Willkommen in Sachsen, am 24.05.2019
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Kalenderblatt vom 24. May.
2008 - Die Deutsche Telekom wird durch eine Spitzel-Affäre in ihren Grundfesten erschüttert. Der Bonner Konzern räumt ein, dass das Unternehmen über mindestens ein Jahr Telefonkontakte von Managern und Aufsichtsräten zu Journalisten ausgespäht hat. -

1949 - Mit In-Kraft-Treten des Grundgesetzes wird in Westdeutschland die Todesstrafe als Höchststrafe abgeschafft.

1943 - Admiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, verfügt nach hohen U-Boot-Verlusten den Abbruch der Geleitzugschlacht im Nordatlantik.

1844 - Der amerikanische Maler und Erfinder Samuel Morse übermittelt das erste Telegramm auf einer Versuchsleitung von Washington nach Baltimore (US-Bundesstaat Maryland).

The day of memory

Sagte mal ein Dichter

"Ein Mann muss drei Dinge im Leben tun:"

Ein Mann soll bauen ein Haus,

er soll pflanzen einen Baum

und zeugen einen Sohn.

Eltern gehn fort ohne laut


Das, was war, scheint ewig lange her.
Geschichte bleibt, die nimmt uns keiner mehr.
Das Leben spielt auf Zeit
Kommt, tötet und heilt
Das, was war, ist unveränderbar
Und mir wird wieder klar.
Winde dreh’n, Menschen geh’n
Was war, kann uns keiner mehr neh’m

(Text: Frank Ramond)

Überall kann man lesen, Eltern müssen lernen ihre Kinder loszulassen.
Wie ist es andersrum? Hinterher kommen Gedanken: Hat man sich immer richtig verhalten?
Warum ist es manchmal so schwer, einen Wunsch zu erfüllen, auch wenn es nervt und gerade absolut nicht passt.

Es ist die letzte Generation, welche die Jahre 1939 - 1945 noch ganz nah erlebt hat. Auch die Jahre danach: Aufbau eines Trümmerfeldes. Wer sich näher mit dieser Zeit befasst, kann gar nicht genug Hochachtung vor der Leistung dieser Generation haben. Viele werden bestätigen: Darüber haben die Eltern nicht geredet. Wir Kinder hätten es müssen.

Eine Pflegerin sagte zu mir: "Eine Mutter kann fünf Kinder versorgen - fünf Kinder können keine Mutter versorgen." - Wir haben es versucht.

Diese Seiten sollen eine, wenn auch späte, Anerkennung an eine ganze Generation, speziell meiner Eltern, sein.
Es gibt keinen roten Faden, es ist eine Zusammenstellung von gefundenen Dokumenten und Schriftstücken aus dem Nachlass.


Mütter geh`n fort ohne Laut
und eh` ihr seht.
Wenn ihr es merkt,
ist es schon zu spät, zu spät.
Sind sie nur noch Schatten
sind sie schon verblasst.
Mütter, die wir hatten,
Opfer unserer Hast.

Mütter geh`n fort ohne Laut
so still.
Weihnachten warst du noch da
und dann nie mehr.
War da nicht noch so ein Wort
das war so leis`.
War da nicht ein Augenblick
so ein Blick, so ein Blick.
doch von dir kam er nicht zurück
und kein Stück vom Verstehn`.

Sind sie nur noch Schatten,
sind sie schon verblasst
Mütter, die wir hatten,
Opfer unserer Hast.

War da nicht noch so ein Brief,
er rief nach dir.
Du hörtest nicht, dass er rief,
er rief zu leis`. Er rief zu leis`.
In den Nächten da sahst du sie
mal im Traum, mal im Traum.
Doch vergessen war morgen früh,
da blieb kaum ein Verzeihn.

Sind sie nur noch Schatten,
sind sie schon verblasst
Mütter, die wir hatten,
Opfer unserer Hast.

(Stern Combo Meißen)


Dies sind die Zimmer
Alles an seinem Platz
Die Sachen in Reih und Glied 
Dies sind die Zimmer
Und sie sind nicht mehr

Dies sind die Zimmer
Darin haben sie gelebt
Briefe geschrieben am Abend

Sehnsucht an die Wände
Bunte Plakate und Fotos
Auf vielen das Leben
Dies sind die Zimmer
Und sie sind nicht mehr

Fort, fort viel zu früh
Mitten aus dem Leben
Leben nie mehr nie
Dies sind die Zimmer
Und sie sind nicht mehr

(nach "electra" - Beschreibung eines Zimmers)

Anfang Januar 2017 räumten wir die Weihnachtsdekoration weg. Es gibt einen Karton nur mit Nussknacker. Darin, ganz unten, fanden wir untenstehende Karte mit Text. Der Inhalt sagt viel über die Gefühle eines Menschen.


Weihnachten 2007/2008

Das Jahr des traurigsten Weihnachten ist am Ende und es wird nie wieder, wie es einmal war, nie.

Wie schön war die Zeit als die Kinder so groß waren, wie die beiden vorndrauf.

Adee ihr Räuchermänner und Nussknacker, wie oft werd ich euch noch aufbauen können?

Ja wie oft noch?
immer noch einsam

Weihnachten 2008/2009

ja, wie oft noch?

Niemals ist uns diese Gemütsstimmung aufgefallen. Haben wir es nicht bemerkt, waren wir blind?

Eine Mutter

... ist eine Frau, die überrascht und erfreut aussieht, wenn ihre Kinder ihr am Muttertag um vier Uhr morgens das Frühstück bringen.

... ist der Mensch, den Du brauchst, wenn absolut kein anderer es tun will.

... ist die Frau, die tröstenden Unsinn reden kann, wenn er die Lage irgendwie verbessert.

... ist die Frau mit Schubläden voller Kinderzeichnungen, Briefen, selbstgebastelter Grußkarten, schiefer Osterhasen, Tonkätzchen, Urkunden und Medaillen. Und sie ist jemand, der nicht davon überzeugt werden kann, sich von irgendeinem dieser Dinge zu trennen.

... ist die Frau, die ein Dutzend Dinge gleichzeitig tun kann - und trotzdem noch Zeit findet, ein aufgeschlagenes Knie zu küssen, damit der Schmerz nachlässt.

PAM BROWN GEB: 1928

gelebte Leitsprüche der Eltern

Dieses Schriftstück fand ich im Nachlass. Es ist nicht bekannt aus welchem Anlass, oder wann es geschrieben wurde. Unbekannt ist auch, ob es jemals abgeschickt wurde. Es wurde wörtlich abgeschrieben, incl. aller grammatischen Fehler. Sie zeigen doch den Gemütszustand im Moment des schreibens. Zur zeitlichen Einordnung: Die Hochzeit meiner Eltern war im Herbst 1951.


Vielleicht ist mein Beitrag zu diesem Thema nicht ganz passend, ich will mich aber trotzdem dazu äußern.

Es gab eine Zeit, da beneidete ich alle Frauen, die unproblematisch das erste Kind bekommen konnten.

Gleich nach der Hochzeit hatte ich eine Bauchhöhlen- bzw. Eileiterschwangerschaft. Nur wer es selbst erlebt hat, kann erfassen, was das bedeutet.

Nach einem Jahr war ich wieder schwanger und hatte eine schreckliche Angst, dass dasselbe mir wieder passiert. Überglücklich war ich, als mir beim ersten Artztbesuch gesagt bekam, dass es eine ganz normale Schwangerschaft sei. Doch das ging nicht lange. Im dritten Monat musste ich wegen drohender Fehlgeburt in die Klinik und wurde noch gefragt: "Ein bisschen nachgeholfen?" Da ich aber sagte, dass wir das Kind gern wollten, wurde mir eine Tablette eingenäht damit die Schwangerschaft hält. Es bruhigte sich auch sehr schnell, ging aber nur zwei Monate, ich bekam Blutungen und musste wieder rein, nach vier Wochen dasselbe und das vier Tage vor Weihnachten. Und weil immer wieder dasselbe eintrat, musste ich auch dort bleiben. Vier Wochen lag ich in der Klinik, dann war es nicht mehr aufzuhalten und mein Kind kam Anfang siebenter Montat zur Welt. Es wog 1050g und lebte einen Tag. Ich war todunglücklich, die Zeit war schrecklich danach. Nach meinen traurigen Erlebnissen werden Sie verstehn, dass ich ein Gegner bin von Abtreibungen.

Ich wollt aber noch nicht aufgeben und nach 13/4 Jahr durfte ich glücklich ein gesundes Kind in meinem Arm halten, ich konnte es kaum fassen, dass mir dieses vergönnt war.
Hatte dann sogar drei Kinder und sah sie immer als Geschenk an.

Es mag sein, dass es manchen Frauen unmöglich ist, ein Kind zu haben, bei manchen ist es aber auch leichtfertige Bequemlichkeit oder was es auch sonst noch sei.

Ich hätte selbst noch über 40 ein Kind nicht abgetrieben und konnte Frauen nicht verstehen, die ihr Kind nicht wollten. Am meisten empört es mich, wenn ein Mann eine Frau dazu zwingt.


Jetzt ist ein Schreiben aufgetaucht, welches zwar nicht den Anlass nennt, aber doch an wen das Schreiben ging.
Es war die damalige Bundestagspräsidäntin Rita Süssmuth. Die Antwort hat nicht sie selbst geschrieben, sondern durch ihr Büro schreiben lassen (man hätte können ja wenigstens persönlich unterschreiben). Der Inhalt ist fade und manchmal peinlich. Man hat den Eindruck, es wird das Parteiprogramm dargelegt. Den Brief habe ich nicht abgeschrieben, sondern eingescannt und kann hier als PDF-Datei nachgelesen werden.

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit
ein bisschen mehr Güte und weniger Neid
ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass
ein bisschen mehr Wahrheit - das wäre was

Statt so viel Unrast, ein bisschen mehr Ruh
statt immer nur ich, ein bisschen mehr du,
statt Angst und Hemmung, ein bisschen mehr Mut,
mehr Kraft zum Handeln - das wäre gut.

Kein Trübsal und Dunkel, ein bisschen mehr Licht,
kein quälend Verlangen, ein froher Verzicht,
und viel mehr Blumen, so lange es geht,
nicht erst auf Gräbern - da blühn sie zu spät.

"Keine Zeit" - eine faule Ausrede

Doch auch das, so erfuhren wir bei unseren Gesprächen, gibt es leider noch: mangelndes Verständnis der Kinder für ihre alten Eltern, Egoismus, Herzlosigkeit. Dafür gilt keine Entschuldigung.

Man schreibt`s nicht gerne auf, doch man darf die Augen nicht davor verschließen: In so manchem Alters- oder Pflegeheim, in so mancher Wohnung, in der es still geworden ist, sitzen Eltern und warten von einem Wochenende zum anderen vergeblich darauf, dass ihre Kinder sie besuchen oder sie einladen. Es geht ihnen um nichts anderes als ein wenig Zuwendung, um ein kleines Echo für die Liebe, mit der sie ihre Kinder aufgezogen und erzogen haben in schweren Zeiten. Gewiss, der Beruf, die Kinder, Haushalt und gesellschaftliche Arbeit fordern umsichtiges Planen der Freizeit. Dennoch ist die "Entschuldigung", sie hätten keine Zeit für die Eltern, eine beschämende Ausrede: "Die jungen Leute von gegenüber kümmern sich doch um mich", erzählt Gerhard N., 70 Jahre. "Sie sind hilfsbereit, und ihre Kinder besuchen mich oft. Die wollen immer, dass ich ihnen 'was von früher' erzähle. Wie schade, dass ich meine eigenen Enkel nicht auch so um mich habe...".

Ja, es ist schade. Was geht ihnen alles verloren! Selbstverständlich stecken viele Großeltern ihren Enkeln gern zwischendurch einen Bonbon zu - aber sie können ihnen, was viel mehr zählt, auch so manches Licht aufstecken. Sie vermögen auf ganz besondere Weise das Geschichtsbild der Kinder mitzuformen. Und außerdem: Das im Elternhaus erlebte Beispiel im Umgang mit älteren Menschen prägt schließlich auch Moralauffassungen und Verhaltensweisen unserer Kinder.

"Junge Menschen werden darüber sicher noch nicht so nachdenken", sagt Olga A., 69 Jahre, Rentnerin, "aber dass die Gesellschaft unsere jahrzehntelange Arbeit anerkennt, dass sie dem Alter mit Achtung begegnet, ist eine Gewissheit, die man gar nicht hoch genug schätzen kann: Doch es gibt leider auch erwachsene Kinder, die sich ganz und gar darauf verlassen."

Und wenn`s ein Brief ist

Wieviel Liebe brauchen Kinder? ist eine oft diskutierte Frage. Und wieviel Liebe brauchen Eltern? "Die Familien meiner Söhne wohnen im Bezirk Dresden. Ich besuche sie höchstens dreimal im Jahr. Trotzdem fühle ich mich nicht von ihnen vergessen. Meine Schwiegertöchter schreiben mir oft, erzählen mir von den Enkelkindern. Wenn Ferien sind, habe ich meist eins der Enkelkinder für vierzehn Tage zu Besuch. Darauf freue ich mich das ganze Jahr." Was Grete M., 65 Jahre, Rentnerin, damit ausspricht, sind Ansprüche an junge Familien, die sich ohne Anstrengung erfüllen lassen. Ein Brief, der - aus welchen Gründen auch immer - wochenlang ungeschrieben bleibt, beschwört Kummer herauf. Ein Schnell-mal-Vorbeigehen, wenn man in einer Stadt wohnt, kann mehr bedeuten, als ein teures Geschenk zu Weihnachten.

REGINA SINDERMANN

Zeitschrift "Für Dich" 50/77

Das Geschenk

"Soll mir das wirklich ganz allein gehören?" fragte ich. Mutter und Geschwister nickten und strahlten vor Freude. Wir standen um meinen Geburtstagstisch, der mit einer aus Blättern und Blüten gelegten "15" verziert war. Vor der Geburtstagskerze lag ganz allein ein großer Laib Brot. Ein ganzes Brot für mich allein! "Wenn man 15 wird, braucht man etwas unter den Fuß", sagte meine Mutter in ihrer nüchternen Art.

Später ist mein Geburtstagstisch nie mehr so leer gewesen, wie damals, 1947. In den vergangenen Jahren war er manchmal überhäuft von Geschenken. Aber niemals wieder war ich von solch einem ungläubigen Staunen erfüllt wie damals, als mir ein ganzes Brot allein gehören sollte, geschenkt von Menschen, die mich liebten.

Staunen können

Manchmal bedauere ich, daß ich nicht mehr staunen kann wie ein Kind. Daran, daß ich es immer weniger kann, merke ich, daß ich alt werde. Es gab eine Zeit, da beeindruckten mich die nie zur Ruhe kommenden Wasser eines Baches, die Größe eines Berges, die Kraft eines Motors. Beim ersten Kuß bekam ich Herzklopfen, beim fünften war ich schon viel abgebrühter. Zur Übertragung der ersten Mondlandung standen wir nachts auf. Bei der dritten bereits blieb der Fernseher kalt, der Schlaf war wichtiger.

Die Informationen über elektronische Datenverarbeitung faszinierten mich. Heute vergleiche ich die Preise der Taschenrechner in den verschiedenen Kaufhäusern. Als zum ersten Mal eine Aktion "Brot für die Welt" durchgeführt wurde, haben mich die Bilder und Zahlen erschüttert, inzwischen bin ich nur noch betroffen.

Viele Leute sagen, man gewöhnt sich an alles. Aber ich möchte mich nicht an alles gewöhnen, nicht mit allem abfinden. Bloß - wie mache ich das? Aus Wiederholung wird so schnell Gewöhnung, aus meinem Alltag leicht Routine. Fast alles ist schon einmal dagewesen. Neugierde verschwindet, Langeweile zieht ein. Wie soll einer staunen, der alles schon kennt? Wie soll sich einer wundem, der den Zweck und die Preise weiß? Wie soll man ein Geheimnis stehen lassen, wenn man zu wissen meint, wie es funktioniert? "Wunder gibt es immer wieder" - das gilt wohl leider nur für den Schlager. In unserer Wirklichkeit haben die Planer das Wort, die Macher, die, die das Vorhersehbare, das Vorausberechenbare kühl angehen. Wir planen kurzfristig, mittelfristig, langfristig.

Von einem Mann der Stadtverwaltung habe ich mir sagen lassen: Unter mittelfristig versteht man alles bis in etwa 20 Jahren. Überraschungen sollen dabei möglichst ausgeschlossen bleiben. Wunderbares ist nicht planbar. Was also soll einer machen?

Vielleicht fängt das Staunen damit an, dass ich erkenne, wie wenig ich letzten Endes weiß und kann. Ich weiß nicht, was einen Weizenhalm zum Wachsen bringt oder warum ein Mensch einen anderen mag. Ich habe eigentlich keine Worte zur Verfügung, um zu beschreiben, wie ein Apfel schmeckt, oder wie ein Veilchen riecht.

Ich weiß noch mehr nicht. Es gibt einen alten Vers, der lautet: "Ich komm, ich weiß nit woher. Ich bin, ich weiß nit wer. Ich geh, ich weiß nit, wohin. Mich wundert, dass ich fröhlich bin". Ich sollte - ich könnte mich über vieles wundern. Weil das Wichtigste nicht machbar ist, vielleicht nicht einmal verstehbar. Ich könnte staunen über die Freundschaft meiner Freunde und die Liebe meiner Frau. Ich könnte staunen über den Mond und das Meer, über den Geschmack des Brotes und das Aussehen einer Blume. Ich könnte staunen über den alten Mann, der seit Jahren seine kranke Frau pflegt, ohne zu klagen.

Ich könnte staunen über die Unbekümmertheit, über den Mut, mit dem junge Menschen neue Lebensformen ausprobieren. Ich könnte auch staunen über die Schönheit einer Musik, die leuchtenden Farben eines alten Bildes, die Einfachheit eines Gedichtes, das sich in 200 Jahren nicht abgenutzt hat. Wenn ich lerne, über das zu staunen, was Menschen geschaffen haben, werde ich vermutlich auch staunen, wie groß Gott ist, der Sie und mich geschaffen hat.

Ich denke, dass mein Leben nicht ärmer, sondern reicher wird, wenn ich merke: Es sind da noch einige Geheimnisse, die ich nicht enträtseln muss und nicht verstehen kann. Ich denke, dass ich weniger oberflächlich lebe, wenn ich es fertig bringe zu staunen.

Friedrich Walz

Wenn schon Falten dann Lachfalten

Als die Krähenfüße endgültig und unübersehbar gegen die kosmetischen Abwehrversuche im Gesicht meiner Tante Charlotte gesiegt hatten, malte sie mit Lippenstift ihre Lebensmaxime auf den Spiegel: Wenn schon Falten, dann Lachfalten! Charlotte - familienintern das verrückte Huhn genannt - hatte verheißungsvolle Pläne für ihre Tage ohne Wecker und Dienstausweis. Was meinen anderen beiden Tanten in ewig grauem Rundgestrick schon vorher einige Schauer über den mageren Rücken jagte; Obwohl durch allerhand Zeichen vorgewarnt, standen wir mit unseren Alpenveilchen und Präsentkörben doch reichlich blöd vor Tantchens Tür. Sie hatte zu ihrem 60. Wodka und Pils auf die Schwelle gestellt und sich vor der Sippengratulation davongemacht. Zu großen Ausgang mit Ludwig und Alfred, zwei verflossenen Jugendlieben, wie sie uns später mit glitzernden Äugelein erzählte.

Und es kam wie es kommen musste. Die engagierte Verwandtschaft zerfiel ob Charlottes Lebenswandel und ungewöhnlicher Leidenschaften in zwei feindliche Lager. Die eine Partei war ganz Missbilligung. Sie vermisste die sogenannte Weisheit des Alters, forderte etwas mehr Anstand und Würde, erboste sich über Charlottes Aufputz und ihre neuerdings mahagoni schillernde Schüttelfrisur. Man müsse sich ihretwegen genieren und von ihr scheiden lassen. Wenn das nur ginge! Die andere Mannschaft plädierte für Toleranz, belohnte Hut-Tick und Freizeitkapriolen mit Beifall und homerischem Gelächter.

Angestachelt und neugierig durch die Erschütterung in unserer Sippe, suchte ich nun des öfteren Tantchens Nähe und durfte teilhaben an den Neuerungen ihres Lebens. Mal abgesehen von ihren spektakulären äußeren Veränderungen, was da sind: gewagte Hüte, flotte Tücher, scharf geschnittene Hosen und Lidschatten, war eine kleine Annonce im Städtischen Tageblatt ihre beste Idee. Fünf Wörter bescherten ihr reiche Ausbeute: "Suche Partner(in) für lustigen Altweibersommer." Es meldeten sich mehr als ein Dutzend Gleichgesinnte, auch ein paar "scharfe Jungs", denen eine pfeffrige Absage zu verpassen, Tantchen wollüstiges Vergnügen verschaffte.

Ich lernte Anni kennen, seit kurzem von Charlotte als Busenfreundin adoptiert. Rundlich, fröhlich und beweglich hat sie es über, Tag um Tag neben ihrem briefmarkensüchtigen Angetrauten zu sitzen. Außerdem reitet sie eine Attacke gegen den Altersspeck und hat ihre neue Freundin zu Kilometermärschen in die Natur verleitet, einen Obsttag verordnet und neuerdings Schwimmringe angeschafft. Die beiden paddeln allwöchentlich einmal durchs Hallenbad. Ihr Gesicht in Schmunzelfalten legend, verrät Charlotte mir die Zwecklosigkeit solcher Schlankheitskuren. Denn manchmal schon tags darauf trifft sie sich mit einer anderen Freundin aus ihrer Sammlung, die an keinem Caféhaus vorbeikommt. Oder sie ist bei den Hobbyköchen Hugo und Ilse zu Gast. Die brutzeln und schmoren sich durch die Küchen aller Kontinente. Verzückt berichtete meine genusssüchtige Tante von feuerspeienden Bohnen ä la Mexiko, von kaukasischen Hammelbeinen und böhmischen Palatschinken. Du weißt, mein Kind, wie sehr ich nach den Diätjahren mit meinem seligen Leopold ein delikates Essen zu schätzen weiß, resümiert die Tante. Versichert mir aber, das Beste daran sei der gemütliche Plausch danach. Allein wegen der Geselligkeit und der vielen Geschichten, die sie so erführe, müsse sie sich immer wieder zu ihrem Einfall mit der Annonce gratulieren. Andere sammeln altes Porzellan und ich neue Leute. Man ahnt ja nicht, wie aufregend das ist.

Und so kommt es, dass Charlotte fast zum Alleinunterhalter bei den obligaten Familienfesten geworden ist. Sogar unsere gräulichen Rundgestrickten hängen selbstvergessen an Tantchens Lip-pen, wenn sie von ihrer Kinobegegnung mit dem schönen Indianer schwärmt, pikante und andere Geschichten auspackt. Allerdings geraten sie immer noch in moralische Verwirrung ob der deftigen Witze ihrer verrückten Schwester. Doch Charlottes Fraktion, bestehend aus Söhnen, Töchtern, Enkeln und sonstigen Anverwandten, hat beträchtlichen Stimmenzuwachs zu verzeichnen.

Man freut sich allenthalben, dass sie nicht über ihr Rheuma, sondern über die neue Küss-die-Hand-Bekanntschaft vom letzten Theatergang erzählt. Keine Verwunderung mehr, wenn man sie mit jenem Herrn beim Drachensteigen im Park entdeckt. Beherrschte Gelassenheit bei den vermeintlichen Erben. Tantchen versäumt es nicht, sie fröhlich und regelmäßig über die Schwindsucht ihres Kontos zu unterrichten.

Auch die ehemaligen Kollegen sind´s zufrieden, dass es keiner Aufmunterung im ruhigen Rentneralltag bedarf.

Doch ab und an kommt es noch vor, dass wir nicht wissen, was für ein Gesicht wir zu den ungewöhnlichen Leidenschaften unserer munteren Sechzigerin machen sollen. Neuerdings hat sie sich mit ihrem händeküssenden Drachenfan ein Tandem zugelegt. Bisweilen bleibt sie tagelang verschollen.

Aufgekratzt heimgekehrt, redet sie vom Myrthenstrauß am weißen Hut. Doch das hatten wir schon dreimal: Ernst, Karli, Leopold, die seligen.

Wie dem auch sei. Tante Charlottes so unübliche Weisheit des Alters, ihre Manie, aus Falten Lachfalten zu machen, scheint manchen Mut zu geben, die bänglich an eigene Rentenzeiten dach-ten. Unser verrücktes Huhn hat Erfolg als verheißungsvolles Beispiel.

ERIKA NOWAK

aus "Für Dich" 50/77

Wie`s früher war

Als ich klein war, konnte ich meinen Geburtstag kaum erwarten. Ein Jahr älter geworden zu sein, erfüllte mich mit Freude und Stolz. Längst hat sich die Blickrichtung geändert: Wir schauen auf ein langes Leben zurück. Gipfel haben wir erklommen und Täler durchschritten, manche Durststrecke bewältigt, aber auch viel Schönes erlebt. Glück- und Segenswünsche, die uns am Geburtstag zugesprochen werden, schließen all das mit ein: was uns selbst gelungen ist in unserem Leben und was uns ohne unser Zutun zugefallen ist. Manchmal staunen wir, wie sich das alles gefügt hat.

Über unserem Weg liegt der Segen Gottes - darauf dürfen wir vertrauen. Er hat uns bis hierher geführt und wird uns weiter begleiten. Darauf dürfen wir hoffen.

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird`s wohlmachen.Psalm 37,5


Vater, Mutter, Kind

Wenn das Wetter gut war, holten wir die Kleinen aus der Nachbarschaft, setzten sie in ihre Kinderwagen und zogen die Straße auf und ab. Es gab ja nur wenig Verkehr. Vater, Mutter, Kind haben wir gespielt.

Im Sommer lagen wir Großen bäuchlings auf den Strohballen in der alten Scheune, blickten durchs offene Tor ins Tal hinunter und stellten uns das Leben vor. Natürlich mussten wir auch anpacken: im Frühjahr auf die Kleeäcker und Steine einsammeln, später im Jahr bei der Heuernte helfen, und bei der Kartoffellese im Herbst war es manchmal schon so kalt, dass die Finger wehtaten. Es war eine schöne Zeit.

Der Krieg kam erst am Ende zu uns. Eines Tages stand meine Tante mit ihrer Familie vor der Tür. Sie waren zu Fuß aus der Stadt gekommen. Meine Lieblingscousine kam zu uns Mädchen in die Dachstube. Anfangs war sie ganz still, dabei war sie doch so fröhlich gewesen. Meine Mutter erklärte mir: fast jede Nacht im Bunker, das hinterlässt Spuren...

Als ich wegzog, behielt ich zwei Bilder im Gedächtnis, das Tal im milden Abendlicht, verbunden mit dem Gefühl: Für mich ist gesorgt. Und ein großes Tor das weit offen steht, dahinter: das Leben.

Waltraud F., geboren 1932, aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb, wohnt bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn in Tübingen.


Was ist aus unserem Leben geworden?
Bäume hätten wir ausreißen können, als wir jung waren.
Dann haben wir Bäume gepflanzt, im übertragenen Sinn:
Wir haben Kinder aufgezogen, die Aufgaben erfüllt, vor die wir gestellt waren.
Wir haben Höhenflüge ausgekostet und Niederlagen durchlebt.
Jetzt dürfen wir uns im Schatten der Bäume niederlassen und ausruhen.


Zum neuen Heime

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als wir in die Neubausiedlung gezogen sind. Endlich raus aus der kleinen Dachwohnung! Zu fünft brauchten wir einfach mehr Platz. Jeder bekam sein eigenes Reich. Meins war die Küche. Das war damals so. Am Küchentisch habe ich anfangs noch die ganze Buchführung für meinen Mann erledigt. Dann stellte er eine Bürokraft ein. Ganz überflüssig kam ich mir vor.

Nach einer Weile begann ich - ich habe schon immer gern gebacken -‚ unsere neuen Nachbarn beim Einzug mit Kuchen zu begrüßen.

Jetzt sind wir alt, oder besser: Wir sind miteinander alt geworden. Die Kinder sind längst aus dem Haus. Aber noch heute erzählen die Leute davon, wie das mit dem Kuchen angefangen hat bei uns in der Siedlung.

Gertrud P., geboren 1930 in Düsseldorf, lebt mit ihrem Mann in einer Kleinstadt am Niederrhein


Verwöhnen lassen

Ans Alleinsein habe ich mich längst gewöhnt, an meine Beschwerden nicht. Die Kräfte lassen eben nach, das sagt sich so einfach. Ich finde es gar nicht einfach anzunehmen, dass meine Kreise kleiner geworden sind. Ohne Begleitung komme ich kaum mehr allein aus meinem Zimmer heraus.

Vor allem das Hilfe-Annehmen fällt mir sehr schwer. Neulich beim Nachmittagskaffee hat mich Frau Gerstner angelacht und quer über den Tisch gerufen: Wir haben uns lang genug um andere gekümmert, jetzt lassen wir uns verwöhnen!

Frau Gerstner hat gut reden. Sie sitzt schon eine Ewigkeit im Rollstuhl. Aber vielleicht hat sie doch recht...

Paula G., geboren 1929 in einem Dorf im Vogtland, lebt in einem Seniorenheim in Leipzig


Der Glaube hat geholfen

Wir hatten nie viel, aber wir waren immer zufrieden. Natürlich gab es Phasen, da schien mir mein Leben so zerfahren. Ein Auf und Ab, Licht und Schatten dicht beieinander. Wenn ich heute zurückschaue, hat sich doch alles gefügt. Dafür bin ich dankbar.

Es war auch immer jemand da, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Mein Glaube hat mir sicher am meisten geholfen. Ich habe immer daran geglaubt, dass Gott seine Hand über mich hält.

Jetzt bin ich alt, meine Enkel sind auch schon groß. Der letzte Lebensabschnitt wird sicher mühsam. Alles geht viel langsamer. Aber es klappt, es muss ja irgendwie. So lang gelebt zu haben, das ist mein größtes Geschenk. Eines Tages geht das alles ohne uns weiter, das weiß ich natürlich. Wir haben es ausgekostet. Wir hatten nie viel, aber wir sind zufrieden, auch heute noch.

Margot E., geboren 1934 in Thüringen, lebt heute in der Nähe von München in einer Wohngemeinschaft für Senioren


Die Erinnerung an schöne Tage -
sie halte Er uns wach,
damit wir mutig sind für morgen
und nie vergessen:
Der Himmel ist doch mitten unter uns;
so hat es der gelehrt,
der selbst auf Erden weiterging.
Er lasse uns wieder zusammenfinden
am Ende der Tage,
wenn Er kommt zu euch und zu mir.
Dann wird Er uns an den Tisch geleiten,
den Er gedeckt für alle, die da je gelebt.
Bis dahin gewähre Tage Er voll Leben:
Der Vater, der im Himmel wacht,
der Sohn, der stets an uns gedacht,
der Geist, der heute alles neu gemacht.

Herbert Jung


Für die letzte Reise vorbereitet sein

Meine Frau und ich saßen schon drei Stunden im Flugzeug. Unser Ziel: Urlaub in der Türkei. Wir waren zwar müde vom Flug, aber die Vorfreude auf die Tage unter der Sonne war groß. Endlich kam die Durchsage des Kapitäns, dass wir uns auf die Landung vorbereiten sollten. "Na endlich", dachte ich, "noch fünfzehn Minuten, und der Urlaub kann beginnen."

Plötzlich senkte sich das Flugzeug scharf nach unten und fing an zu vibrieren. Die Turbulenzen wurden von Sekunde zu Sekunde stärker. Durch ein Fenster sah ich, wie der Flügel extrem stark hin und her wackelte. Ich dachte nur: "Hoffentlich hält die Konstruktion das aus und der Flügel bricht nicht ab!" Und ich betete: "Vater, halte deine Hand über das Flugzeug - und darunter." Meine Frau und ich hielten unsere Hände fest umklammert. Ich sah die Angst in ihren Augen, und ich hatte keine Möglichkeit, ihr diese Angst zu nehmen.

Gefangen in der Blechdose

Die Erde kam bedrohlich näher. Schon waren die Häuser und die Autos gut zu erkennen. Dann flogen wir über die Landebahn. Doch die Turbinen drehten wieder hoch, die Piloten hatten den Schub erhöht. Viele Gedanken schossen mir durch den Kopf: "Warum starten wir wieder durch? Ist vielleicht ein Fahrwerk nicht ausgefahren?" Mit diesen Gedanken war ich nicht allein. Man konnte förmlich spüren, wie sich eine Angstwelle durch die Passagiermenge zog. Nun flogen wir wieder über dem offenen Meer. Überall nur glänzendes Wasser. Ist es aus mit uns, stürzen wir ab? Der Gedanke, irgendwo auf dem Meeresboden liegen zu bleiben, war grausam. Unsere Kinder hätten dann nichts, was sie zu Grabe tragen könnten. Hilflos saßen wir da, wie in einer Blechdose eingeschlossen. Das Flugzeug flog eine starke Rechtskurve. Der Kapitän meldete sich wieder, brabbelte etwas Unverständliches durch die Lautsprecher. Bald darauf machte er einen neuen Landeversuch. Endlich quietschten die Reifen, als sie die Landebahn berührten. Nach dem Stillstand klatschten alle Passagiere vor Freude und Erleichterung!

Als wir aus dem Flugzeug stiegen, erstreckte sich vor uns ein grenzenlos blauer Himmel mit einer prallen Sonne am Horizont. Entsprechend befreit war unsere Stimmung. Eine Stunde später waren wir schon in unserem Hotel. Unseren Urlaub hatten wir "all inclusive" gebucht: Wir konnten essen und trinken, so viel wir wollten, außerdem gab es täglich verschiedene Unterhaltungsprogramme. Das war natürlich nicht völlig umsonst, denn wir hatten im Voraus eine Menge Geld dafür bezahlt.

Es ist schon alles bezahlt

Während dieses Urlaubs ließ mich eine Parallele nicht mehr los: Unser schöner Urlaub - und das, was Jesus damals für uns getan hat. Er ließ sich gefangen nehmen und sogar kreuzigen, um in Jerusalem für unsere Sünden zu sterben. Wie viel verlangt er von uns dafür? Gar nichts, keinen Cent! Er hat alles für das ewige Leben mit ihm vorbereitet - und das können wir unbegrenzt nutzen. Er hat am Kreuz schon alles bezahlt! Jesus hat für alle, die vor ihm lebten und nach ihm leben werden, einen Gutschein ausgestellt. Einen Gutschein für die Vergebung der Schuld und Sünde, einen Gutschein für das ewige Leben. Warum nehmen die Menschen diesen Gutschein nicht an? Wir freuen uns doch immer sehr, wenn wir etwas kostenlos bekommen können. Was wäre, wenn ein Geschäft wie C&A sagen würde: "Morgen ist von 8.00 bis 20.00 Uhr bei uns alles kostenlos. Nehmen Sie einfach, was Sie haben wollen!" Ich weiß nicht, wie lang die Warteschlange schon um 8.00 Uhr sein würde. Aber sicher könnte man in der ganzen Stadt keinen freien Parkplatz mehr finden.

Viele Menschen wollen für alle Fälle vorsorgen und schließen alle möglichen Versicherungen ab. So abgesichert verleben sie dann die 70 oder 80 Jahre, die uns bleiben. Doch eines Tages muss jeder diese Welt verlassen - egal wie gut versichert er ist. Danach folgt die Ewigkeit. Im Vergleich dazu dauert unsere Zeit hier nicht länger als die Zeit, in der ein Streichholz verbrennt. Wenn wir uns um die kurze Zeit auf dieser Erde so intensiv sorgen, müssten wir uns nicht um die Ewigkeit eigentlich ein Vielfaches mehr kümmern?

Gutschein mit Verfallsdatum

Meine Frau und ich wussten, wann wir in den Urlaub fliegen wollten. Einen Tag vorher haben wir unsere Koffer gepackt. Wann unsere Reise in die Ewigkeit beginnt, wissen wir nicht. Das heißt: Wir sollten vorbereitet sein. Aber Koffer müssen wir dafür nicht packen.

Viktor Enns


Auch das gab es schon 1954


zum sechzigsten Geburtstag

Text: Günther Reiche

Auf dem letzten Loche krächz ich:
Du wirst nicht alle Tage sechzig
und änderst damit Deinen Sinn,
dieweil Du fortan Rentnerin,
Verzichtest, um dies auszukosten,
bei der Post auf Deinen Posten,
sagst Deinem Arbeitsplatz "ade",
hockst Dich auf das Kanapee,
schlürfst genüsslich Deinen Heeßen
und stellst fest: "Das wärs gewesen.
Mit Briefe-in-die-Kästen-stecken
könnt Ihr mich ...
jetzt nicht mehr necken.
Ich wandle durch das neue Haus
und ruh mich von der Arbeit aus.
Kann tun und lassen, was ich will,
von Oktober bis April
und auch für den Rest des Jahres
reisen, tanzen, trinken Klares;
denn die Sechzig sind doch eben
der Beginn erst von dem Leben."

Dass es Gutes führ im Schilde

wünschen  

           Dir und  

K... und I... zur Goldenen Hochzeit

von Günther Reiche

Wenn zwee-e, die seit 50 Jahrn 
sich täglich liegen in den Haarn,
dann feiern tun ooch noch ganz groß,
sind wir dabei, denn da's was los.
Und Feste, wissen wir von allen,
soll mer feiern wie se fallen.
Schließlich sind wir schon erschienen
vor 50 Jahren bei der Grienen.
Freilich warn wir damals jünger
und keene so verwelkten Dinger,
voll im Safte, ei verbibsch,
standen wir, und wir warn hübsch!
Ich weeß, wir haben den Rest der Nacht
im Heu der Scheune zugebracht.
Heute könn mir unsre Massen
hier im Haus ins Bett falln lassen.
So tun sich ändern ebn die Zeiten
nicht nur für uns - bei allen Leuten.

Wenns nu um die Familche geht  
mit hoher Produktivität,
willste da die Köpfe zählen,
kannste dich ganz scheene quälen:
Een Weib, zwee Kerle, das ist klar,
warn de erste Kinderschar.
In zweeter Lienche kamen dann
zwee Kerle und zwee Weibsen an.
Inzwischen ist ganz off de Schnelle
De dritte Garnitur zur Stelle.
So isses für de Menschheit gut,
wie se sich vermehren tut.
Und jeder kann sich selbst ausmalen,
wie viel die einst an Rente zahlen.
Die sehn in ihres Lohnes Tüte
nur die Rentenpyramide.
Wobei das, wie Ihr alle wisst,
Musik aus ferner Zukunft ist.
Ausgedacht hat das ein schlauer
Rentenpyramidenbauer.
Ob die einst einstürzt, weeß ich nich. 
Rauchen doch ganz fürchterlich
viele Frauen hier auf Erden.
Wie alt werden die wohl werden?
Komm mer nu zurück zur Sache,
wobei ich mir Gedanken mache:
Für den K... und für die I...
Gibt es nich so viele Dinge,
die sich als attraktiv erweisen
und täten se vom Stuhle reißen.
So hocken se nur schief un krumm
gemiedlich vor der Glotze rum.
Un manchmal fang se an zu spinn':
Se kenntn ne Million gewinn'.
Dann wieder saachen se zu sich:
"Ne, soviel Geld, das brauch mer nich!"
E Gläschen Bier, e Hering, sauer,
befriedigt se auf längre Dauer.
Und tut mer se emol besuchen,
wird mer bewirtet mit viel Kuchen.
Da stehn drei Torten aufn Tisch,
und I... sagt; "Mehr hab ich nich!"
So zeichte se zu jeder Zeit
Gastfreundschaft und Bescheidenheit.
Ihr guter Wech zu stetem Glick:
Schraub deine Ansprüche zurick.
Das ham die zwee-e stets gemacht,  
drum harn ses ooch so weit gebracht.
Zufrieden blicke se zurick
off 50 Jahre Eheglick.
Statt in der Welt herumzufliechen,
im Garten se nach Schnecken kriechen.
Danach sin se genau so sauer,
wie die off der chineschen Mauer.
So brauchn se nich anzugebn,
wo se gewesen sin im Leben.
Mallorca, Sudan, Gardasee,
Kenia, Bali, Argentienchen,
Australien, Känghurus, Kaninchen.
Stattdessen warn se schon sehr balde
In Biensdorf mal und Auerswalde.
So ham se ooch de Welt gesehn.
Bescheidenheit machts Leben scheen.
Ich meen, dass sies in ihrem Haus
noch halden eine Weile aus.
Das wünscht wohl jeder hier im Raum.
Ich bin am End. Man glaubt es kaum.
Ich ertrage es nicht mehr, wie man sich in den alten Ländern nach wie vor den Kopf über unser Leben in der DDR zerbricht. Was maßen sich dortige Politiker und Journalisten an. die Vergangenheit der DDR-Bürger "aufzuarbeiten"? Sie sollten sich auf die fragwürdigen Aspekte ihrer eigenen Geschichte beschränken, statt uns ein schlechtes Gewissen einzureden.

Was ist Paradox?

  • Wenn eine Tafelrunde an einen eckigen Tisch sitzt.
  • Wenn ein Zwerg Riesenfortschritte macht.
  • Wenn einem kopflosen das Buch vor der Nase weggenommen wird.
  • Wenn ein Hellseher schwarz sieht.
  • Wenn ein Braunäugiger mit dem blauen Auge davon kommt.
  • Wenn eine Bergtour ins Wasser fällt.
  • Wenn man einem Schwarzen etwas weiß macht.
  • Wenn ein Vater seinen Sohn unverwandt ansieht.
  • Wenn ein Nachtschwärmer ein Tagedieb ist.
  • Wenn einer einem von vorn in den Rücken fällt.
  • Wenn einer auf den Hund kommt, weil alles für die Katz ist.
  • Wenn zwei Glatzköpfe sich um ein Haar erschlagen hätten.
  • Wenn ein Schwergewichtler etwas leicht nimmt.
  • Wenn einem Kahlkopf eine haarsträubende Geschichte zu erzählen.
  • Wenn einer imStehen einen sitzen hat.
  • Wenn ein Minister des Inneren sich äußert.
  • Wenn eine Eiskönigin Feuer fängt.
  • Wenn ein Vater jemand bemuttert.
Mir ist alles piebe, mir ist alles schnurz, 
wenn ich`s richtig sage, meine Leitung is ä bissel kurz.
Ob im Sommer, Winter, Herbst
s` Ende is doch, dass de sterbst.
Ob ich da im Trocknen stehe oder in der Nässe
das hat für mich absolut kein Interesse.

In der Schule ich schon als Letzter saß
de Leute meinten, ich wär a faules Aas.
"Willst du denn gar nicht mehr lernen" sagte der Lehrer.
Gott, dachtsch, das wird doch immer schwerer.
Warum soll ich denn soviel lernen,
wenn ich eemal alles wieder vergesse,
das hat für mich absolut kein Interesse.

Da sind doch dä Leute auf Blumen verrückt,   
das macht doch bloß Arbeit, wenn man die pflückt.
Ach is da ä mancher himmlisch; wenn er ne Rose erwischt:
Ich hab den Schnupfen und merke das nicht,
ob ich an ein Kaktus rieche oder an ner Kresse,
das hat für mich absolut kein Interesse.

Zieh nicht de Messer durch den Mund,
sagen die Leute.
Was hat denn das fürn Grund
was kümmert denn das die Leut,
wenn zerschneid ich mir selber meine Gusche.
Ob ich mit der Gabel oder mit de Messer esse,
das hat für mich absolut kein Interesse.

Da hält man ne Zeitung,  
was hat denn das fürn Sinn.
Da steht doch überall ein- und derselbe Quatsch drin.
Ob das ist die Neuste, die Illustrierte
oder die Fahne, oder was weiß ich für Organe.
Für mich hat die Zeitung nen ganz besonderen Zweck,
bei mir rutscht se hinten runter
und husch is se weg.
Ob das ist die Berliner, das ND oder die Presse,
das hat für mich absolut kein Interesse.

Neulich haben se mir en Steuerzettel zugeschickt,
da wird man schon beim Durchlesen ganz verrückt.
Da stand drauf, sie woll`n wissen was ich verdiene,
da dachtsch: "Menschenkinner, ich bin doch keene Rechenmaschine":
Da habsch den Zettel genommen und mit dem Vermerk zurückgeschickt:
Bei mir haben Si da kein Glück,
ob ich das Geld euch schicke oder verfresse,
das hat für mich absolut kein Interesse.

Ich hab kein Freund und auch kein Feind, 
das ist das Beste wie mir scheint.
Der Feind könnt mir schaden,
der Freund pumpt mich an und gibt mir`s nich wieder;
ich kenne doch die Brüder.
Ich pfeif auf Liebe, ich pfeif auf Hass.
Ich pfeif auf alles und wisst ihr was,
ob mir eine `nen Kuss gibt
oder sie haut mir paar in die Fresse,
das hat für mich absolut kein Interesse.

       
Ich bin eine Frau, die aus Fehlern besteht,
eine Frau, die nichts von der Wirtschaft versteht.
Ich kann nicht backen und kann nicht flicken,
ich kann nicht nähen und kann nicht sticken.
Doch eines ich sehr wunderbar kann
(und das schätzt an mir fast jeder Mann),
und hiermit werd ich vielleicht
von keiner von Euch Frauen erreicht.
Ich kann`s von vorn und auch von hinten,
ich kann es langsam und geschwind,
ich kann`s von der Seite und auch im bücken,
doch ganz vortrefflich auf dem Rücken.

Ich kenne hierin jeden Brauch,
natürlich kann ich es auch auf dem Bauch.
Ich fing schon zeitig damit an,
gelehrt hat`s mir ein junger Mann.
Der war sehr jung und auch sehr kräftig
und dabei ward er manchmal heftig.

Am Anfang war mir manchmal bange,
ich hatte Angst vor seiner Stange.
Ich hörte alle Englein singen
und musste oftmals damit ringen.
Doch war das Tempo bald gefunden,
die Schwierigkeiten überwunden.
Und wie gesagt, ich werde vielleicht,
hierin von keiner Frau erreicht.

Ich lieb es morgens, da tut es gut,
da hat man  so schön ausgeruht.
Doch finde ich es auch sehr schön
wenn die Sonne tut untergehn.
Ich mach es im Dunkeln wie im Licht,
auch Sturm und Regen stören mich nicht,
und wenn mich mal die Laune packt,
dann leiste ich mir`s splitternackt.

Den Wettkampf liebe ich besonders,
da geht die Sache doch ganz anders.
Und wenn mein Partner müde wird,
ein anderer dann für ihn start.
Mir wird es leider nie zu viel,
ich komme immer an mein Ziel.

Und dann, Ihr werdet es kaum glauben,
ich bin kein Freund von Gummihauben,
nur für Natur hab ich Interesse,
mein Element das ist die Nässe.
Doch lebe Frauen, ich will es euch sagen,
denkt nicht, Ihr könnt es auch vertragen.

Ich sprach von nichts Bösen und von nichts Schlimmen,
das was ich kann, ist nämlich das S C H W I M M E N.
()


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 25.02.2019 - 18:02