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zum Gedenken

Dieter Noll

Die Abenteuer des Werner Holt

Roman einer Jugend

In eigener Sache

Wer ab und zu das Fernsehgerät einschaltet, kann es nicht vermeiden, schon nach kurzer Zeit auf Sendungen über den zweiten Weltkrieg zu stoßen. Die Anzahl dürfte, mit Wiederholungen, die Zahl hundert im Jahr weit überschreiten. Auch über 70 Jahre nach Ende des Holocaust scheint die Faszination auf das Dritte Reich ungebrochen zu sein. Egal ob es dabei um Adolf Hitler, Bündnsse, Technik, Schlachten usw. geht.
   Ist der Grund dabei wirklich nur "geschichtliche Aufarbeitung" oder "gegen das Vergessen"?
   In einem Teil Deutschlands lehrte man, der Widerstand im Dritten Reich ging von den Kommunisten aus, der Andere behauptet, nur das Attentat vom 20. Juli ist maßgebend. Die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo dazwischen. Gab es überhaupt nennenswerten Widerstand?
   Wie dachten die Menschen, inbesonders die Jugend? Auch dazu geben die Fernsehsendungen wenig bis nichts wieder. Wozu also die versteckte oder offene Faszination?
   Wir lasen, zum Thema 2. Weltkrieg, in der Schule u. a. "Die Abenteuer des Werner Holt". Das Buch von Dieter Noll (31.12.1927 - 06.02.2008) soll autobiographische Züge haben. Wieviel Dichtung, wieviel Wahrheit ist, wurde nie bekannt.
   Mein Kind hatte Abhandlungen zu "die Wirrungen des Zöglings Toerless" auszuführen. Ein sehr seltsames Werk. Letztens fragte ich Lehrlinge in der Firma nach Werner Holt. Totale Fehlanzeige, völlig unbekannt. Warum?

   Hier beginnt der Grund warum die Überschrift "In eigener Sache" heißt.
   Die Hauptakteure des Buches sind 1927 geboren und wurden 1943 zur Flak eingezogen. Mein Vater (R.I.P) wurde im Spätherbst 1924 geboren. Jeder kann sich ausrechnen, wann er mit dem Militär in Berührung kam.
Eine Aufnahme der Familie meines Vaters in Schlesien
Zum Ende des Krieges war er noch 20 Jahre alt. Es sollte jeder Leser kurz zurückdenken, in diesem Alter, wieviele Kameraden hat er verrecken sehen, wieviele Menschen erschossen? Freiwillig??? Als Teenager von zu Hause (geboren in Schlesien) weggegangen und das Elternhaus verloren (Auszug aus einem Schreiben an das Innenministerium von 1991: "...Meine Angehörigen mussten 1949 aus Polen aussiedeln, mit nur dem, was sie tragen konnten. Ich selbst konnte nach dem Kriegsende nie wieder in meine Heimat zurück.").
Und wir lesen "die Wirrungen des Zöglings Toerless".
   Heute gibt es junge Menschen die freiwillig die Demokratie, z.B. nach Afghanistan, bringen wollen. Dann wundern sie sich, dass anders als auf dem Übungsplatz, die Kugeln auch zurückkommen. Nach sechs Monaten kommen sie mit "posttraumatischer Belastungsstörung" wieder in Deutschland an. Wer hat unsere Eltern danach gefragt? Posttraumatische Belastungsstörung - kann man das essen? Burnout - wo gibt es das zu kaufen? Wer hat damals darauf Rücksicht genommen? Die Menschen mussten funktionieren.
   Wir Geschwister (für heutige Verhältnisse viele) haben unseren Vater gelegentlich zum Krieg befragt. Die Antwort war immer nichts, absolut nichts, zero, niente.
   Nur etwas ganz Einfaches hat er mir bei der Einberufung zur Armee mitgegeben. Damals war ich zum ersten großen Stuben- und Revierreinigen für die Toiletten eingeteilt. Und ich Idiot dachte, wenn ich mich beeile, habe ich noch etwas Freizeit. Die Mängelliste war ca. eine A4 Seite voll. Da erinnerte ich mich an meinen Vater: Revierreinigen ist erst in Ordnung, wenn es lt. Plan beendet ist. Also habe ich mich auf das Fensterbrett gesetzt (es war Fühling), und auf das Ende gewartet. Und siehe da, es war alles in Ordnung. Manche Sachen ändern sich wohl nie, oder sehr langsam.

   Sehr viel später, mitte der 90-iger Jahre, wurden minimalste Bruchstücke erzählt. z.B.:
Vor einem Angriff der Roten Armee gab es ein ca. zweistündiges Trommelfeuer der Artillerie. Dann folgte der Sturmangriff mit "Hurra" (aus tausenden von Kehlen), und alle besoffen.
Die Truppen wurden in Abständen an der Front ausgetauscht. Die Einheiten kamen dann in Kasernen. Die Offiziere und Unteroffiziere wurden ausgetauscht. Und die Mannschaften erhielten "Ausbildung", oder besser Drill. So schlimm, dass man sich wieder aufs Feld wünschte!!!
Beim Rückzug blieb auch Technik, durch Defekt oder Schlamm, stecken. Dann warfen die Soldaten Handgranaten unter das Auto, dass es der Feind nicht nutzen konnte.
   Mehr war es nicht, zumindest nicht in meiner Erinnerung.

   Alle wussten, unser Vater hatte eine Kriegsverletzung am Fuss und musste immer orthopädische Schuhe tragen. Das war´s auch schon.
   Bei der Beerdigung erfuhren wir: Er hatte das Kriegsverwundetenabzeichen und war u.a. im Partisanenkampf. Das war alles.
   Einige Jahre später sortierte ich persönliche Unterlagen und fand auch Dokumente von der Wehrmacht.
   Und jetzt wurde es ernst:
   Waffengattung: Infanterie!! - wer nicht weiss was das bedeutet, bitte googeln.
   Kriegsverwundetenabzeichen nach Lungensteckschuss (Auszug: "Bei nächtlichem Spähtrupp in feindliches Kreuzfeuer geraten, 08. Oktober 1943, Durchschuss in den linken Fuss, Lungensteckschuss").
   Einsatz im Partisanenkampf, Fronteinsatz.
   Einsatzorte: viele, etliche davon (z.B. Kursk [August 42 - Oktober 43; Die Panzerschlacht bei Kursk war im Juli 43], oder Sewastopol) kennt jeder aus dem Geschichtsunterricht.
Lazarett:
  • Oktober 43: Lungensteckschuss, Durchschuss l. Fuss
  • März 44: Durchschuss 2. Fuss


   Draußen waren 30 Grad, und ich hatte Gänsehaut. Ich habe es nicht gewusst.
   Und wir lesen "die Wirrungen des Zöglings Toerless".

   Das folgende Buch, "Die Abenteuer des Werner Holt", zum Gedenken an alle die in diesen Krieg mussten. Und nicht vergessen: Jeder kennt einen Wolzow, oder Vetter, oder auch Gottesknecht.
   Falls jemand glaubt, es wäre möglich in einer Armee, und besonders auch in der Wehrmacht, einen Befehl zu verweigern, so wie es manche seltsamen Gestalten propagieren, der ist nicht von dieser Welt, oder einfach nur "stupid".

   Noch ein Wort: Meine Eltern haben sich nie am Silvesterfeuerwerk beteiligt. Inzwischen verstehe ich warum. Meine Mutter sagte einmal: Dies sieht aus wie die "Christbäume", die als Zielmarkierung für die Bomber gesetzt wurden.

   Zu dem Buch von Dieter Noll gibt es auch eine Verfilmung aus dem Jahre 1964. Allerdings ist der Film absolut blass gegenüber dem Buch. Die einzige gute Leistung bietet Manfred Karge in der Figur des Gilbert Wolzow.


Dieser Artikel sollte ursprünglich zum 70. Jahrestag des Kriegsende, am 08. Mai 2015, online gehen. Ich habe es aus zeitlichen und persönlichen Gründen nicht geschafft. Es hat zwei Jahre länger gedauert.
   Zum Gedenken an Alle, die diese Zeit miterlebten und nicht gefragt wurden, ob sie es wollten.
   Daher auch die Verpflichtung seine Stimme zu erheben, wenn die Politik wieder etwas in Selbstherrlichkeit durchsetzen will.