zur Erinnerung

Wider dem Vergessen

In der Nacht vom 25.08.2018 zum 26.08.2018 wurde ein Mann in Chemnitz "abgeschlachtet".

Exklusiv-Report zum Messer-Angriff

Geheim-Akte "Chemnitz":

Die kriminelle Karriere des fl├╝chtigen Irakers ist unfassbar

FOCUS-Online-Reporter G├Âran Schattauer

Dienstag, 02.04.2019, 10:04

Der t├Âdliche Messerangriff in Chemnitz und die folgenden Krawalle haben Deutschland ersch├╝ttert. Nun wird die Tat in einem Prozess aufgearbeitet. FOCUS Online konnte vertrauliche Ermittlungsakten einsehen und zeigt nun in einer Serie bislang unbekannte Details und Hintergr├╝nde. Teil 1: Die Straf- und Asylakte des fl├╝chtigen Hauptbeschuldigten Farhad A., der bereits 2017 einen Mann niedergestochen hatte. Beim Angriff auf Daniel H. im August 2018 h├Ątte er gar nicht mehr in Deutschland sein d├╝rfen.

Polizei/AdobeStock/iStock/Composing: Sascha Weingartz
Farhad R., einer der mutma├člichen Messerstecher von Chemnitz, wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Man k├Ânnte Stunden damit zubringen, in seiner Polizeiakte zu lesen. Der 22 Jahre alte Iraker Farhad A., letzte bekannte Meldeadresse "09235 Burkhardtsdorf, Asylunterkunft" in Sachsen, verf├╝gt ├╝ber ein dickes Strafregister. Und das, obwohl er nur zweieinhalb Jahre in Deutschland gelebt hat.

Mehr als ein Dutzend Taten sind in dem Ordner verzeichnet: K├Ârperverletzung, Drogenhandel, Diebstahl, Hausfriedensbruch, Sachbesch├Ądigung, Beleidigung, Bedrohung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, um nur einige zu nennen. Auch ein - in der ├ľffentlichkeit bislang unbekannter - Fall von gef├Ąhrlicher K├Ârperverletzung findet sich in der Liste: Anfang 2017 soll Farhad A. einen Syrer mit einem Messer angegriffen und verletzt haben.

Haftbefehl: "Vorsicht, der Verd├Ąchtige k├Ânnte bewaffnet sein!"

Beim vorerst letzten Delikt, das dem Iraker zur Last gelegt wird, f├╝hren ihn die Kriminalbeamten noch als "Beschuldigten". Es geht um die t├Âdliche Messerattacke auf den 35 Jahre alten Tischler Daniel H. Der Deutsch-Kubaner war am fr├╝hen Morgen des 26. August 2018 im s├Ąchsischen Chemnitz auf offener Stra├če erstochen worden. Das Verbrechen hat Deutschland ersch├╝ttert und zum Teil gewaltt├Ątige Demonstrationen ausgel├Âst.

Einer der beiden Verd├Ąchtigen ist Farhad A. Er hat sich kurz nach dem Gewaltexzess aus Chemnitz abgesetzt und Deutschland offenbar l├Ąngst verlassen. Der Mann wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Auf dem Fahndungsplakat steht: "Vorsicht, der Verd├Ąchtige k├Ânnte bewaffnet sein!"

AdobeStock/iStock/Composing: Sascha Weingartz

FOCUS Online hat den Werdegang von Farhad A., der am 11. Januar 2016 nach Deutschland kam und kurz darauf Asyl beantragte, nachverfolgt. Entstanden ist ein Bild, das sich aus vielen - bislang unbekannten - Einzelteilen zusammensetzt: Aussagen von Freunden und Bekannten, Einsch├Ątzungen von Asylheim-Mitarbeitern, Erkenntnisse staatlicher Stellen, Protokolle von Polizei- und Justizbeh├Ârden, Schilderungen von Opfern diverser Gewalttaten.

Im Video - Messerstich am R├╝cken: Opfer schildert im Prozess das Chemnitz-Attentat

Messerstich am R├╝cken: Augenzeuge schildert im Prozess die Ereignisse der Tatnacht FOCUS Online/Wochit
Messerstich am R├╝cken: Augenzeuge schildert im Prozess die Ereignisse der Tatnacht

Wollte man die Vergehen des jungen Irakers und die Reaktionen der deutschen Beh├Ârden in einem Wort zusammenfassen, dann mit diesem: unfassbar.

Er schl├Ągt zu und spuckt einer Frau ins Gesicht

Das erste Mal mit einer Straftat aktenkundig wurde Farhad A. nach FOCUS-Online-Recherchen rund zehn Monate nach seiner Ankunft in Deutschland, die n├Ąchsten Gesetzesverst├Â├če folgten im Wochentakt:

In einem D├Âner-Restaurant zieht er pl├Âtzlich ein Messer

Die schwerste - und im Zusammenhang mit der t├Âdlichen Attacke von Chemnitz interessanteste - Straftat ist in dieser Aufstellung noch gar nicht enthalten. Im polizeilichen Auskunftssystem wurde sie unter der Tagebuchnummer 2242/17/118110 gespeichert. Es geht um einen brutalen Messer-Angriff.

Tatort: Ein D├Ânerladen im Zentrum von Chemnitz. Tatzeit: 1. Februar 2017. Opfer: Mitarbeiter Orhan R., ein Syrer, damals 22 Jahre alt. Er war an diesem Wintertag im Restaurant, als Farhad A. aus nichtigem Anlass - niemand hatte eine Zigarette f├╝r ihn - ausrastete. Der Iraker schlug einem jugendlichen deutschen Gast ins Gesicht, dann z├╝ckte er ein Messer und ging auf den D├Âner-Verk├Ąufer los. Laut Polizeiprotokoll f├╝gte er Orhan R. vier Stich- und Schnittverletzungen zu. Schlie├člich gelang es dem blutenden Opfer im Handgemenge mit Farhad A., das Tatmesser zu zerbrechen.

Die Staatsanwaltschaft Chemnitz leitete damals gegen Farhad A. Ermittlungen wegen gef├Ąhrlicher K├Ârperverletzung ein (Aktenzeichen: 463 Js 8630/17). Obwohl seitdem mehr als zwei Jahre vergangen sind, ist das Verfahren bis heute nicht abgeschlossen. Immerhin best├Ątigt der Vorfall, was mehrere Personen nach der T├Âtung von Daniel H. bei der Polizei ausgesagt haben: Bei seinen Streifz├╝gen durch Chemnitz soll Farhad A. stets ein Messer mitgef├╝hrt haben.

Am Telefon sagt er: Habe auf mehrere Personen eingestochen

Das war offenbar auch in der Nacht vom 25. auf den 26. August 2018 der Fall, wie FOCUS-Online-Recherchen ergaben.

Vieles spricht also daf├╝r, dass Farhad A. zur Tatzeit mit einem Messer bewaffnet war, einiges weist darauf hin, dass er Daniel H. und einen weiteren Mann, den Russlanddeutschen Dimitri M., damit angegriffen hat.

Polizei: "Er ist wegen seines Auftretens allgemein gef├╝rchtet"

Obwohl noch nichts bewiesen ist, w├╝rde es ins Bild des hochaggressiven Gewaltt├Ąters passen. Menschen, die Farhad A. kennen, beschreiben ihn als unberechenbar, r├╝cksichtslos, ohne Gnade und ohne Gef├╝hle. Er mache alles platt, was ihm im Weg steht. In einem Polizeibericht ├╝ber Farhad A. ist all das in einem einzigen Satz geb├╝ndelt: "Er ist wegen seines Auftretens allgemein gef├╝rchtet."

An Hinweisen, dass Farhad A. zu schweren Straftaten neigt und somit brandgef├Ąhrlich ist, hat es offenkundig nie gemangelt. Um so dr├Ąngender stellt sich die Frage, warum die deutschen Beh├Ârden nicht reagiert haben, nicht eingeschritten sind. Wie kam der Mann, der ├╝ber 14 Alias-Identit├Ąten verf├╝gte, ├╝berhaupt nach Deutschland und warum durfte er bleiben?

F├╝r seine Flucht zahlt er einem Schlepper 2500 US-Dollar

Nach Recherchen von FOCUS Online fl├╝chtete Farhad A. ├╝ber die T├╝rkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien. Seinem Schlepper zahlte er angeblich 2500 US-Dollar. Am 11. Januar 2016 erreichte der Iraker Deutschland. Zwei Monate sp├Ąter stellte er einen Asylantrag, nahm ihn kurz darauf zur├╝ck und bat im Juli 2016 erneut um Anerkennung als Fl├╝chtling.

Im Januar 2017 lehnte das Bundesamt f├╝r Migration und Fl├╝chtlinge (BAMF) den Antrag des Irakers ab und stellte klar: "Abschiebungsverbote liegen nicht vor." Bei der R├╝ckkehr in seine Heimat drohten Farhad A. "keine Gefahr" f├╝r Leib und Leben oder wirtschaftliche Not. Gegen den BAMF-Bescheid erhob Farhad A. im Februar 2017 Klage beim Verwaltungsgericht Chemnitz, das jedoch bis zum Messer-Attentat im August 2018 keine Entscheidung traf. Erst am 9. Oktober 2018 wurde das Verfahren eingestellt - weil der Kl├Ąger "nach unbekannt" verzogen ist.

Im Juli 2018 l├Ąuft seine Duldung ab - doch er bleibt in Chemnitz

Trotz seines von vornherein aussichtslosen Asylantrags durfte Farhad A. in Deutschland bleiben - zumindest bis zum 12. Juli 2018. Einen Tag sp├Ąter lief seine Duldung ab, fortan war er ohne Aufenthaltstitel. Obwohl er kein Recht mehr hatte, in Deutschland zu leben, unternahmen die Beh├Ârden laut einem Polizeivermerk keinerlei Anstrengungen, den hochkriminellen Iraker abzuschieben.

Am 5. September 2018, eine Woche nach dem Messer-Angriff auf Daniel H., notierte die Chemnitzer Polizei ├╝ber den Umgang mit Farhad A.: "Aufenthaltsbeendende Ma├čnahmen (auch Passbeschaffung) wurden nicht durchgef├╝hrt und sind aktuell auch nicht vorgesehen."


Quelle: focus.de vom 02.04.2019


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