Die soziale Marktwirtschaft als Gegenmodell zum Sozialismus war ein Zwischenspiel, ein schöner Traum.
Am Ende bleiben ein paar Monopolisten, die den Ton in der Welt angeben, und die Politik wird zur Marionette.
Was fehlt, ist die Antwort der Menschen auf diese Bedrohung.
Und die kann nur ähnlich lauten, wie sie einst Karl Marx gedacht hat: in Form einer Vergesellschaftung des Reichtums.
Quelle: DLF vom 14.03.2008
Gregor Gysi über "Das Kapital"
Ein Gastbeitrag von Gregor Gysi
Man kann ohne Übertreibung sagen, dass das "Kapital" von Karl Marx nicht nur zu den bedeutendsten Werken dieses Autors zählt, sondern zu den wichtigsten Texten des 19. Jahrhunderts überhaupt. Es ist von heute aus gesehen natürlich leicht, mögliche Schwächen auszumachen, Irrtümer, Fehleinschätzungen, auch zeitbedingte Grenzen. Man muss diese Schwächen kennen, um den Text zu würdigen. Drei besonders wichtige Stärken fallen mir da ein.
Gregor Gysi war von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, seit 2016 ist er Präsident der Europäischen Linken.
(Foto: dpa)
Die ökonomischen Vorstellungen und Theorien des Aufklärungsliberalismus vor dem 19. Jahrhundert, von John Locke bis Adam Smith, unterstellten immer eine Verträglichkeit der kapitalistischen Praxis mit den Prinzipien des Naturrechts und gingen damit davon aus, dass der Kapitalismus naturgewollt war. Natürlich war das pure Ideologie. Marx hielt dem ein Projekt der Wissenschaft entgegen. Es geht nicht darum, Theorien so zu formulieren, dass sie auf irgendwelche ideologischen Annahmen passen. Vielmehr muss es darum gehen, die ökonomischen Praxisformen auf den Begriff zu bringen. Was sich daraus ergeben könnte – moralisch, politisch oder in anderer Hinsicht – ist eine andere Sache.
Wenn man das vor Augen hat, lesen sich viele Kapitel des "Kapital" doch noch einmal ganz anders. Sie sind aber auch heute noch von Aktualität. Auch die Marktfixierung der Neoliberalen basiert auf einem reinen Dogma, einer ideologischen Idealvorstellung und theoretischen Fiktion: der reinen Marktökonomie. Die gibt es nicht, die kann es auch nicht geben, weil es außerdem noch Menschen gibt, die mehr sind, als Elemente in einem theoretischen Modell.
Marx hat einige Folgerungen, die er gezogen hat, politisch überschätzt. Das Monopol bezeichnete er als Fessel der Produktivkräfte. Wenn man schaut, wie die Energiekonzerne die Energiewende verschlafen haben, oder daran denkt, wie die deutschen Autokonzerne die Perspektiven ökologischer Mobilität verspielten und diese durch Softwaremanipulation nur vorgaukeln, und wenn man schließlich daran denkt, dass Konzerne wie die großen Banken sich lieber vom Staat retten lassen als Pleite zu gehen – dann sieht man, dass zu große Kapitalkonzentrationen ein Entwicklungshemmnis für unsere Gesellschaften sind. Naheliegend wären Maßnahmen, die von der Entflechtung bis hin zur Sozialisierung führen können. Daraus hat Marx aber das relativ schnelle Herannahen der Revolution gefolgert. Da hat er sich geirrt. Aber das passiert eben auch Großen.