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zum Gedenken

Bataillon der Entwurzelten

Bei Kriegsende waren mehr als 17 Millionen Menschen in Deutschland heimatlos, darunter acht Millionen Fremdarbeiter. In Europa gab es mehr als 40 Millionen Entwurzelte. Auch Jugendliche waren im Chaos auf sich selbst gestellt. Viele führte ihr Weg von Hitlers letztem Aufgebot in die neue Zeit durch wirre Umstände.

VON RONNY SCHILDER

Ein 15-jähriger, auf sich allein gestellt bei der Suche nach einem Ausweg aus dem Hexenkessel

SCHWARZENBERG - Die Geschichte stürzt ins Wohnzimmer wie ein verrücktes Pferd, hat der amerikanische Schriftsteller Richard Ford geschrieben. "Du kannst dir nichtvorstellen, wie ruhig das Leben und meine Kindheit in Tilsit war", sagt Bruno Beinert, Jahrgang 1929. In seinem Wohnzimmer in Schwarzenberg hat er Marine-Schmöker vom Untergang der "Wilhelm Gustloff" vor sich ausgebreitet, dazu Ordner voller Briefwechsel, die er mit Gleichaltrigen führt Auf der Schrankwand steht ein Fähnchen mit dem Wappen Ostpreußens. Tilsit lag damals am östlichen Ende des NS-Reichs, und der Tag, als das verrückte Pferd in Beinerts Wohnzimmer stürzte, kam mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Um halb sechs Uhr früh hatte Goebbels übers Radio den Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges bekannt gemacht Um halb sieben", sagt Bruno Beinert, waren die Russen schon da und haben Bomben losgelassen bei uns."

Beinert war zwölf Jahre alt bei Kriegsbeginn. Sein Vater diente bei der Grenzgendarmerie, schon in der Weimarer Zeit. Er hatte zwei Dörfer zu beaufsichtigen und wurde alle vier Jahre versetzt entlang der Grenze Ostpreußens. Jedes der neun Geschwister Beinerts sei woanders geboren, sagt er lachend. Als Bruno auf diei Welt kam. lebten in Tilsit gut

58.000 Menschen, 800 Juden darunter. Am 9. November 1938 brannte ein NS-Mob die Synagoge von 1842 nieder. Der Junge stand daneben, blinzelte in den Qualm und sah einem SA-Mann zu, der herausgefallene Bücher zurück ins Feuer warf.

1944 flüchteten die letzten Juden, die der Verfolgung entgangen waren, aus Tilsit. Zugleich begann der Exodus der Zivilbevölkerung. Im Sommer waren Beinerts Mutter, Vater und Schwester abgereist, "mit einem Flüchtlingszug irgendwohin", Beinert weiß es nicht mehr genau. "Ich war 15, hatte ein halbes Pflichtjahr beim Bauern hinter mir und eine Bäckerlehre angefangen. Tilsit wurde dann bald kaputtgeschlagen. Auch die Bäckerei hat es erwischt Ich war auf mich allein gestellt."

Bevor im Januar 1945 die Schlacht um Ostpreußen begann, eines der blutigsten Gemetzel des Zweiten Weltkriegs, war der 15-jährige Beinert mit der Hitlerjugend beim Grabenhau. 33 Jungen fanden sich auf einem Gehöft an der Ostseeküste wieder, Kurische Nehrung, wo sie Zickzackgräben und Zwei-Mann-Bunker bis nach Cranz hinunter zu errichten hatten, auf hundert Kilometern Strecke. In Nidden verbrachte in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung der weltbekannte Schriftsteller Thomas Mann mehrere Sommer, jetzt hörte Beinert dort den nahenden Geschützdonner. Schwerverletzte wurden aus der Windenburger Gegend im Memelland nach Nidden gebracht. Er selbst landete in Cranzbeeg, dem "schönsten Ferienort, den wir hatten, neben Rauschen. Aber jetzt haben wir dort mit dem Kopf auf dem Rinnstein gelegen und geschlafen, denn es gab sonst nichts mehr."

Ein Zug kam und rollte Richtung Osten, wo sich die Rote Armee unaufhaltsam von den Grenzen nach Ostpreußen hineinbewegte. Bald würden "in dem Gewirr vorwärtsstürmender russischer Panzer, zurückflutender deutscher Einheiten, fliehender Frauen Kinder und Greise" 600 Jahre Geschichte untergehen, schreib Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Buch "Namen, die keiner mehr nennt". Weiter liest man dort über die letzten Tage Ostpreußens: "Noch bis vor wenigen Monaten war immer von neuem versichert worden, kein Fußbreit deutschen Landes werde je dem Feinde preisgegeben werden. Aber als die Russen schließlich die ostpreußische Grenze überschritten hatten, da hieß es, jetzt müsse sich die Bevölkerung wie ein Mann erheben." Schon bald werde der Führer zur Verteidigung des Landes seine "Wunderwaffe" einsetzen. "Der Endsieg sei nur eine Frage des Willens. So die Führung. Und die Wirklichkeit?"

In der Wirklichkeit gab es keine Wunderwaffe. Stattdessen fuhr in jenem kalten Januar ein Zug von Königsberg nach Schlossberg an die Front, voller Halbwüchsiger, Soldaten, Versprengter. Bruno Beinert war nach der Schachterei auf der Nehrung zu müde, um in Tilsit auszusteigen. Er verschlief und landete mit anderen Jungen an der Ostfront bei Schlossberg, wo erbittert gekämpft wurde. Es gelang nicht länger als zwei, drei Tage, die Russen aufzuhalten. Die Front habe sich als dünn und zerbrechlich wie Eis im Frühjahr erwiesen, schrieb Marion Gräfin Dönhoff. Dazu Hitlers dilettantische Strategie. Und nirgendwo ein deutscher General, der das sinnlose Sterben im Grenzland verhindert hätte.

Bruno Beinert landete nach dem Abstecher zur Ostfront in einem Auffanglager der Hitlerjugend in Insterburg. "Der Russe war nahe, die Jugendlichen mussten weg", erzählt er. Also habe er seinen Laufpass gekriegt, ein Papier für entlassene Soldaten, das bescheinigte, nicht desertiert zu sein. Beinert hatte dergleichen gar nicht im Sinn. "Wo hätte ich hin sollen, wenn nicht zu meinen Leuten, mit 15 Jahren!" Zweifel, Angst? Er schüttelt den Kopf. "Wir hatten keine Angst. Wie furchtlos wir waren, das kam nie wieder so."

Die Nationalsozialisten hatten die Zivilbevölkerung Ostpreußens vor den Kämpfen weder geschützt noch rechtzeitig evakuiert. Bis Oktober 1944 hielt sich der Führungsstab des NS-Staats und der Wehrmacht in dem ostpreußischen Hauptquartier "Wolfsschanze" bei Rastenburg auf. Bis dahin "war es der Zivilbevölkerung unter Todesstrafe verboten, das Land zu verlassen", schreibt die Autorin und frühere Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, in ihrer Biografie des widerständigen Adelspaares von Lehndorf. "Schließlich war es Führerland, und durch ihr Bleiben musste auch die Zivilbevölkerung den kostbaren Körper des Führers schützen."

Die undatierte Fotografie aus dem Jahr 1945 zeigt Soldaten der Wehrmacht und Flüchtlinge in Ostpreußen auf dem Weg nach Westen. Eine geordnete und umfassende Evakuierung der Zivilbevölkerung vor der heranrückenden Roten Armee wurde von der NS-Führung verhindert.

Erst in letzter Minute bot sich Millionen Zivilisten die Chance zur Flucht, nun aber ungeschützt, im strengsten Winter und unter feindlicher Bedrängnis. Antje Vollmer schreibt: "Die Angst vor der Rache der Roten Armee ist groß, zumal viele wissen, wie die deutschen Sondereinheiten in den russischen, ukrainischen, weißrussischen und polnischen Gebieten gewütet haben. Die Tatsache, dass Ostpreußen unmittelbares Gebiet des Führers persönlich war, macht die Wut der Soldaten der Roten Armee auf die ostpreußische Zivilbevölkerung nicht geringer."

Bruno Beinert wird in jenen Tagen, als Ostpreußen untergeht, von Insterburg südwärts nach Gilgen-burg geschickt. Dort wechselt er die Richtung, schlägt sich mit zwei anderen bis Elbing durch, sechzig Kilometer vor Danzig. Sie hätten Eislöcher in einen zugefrorenen See gehackt, um Fische zu essen, erinnert sich Beinert. Er wisse nicht mehr, was aus den beiden anderen geworden ist. Im Gedächtnis blieb ihm der plötzliche Anblick russischer Panzer. Beinert rannte weg und war nun inmitten des Chaos für neun Tage völlig auf sich allein gestellt, vom 21. bis 30. Januar - auf der Suche nach einem Entkommen, einem Ausweg aus dem Hexenkessel.

Fast vier von fünf Bewohnern Ostpreußens sind in den ersten Wochen 1945 auf der Flucht nach Westen. Beinahe zwei Millionen Menschen. Mitte Januar hatte die Rote Armee den Osten praktisch abgeriegelt. Sie war über Allenstein ans Frische Haff bei Elbing vorgestoßen, wo ihre Spitzen am 21. Januar auftauchten - dem Tag, als Beinerts einsame, neuntägige Flucht begann. Der 15-Jährige irrt im endzeitlichen Kriegsgewühl umher. Bilder und Namen tauchen auf und verschwinden wieder: die Brücke über die Nogat an der riesenhaften Ordensburg aus rot leuchtendem Backstein, Straßentafeln: Preußisch Stargard, Berent im polnischen Korridor. Der Landweg nach Westen war bereits umkämpft, hinten zu, Pommern zu, keine Züge mehr. Beinert wandte sich nach Norden, an die Ostseeküste. Von Tagen in Regen und Schnee, auf Flüchtlingstrecks und vor russischen Panzern sind siebzig Jahre später nur Erinnerungsfetzen geblieben. In einem Auto mit Holzgasantrieb, das ist Beinert noch präsent, kommt er in Gotenhafen an. Dort liegt ein Kreuzfahrtschiff vor Anker, die "Wilhelm Gustloff", und dazu noch ein Kreuzer, der "Admiral Hipper" heißt.

Kiel wird zum Namen der Hoffnung, zur Zuflucht, zum Ausweg aus dem Hexenkessel. Mit dem Lehrvertrag, der sein Alter bestätigt, erhält Bruno Beinert einen Bordschein für die ‚Admiral Hipper". Der Kreuzer legt kurz nach der "Gustloff" in Gotenhafen ab. Die "Gustloff" hat einen grauen Tarnanstrich und fährt abgedunkelt. Kurz nach 21 Uhr wird sie von drei Torpedos eines sowjetischen Unterseeboots getroffen. Mehrere tausend Menschen lassen beim Untergang der "Gustloff" ihr Leben. Die "Admiral Hipper" stoppt in Sichtweite, fährt dann vorbei. Es habe keine Möglichkeit gegeben, den Leuten von der "Gustloff" zu helfen, glaubt Bruno Beinert. Aber noch heute, wenn es Nacht wird, peinigt ihn manchmal die Erinnerung an das Rasseln der Ankerkette der "Hipper", als sie neben der "Gustloff" gehalten hatte.

Nie zuvor, bis zu seiner Ankunft in Kiel, war der Tilsiter Junge in "Deutschland" gewesen. In Kiel stand am Bahnhof ein Zug, Beinert sprang hinein, kam nach Hamburg. Wieder Fliegeralarm, zwei Mal, mit dem tröstlichen Schlager Laie Andersens im Kopf: "Unter der roten Laterne von St. Pauli sang mir der Wind heut zum Abschied sein Lied."

Der Junge fuhr nach Göttingen, meldete sich im Wehrbezirkskommando. Zum 16. Geburtstag gab es für ihn in einem Wehrertüchtigungslager eine Schüssel Grießbrei. Irgendwo hörte er von einem Transport ostpreußischer Flüchtlinge nach Neuhausen im Erzgebirge, wo Beinert tatsächlich seine Eltern wiederfand. Das Wiedersehen währte nur drei Tage. Er wurde nochmals einberufen und nach Brüx an die Front geschickt. Im Sudetenland endete für ihn der Krieg: die Hoheitszeichen abgedreht, das "Gelump", wie er sagt, weggeschmissen, dann zu Fuß nach Neuhausen zurück.

Mit den Russen, die in Neuhausen das Kommando übernahmen, kam Beinert gut zurecht. Seit 1948 lebt er in Schwarzenberg, gründete eine Familie, arbeitete. Beinert war Bäckerlehrling, Hauer bei der Wismut, Polizist, Fabrikarbeiter, Hygieneinspektor. Nach der Wende engagierte er sich im Vertriebenenverband, leitete elf Jahre bis 2008 die Schwarzenberger Sektion. Vier Mal kehrte er nach Tilsit zurück, das heute Sowetsk heißt, und schloss neue Freundschaften in Russland. Ostpreußen, die verlorene Heimat, lässt ihn bis heute nicht los.

Wie unerschrocken und kaltschnäuzig er im Krieg gewesen sei, das komme ihm heute fast unerklärlich vor, sagt er. Er ist ein freundlicher, alter Herr. Einer, der nachts manchmal die Ankerkette der "Admiral Hipper" rasseln hört.


Das Ende des Krieges war nicht das Ende der Konflikte - Tiefgreifende Entfremdung der Völker setzte sich zunächst fort

Europa in den Fängen von Gesetzlosigkeit, Chaos und Gewalt beschreibt der britische Historiker Keith Lowe. Die Entfesselung inhumaner Ideen, die eine menschenfeindliche Politik begründete, richtete materielle und moralische Verwüstungen an, die mit der Kapitulation Hitlerdeutschlandes nicht beendet waren. Ethnische Säuberungen setzten sich in mehreren Ländern nach 1945 fort. Es kam zu Bürgerkriegen, Racheakten, neuen Konflikten, neuem Leid.

Die veränderte demographische Gestalt Europas gehört zu den bleibenden Folgen des Krieges. So sank die Bevölkerungsdichte Polens um 27 Prozent, einige Gebiete im Osten waren fast unbewohnt. Früher ethnisch gemischte Länder waren so umfassend "gesäubert" worden, dass sie nur eine einzige ethnische Gruppe beherbergten, schreibt Keith Lowe. "Zur Abwesenheit der Menschen kam die Abwesenheit von Gemeinschaft und die Abwesenheit von Vielfalt: Weite Teile Europas waren vollkommen homogen geworden. und diese Homogenisierung sollte sich in den ersten Monaten nach dem Krieg noch beschleunigen." Die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien und dem Sudetenland steht dafür als Beispiel.


Ein Artikel aus der FP vom 02. Mai 2015