt Wittenberg - stand an dem Ortsschild, aber die Straßen sahen aus wie in jener anderen Stadt. HO und Konsum, Leute, die zur Arbeit gingen, gar nichts Besonderes. Sie fanden einen Bäckerladen und gleich daneben eine Gaststätte, in der sie Kaffee bekamen. Sie durften die Räder im Hof lassen und meldeten sich gleich zum Mittagessen an. Das war also geregelt, nun konnten sie in Ruhe alles ansehen. Bobbi als Reiseleiter brachte sie ohne Umwege zum ersten Ziel. Er hatte sich gut vorbereitet, Straßenkarten und Stadtpläne studiert und sogar vor der Kunstgeschichte nicht Halt gemacht, so fühlte er sich jeder Frage gewachsen. Und was er nicht im Gedächtnis hatte, das stand in einem kleinen Notizbuch, das er jetzt aus der Tasche zog: "Augustiner-Eremitenkloster, erbaut um 1500, später Luthers Wohnhaus, jetzt Lutherhalle mit reformationsgeschichtlichem Museum. - Willst du mit rein?" wandte er sich an Heini. Sie wussten immer noch nicht genau, wie er sich wohl stellen würde, aber der sagte nur: "Na klar, das interessiert mich doch auch." So gingen sie zusammen zum Hofeingang; aber sie waren nicht die ersten, obwohl es noch ziemlich früh war. Vor dem Eingang stand ein großer Reisebus mit einer Berliner Nummer, und auf dem Hof bot sich ein überraschender Anblick.
    "Schwarze!" sagte Sepp, "wo kommen die denn her?" Auf dem Hof stand eine Schar sehr dunkelhäutiger junger Männer in eifriger Unterhaltung. Schwarz waren sie allerdings nicht, wahrscheinlich Inder. Zum Überlegen war aber jetzt keine Zeit, die Führung begann. Die vier Freunde standen mitten unter den Fremden und hörten die Erklärungen, die immer gleich von einem Dolmetscher ins Englische übersetzt wurden. Anfangs interessierten sie sich natürlich mehr für die fremden Gestalten, aber immer mehr zog sie doch die Ausstellung selbst in ihren Bann. Staunend standen sie vor der Flut von Druckerzeugnissen, die die Reformationszeit hervorgebracht hatte - von den einfachsten Flugblättern mit drastischen Holzschnitten bis hin zum hochgelehrten theologischen Lehrbuch. Beinah unbegreiflich erschien es ihnen, was Luther allein geschrieben hatte.

    "Unsere Lutherkarte!" rief Sepp plötzlich - und tatsächlich! - da hing sie. Sepp konnte es nicht lassen, er musste hier im Lutherhaus in Wittenberg einmal mit dem Finger die ganze Runde nachziehen, die sie durchfahren wollten. Schon hatte sich ein Kreis von dunkelfarbigen jungen Männern um die vier gestellt. Sepp fuhr noch einmal die Strecke entlang, dann zeigte er auf die Freunde und sagte: "Wir mit Fahrrad!" Dabei machte er die Bewegung des Radfahrers mit den Händen nach und wurde verstanden. Mit einem Male standen sie im Mittelpunkt der Führung. Der Dolmetscher erklärte die Karte und fragte dann: "Und ihr wollt die Orte alle aufsuchen?"
    "Ja, mit dem Rad, von Wittenberg bis Eisenach", sagte Sepp stolz; schließlich war er ja der Erfinder dieser Idee gewesen. "How long - wieviel?" rief eine fremde Stimme und Sepp antwortete: 14 Tage", wobei er erst beide Hände und dann 4 Finger hochhielt. Oh, es machte ihm nichts aus, sich mit Indern zu unterhalten, er verstand sich ausgezeichnet mit ihnen. Weiter ging die Führung, und nun standen sie in dem Zimmer mit dem alten Tisch, um den sich Luthers Hausgenossen so oft versammelt hatten. Die vier standen ziemlich weit hinten, als einer der Inder zu ihnen trat: "Cristian boy-scouts you are?" fragte er, und Harry kratzte sein bisschen Englisch zusammen und antwortete: "No friends only - wir sind nur Freunde."
    Aber warum Lutherfahrt? Ihr lutherist?" wollte der junge Mann wissen und Harry sagte: "Ja, evangelisch-lutherisch, aus Thüringen."
    "Wath is that?" fragte der Inder weiter. Harry erklärte: "Eisenach - Wartburg in Thüringen." Das schien verstanden zu werden, denn er sagte: "Ah, Wartburg, Bibel, Luther-Thuringen? fragte er noch einmal und Harry nickte: "Ja, Thüringen."
    "Und ihr alle lutherist?"
    "Nein", meinte Harry, "hier der Heini ist katholisch."
    "O, in india auch katholist, ich aber evangelist - lutherist Großner-Kirche", erklärte der Inder.
    "Sind Sie alle evangelisch?" wollte Sepp wissen.
    "No, da Mohammed und da Buddhist, aber meist evangelist. Wai - em - ci - e!" fügte er hinzu, als ob das selbstverständlich wäre. Harry ging es erst viel später auf, dass das die Buchstaben YMCA, die Bezeichnung für den in aller Welt verbreiteten Christlichen Verein Junger Männer sein müssten. Da standen nun- also um den Tisch, an dem vor über 400 Jahren Luther mit seinen Hausgenossen gesessen hatte, Menschen aus verschiedenen Erdteilen und aus verschiedenen Weltreligionen, und alle spürten etwas von der Bedeutung des Mannes, der hier mit den Seinen gesprochen hatte. Der Erklärer fragte den jungen Inder, der etwas deutsch verstand: "Können Sie das Lutherlied: "Ein feste Burg ist unser Gott?", wobei er die erste Zeile gleich vorsang. "0 ja", sagte der Inder, "aber nur Tamul". Und so stimmten sie an, miteinander, aber jeder in seiner Sprache: "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen." Es klang seltsam, aber mit einem Male waren sie wieder zusammen, als es lautete: "Er heißt Jesus Christ!" "Das kann nicht mehr überboten werden, das lohnt allein schon die Fahrt!" meinte Bobbi, als sie wieder auf der Straße standen. Sie hatten sich auf dem Hof herzlich verabschiedet, und Bobbi hatte natürlich eifrig geknipst. Nun gingen sie am Melanchthonhaus vorbei, das ihnen erstaunlich modern vorkam, zurück zu ihrer Gaststätte, um sich für den Nachmittag zu stärken. Als sie am Abend wieder vor ihren Zelten saßen, die sie noch einmal am selben Platz aufgebaut hatten, waren sie sich einig, dass das Gespräch an dem alten Tisch doch die Hauptsache des Tages gewesen war. Trotz des vielen anderen, das sie noch gesehen hatten: Thesentür und Luthers Grab in der Schlosskirche, Stadtkirche mit dem großen Altarbild von Lucas Cranach. Am Abend hatten sie die Inder noch einmal gesehen, der große Omnibus überholte sie, als sie gerade wieder auf den Rädern saßen. Das gab noch einmal eine Sensation - mit lauten Zurufen fuhren die braunen jungen Männer an ihnen vorbei, und die Leute auf der Straße staunten. Nun saßen sie vor ihren Zelten, müde, aber sehr befriedigt, und es war ihnen schon ganz selbstverständlich, dass Harry wieder zum Gesangbuch griff. Sie schlossen den Tag mit dem Abendsegen, dann war es sehr bald still am Elbufer gegenüber der Lutherstadt Wittenberg.

    --zum Anfang--

    Schlote und Halden

    Der Dienstagmorgen war trübe, aber heute blieb der Nebel oben, die Sonne kam nicht heraus. Auch gut, dann brauchten sie nicht so zu schwitzen, es würde heute eine langweilige Fahrt geben. Alles flach, keine Abwechslung, mal ein kleines Waldstückchen, mal ein Kirchturm in der Ferne, ein paar hohe Schlote und so weiter - weiter - weiter. "0 Heimatland, wie bist du schön!" hatte Sepp schon einigemal geseufzt. Jetzt sahen sie in der Ferne riesige Fabrikanlagen mit einem seltsam farbigen Qualm. "Filmfabrik Wolfen", sagte Bobbi, "von da kommen meine Filme." Bitterfeld war nicht nur zu sehen, sondern fast noch mehr zu riechen, und nach weiterem Treten und Treten kamen sie endlich nach Halle. Hier wollten sie sich nicht lange aufhalten, so sahen sie nur im Vorbeifahren den Markt mit der viertürmigen Kirche, dem alten Rolandstandbild und dem Händeldenkmal, machten einen kleinen Abstecher zu den Francke'schen Stiftungen und fuhren dann über die Saale in Richtung Eisleben. Zwischen Halle und Eisleben lag ihr Tagesziel - der süße See. Endlich sahen sie ihn vor sich schimmern; es war schon eine Schinderei gewesen - aber eine solche Strecke brauchten sie auch nicht noch einmal zu schaffen. Wo nun die Zelte aufschlagen? Das war gar nicht so einfach, überall waren
    Gärten, Wiesen, und dann kam der lange Bretterzaun einer Badeanstalt. Da, ein Zeltplatz, aber: Nur mit Genehmigung zu benutzen! Mit seinen lahmen Beinen machte sich Bobbi auf die Suche nach der zuständigen Stelle. Das hatte man davon, wenn man Reisechef war. Als er zurückkam, brachte er tatsächlich einen Zeltschein! "Kostet pro Mann einen Fünfziger!"
    Der Aufbau ging schnell; sie waren so müde, dass sie kaum noch Lust hatten, ein Bad im See zu nehmen. Als sie aber dann doch im Wasser lagen, wurden sie schnell wieder frisch. "Ich trinke mit der ganzen Haut", sagte Sepp. "aber süss ist der See nicht." Er spuckte, denn beim Reden war ihm Wasser in den Mund gekommen, er machte, dass er aus dem Wasser heraus kam. Heute war er an der Reihe, er hatte die Morgenwache gehalten und nun war es Zeit für den Abendsegen. Etwas unsicher sah er sich um - bis jetzt waren sie immer alleine gewesen, aber hier waren sie mitten zwischen den Zelten. Was die anderen wohl sagen würden? Dann gab er sich einen Ruck, feige wollte er nicht sein. Es blieb auch ganz still um die vier, die zwischen ihren Zelten saßen und den Abendsegen sprachen. Nur aus dem Nachbarzelt guckte einmal ein Kopf mit strubbeligen Haaren heraus, verschwand aber gleich wieder.

    Am nächsten Morgen entdeckten sie, dass es ein Mädchen gewesen war, das da aus dem Zelt geguckt hatte. Es mussten wohl noch mehr drüben sein, denn sie redeten und kicherten durcheinander. Dann saßen sie zu dritt vor dem Zelt und tranken Kaffee, den sie auf einem Spirituskocher bereitet hatten. Auch die vier Freunde kochten sich heute ihren Kaffee selbst, nachdem Bobbi die Morgenwache gehalten hatte. Sie merkten, dass sie beobachtet wurden, aber auch jetzt sagte niemand etwas. Nur als sie die Zelte abbrachen, fragte ein Mädchen herüber: "Wollt ihr schon wieder fort? Hier ist es doch prima." Sepp, eifrig beim Einpacken, sagte: "Prima schon, aber wir haben noch viel vor." Er wollte eigentlich noch etwas von der Lutherfahrt sagen, aber mit einem Male hatte er Hemmungen. "Komisch", dachte er dann, "manchmal ist man doch zu doof. Als ob man sich genieren müsste und dabei kann es doch jeder wissen." Als er das überlegte, waren sie schon wieder auf der Fahrt, und es war zu spät.
    Bald standen sie vor dem Ortsschild mit der Aufschrift: Eisleben - Lutherstadt. Zum zweiten Male eine Stadt, die sich so nannte, aber wie anders sah sie aus. Hier war Industriegebiet, das sah man auf Schritt und Tritt. Halden, Fördertürme und Schlote und darüber dicke Rauchwolken. Zwischen den neuen Halden sah man die alten, bewachsenen Hügel, die vergangene Jahrhunderte aufgeschüttet hatten. Hier wurde es ihnen zum ersten Male klar, dass Luther ja schon ein Kind des Industriezeitalters war. In einer Industriestadt war er geboren, zwischen den Kumpels war er aufgewachsen - sie hatten mit einem Male das Gefühl, als käme er ihnen durch dieses Stadtbild viel näher.
    Sie fuhren durch geschäftige Straßen zu seinem Geburtshaus und gingen
    durch die kleinen Räume. Hier hatte der Bergmann Hans Luther begonnen, für sich und seine Familie eine neue Existenz aufzubauen, nachdem er die alte Stammheimat Möhra verlassen hatte. Von hier aus hatten die Eltern ihren ersten Sohn zur Kirchen tragen lassen - am Martinstag, von dem er seinen Namen bekam. Die vier schoben ihre Räder den gleichen Weg, den steilen Markt hinauf und standen vor dem Taufstein. Und dann, nur ein paar Schritte weiter, sahen sie Luthers Sterbehaus. So dicht beieinander lagen die beiden Häuser - aber das Leben, das sich zwischen dem Anfang in dem einen und dem Ende im anderen abgespielt hatte, das hatte die ganze Welt geändert.
    Nachdenklich fuhren sie weiter; nach Mansfeld sollte es gehen, wo Luther den größten Teil seiner Kindheit verlebte. Bergauf - bergab führte die Straße, und wieder waren überall die Zeichen der Industrie: Schlote, Fördertürme, Halden und Drahtseilbahn. Dazu ein scharfer Verkehr, man musste gut aufpassen. Sie kamen durch Klostermansfeld, und nun konnte Mansfeld nicht mehr weit sein, da unten im Tal musste es liegen. Ein Wäldchen verdeckte den Ort noch, da sahen sie am Wegrand ein Schild: Schloss Mansfeld. Ein Pfeil zeigte zum Wald. Bobbi, der voranfuhr, hielt an und stieg ab: "Schloss Mansfeld - das ist doch ein Heim der Jungen Gemeinde, ob wir das mal ansehen?"
    "Warum nicht", meinte Harry, "wir haben noch Zeit genug." So bogen sie in den Waldweg ein, fuhren um einige Kurven und standen nach kurzer Fahrt vor einem wuchtigen Torturm. "Steigen sie ab, meine Herrschaften, wir sind am Ziel des Tages!" sagte Bobbi, und er weidete sich an den erstaunten Gesichtern der Freunde. "Jawohl, ihr werdet es gleich sehen, wir werden schon erwartet."

    --zum Anfang--

    Der eingemauerte Mönch

    Schloss Mansfeld Rüstzeitheim des Evangelischen Jungmännerwerkes - stand auf einer Tafel am Tor, und daneben war eine Klingel. Bobbi drückte auf den Knopf, nach einiger Zeit erschien eine Frau: "Ihr seid wohl die ersten Mecklenburger?" fragte sie. Die vier sahen sich verblüfft an - wieso denn Mecklenburger? "Nein, wir kommen aus Thüringen", berichtigte Bobbi, "wir sind für heute angemeldet zur Übernachtung." Davon war der Frau nichts bekannt, aber der Hausvater würde es schon wissen, "er wohnt drüben im Hauptgebäude, ihr werdet ihn schon finden." Damit öffnete sie das Tor und ließ die vier Radfahrer ein. Die schoben ihre Räder durch ein dickes Torgewölbe, dann ging es über eine Brücke, die über einen tiefen Graben führte, und dahinter lag der Schlosshof. In der Mitte sahen sie eine große Rasenfläche, vielleicht sollten sie hier ihre Zelte aufbauen. Das hatte Reiseleiter Bobbi ja mal wieder großartig hingekriegt.

    Nun standen sie vor dem Schloss, einem mächtigen Bau mit einem vorgebauten Treppenturm, in dem der Eingang war. Sie stiegen die steinerne Wendeltreppe hoch und standen nach kurzem Suchen vor einer Tür mit der Aufschrift: Heimleitung. Natürlich war auch hier die erste Frage: "Das sind wohl die ersten Mecklenburger?" und Bobbi musste wieder erklären: "Nein, wir sind die Thüringer, - Horst Müller - ich hatte Ihnen doch geschrieben."
    Der Hausvater, der übrigens für diesen Titel noch sehr jung aussah, blätterte in einem Ordner. Jetzt hatte er den Brief gefunden: "Horst Müller, Jürgen Hartmann. Sepp Weidner, Heinrich Meiberg - das seid ihr also. Ihr habt Glück gehabt, denn ab morgen sind wir voll belegt. Ein paar Jungen von der Mecklenburger Bibelrüstzeit kommen einen Tag später, da kann ich euch noch unterbringen. Ihr schlaft im Lutherzimmer - ist euch das recht?" Und ob ihnen das recht war - sie strahlten! "Ausweis und Schlafsack habt ihr hoffentlich dabei schreibt einstweilen mal eure Anmeldung." Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, führte er sie durch lange Gänge, treppauf und treppab in einen abgelegenen Raum, in dem vier Betten standen. "Hier in den Wandschrank könnt ihr eure Sachen ablegen Heini guckte neugierig in den Schrank, der wie ein Gang in die dicke Mauer führte. "Das sind alte Gänge, die zur Schlosskapelle führten", erklärte der Hausvater, "sie sind aber zugemauert." Harry schien es, als ob er bei diesen Worten etwas schmunzelte, aber vielleicht hatte er sich auch getäuscht. Dann gingen sie wieder zur Heimleitung, und der Hausvater machte einen Vorschlag: "Ihr habt noch genug Zeit bis zum Abendessen, da könnt ihr noch nach Mansfeld hinuntersteigen und alles ansehen. Die Aufenthaltsräume sind jetzt alle belegt; wir haben hier eine Rüstzeit für Verkündigungsspiel, die üben in allen Räumen. Um 18 Uhr seid bitte wieder da."
    Nachdem sie sich im Waschraum erfrischt hatten, stiegen sie den steilen Weg nach Mansfeld hinunter. Das Lutherhaus war bald gefunden, ein massiv gebautes, aber bescheidenes Wohnhaus, jetzt wohnte die Gemeindeschwester darin. Sie zeigte ihnen die kleine Sammlung. Mit der Lutherhalle in Wittenberg war diese freilich nicht zu vergleichen, aber sie half doch mit, das Bild abzurunden, das sie von Luthers Leben bekamen. Durch diese steilen Straßen war der Weg des kleinen Martin in seinen ersten Schuljahren gegangen - hinter der Kirche stand noch die alte Schule - und da stand er auch selber: ein einzigartiges Lutherdenkmal! Als wandernder Schüler mit Bündel und Stab, so stand er vor ihnen. "Der wollte auch nach Eisenach", sagte Sepp, "wenn er schon ein Fahrrad gehabt hätte, wäre es schneller gegangen." Dann betrachteten sie an der Kirche das Steinrelief von Sankt Georg, dem Drachentöter, das der junge Martin auf seinem Schulweg jeden Tag sehen konnte. Ob wohl die Erinnerung an dieses Bild ihn später veranlasste, sich auf der Wartburg "Jörg" zu nennen. Steil ging es dann wieder zur Burg hinauf, staunenswert die riesigen Mauern, die da aufgetürmt waren. Zu Luthers Zeit musste das wirklich eine feste Burg gewesen sein.

    Als sie wieder auf den Schlosshof kamen, hatte sich das Bild geändert. Die Bänke waren besetzt, Liegestühle standen auf dem Rasen, man erholte sich von der Arbeit und wartete auf das Abendessen. Die vier waren bald im Gespräch und merkten, dass Glieder der Jungen Gemeinden aus den verschiedensten Landeskirchen hier zusammengekommen waren. Dann läutete ein Glöckchen und alles strömte in den Essraum. Das war eine große, gewölbte Halle mit vielen gedeckten Tischen. Vielleicht hatten hier einmal die Ritter gesessen und gezecht, jetzt saß er voller Jungen und Mädchen. Die Mecklenburger waren inzwischen auch eingetroffen und es war kaum noch ein Platz für die vier zu finden. "Komm, Herr Jesu, sei unser Gast!" sangen sie im Kanon, das klang wunderbar in dem Gewölbe. Der Hausvater kündigte an, er würde die Neuangekommenen nach dem Essen durch das Schloss führen, und der Leiter der Spielrüstzeit lud alle ein, danach im blauen Saal ein kleines Spiel anzusehen, das heute entstanden war.
    So lernten sie nun auch noch das alte Schloss kennen, das zu den grössten Burganlagen des Mittelalters gehört. Sie sahen in den tiefen Brunnen hinunter, standen in der Schlosskapelle mit dem großen Altarbild von Lukas Cranach und bewunderten den kunstvoll geschmiedeten Lettner. Hier hatte einst Martin Luther gepredigt - vielleicht hatte auch Thomas Müntzer, als er vor die Grafen von Mansfeld geladen war, hier gestanden. In der Mitte des Schiffes stand ein riesiger Taufstein, so groß, wie sie noch keinen gesehen hatten. Als sie die Kapelle verließen, wurde es draußen schon dämmrig. Und das, was der Hausvater erzählte, wurde schaurig und immer schauriger. Hoch oben zeigte er ihnen einen verhüllten Kopf mit geschlossenen Augen: die eingemauerte Nonne. In der Neujahrsnacht, mit dem Glockenschlag 12 öffnete sie die Augen und blickt nach dem vergrabenen Schatz, der irgendwo auf dem Burghof liegt. Aus einer Mauer guckte ein Männerkopf - ein Mönch, der zur Strafe für einen Verrat hier eingemauert wurde. Als sie auf der großen Mauer, der sogenannten Mine standen, erfuhren sie, dass der Bau dieser Mauer erst gelang, als man ein ungetauftes Kind mit hineinbaute. Der Hausvater unterließ es natürlich nicht, zu erwähnen, dass in den Vollmondnächten alle diese Gestalten in den Gängen des Schlosses umherspukten, und dass man manchmal das Kind wimmern höre. Und dabei ging über dem finsteren Wald gerade hell und rund der Vollmond auf! Als sie wieder auf dem Hof standen, flog auch eine Eule aus dem Dachfenster, setzte sich auf ein Mauertürmchen und schrie - es konnte einem schon kühl den Rücken hinunterlaufen.
    Aber das war alles bald vergessen, als sie im hellen blauen Saal saßen und das Spiel von Johannes dem Täufer sahen, das die Teilnehmer der Rüstzeit in diesen Tagen erarbeitet hatten. Danach gingen sie alle noch einmal auf die Mine, um das Abendlied zu singen. Tief unter ihnen im Tal lag das Städtchen Mansfeld, hinter den Bergen des Vorharz lag noch der letzte Schein der Sonne, und sie sangen: "Leucht uns, Herr Christ, du wahres Licht."

    Nach einigem Suchen hatten die vier den Weg zu ihrem Lutherzimmer gefunden, und bald lagen sie in den Betten. Sie hatten schon eine Weile geschlafen, da wachte Harry auf. Was war das denn? "Bumm!" ging es und wieder: "Bumm - bumm!" Er merkte, dass Sepp nebenan sich aufrichtete und fragte: "Was ist denn los?" Vielleicht war es eine Turmuhr, die da schlug - aber so nah und so laut? Sie zählten mit: "4 - 5 - 6 - -" bis zur 12 und nach dem letzten Schlag - da stöhnte jemand tief auf, und dann kamen Schritte! Erst leise und von weit her und dann immer lauter. Wo kam das nur her? Es klirrte, wie von Ketten, immer näher kamen die Schritte und dazwischen das schaurige Stöhnen. Jetzt waren sie alle wach - Bobbi suchte nach seiner Jade, am Bett musste sie hängen. Endlich hatte er sie - und damit seine Taschenlampe.
    "Leise aufstehen", flüsterte er, "da sind welche vor der Tür! Wir werden sie schon verjagen!" Sie stellten sich bereit, rissen die Tür auf und Bobbi knipste an: nichts! Kein Mensch zu sehen - aber die Geräusche gingen weiter. Sie hörten es röcheln: "Luft! - Nicht zumauern! - Luft!" und darauf ein Gelächter, brüllend und grausig. Mit einem Schlage hörte es auf, aber dafür hörte man jetzt ein kleines Kind wimmern - das ging einen ja tatsächlich auf die Nerven - und wo kam es nur her? Sie standen und lauschten - hier draußen war es nicht, aber dort aus der Ecke schien es zu kommen - sollten etwa welche im Schrank stecken? Das würde ihnen schlecht bekommen! Sie rissen die Schranktür auf - nichts! Hinten auf den Brettern lagen ein paar Reservedecken, sonst alles leer, aber die Geräusche kamen von hier. Da hinten war der vermauerte Gang zur Schlosskapelle - spukte es denn wirklich hier? Sepp kroch förmlich in den Schrank: "Nun leuchte doch nur mal mit deiner Funzel! Hier muss doch was sein!" Er riss die Decken herunter, das Geräusch wurde lauter, da stand ein Pappkarton - und man hörte deutlich: da kam es her! Sepp riss den Karton auf und fing an zu lachen; im Karton lag ein Lautsprecher, aus dem es eben schaurig tönte: "Zersägt ihm die Knochen!" und dann hörte man tatsächlich eine Säge laut knirschen.
    "Diese Gauner!" lachte Sepp, "aber woher kommt nur der Ton?" Sie sahen sich die Geschichte genauer an und entdeckten eine dünne Schnur, die aus dem Schrank führte, durch die Tür und über den Flur in einen Schrank gezogen war. Der Rest war ja nun eine Kleinigkeit. Als sie den Schrank öffneten, hatten sie bald die Ursache des Spuks entdeckt: ein Tonbandgerät stand ganz unten und lief still und friedlich ab, während drüben aus dem Schrank noch immer die schaurigen Töne erklangen. Sepp drückte auf eine Taste - aus war es mit dem Spuk! Er zog vorsichtshalber die Schnur aus den Buchsen und nahm sie mit ins Zimmer. Dann legten sie sich wieder in die Betten und schliefen ungestört.

    Der Mittwoch begann mit der Morgenwache in der Schlosskapelle. Danach gingen sie über den Hof zum Essraum, als einer aus der Spielrüste sie "ganz unauffällig" nach ihrer Nachtruhe fragte. Sepp blinzelte die anderen an: nichts verraten! Dann sagte er höflich: "0 danke, wir haben sehr gut geschlafen. Da hinten hört man ja keinen Ton, das ist der richtige Schlafraum für Leute mit schwachen Nerven."
    "Eins zu Null!" sagte der andere, und lachend gingen sie zum Kaffeetrinken.

    --zum Anfang--

    Herzliche Grüße

    Am Mittwochnachmittag wurden auf dem Kyffhäuser fünf Postkarten in den Briefkasten geworfen, die alle in dieselbe Stadt reisen sollten.

    Harry hatte geschrieben: "Liebe Eltern und Alfred! Eben haben wir dem alten Barbarossa einen Besuch gemacht und seine Burg besichtigt. Sie ist zwar verfallen, aber mir gefällt sie doch besser, als das Kyffhäuserdenkmal. Bald geht es weiter über Bad Frankenhausen in Richtung Erfurt. Wir haben uns über Thomas Müntzer unterhalten, weil vor uns das Schlachtfeld des Bauernkrieges liegt. Das gehört ja auch mit zur Lutherfahrt, und wir müssten in der Jungen Gemeinde einmal ausführlich darüber reden.
    Herzliche Grüße Euer Jürgen."

    Bobbi schrieb: "Hier oben ist es herrlich, man könnte immerzu nur knipsen. Das Mittagessen war wieder mal gut, es hat überhaupt immer geschmeckt, Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen.
    Herzliche Grüße Euer Horst."

    Auf Heinis Karte stand: "Je länger wir zusammen sind, desto besser verstehen wir uns.

    Morgen werde ich den dreien den Erfurter Dom zeigen, den kenne ich ja gut. Ich bin braun wie eine gut gebratene Rostbratwurst.
    Herzliche Grüße Euer Heini."

    Und bei Sepp hieß es: "Vati hat immer gesagt, ich würde den Ernst des Lebens schon noch kennenlernen. Ich kann Euch berichten, dass ich ihn heute kennengelernt habe, als wir die 37 Kurven zum Kyffhäuser hochschoben, und das bei 35° im Schatten! (Bobbi meint, das wäre übertrieben, mir kam es jedenfalls so vor.) Jetzt freuen wir uns auf die Abfahrt.
    Herzliche Grüße Euer Sepp."

    Eine Karte hatten sie alle zusammen geschrieben: "Lieber Herr Rechmann! Wenn Sie doch auch mal hier oben stehen könnten, das wäre eine bessere Aussicht, als aus Ihrem Fenster. Wir überlegen, wie wir jemand finden, der Sie hier herauffahren könnte. Betrachten Sie einstweilen als Anzahlung diese Karte, in Wirklichkeit ist die Aussicht noch viel schöner. Wir bringen viele Bilder mit. Herzliche Grüße Harry, Sepp, Bobbi und Heini."

    --zum Anfang--

    Studenten und Mönche

    Bis nach Erfurt hatten sie es am Mittwoch nicht mehr geschafft. Es war noch am Abend drückend heiß, und sie hatten ihre Zelte auf einem Feldweg an der Unstrut aufstellen müssen, einen anderen Platz hatten sie nicht gefunden. Diese Nacht würde ja nicht gerade ein Trecker kommen und sie überfahren. Heini war heute an der Reihe mit dem Abendsegen, er wollte sich nicht ausschließen. Harry gab ihm das Gesangbuch und sah, wie er darin herumschaute. "Hinten im Anhang steht es, so um die Seite 15 herum", rief er von den Fahrrädern herüber. Er war dabei, sie gut zuzudecken, weil es verdächtig nach Gewitter aussah. Heini hatte die Seite schon gefunden, aber jetzt stutzte er: "Nanu, was steht denn da in eurem Gesangbuch - das ist ja komisch!"
    "Was ist komisch?" fragte Sepp, und Heini las vor: "Des Abends, wenn du zu Bett gehst, magst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes." - Macht ihr denn das auch, ich habe das aber noch nie bei euch gesehen." Sepp war erstaunt: "Wo steht das? In unserem Gesangbuch? Zeig mal her! Tatsächlich, da steht es - wusstest du das auch schon, Harry?"
    Freilich wusste es Harry, er hatte es jedenfalls schon oft gelesen, aber wenn er ehrlich sein wollte - darüber nachgedacht hatte er noch nie. "Das macht doch niemand mehr", meinte Bobbi. "Aber warum eigentlich nicht?" fragte Heini wieder. Ja - warum machten sie es nicht - und warum hätten sie es machen sollen? Sie wussten es nicht. Sie waren beinah froh, dass es Zeit zum Schlafengehen war, heute konnte die Sache jedenfalls nicht mehr geklärt werden.

    "Nanu", knurrte Sepp mitten in der Nacht, "gibt es denn hier auch Tonbandgeräte?" Er lauschte - da war es wieder - aber unverkennbar echt: es donnerte! Das musste ja kommen nach diesem schwülen Tag. Schon wieder das dumpfe Rollen, jetzt hatte er sich aus seiner Decke gewickelt, die er sich immer bis über die Ohren zog. Ein Blitz zuckte, deutlich durch die dünne Zeltleinwand zu erkennen. Sepp zählte bis 12 da rumpelte es los - also ungefähr 4 km. Wieder ein Blitz, diesmal zählte er nur bis 8, das Gewitter kam näher. Der nächste Donner ließ darüber keinen Zweifel, er machte auch Harry wach. Der Regen rauschte los, und der Wind pfiff über das Zelt - hoffentlich hielten die Schnüre. "Hast du die Fahrräder gut zugedeckt?" fragte Sepp, und Harry brummte verschlafen: "Ja, zum Glück. Wenn es nur nicht einschlägt, wir liegen frei auf der Ebene." Daran hatte Sepp gar nicht gedacht, aber es stimmte. Nun war das Gewitter genau über ihnen; Blitz und Schlag - Blitz und Schlag. Da fuhren sie zusammen, das war ja kein Donner mehr! Es war, als stürzte neben ihnen ein Haus ein - was war das gewesen? Wenn man wenigstens mal den Kopf rausstecken könnte, aber dann würde ja das ganze Zelt nass. Der furchtbare Schlag war anscheinend das Ende des Gewitters gewesen, schon eine ganze Weile hatte es nicht gedonnert - und das jetzt war schon weiter weg. Der Regen ließ nach, man konnte sich einmal umsehen. "Hallo!" rief Harry, "ist bei euch was passiert?" Er atmete erleichtert auf, als Bobbi antwortete: "Kleine Pfütze von unten, sonst alles in Ordnung. Bei euch auch?" So war ja alles gut gegangen, und sie konnten den versäumten Schlaf nachholen.

    Einen nachträglichen Schreck bekamen sie am Morgen, als sie sahen, daß eine hohe Pappel halb in der Unstrut lag. Sie war vom Blitz getroffen und umgebrochen. "Das war unser Blitzableiter!" sagte Sepp. Die Unstrut sah lehmig aus und führte viel Wasser mit sich, mit einem Bad am Morgen war es nichts - also fuhren sie bald los in Richtung Erfurt. Harry hatte wieder die Morgenwache gehalten und sich den Morgensegen noch einmal genau angesehen. Jetzt fuhr er neben Heini - das war zwar verkehrswidrig, aber er musste mit ihm reden: "Du, ich habe mir das noch einmal überlegt, was du gestern abend sagtest. Im Gesangbuch stehen zwei verschiedene Dinge, ungefähr so: Du magst dich segnen mit dem Kreuz - und du sollst sagen: Das walt Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das ist doch ein Unterschied! Du magst - und du sollst! Vielleicht ist es so gemeint, das Luther denen, die daran gewöhnt waren, das äußere Zeichen lassen wollte - das magst du tun, wie du willst - aber die Hauptsache ist das andere, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser - das sollst du! Und wir machen das Kreuzeszeichen nicht, weil das nicht das entscheidende ist. Verstehst du?" Heini sagte nur: "Kann sein." Dann wurde der Verkehr stärker und sie mussten hintereinander fahren.

    Die Türme von Erfurt standen schon groß vor ihnen, da hielt Bobbi, der als erster fuhr, sie noch einmal an. An der Straße stand ein Schild mit der Aufschrift: Nach Stotternheim. "Da drüben war es, wo Luther beschloss, ein Mönch zu werden", erklärte er. "Das war auf dem Wege von Mansfeld nach Erfurt, als er in einem schweren Gewitter in Lebensgefahr war. Damals beschloss er, sein ganzes Leben in den Dienst Gottes zu stellen." Sie fuhren weiter, aber Harry musste immer daran denken, dass sie ja in der vergangen Nacht vielleicht auch in Lebensgefahr gewesen waren. Was hatten sie dabei gedacht - an Gott?

    Erfurt verlangte nun ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie waren froh, als ein Platz gefunden war, auf dem sie ihre Fahrräder abstellen konnten. Von Heini geführt, schlenderten sie durch breite Geschäftsstraßen zur Altstadt hin. Sie beschauten die Krämerbrücke, entdeckten die Studentengasse und lasen ein Schild mit der Aufschrift: Humanistenstätte Engelsburg in der Allerheiligenstraße. Das und vieles andere machte ihnen auf Schritt und Tritt deutlich, dass sie hier in einer alten Handels-, Universitäts- und Klosterstadt waren. Besonders interessierte sie natürlich das Augustinerkloster. Ein gemütlicher alter Herr führte gerade eine Schar Frauen, die mit einem Omnibus gekommen waren. Sie durften sich anschließen und besahen zuerst die große Hallenkirche, in der Martin Luther die Mönchskutte angelegt hatte. Ein altes Grabdenkmal hinter dem Taufstein machte auf die Freunde den größten Eindruck. Ein junger Mann war darauf in Stein abgebildet. Er war sehr sorgfältig, fast reich gekleidet und schaute nachdenklich vor sich hin. So ähnlich sah vielleicht der junge Luther auch aus, als er in Erfurt studierte. Er war zwar kein Patriziersohn, wie dieser junge Mann auf dem Grabstein, aber seine Eltern hatten ihn doch gewiss für die Universität ausgestattet, so gut sie konnten. Und hier in Erfurt hatte er eine reiche Welt kennengelernt.

    Hier hatte er begonnen, sich auf einen aussichtsreichen Beruf vorzubereiten und sich gewiss auch Pläne für die Zukunft gemacht. Und dann hatte er sich da vorn auf die Grabplatte vor dem Altar gelegt und war ein Mönch geworden.

    Was das für ihn bedeutete, begriffen sie erst richtig, als sie im Kreuzgang standen und oben die kleinen Zellenfenster sahen, von denen eins zur Lutherzelle gehörte. In diese kleine, enge Welt hatten sich junge Männer freiwillig eingeschlossen, um so Gott zu dienen - um seine Gnade zu verdienen! Was musste das für ein Entschluss gewesen sein - alle Aussichten aufzugeben und gegen diese Aussicht - die Aussicht auf die Gräber der verstorbenen Mönche im Hof des Kreuzganges einzutauschen. Die vier unterhielten sich leise, als Heini einwarf: "Aber Luther ist doch wieder aus dem Kloster gegangen. Er hat doch damit sein Versprechen gebrochen - oder nicht?" Da mischte sich der alte Herr ein: "Das hat er, und sogar ganz bewusst. Aber ihr könnt glauben, der zweite Entschluss war viel schwerer für ihn, als der erste. Er war ein Mensch, der ohne Kompromisse seinen Weg ging. Was er als richtig erkannt hatte, das führte er durch. So ging er nach dem Erlebnis von Stotternheim seinen Weg ins Kloster, auch gegen den Willen seines Vaters; und so verließ er es wieder, als er erkannte, dass dieser Weg nicht nach dem Willen Gottes war."

    "Ich kann mir nicht helfen", widersprach Heini, "warum soll es denn falsch sein, wenn ein Mensch sein Leben aufopfert? Das wollen doch die Mönche, sie wollen ganz für Gott leben. Ich könnte das sicher nicht, aber es imponiert mir. Ich bin nämlich katholisch!" setzte er für den alten Mann erklärend dazu, aber Bobbi mischte sich schon ein: "Das hat damit an sich nichts zu tun. Es muss natürlich immer Menschen geben, die ihr Leben aufopfern. Dass es die auch in der evangelischen Kirche gibt, kann ich dir vielleicht schon morgen zeigen. Aber bei den Mönchen hier ging es doch darum, dass sie sich den Himmel verdienen wollten - und dagegen ist Luther aufgestanden."
    "Richtig", sagte der alte Herr, "ihr scheint ja über Luther gut Bescheid zu wissen." Worauf Sepp wieder mal stolz antworten konnte: "Wir machen ja auch eine Lutherfahrt !"

    Am Nachmittag stiegen sie die breiten Stufen zum Domberg hinauf. "Mensch, haben die sich eine Arbeit gemacht!" staunte Sepp, als er die Arkaden sah, auf denen der Dom stand. An der Seite der Treppe war eine kleine Kanzel, die dem Reisleiter Bobbi Gelegenheit gab, wieder mal seine Kenntnis glänzen zu lassen: "Hier hat Tetzel den Ablass gepredigt Dann schlossen sie sich an eine Domführung an. Harry sah, dass der Leiter der Führung sich beim Eintritt in die Kirch vor dem Seitenaltar bekreuzigte und blickte schnell zu Heini hinüber. Auch der machte das Kreuzeszeichen, während man einigen Besuchern erst sagen musste, dass sie hier doch bitte den Hut abnehmen sollten. Dann standen sie bewundernd im Hohen Chor vor den 13 großen Bildfenstern. Diese "gläserne Bibel" hätten sie gerne noch länger betrachtet. Vor allen Dingen war es ihnen interessant, dass der Glasmaler die biblisch Geschichten ganz in seine Zeit hineingestellt hatte, so dass die Betrachter damals sich selber auf den Bildern wieder finden konnten. Nur so sollte man eigentlich die Bibel malen, meinten sie später, als sie sich auf der Weiterfahrt darüber unterhielten. Vorher hatten sie aber noch in der Severikirche gestanden, die ihnen mit ihren hohen Säulen wie ein lichter Buchenwald vorkam. "Ja, die Alten haben eben auch was gekonnt!" hatte Heini gesagt, und sie mussten ihm zustimmt Von Naumburg bis hierher mussten sie es immer wieder feststellen. Und diese alten Baumeister, Bildhauer, Maler und Glasbildner hatten mit ihrem Können Gott die Ehre geben wollen. Das sagte keiner von den Freunden - es wäre ihn sicher komisch vorgekommen, wenn einer so "fromm" geredet hätte - aber sie spürten es alle, als sie oben an der Gloriosa der großen Domglocke hoch über der großen Stadt standen, die im Dunst des Sommernachmittags unter ihnen lag.

    --zum Anfang--

    Dienstbarer Knecht

    "Was wolltest du uns heute denn zeigen?" Mit dieser Frage wandte sich Heini an den Reiseleiter Bobbi, der am Freitagmorgen neben ihm am Straßenrand saß und dicke Brotscheiben schnitt. Bobbi zuckte nur mit den Achseln - wie konnte man ihn bei einer so wichtigen Tätigkeit stören! Heini erinnerte ihn: "Als wir in der Augustinerkirche von den Mönchen redeten, weißt du nicht mehr? Du sprachst von Leuten, die ihr Leben aufopfern - du wolltest mir das heute zeigen - was meintest du damit?"
    "Ach, das meinst du?" Bobbi war wieder im Bilde. Er legte das Brot zur Seite und holte die Kartentasche vor: "Guckt mal hierher, Leute! Da liegt Mechterstädt, an der Straße von Gotha nach Eisenach. Dort habe ich etwas vor. In Mechterstädt gibt es nämlich ein kirchliches Pflegeheim, mit dem Ernst Rechmann schon mal in Verbindung gestanden hat. Ihr wisst doch, dass er sich immer Sorgen macht, ob seine Mutter die Arbeit noch schaffen kann. Vielleicht wird er einmal dort aufgenommen. Er hat mich nun gefragt, ob wir durch diese Gegend kämen. Dann sollten wir doch einmal hineinsehen und ihm davon erzählen. Was meint ihr dazu?" "Bobbi, eine Fahrt mit dir bringt lauter Überraschungen!" sagte Harry. "Manchmal sind sie sogar gut - und das Pflegeheim sehen wir uns natürlich an. Das heißt, wenn sie uns
    reinlassen - oder hast du uns schon wieder angemeldet?" Das hatte Bobbi allerdings nicht, aber er hoffte doch, dass es klappen würde. Nachdem dies geklärt war, konnte er erst mal seine Brote fertig schmieren. Nach dem Frühstück schwangen sie sich wieder auf die Räder. Links der Straße hoben sich die drei Gleichen aus der Ebene, dahinter grüßten schon die Höhen des Thüringer Waldes. Dort wollten sie auch noch herumfahren.

    Gotha wurde erreicht und ohne langen Aufenthalt durchquert. Als sie hinter Gotha einen langen Berg hochschoben und dabei nebeneinander kamen, fragte Sepp den Bobbi: "Na, du wanderndes Lexikon, über Gotha und Luther weißt du wohl nichts?" Aber der war nicht zu erschüttern: "Erstens bin ich ein radfahrendes Lexikon, und zweitens kann ich über diese Geringschätzung meiner Fähigkeiten nur lächeln." Er zog sein Notizbuch aus der Brusttasche und las: "Luther auf der Reise nach Marburg predigt in Gotha, Myconius schließt sich an! Was sagst du nun?"
    Großartig - aber wer ist Myconius, und warum reisen sie nach Marburg? "Wenden Sie sich an das Auskunftsbüro, es steht zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Ihrer Verfügung!" Bobbi rief den beiden anderen, die hinter ihnen herschoben, zu: "Kommt mal einen Augenblick ran, sonst muss ich alles zweimal erklären.


    Also hier auf dieser Strecke ist der Martin Luther nach Marburg gereist, weil er sich dort mit dem Schweizer Reformator Zwingli treffen wollte. Die beiden hatten eine verschiedene Auslegung der Abendmahlsworte und wollten sich darüber aussprechen. Und in Gotha hat sich der Pfarrer Myconius an die Reisegesellschaft angeschlossen. Merkt ihr nun endlich, was ihr für einen guten Reiseleiter habt?" "Is scho recht", sagte Sepp, "dafür kriegst auf der Wartburg Bockwurst auf meine Kosten. Aber erst musst du noch eine Frage beantworten - wenn du kannst! Was ist denn bei der Aussprache in Marburg rausgekommen?"
    "Nicht viel, leider! Die Reformation ging zwei verschiedene Wege, was sich noch heute darin auswirkt, dass wir eine lutherische und eine reformierte Kirche haben."
    "Und die Evangelische Kirche der Union, in der beide eine Einheit gebildet haben!" ergänzte Harry, "aber alle gehören sie zur Evangelischen Kirche."

    Dann hatten sie die Höhe erreicht und fuhren wieder abwärts in Richtung Mechterstädt. Das Dorf lag schon vor ihnen, da senkten sich

    die Bahnschranken, und sie mussten noch einmal absteigen. Neben ihnen hielt ein Kuhgespann, auf dem Wagen saß ein alter Bauer. Bobbi fragte ihn: "Wissen Sie, wo hier das kirchliche Pflegeheim ist?" Der drehte sich bedächtig um und sagte: "Das werd ich wohl wissen. Den Bodelschwingh-Hof kennt in Mechterstädt jeder. Ihr wollt wohl jemand besuchen?"
    "Das nicht", sagte Bobbi, "wir möchten ihn nur gerne mal kennenlernen, ob das wohl geht?" Der alte Bauer meinte, das würde sicher gehen und beschrieb ihnen den Weg etwas umständlich, aber ganz genau. Etwas neugierig war er auch und wollte nun noch wissen, woher und wohin. Sie hatten ja Zeit, denn der Zug ließ noch auf sich warten, und so beschrieben sie ihm ihre Fahrt und erzählten von ihren weiteren Zielen. Der Alte nickte: "Keine schlechte Idee! Ich habe immer gedacht, die Jugend von heute hätte für sowas nichts mehr übrig." Weiter konnte er nichts mehr sagen, denn eben brauste der Zug vorüber. Die Schranken hoben sich, er wünschte ihnen noch gute Reise, sie dankten und fuhren zum Bodelschwingh-Hof.


    Nach der Beschreibung musste es das Haus dort sein - aber ob das stimmte? Das sah ja aus, wie eine Gärtnerei, Beete mit vielen Bäumchen waren da und sogar ein Gewächshaus. Aber dann lasen sie das Schild und sahen, dass sie an der richtigen Stelle waren. Im Garten war ein junger Mann, er kam auf sie zu, und sie konnten ihn fragen, ob sie wohl das Heim einmal besehen dürften. Bobbi richtete seine Grüße von Ernst Rechmann aus, an dessen Anfrage der junge Mann - es war, wie sich herausstellte, der Hausvater - sich auch noch erinnerte. "Viel Zeit habe ich gerade nicht, aber kommt mal mit." Das ist aber ein junger Vater, mussten sie denken, und die Kinder sind meist viel älter. Sie erfuhren, dass das Pflegeheim mit 44 Insassen belegt war, sie sahen in ein Zimmer und Harry sagte einen Gruß von der Jungen Gemeinde. Dann gingen sie durch die große Obstbaumpflanzung, wo einige der Pfleglinge an der Arbeit waren und andere, wohl arbeitsunfähig, auf einer Bank saßen und ihnen zusahen. Und zwischen allen, wirklich wie ein Vater, der junge Mann. Er trug am Rockaufschlag ein kleines Kreuz mit einem D daran. Sepp dachte zuerst, es wäre das Bekenntniszeichen der jungen Gemeinde, aber dann erkannte er den Unterschied und fragte nach seiner Bedeutung.
    "Das ist das Zeichen der Diakonie", sagte der Hausvater, "habt ihr das noch nicht gesehen?" Es war ihnen jedenfalls kennen. "Wer hilft Ihnen denn nun bei der Leitung dieses Heimes?" wollte Sepp wissen, "das macht doch eine Menge Arbeit!" Sie fuhren, dass für den Garten ein Fachmann zuständig sei, dass aber die Leitung des Pflegeheimes der Hausverwalter allein zu bewältigen habe, wobei die Pfleglinge zu helfen hätten, so sie es könnten.
    "Dann haben sie aber genug zu tun - und die Verantwortung für
    die vielen Leute! Wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen?" fragte Heini.
    "Das steckt doch schon in dem Wort Beruf drin", gab der Hausvater zur Antwort. "Man hört einen Ruf, und dann folgt man - oder man folgt nicht. Ich meine, dass Gott mich hierher gerufen hat - vielleicht ist das zu bescheiden ausgedrückt. Jedenfalls glaube ich, dass er mich hier brauchen kann." "Hatten Sie früher eine andere Arbeit?" wollte Sepp nun wissen, und der Hausvater berichtete: "Viele Diakone hab einen anderen Beruf erlernt, manche haben auch schon verdient; aber dann sind sie dem Ruf gefolgt, den sie gehört haben."
    "Siehst du, Heini, das meinte ich gestern im Augustinerkloste r sagte jetzt Bobbi. Dann wandte er sich erklärend an den Hausvater: "Wir sprachen nämlich von den Mönchen und davon, dass es heute in der evangelischen Kirche auch Menschen gibt, die ihr Leben aufopfern."
    "Wir wollen nicht so große Worte gebrauchen", meinte Hausvater. "Wir nennen uns Diakone, d. h. wir wollen dienen. Aber gerade im Dienst erfahren wir immer wieder, dass wir eigentlich die Beschenkten sind. Denn der große Diakon steht an unserer Seite. Da oben seht ihr sein Zeichen über dem Haus. Ihr seid auf einer Lutherfahrt - da könnt ihr euch einmal ein Wort von Martin Luther merken: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht - und in demselben Satz: Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge."

    Sie würden diese Worte nicht vergessen, das wussten sie, als die Fahrt in Richtung Eisenach weiterging. Sie hatten sich herzlich bedankt und vom Hausvater noch einen Tipp bekommen. Bei Wutha, so hatte er ihnen gesagt, sei ein weiteres Pflegeheim mit einem großen Park, vielleicht könnten sie dort ihre Zelte aufbauen.

    --zum Anfang--

    Der Tintenfleck ist weg

    "Was, schon wieder Sonnabend?" stellte Harry erstaunt fest, als er am nächsten Morgen im Büro des Hausvaters der Elisabethenhöhe bei Wutha stand. Die Woche war ihnen wie im Fluge vergangen. Jetzt wollte er sich verabschieden und bedanken, denn sie hatten ihre Zelte auf einem freien Platz hinter dem Pflegeheim aufbauen dürfen. Und viele Zuschauer hatten sie beim Auf- und Abbau gehabt, junge und ältere Männer, Körperbehinderte und Geistesschwache. Sie alle passten sehr genau auf, das war mal eine Abwechslung; und jeder musste auch zum Abschied die Hand gereicht bekommen. "Also vielen Dank für die Aufnahme!" sagte Harry, und Sepp fügte zu: "Und vielen Dank dafür, dass wir einmal ihre Arbeit sehen durften. Wir haben gemerkt, wie schwer es ist - und eigentlich weiß man doch viel zu wenig davon."

    Und wieder einmal rollten die Räder, aber heute nur für eine kurze Strecke. Eisenach lag ja schon vor ihnen. Da tauchte hinter einem Berg die Wartburg auf - sie wurde mit einem Freudengeheul begrüßt. "Wir fahren zuerst zur Wartburgherberge, da werden wir über Nacht bleiben", sagte Bobbi. "Vielleicht können wir auch die Räder dort abstellen und zu Fuß zur Wartburg gehen!" Er fuhr davon, die Wartburgherberge sollte in der Nähe des Lutherhauses liegen und das wieder gleich am Markt - das würde doch zu finden sein - schließlich hatte er ja seine Stadtpläne studiert. Aber komisch, immer wenn er in eine Straße einbiegen wollte, war es eine Einbahnstraße, so dass er ganz verwirrt wurde. Es half nichts, er musste fragen, und sie kamen schließlich aus einer ganz anderen Richtung auf den Markt.

    Als sie endlich vor der Wartburgherberge, einem altertümlichen Haus mit kleinen Fenstern, standen, sagte Sepp: "Eigentlich müsstest du auf der Wartburg zwei Bockwürste kriegen. Aber ich glaube, die Rundfahrt durch Eisenach stand gar nicht auf deinem Programm. Wahrscheinlich war sie auch gar nicht nötig, wenn wir nämlich von dieser Seite gekommen wären." Die anderen lachten, und Bobbi knurrte: "Warum hast du das nicht vor einer halben Stunde gesagt? Jetzt weiß ich es selber." Er war ja nicht empfindlich, aber auf seine Ehre als Reiseleiter ließ er nichts kommen. Jedenfalls waren sie jetzt da, und der Tag lag noch vor ihnen.

    In der Herberge hielten sie sich nicht lange auf, es drängte sie zur Wartburg. Der Herbergsvater - auch er trug das Zeichen der Diakonie am Rockaufschlag - beschrieb ihnen den kürzesten Weg, denn den wollten sie wissen. Vorbei an der Post und an Luthers Schule und dann den Schlossberg hinauf, immer geradeaus! Zur Post wollten sie sowieso, vielleicht gab es etwas abzuholen. Am Schaltet für postlagernde Sendungen lag auch einiges, für Harry ein dicker Brief und für Sepp eine Zahlkarte. Als er das Geld abgeholt hatte, sagte er zu Bobbi: "Die versprochene Bockwurst ist gesichert, mein Onkel hat mir einen Reisezuschuss geschickt!" Sie rissen die Briefe unterwegs auf, jetzt hatten sie keine Ruhe dafür. Nur ein kurzer Blick hinein, dann ging es weiter. Hinter der Post lasen sie eine Tafel, die daran erinnerte, dass hier Martin Luther zur Schule gegangen war. Und nun begann der Aufstieg zur Wartburg - steil hinauf! "Und das nennt der Herbergsvater "Immer geradeaus!" stöhnte Sepp und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Als sie endlich auf der Zugbrücke standen, meinte er: "Das ist sicher die Stelle, an der Luther gesagt hat: "Hier stehe ich, ich kann nicht mehr!" Worauf Bobbi lachend sagte: "Also Sepp, über deine Kenntnisse kann man nur staunen." Sie hatten ja schon viele Bilder von der Wartburg gesehen - aber daß sie nun selber hier auf dem Burghof standen, das war doch eine große Sache! Bobbi knipste, Sepp bestaunte die alten Kanonen, Heini konnte sich nicht von dem Brunnen trennen, und Harry fütterte die Tauben. Überall gab es etwa zu sehen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich in ein Führung einreihen konnten - wo kamen nur die Menschen alle her? Sepp wollte schon ungeduldig werden, als Bobbi meinte "Wenn du nicht warten kannst, darfst du eben nicht auf die Wartburg gehen!" Endlich war es soweit, und sie gingen durch die alten Räume, standen in der Kapelle, sahen die Bilder aus dem Leben der Heiligen Elisabeth und kamen zum Schluss über einen engen Wehrgang zur Lutherstube. Als sie in den kleinen Raum traten, waren sie überrascht: So eng hatten sie. sich das nicht gedacht.

    Wieder einmal wurde ihnen etwas deutlich, was sie bis jetzt noch nicht so begriffen hatten. Luther war ja kein Ehrengast auf der Wartburg - er war wie ein Gefangener eingebracht worden - und wie eine Gefängniszelle sah diese Stube auch aus - bis auf den Blick aus dem Fenster, der weit über das Land ging. Neugierig fragten einige Besucher: "Wo ist dem der Tintenfleck? Hier hat doch Martin Luther dem Teufel das Tintenglas an den Kopf geworfen." Aber die Fremdenführerin, die sie in die Lutherstube gelassen hatte, erklärte: "Die Geschichte vom Tintenfleck ist eigentlich nur durch ein Missverständnis entstanden. Luther hat einmal gesagt, er habe auf der Wartburg mit der Tinte den Teufel vertrieben. Damit meinte er seine Arbeit an der Bibelübersetzung - das hat man wörtlich genommen und daraus die Tintengeschichte gemacht."

    "Früher war der Tintenklecks aber doch zu sehen", wusste einer. Die Führerin erklärte, dass man ihn tatsächlich an die Wand gemalt hatte - aber jetzt lege man Wert, darauf, nichts Unechtes auf der Wartburg zu zeigen.

    So schlicht der Raum auch war, die Lutherfahrt harte hier einen Höhepunkt erreicht. Zwischen diesen Wänden hatte Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments gesessen - und wenn er einmal aufgeblickt hatte, dann sah er diese Landschaft vor sich, die sie jetzt auch sehen konnten.

    Als sie etwas später im Hof der Wartburggaststätte saßen und zu den Fenstern der Lutherstube hochschauten, sagte Sepp: "Es ist halt doch ein Glück, dass sie den Luther hier heraufgebracht haben. Sonst wäre ich nie auf den Einfall gekommen, die Lutherfahrt zu machen. Wisst's noch das Datum? Aber ohne Notizbüchel, Bobbi!" Bobbi sah ihn nur überlegen an und sagte lässig: "4. Mai 1521, das weiß doch jeder Mensch!" Da sie wieder einmal warten mussten - diesmal auf das Essen - taten sie das, was hier oben alle taten: sie schrieben Postkarten. Jetzt war es auch Zeit für Harry, den dicken Brief einmal eingehend zu betrachten. Alle hatten ihm etwas hineingeschrieben, sogar Klein-Alfredo. Aber das hier ging sie alle an: "Hört mal her, Ernst Rechmann geht es nicht gut."

    Erstaunt sahen sie auf, und Harry las vor, was sein Vater ihm geschrieben hatte: "Gestern rief mich Herr Rechmann zu sich, Er hatte gerade Eure Karten dem Dieter Wolf gezeigt, der seine Posaune bei ihm einstellen wollte. Er hatte wohl vor, noch ins Kino zu gehen, und da war sie ihm im Wege. Dieter ging, und Herr Rechmann ließ mich die Karten sehen. Aber mit einem Male fragte er: "Sagen Sie mir mal, was mein Leben eigentlich für einen Sinn haben soll. Die haben alle ihre Arbeit, sie - leisten etwas, aber ich sitze nur hier herum. Was denken die eigentlich von mir?" Ich versuchte, ihm klarzumachen, dass gerade die jungen Leute, die ihn hier kennenlernen, eine Aufgabe für ihn sein könnten. An ihm könnten sie sehen, was für ein Geschenk die Gesundheit ist, die sie so selbstverständlich hinnehmen, als könnte es gar nicht anders sein. Von ihm könnten sie geduldiges Tragen lernen; ob er nicht versuchen wolle, sein Leiden einmal so zu sehen. Aber er meinte: "Dazu müsste man ein Heiliger sein, und das bin ich nicht. Ich meine immer, es wäre besser, wenn mich der liebe Gott bald wegnähme, hier mache ich doch nur den anderen Arbeit und bin zu nichts nütze!" Ich war ganz erschrocken, so hatte ich ihn noch nie erlebt. Dann versuchte ich, ihm etwas von Paulus zu erzählen, dem Gott auf sein Gebet geantwortet hatte: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

    - Denkt bei all dem Schönen, das ihr erlebt, auch daran, dass es ein unverdientes Geschenk ist, wenn ihr gesund seid und soviel Freude haben könnt." Harry steckte den Brief wieder ein; er wollte heute noch an Ernst Rechmann schreiben, aber er hatte etwas Angst davor - wenn man nur immer wüsste, wie man sich ausdrücken soll. Als sie wieder in der Stadt waren, blieb Sepp plötzlich vor einem Papiergeschäft stehen: "Moment mal, das kann ich gerade gebrauchen!" und schon war er in der Tür verschwunden. Sie warteten, nach kurzer Zeit kam er wieder heraus und hatte ein kleines Päckchen in der Hand: "Das bringe ich jetzt auf die Post und schicke es an Ernst Rechmann." Nun waren sie natürlich neugierig und ließen nicht nach, bis er das Päckchen noch einmal ausgepackt hatte. Es war eine gerahmte Karte, auf der handgeschrieben stand: "Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott durch ihn eine Tat tun will. Martin Luther." Harry wäre ihm beinah mitten auf der Straße um den Hals gefallen: "Sepp, du bist ein Pfundskerl. Das wollte ich dem Ernst schreiben, ich wusste nur nicht wie!"

    "Das ist nun das vierte", stellte Sepp fest, als sie am Nachmittag vor dem Eisenacher Lutherhaus standen. Hatte es überhaupt einen Zweck, da auch noch hineinzugehen? Was konnte ihnen das Haus der Frau Cotta wohl bieten, wo sie schon soviel gesehen hatten! Aber nach einiger Zeit dachten sie ganz anders. Die kleinen Kämmerchen, in denen der junge Martin gewohnt haben sollte, und auch die Lutherausstellung konnten ihnen nicht viel Neues mehr zeigen. Dann stiegen sie die Treppe zum Obergeschoß hoch, und hier lernten sie etwas kennen, was zwar nicht direkt von Luther stammte, aber doch aus seinem Werk hervorgegangen war. Es war die Ausstellung "Pfarrhaus und Volk". Sie hatten ja bis jetzt keine Ahnung gehabt, was für eine Menge bedeutender Männer aus Wissenschaft und Kunst aus evangelischen Pfarrhäusern stammte. Es klang wohl etwas spöttisch, als Sepp sagte: "Mensch, Harry, dann hast du ja Aussicht, auch mal was zu werden!"

    Am Abend - sie saßen schon auf ihren Betten, nur Harry schrieb noch in seinem Tagebuch - sagte er zu Heini hinüber: "Du, Heini, eins musst du uns zugeben: es hat doch was sich, dass unsere Pfarrer eine Familie haben dürfen." Ehe Heini antworten konnte, warf Sepp ein: "Darum hast du wohl heute auf der Wartburg die bewusste Postkarte geschrieben, die wir nicht zu unterschreiben brauchten. Ich mache jede Wette, die ging an ein weibliches Wesen mit Namen Renate." Und Bobbi rief: "Guck mal, er wird ganz rot!" Harry war tatsächlich etwas ärgerlich: ."Seid froh, dass mein Kugelschreiber kein Tintenfass ist, sonst gäbe es jetzt einen echten Tintenklecks in der Wartburgherberge." Worauf Bobbi im echten Fremdenführerton antwortete: "Der Tintenklecks ist nur ein Missverständnis! Du wirst doch Martin Luther nicht überbieten wollen!"

    --zum Anfang--

    War das nur Zufall?

    "Geh' aus, mein Herz und suche Freud", so bliesen die Posaunen vom Turm der Georgenkirche, als die drei auf dem Eisenacher Markt standen. Harry musste an den Himmelfahrtstag denken, an dem er mit schweren Quartiermeistersorgen durch dass Kirchgässchen gegangen war. Damals hatte er Heini kennengelernt - und heute hatten sie sich zum ersten M auf ihrer Fahrt getrennt. Heini war in seine katholische Kirche gegangen, und sie hatten den Gottesdienst in der Georgenkirche besucht. Danach trafen sie ihn am Marktbrunnen, wo er schon wartete. Auf dem Brunnen stand wieder Sankt Georg, den sie schon von Mansfeld her kannten. Sie zeigten Heini noch das Bachstandbild in der Vorhalle der Kirche, dann bummelten sie durch die Stadt. Heute hatten sie Zeit, sie wollten den Tag hier bleiben und Eisenach kennenlernen. Bobbi wollte vor allen Dingen ein Bild von der Drachenschlucht haben. "Und von morgen an geht die Badereise los", sagte er, "wir machen nur noch kurze Strecken und aalen uns jeden Tag!" Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

    Am Montag überfuhren sie zum ersten Male den Rennsteig bei der Hohen Sonne und ließen dann die Räder nach Wilheltnsthal hinunterlaufen. Nach zwei Tagen zu Fuß kam es ihnen vor, als rollten die Räder noch einmal so gut. Aber bald bogen sie wieder von der Hauptstraße ab, sie wollten Luthers Stammheimat Möhra aufsuchen.

    Kupfersuhl hieß der nächste Ort - das erinnerte sie daran, dass Luthers Vater hier auch schon Bergmann gewesen war, ehe er nach Eisleben zog. Und da sahen sie auch wieder die kleinen Halden zwischen den Feldern. Aber hier war die Industrie erloschen, während sie in Eisleben und Mansfeld aufblühte. So war auch Möhra, in das sie eben einfuhren, ein richtiges Bauerndorf. Hatte nicht Luther einmal gesagt, dass seine Vorfahren rechte Bauern gewesen seien? Und da stand er ja selber - ein großes Denkmal vor den Bauernhäusern und der alten Kirche.

    Das war mal wieder was für Bobbis Fotoapparat, aber diesmal wollte er auch selber mit aufs Bild. So rief er einen Jungen heran, der neugierig zusah und fragte ihn, ob er wohl mal knipsen könnte. Das ging natürlich gut, und nach der Aufnahme fragte Sepp: "Gibt es hier in Möhra eigentlich den Namen Luther noch?"
    "Ich heiße ja selber so!" sagte der Junge, aber als Sepp weiter fragte, ob vielleicht sogar Martin, da lachte er: "Nein, nur Manfred." Bobbi hatte inzwischen von ihnen eine Aufnahme gemacht und meinte: "Dann schreibe ich einfach unter das Bild M. Luther, das genügt auch. Und du kriegst einen Abzug!" Er schrieb sich die Anschrift auf und weiter ging es.

    Es war heute wieder eine Hitze, kam etwa noch ein Gewitter? Da hinten sah es bedenklich schwarz aus - und wie schnell die Wolken näherkamen. Sie schnallten die Regenmäntel ab und beeilten sich, das nächste Dorf zu erreichen. Und ausgerechnet da - so ein Pech! - gab es bei Heini einen Ruck, und das Rad stand still. Die Kette war abgesprungen und hatte sich im hinteren Zahnrad verklemmt. "Schraub die Mutter los, beeil dich!" rief Sepp, "sonst kommen wir in das Gewitter." Tatsächlich, die schwarzen Wolken kamen mit Windeseile näher, ganz schwarz wurde es, und die Bäume bogen sich unter einem plötzlichen Windstoß. Heini schraubte und schwitzt endlich lockerte sich die Kette, und er konnte sie wieder auflegen. Schnell noch die Mutter fest und auf die Räder. Ab da - was war das - wie ein Wirbel kam es über die Felder gezogen, und dort vorn, ein paar hundert Meter nur von ihnen brach und knirschte es - ein, zwei, drei Bäume wurden fast in die Luft gehoben und krachten dann mitten auf die Straße. "Runter von den Rädern!" schrie Harry - "weg von der Straße!" Aber der Wirbel zog schon weiter und ihm folgt der Wolkenbruch. Ein Glück, dass die Mäntel bereit waren, sonst wären sie bis auf die Haut nass geworden. Sie fuhren bis zu den umgebrochenen Bäumen - da war auch ein Leitungsmast geknickt und die Drähte hingen tief herunter - manchmal schlugen sie zusammen und es gab knisternde Funken. "Vorsicht, Leute, das ist Hochspannung!" warnte Sepp, und sie machten mit ihren Rädern einen großen Bogen. "Mensch, wenn die Kette nicht abgesprungen wäre", fiel es Harry mit einem Male ein, "wir hätten mitten in der Windhose gesteckt, und was dann von uns übriggeblieben wäre, das könnt ihr euch denken." Sie fuhren so schnell sie konnten ins nächste Dorf und sagten Bescheid, wie es da draußen aussah. Auch hier lagen Ziegelbrocken auf der Straße, aber der Sturmwirbel hatte das Dorf nur gestreift. Wo sollten sie wohl heute ihre Zelte aufstellen, es war doch alles durchweicht?

    Nach einer halben Stunde Fahrt merkten sie, dass sie sich darum keine Sorge zu machen brauchten - die Nässe war mit einem Male wie abgeschnitten und in der Gegend von Liebenstein war kein Tropfen gefallen. Am Abend saßen sie an einem Waldrand vor ihren Zelten und sprachen den Abendsegen. Harry war wieder an der Reihe, aber ehe er anfing, sagte er nachdenklich: "War das nun Zufall heute, dass dir gerade in richtigen Moment die Kette abspringen musste - oder was war es?" Sie sahen sich an, keiner gab eine Antwort, es wurde wohl auch keine erwartet. Aber ganz anders als sonst sprachen sie heute das Gebet: "Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesum Christum, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast."

    --zum Anfang--

    Ein Neger in Hinterbergen

    Noch einmal ging es den Thüringer Wald hoch - das Unwetter von gestern hatte die Luft abgekühlt, es roch nach Harz und Holz - da konnte ihnen Bobbi wieder etwas zeigen. An der Landstraße, die von Bad Liebenstein nach Ruhla führt, nicht weit vom Rennsteig stand ein Denkmal - wie eine gotische Kirchturmspitze sah es aus. Bobbi hielt an und sagte fast feierlich: "Das ist nun die Stelle, an der Luther am 4. Mai 1521 gefangengenommen wurde. Von hier aus haben sie ihn auf die Wartburg gebracht." So hatten sie nun endlich den Platz erreicht, der damals, am ersten Abend in der Turmstube ihre Phantasie beschäftigt hatte. Jetzt konnten sie auch von hier Bilder mit nach Hause bringen. Sie hielten sich eine ganze Weile auf und malten sich aus, wie wohl der Überfall vor gegangen war. Dann schoben sie ihre Räder bis auf die Höhe und bogen in den Rennsteig ein. Heute wollten sie weiter nichts mehr, als nur die klare Höhenluft genießen.

    Am nächsten Morgen aber passierte es: Sepp hatte die erste richtige Panne - ausgerechnet Sepp, der auf sein gutlaufendes Fahrrad so stolz war. Sie fuhren einen Waldweg entlang, Sepp kam wohl zu nah an die Kante, an der große Felsbrocken lagen. Mit einem Male gab es einen Ruck, er fiel beinah vom Rad - es knirschte und sein rechtes Pedal

    war abgebrochen. "Und ich hatte alles so gut nachgesehen!" sagte Sepp und besah sich den Schaden. Ja, was war da zu machen? Sie mussten sehen, wie sie zu einem neuen Pedal kamen. Das konnte im nächsten Ort geschehen - also weiter. Sepp schob sein Rad, die anderen fuhren langsam nebenher. Sie kamen um die Biegung und sahen einen Lastwagen mit Anhänger halten.

    "Fahren sie nach Hinterbergen?" fragte Sepp, "und können Sie mich mit meinem Rad mitnehmen?" Der Fahrer hatte gleich gesehen, was da los war: "Schmeiß die Karre auf den Anhänger und setz dich dazu", sagte er. "Aber du musst dich den Fußboden setzen, sonst darf ich dich nicht befördern." Sepp war froh, dass er nun das Rad nicht den ganzen Weg zu schieben brauchte. "In Wolken gehüllt fährt er von dannen sagte Bobbi - und wirklich, so sah es aus. Ein dicke, schwarze Staubwolke stieg auf, als der Wagen den Waldweg entlangholperte - er hatte anscheinend Kohlen gefahren. drei fuhren nach und waren eine halbe Stunde später in Hinterterbergen. Nach Sepp brauchten sie nicht lange zu suchen. Er stand auf einem kleinen Platz und war umringt von einer großen Schar Kinder, die ihn neugierig betrachteten. Sie merkten auch gleich, warum er so eine Anziehungskraft besaß lachten sich beinah kaputt.


    ‚Hast du dich schon mal im Spiegel besehen?" fragte Heini und hielt ihm auch schon seinen Taschenspiegel vor das Gesicht. Sepp warf nur einen Blick hinein, dann brüllte er los: "0 Heimatland! Grüß Gott, du kleines Negerlein!" Er sah buchstäblich kohlschwarz aus - der Kohlenstaub hatte sein ganzes verschwitztes Gesicht überzogen. Als er nun doch die weißen Zähne fletschte und mit den Augen rollte, hätte ihn gewiss niemand für einen ganz harmlosen Mitteleuropäer gehalten.
    "Deswegen haben die alle so geguckt - und ich meinte, das wäre nur Mitleid mit meiner Panne", lachte Sepp, "na, die werde ich aber enttäuschen." Es dauerte auch nicht lange, und er hatte sich an einer Wasserleitung wieder in einen Weißen verwandelt. Bobbi hatte inzwischen einen Laden entdeckt, in dem es Pedale zu kaufen gab - aber das Problem fing erst an. Das Gewinde steckte noch im Pedalarm und war nicht zu fassen. Was nun?

    "Schick sie doch zum Vetter Hermann", sagte ein Käufer, der die ganze Geschichte mit anhörte, "der kann das abgebrochene Stück sicher rauskriegen." Der

    Ladeninhaber beschrieb ihnen den Weg, und bald darauf standen sie vor einem Haus ans Ende des Dorfes. Sie klingelten und fragten den älteren Mann, der aus dem Fenster schaute: "Wohnt hier der Herr Vetter?" Der machte ein bedenkliches Gesicht: "Was für ein Vetter?" wollte er wissen. Sie konnten ihm nur die Sachlage erklären, worauf aus dem bedenklichen ein lachendes Gesicht wurde. "Bei uns heißt jeder ältere Mann Vetter!" erklärte er ihnen und dann besah er den Schaden. Aus dem lachenden Gesicht wurde nun wieder ein bedenkliches: "Das werde ich rausbohren müssen - und dazu brauche ich Zeit. Im Augenblick muss ich erst noch eine Arbeit fertigmachen, auf die schon jemand wartet. Wohin wollt ihr denn heute noch?" Sepp musste mal wieder erzählen, der "Vetter" wollte alles genau wissen. Dann machte er einen Vorschlag: "Wenn ihr euch so für Luther interessiert, dann müsst ihr auch mal unsere Lutherbuche aufsuchen. Geht doch zu unserem Pfarrer, der wird euch das genau erklären - und heute nachmittag könnt ihr das Rad wieder abholen!"


    Ja, das wollten sie machen, sie mussten sich nun eben fügen. Nach einigem Zögern gingen sie zum Pfarrhaus, und sie hatten Glück. Der Pfarrer kam gerade aus dem Dorf, und sie trafen ihn vor der Haustür. Er war noch sehr jung, aber er trug einen schwarzen Anzug mit Eckenkragen -. mitten in der Woche! Sepp sah Harry von der Seite an und zog die Augenbrauen hoch: "Hochvornehm!" sollte das wohl bedeuten. Sie stellten sich vor und wurden mit ins Haus genommen.

    Erstaunt sahen sie auf, als er sie unvermittelt fragte: "Könnt ihr kochen?" Die Erklärung für diese Frage kam gleich hinterher: "Ich wohne hier nämlich vorläufig noch alleine, und die Gaststätte hat heute Ruhetag. Ein paar Eier habe ich gestern geschenkt bekommen, und Kartoffeln habe ich auch. Daraus machen wir uns jetzt ein Mittagessen, und dann gehen wir zusammen zur Lutherbuche. Aber jetzt muss ich mich erst mal umziehen, heute früh hatte ich ein Krankenabendmahl im Dorf." Er zeigte ihnen die Küche und war verschwunden.

    "Das geht ja wie geschmiert", sagte Sepp, und sie machten sich an die Arbeit. Die Kartoffeln waren schon geschält und standen auf dem Ofen, als der Pfarrer wieder eintrat. Sepp hätte beinah wieder seinen Lieblingsausdruck gebraucht: "Da legs di nieder!" Der sah ja zünftig aus - Lederhose und Sporthemd hatten den schwarzen Anzug abgelöst, er wirkte jetzt wie einer von ihnen. Mit seiner Hilfe. war bald ein gutes Mittagessen fertig, und ehe sie es richtig begriffen hatten, saßen sie um den Mittagstisch, als gehörten sie schon immer zusammen. Sie machten sich danach gemeinsam ans Aufwaschen, und dann ging es los. Weithin sichtbar stand auf einem steilen Berg ihr Ziel, die Lutherbuche. "Mit Luther selbst hat sie natürlich nichts zu tun, so alt ist sie noch nicht", erklärte

    der Pfarrer. "Sie ist einmal zu einem Reformationsjubiläum gepflanzt worden, und wir hatten seitdem am Himmelfahrtstag hier oben immer einen Waldgottesdienst."

    Er gab ihnen sein Fernglas und ließ sie sich umsehen. Ganz weit hinten am Horizont sahen sie deutlich die Umrisse der Wartburg. "Und nun seht mal nach der anderen Seite! Wir haben heute ein selten klares Wetter, seht mal den langen Bergrücken und darauf den Turm. Das ist das Buchenwaldehrenmal bei Weimar. Da seht ihr von einem Platz zwei Orte in Thüringen, von denen ein Zeugnis ausgegangen ist, weit über unsere Grenzen. Dort auf der Wartburg hat einer gesessen, der war geächtet und gebannt, und hat die Bibel übersetzt. Und dort hat ein Gefangener unter Einsatz seines Lebens sich zu dieser Bibel bekannt und seinen Mitgefangenen Bibelworte zugerufen: der Prediger von Buchenwald."

    "Paul Schneider!" sagte Harry. "Wir haben in der Jungen Gemeinde von ihm gesprochen." Da fiel dem Pfarrer etwas ein: "Wie wäre es, wenn ihr heute hier bliebet und meiner Jungen Gemeinde etwas von eurer Fahrt erzähltet? Einen leeren Raum habe ich, da könnt ihr eure Luftmatratzen reinlegen."

    Die Mädchen und Jungen von Hinterbergen waren erstaunt, als sie am Abend die vier Gäste im Pfarrhaus vorfanden. Es dauerte aber nicht lange und man war gut bekannt miteinander, Alle vier berichteten durcheinander, und es gab vor allen Dingen bei Sepps drastischen Schilderungen manches Gelächter. Als sie sich dann auf ihre Luftmatratzen legten, meinte er: "Wer hat euch das nun wieder mal alles verschafft? Nur der Sepp mit seinem abgebrochenen Pedal. Ohne mich hättet ihr das alles nicht erlebt." Worauf Bobbi trocken zufügte: "Und die Kinder von Hinterbergen hätten keinen Neger zu sehen bekommen."

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    Der Brief von Zuhause

    Auf dem Postamt in Weimar lag ein Brief und wartete auf seine Abholung. Er war adressiert an Jürgen Hartmann, Weimar postlagernd und abgesendet von dem Pfarrer Hartmann. Sein Inhalt lautet:

    Lieber Jürgen, lieber Sepp, Horst und Heini!
    Bei uns hat sich etwas ereignet, was ihr noch vor eurer Heimkehr wissen sollt. Wir haben euren Freund Ernst Rechmann ins Krankenhaus bringen müssen, sein Zustand ist sehr ernst. ich war eben bei ihm, und er hat mir einen Gruß an euch aufgetragen, Aber nun sollt ihr erst wissen, was geschehen ist. Ernst Rechmann hat unsere Kirche und vielleicht auch unsere Stadt vor einem großen Unheil bewahrt. Wir hatten am Dienstag hier einen starken Sturm, der allerlei Schaden anrichtete. Auch an unserem Kirchturm wurden Schiefer abgerissen. In unserer Turmstube war vielleicht ein Fenster nicht richtig eingeriegelt, der Sturm drückte es auf und warf die große Stehlampe um. Dabei muss wohl eine Schnur gerissen sein, und es gab einen Kurzschluss. Jedenfalls hat Herr Rechmann einen Feuerschein gesehen, der wohl von der brennenden Gardine kam. Er war allein zu Hause und niemand in der Nähe. Da fiel sein Blick auf Dieters Posaune, die noch vom Üben bei ihm stand. Er hat sie aus dem Fenster gesteckt und hineingeblasen, Es war wirklich ein Wunder, dass er das mit seinen halbgelähmten Händen geschafft und dass er einen Ton herausgebracht hat. Ein Mann, der sich vorn an der Ecke untergestellt hatte, ist aufmerksam geworden und in das Gässchen gelaufen. Dort hat er gerade noch gehört, dass Ernst Rechmann rief: "Feuer! Es brennt auf dem Turm!" Dann hat er es selber gesehen und die Feuerwehr alarmiert.

    Die war auch schnell da und hat den Zimmerbrand leicht gelöscht. Es ist nicht viel passiert. Aber ohne Ernst Rechmann hätte der Turm bald in Flammen gestanden, und es hätte bei dem Sturm keine Hilfe gegeben. Und was weiter geworden wäre, ist nicht auszudenken. Ihr wisst ja, wie eng die alten Häuser um die Kirche stehen. Ernst Rechmann haben wir erst nach dem Löschen gefunden. Er hing nur noch halb in seinem Stuhl und war bewusstlos. Die Posaune lag neben ihn. Er wurde gleich ins Krankenhaus gebracht und ist in guter Pflege. Man kann wohl sagen, dass die ganze Stadt Anteil an seinem Ergehen nimmt. Er ist sehr schwach und teilnahmslos. Aber als er mich heute erkannte, leuchtete sein Gesicht richtig auf, und er sagte nur: "Die Jungens hatten recht!" Ich weiß nicht, was er damit meinte, ich konnte auch nicht viel mit ihm sprechen, aber vielleicht wisst ihr es. Kommt bitte von Weimar auf dem kürzesten Weg nach Hause, ich glaube, er wartet auf euch.
    Dir, lieber Jürgen und deinen Freunden herzliche Grüße
    Dein Vater.

    Der Brief wurde an einem Freitagmorgen abgeholt, eine Stunde später saßen die Freunde in der Bahn und fuhren nach Hause. Sie waren sehr still, aber sie dachten wohl alle dasselbe - sie dachten an das Lutherwort, das sie Ernst Rechmann aus Eisenach zugeschickt hatten. Und dann zog Harry noch einmal den Brief heraus, den er auf der Wartburg vorgelesen hatte. Er wollte das Wort noch einmal lesen, das sein Vater den Kranken sagte, als der ihn nach dem Sinn seines Lebens gefragt hatte: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

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    Nachwort


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