zur Erinnerung

Wider dem Vergessen

In der Nacht vom 25.08.2018 zum 26.08.2018 wurde ein Mann in Chemnitz "abgeschlachtet".

Exklusiv-Report zum Messer-Angriff - Teil 4 Geheim-Akte "Chemnitz": Alle rannten weg, nur einer kämpfte um das Leben Daniel H.s

FOCUS-Online-Reporter Göran Schattauer

Freitag, 05.04.2019, 22:09

Der t√∂dliche Messerangriff in Chemnitz und die folgenden Krawalle haben Deutschland ersch√ľttert. Nun wird die Tat in einem Prozess aufgearbeitet. FOCUS Online konnte vertrauliche Ermittlungsakten einsehen und zeigt nun in einer Serie bislang unbekannte Details und Hintergr√ľnde. Teil 4: Der Rettungseinsatz von Chemnitz. √Ąrzte und Sanit√§ter rangen verzweifelt um das Leben von Daniel H. - doch vor ihnen leistete ein Mann Erste Hilfe, der zuf√§llig am Tatort war.

dpa/AdobeStock/iStock/Composing: Sascha Weingartz Ein Rettungswagen im Einsatz (Symbolbild).

Es gibt Situationen im Leben, auf die kann man sich nicht vorbereiten, man will sie sich nicht einmal vorstellen. Weil einen schon der Gedanke daran √ľberfordert. Weil man f√ľrchtet, dass man sich vor Erschrecken und Angst kaum regen k√∂nnte.

Ralf Schmidt* war nicht √ľberfordert. Er hatte auch keine Angst. Er hat einfach gehandelt.

Menschen schrien und rannten wild durcheinander

Der 50-J√§hrige tat, was er glaubte tun zu m√ľssen in all dem Chaos, das am fr√ľhen Morgen des 26. August 2018 auf der Chemnitzer Br√ľckenstra√üe um ihn herum herrschte: Menschen schrien und rannten wild durcheinander, andere standen wie angewurzelt da und starrten fassungslos zu Boden.

Auf den Gehwegplatten lag ein Mann mit schwarzer Lederjacke. Er regte sich nicht. Offenbar war er schwer verletzt.

Szenen am Tatort w√ľhlen den Ersthelfer bis heute auf

Noch bevor gegen 3.19 Uhr die ersten Notrufe in der Chemnitzer Leitstelle eingingen, beugte sich Ralf Schmidt √ľber den Mann und versuchte, ihn zu retten. Seine verzweifelten Bem√ľhungen sind in der √Ėffentlichkeit bislang nicht bekannt. Bei den Recherchen zum Messer-Angriff von Chemnitz machte FOCUS Online den mutigen Ersthelfer ausfindig.

Obwohl sein Einsatz mehr als sieben Monate zur√ľckliegt, wirkt Ralf Schmidt noch immer traumatisiert. Nat√ľrlich kennt er - wie Millionen Deutsche - mittlerweile den Namen des Mannes, dessen Tod er ebenso wenig verhindern konnte wie Not√§rzte und Sanit√§ter: Daniel H., 35 Jahre alt, ein Tischler aus Chemnitz.

Das Schicksal des Opfers und die dramatischen Szenen am Tatort w√ľhlen Ralf Schmidt bis heute auf. Am liebsten w√ľrde er alles vergessen und endlich zur Ruhe kommen. Es f√§llt ihm schwer.

Er trank ein Bier, als in der Nähe Unruhe ausbrach

Ralf Schmidt war in der Nacht vom 25. auf den 26. August auf dem Chemnitzer Stadtfest unterwegs. Als die letzten Fahrgesch√§fte und Imbissbuden schlossen, ging er gemeinsam mit einem Freund auf die Br√ľckenstra√üe. Die beiden wollten noch ein Bier trinken.

Sie standen vor einem Döner-Laden, als in der Nähe plötzlich Unruhe ausbrach und eine Gruppe von mehreren Leuten losrannte. Ralf Schmidt wusste zunächst nicht, worum es ging, dann sah er einen Mann reglos auf dem Boden liegen. Er lief zu ihm und schaute ihn an. Viel konnte er nicht erkennen, denn die Lederjacke verdeckte den Brustbereich des Mannes.

Helfer dr√ľckte Daniel H. T-Shirt auf die blutende Brust

Dann schob er die Jacke zur Seite. Er sah, wie Blut aus der Brust und dem Bauch des Mannes geschossen kam. Geistesgegenw√§rtig riss Ralf Schmidt sein T-Shirt vom Leib und dr√ľckte es auf den Oberk√∂rper des Verletzten, auf die Brust. Er versuchte, die Blutung in der Herzgegend zu stillen und hob er den Kopf des Mannes leicht an.

Der Verletzte verfiel in eine Art Schnappatmung und drohte das Bewusstsein zu verlieren. Ralf Schmidt gab ihm mit der Hand immer wieder kleine Schläge auf die Wangen. Er hoffte, den Mann auf diese Weise wach halten zu können.

Dann trafen die ersten Polizisten am Tatort ein und l√∂sten den Ersthelfer ab. Ein Beamter k√ľmmerte sich um den Verwundeten, dessen Zustand sich zusehends verschlechterte. Laut einem Aktenvermerk der Polizei verlor der Mann "langsam das Bewusstsein und der Puls wurde deutlich schw√§cher".

AdobeStock/iStock/Composing: Sascha Weingartz Notarzt sah kaum noch √úberlebenschancen

Unmittelbar danach kamen ein Notarzt sowie mehrere Sanit√§ter und Rettungsassistenten am Tatort an und versuchten, den Verletzten zu reanimieren. Mit einer Kleiderschere wurde ein Jacken√§rmel aufgeschnitten, um Infusionen legen zu k√∂nnen. Die Helfer f√ľhrten bei dem nunmehr bewusstlosen Patienten eine Herzdruckmassage durch und beatmeten ihn mit einer Maske. Allerdings konnten sie keine Vitalwerte mehr messen. Der Notarzt sah kaum noch √úberlebenschancen.

Mit Sirene und Blaulicht wurde der Verwundete in die Notaufnahme gefahren. Dort konnten die Mediziner keine Herztöne mehr feststellen. Aufgrund der aussichtslosen Situation wurde "von einer Notoperation Abstand genommen", heißt es im Klinikprotokoll. Als Todeszeit trug ein Arzt ein: 26. August 2018, 04.04 Uhr.

Schmidt: "Ich wollte dem Mann einfach nur helfen"

Ersthelfer Ralf Schmidt wurde zweimal von der Polizei vernommen und musste seine blutverschmierte Kleidung f√ľr kriminaltechnische Untersuchungen abgeben. Im Gespr√§ch mit den Beamten sagte der 50-J√§hrige, dass er w√§hrend seiner Bem√ľhungen um den Verletzten "eigentlich keinen Plan" gehabt habe. "Ich wollte dem Mann einfach nur helfen."

Dass seine Schilderungen der Wahrheit entsprechen, hat die Analyse von Schmidts Kleidern im Labor eindeutig ergeben: An den Jeanshosen und an der Jacke des Ersthelfers fanden sich großflächige DNA-Spuren des Opfers Daniel H.

* Name der Redaktion bekannt, aber aus Schutzgr√ľnden ge√§ndert


Quelle: focus vom 05.04.2019


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 15.02.2023 - 18:48