zur Erinnerung
W├╝stenkrieger Lawrence - Der Verrat an den Arabern Der britische Abenteurer Lawrence von Arabien f├╝hrte vor 100 Jahren die St├Ąmme der W├╝ste gegen die Osmanen und damit das Deutsche Reich.
Er wurde zur Legende - und die Region das, was sie bis heute ist: ein Schlachtfeld.

Von Samiha Shafy

25.12.2016

Alle kursiven Zitate stammen aus Schriften von T.E. Lawrence

Offizier Lawrence um 1919
Foto: Granger, NYC / Interfoto

Ein Mann kann sich ohne Weiteres zugrunde richten; aber wie abscheulich, dass sich die Unschuld und die Ideale der Araber meinem schmutzigen Dienst f├╝gen sollten, auf dass ich beides zugrunde richte.

Das Ziel, das Lawrence von Arabien im September 1917 unbedingt erobern wollte, ist ein kleiner sandfarbener S├Ąulenbau, der sich in die fahle W├╝ste duckt. Um ihn herum stehen heute ein paar Flachbauten und Zelte: die Siedlung Mudawwara. Nur wenige Kilometer s├╝dlich von hier verl├Ąuft eine jener Grenzen, welche die Kolonialherren zu Lawrence' Zeiten kreuz und quer durch den Nahen Osten zogen. Sie trennt diesen Teil der W├╝ste, der nun Jordanien hei├čt, von jenem dahinter, der heute Saudi-Arabien genannt wird.

Der Scheich von Mudawwara, in traditionell wei├čem Gewand mit rot-wei├č-karierter Kopfbedeckung, schreitet auf das verwitterte Geb├Ąude zu, dann bleibt er in respektvollem Abstand stehen. Er m├Âchte die Familien nicht st├Âren, die sich in der Ruine angesiedelt haben. Ein Hauch von Schatten w├Ąre jetzt eine Gnade, Schutz vor der gierigen W├╝stenhitze, die jeden verschlingt, der sich ihr aussetzt. Nur den Scheich nicht, nat├╝rlich - er blinzelt entspannt in die Sonne.

Khaled Suleiman al-Atoun, 54, ist der Anf├╝hrer des Stammes der Atoun, die seit Generationen in dieser Region leben. "Mein Gro├čvater hat an Lawrence' Seite gegen die T├╝rken gek├Ąmpft", erz├Ąhlt er. "H├Ątte ich zu jener Zeit gelebt, h├Ątte ich wohl auch mitgemacht - angesichts all der Versprechen, mit denen die Araber damals in den Aufstand gelockt wurden."

Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, einte Leutnant Thomas Edward Lawrence im Auftrag des britischen Geheimdienstes arabische St├Ąmme. Von Oktober 1916 an f├╝hrte er sie in einen abenteuerlichen W├╝stenkrieg gegen das Osmanische Reich, den Verb├╝ndeten Deutschlands. Er selbst wuchs dabei zu einem Helden, dem Aberwitziges gelang, zu einer der legend├Ąren Gestalten der Weltgeschichte: zu Lawrence von Arabien.

Was Lawrence dem Gro├čvater Atouns und den anderen Arabern im Auftrag der britischen Krone versprochen hatte, war: Freiheit. Wenn sie gemeinsam mit ihm die T├╝rken aus Arabien verjagten, wenn sie dem British Empire also dabei helfen w├╝rden, das Osmanische Reich zu zerschlagen, werde ihr Lohn eine freie arabische Nation sein. Sie sollte neben der Arabischen Halbinsel auch den Gro├čteil der heutigen Staaten Jordanien, Irak, Syrien, Israel sowie die Pal├Ąstinensergebiete umfassen.

Scheich Atoun deutet auf die Ruine: "Das war der Bahnhof von Mudawwara." Durch ihn lief die strategisch entscheidende Bahnlinie der Osmanen Richtung Medina. Und hier lagerten damals, im Herbst 1917, die Wasservorr├Ąte der osmanischen Truppen. Doch sie waren zu gut bewacht f├╝r einen Angriff. Deshalb installierten Atouns Gro├čvater und weitere K├Ąmpfer, angef├╝hrt von Lawrence, eine Sprengstofffalle auf den Gleisen. Als sich ein osmanischer Zug n├Ąherte, jagten sie ihn in die Luft. Er finde es schade, sagt der Scheich, dass der Verlauf der Bahnlinie kaum noch zu erkennen sei: "Es w├Ąre gut, wenn j├╝ngere Generationen ihn sehen und begreifen k├Ânnten, wie wir in diese missliche Lage geraten sind."

Missliche Lage?

Seit damals gebe es in Mudawwara keine Bahnverbindung mehr, klagt Atoun. Noch schlimmer aber sei etwas anderes. Er macht eine Geste gen S├╝den, Richtung Saudi-Arabien. Nicht weit von hier gebe es eine zweite Wasserquelle, erz├Ąhlt er, deshalb habe sich sein Stamm fr├╝her oft dort aufgehalten. Doch als nach dem Ersten Weltkrieg jene unseligen Grenzen durch den Nahen Osten gezogen wurden, sei auch sein Stamm gespalten worden: Diejenigen, die in Mudawwara blieben, wurden Jordanier, die anderen Saudi-Araber. "Wenn ich meine Familie auf der anderen Seite besuchen will, brauche ich ein Visum und muss monatelang warten", sagt Atoun. Seine Augen blitzen streitlustig: "Finden Sie das etwa fair?"

Die arabische Welt, einst so leidenschaftlich verkl├Ąrt von europ├Ąischen Dichtern, Malern und Komponisten, beherrscht heute die Weltpolitik mit Krisen und Terror, Zerst├Ârung und Flucht. Staaten wie Syrien und der Irak sind zum Schlachtfeld von Gro├čm├Ąchten geworden, die vordergr├╝ndig, beil├Ąufig fast, den "Islamischen Staat" (IS) bek├Ąmpfen, w├Ąhrend sie um Vorherrschaft in der Region ringen. So besch├Ąftigt der Nahe Osten den Westen mehr als jede andere Gegend der Welt: durch seine Kriege, den Zerfall seiner Staaten und all jene Gefahren, die darin ihren Ursprung haben.

Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, sollte hundert Jahre zur├╝ckblicken, nach England und in die arabische W├╝ste. Dort spielt die Geschichte jenes Mannes, der aus dem Nichts kam und das Schicksal der Araber in seine H├Ąnde nahm. F├╝r die einen ist Lawrence von Arabien ein tragischer Freiheitsk├Ąmpfer, f├╝r die anderen ein Verr├Ąter. Auf jeden Fall geh├Ârt er zu den M├Ąnnern, die das 20. Jahrhundert pr├Ągten, neben Figuren wie Churchill, Lenin, Stalin, Mussolini - so sieht es der amerikanische Historiker David Fromkin, Autor des Standardwerks zur Entstehung des modernen Nahen Ostens. Auch Hitler geh├Ârt auf diese Liste.

Scheich Atoun: "Wir sollten bis in alle Ewigkeit Schwarz tragen wegen Lawrence' Taten"
Foto: Dirk-Jan Visser / DER SPIEGEL

Generationen von Wissenschaftlern haben versucht zu verstehen, wie dieser eine junge Abenteurer die Weltgeschichte derart beeinflussen konnte: Es gibt mehr als 70 Biografien, die j├╝ngste erschien im Mai. Seine eigenen Memoiren sind, ├╝ber 81 Jahre nach seinem Tod, in mehr als einem Dutzend Sprachen erh├Ąltlich. Ein schillerndes Denkmal setzte ihm 1962 Hollywoodregisseur David Lean: ein gr├Â├čenwahnsinniges, mit sieben Oscars gekr├Ântes Filmepos - "Lawrence von Arabien".

Im Film ist Lawrence, gespielt von Peter O'Toole, ein gebrochener Held. Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, br├╝skiert seine Vorgesetzten und bringt die Araber dazu, ihm zu folgen - bis die Kr├Ąfte, die er selbst geweckt hat, ihn zu zerrei├čen drohen. Der echte Lawrence war dem Filmhelden schon optisch ├Ąhnlich, ein sehniger Mann mit hellem Haar und stahlblauen Augen, der sich in arabische Gew├Ąnder h├╝llte und in der W├╝ste Grenzerfahrungen suchte. Eine widerspr├╝chliche und r├Ątselhafte Figur selbst f├╝r jene, die ihn aus der N├Ąhe erlebten: brillant, besessen, eitel - aber auch mitf├╝hlend und von Zweifeln gepeinigt.

Wie konnte der einst m├Ąchtige, kulturell bl├╝hende Nahe Osten nach Lawrence' Kampf zu einer Region ohne Chancen werden? Warum zerfallen arabische Staaten vor den Augen der Welt, gefangen in zerst├Ârerischem Wahn? Wie kam es zum Siegeszug der Islamisten, die behaupten, westliche Werte seien die Krankheit, religi├Âser Fanatismus das Heil? Antworten findet man auch in der Geschichte des Lawrence von Arabien.

Der Ausl├Ąnder kommt immer hierher, um zu lehren, wo er vielmehr lernen sollte, denn in allem, Verstand und Wissen ausgenommen, ist der Araber im Allgemeinen der bessere Mensch von beiden.

Um ein Haar w├Ąre seine Geschichte zu Ende gewesen, bevor sie richtig beginnen konnte. T.E. Lawrence, geboren am 16. August 1888 im walisischen Tremadog, war der zweite von f├╝nf unehelichen S├Âhnen des Gutsbesitzers Thomas Chapman und der Gouvernante Sarah Junner, die sich um Sir und Lady Chapmans vier T├Âchter gek├╝mmert hatte. Da die geh├Ârnte Lady Chapman die Scheidung verweigerte, nahmen ihr Mann und das Kinderm├Ądchen einen anderen Namen an: Lawrence.

Sie zogen nach Oxford und versuchten dort, den Anschein zu erwecken, ein gew├Âhnliches Ehepaar zu sein. Wohl um die geheime Schande zu kompensieren, gab sich vor allem Mrs Lawrence fromm und sittenstreng. Ihr Zweitgeborener, Thomas Edward, versuchte fr├╝h, dem Korsett seines Elternhauses zu entkommen. Er studierte Geschichte und reiste Ende 1910 ins heutige Syrien, um bei Ausgrabungen zu helfen. Bald streckte ihn die Ruhr nieder, und er wurde sterbensschwach.

W├Ąhrend er zwischen Leben und Tod schwebte, besuchte ihn t├Ąglich ein junger arabischer Wassertr├Ąger namens Dahoum. Lawrence genas - und verliebte sich. Es war nat├╝rlich zu jener Zeit eine ebenso unm├Âgliche Liebe wie die seiner Eltern. M├Âglich ist, dass sich die Romanze vor allem in der Fantasie des jungen Briten abspielte. F├╝r Lawrence, der mit dem verkl├Ąrten Blick des Orientromantikers auf die Araber blickte, verk├Ârperte Dahoum das Idealbild des reinen, edlen Beduinen.

Foto: DER SPIEGEL

Sp├Ąter, als er zu Lawrence von Arabien geworden war, schrieb er: "Mein st├Ąrkster Beweggrund war w├Ąhrend der ganzen Zeit ein pers├Ânlicher gewesen, der hier nicht erw├Ąhnt wurde; aber er ist, wie ich glaube, mir zu jeder Stunde dieser zwei Jahre gegenw├Ąrtig gewesen ... Er war tot, noch bevor wir Damaskus erreichten."

Als Lawrence im Juni 1914 in seine Heimat zur├╝ckkehrte, blieb Dahoum als W├Ąchter auf der Ausgrabungsst├Ątte zur├╝ck. Sp├Ąter, in der entscheidenden Phase des Krieges, erfuhr Lawrence, dass sein Freund an einem Fieber gestorben war.

Am 4. August 1914 trat Gro├čbritannien in den Krieg gegen Deutschland ein. Das Osmanische Reich br├Âckelte l├Ąngst. Aus Nordafrika hatte es sich zur├╝ckgezogen, ebenso aus S├╝dosteuropa. Aber es erstreckte sich noch von der Levante und Mesopotamien bis an den Persischen Golf und ├╝ber den westlichen Teil der Arabischen Halbinsel bis in den Jemen. St├Ądte geh├Ârten zum Gro├čreich der T├╝rken, deren Namen damals wie Verhei├čungen klangen und heute f├╝r Tod und Terror stehen - Aleppo, Damaskus, Bagdad, Sanaa. Dass in dieser Erde auch die gr├Â├čten ├ľlreserven der Welt schlummerten, war den Herrschern in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, noch kaum bewusst.

Zun├Ąchst war nicht klar, ob das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg Partei ergreifen w├╝rde. 1911 hatte es mit Gro├čbritannien ├╝ber eine Allianz verhandelt, vergebens. Die anderen Mitglieder der sogenannten Entente - Frankreich und Russland - zeigten kein Interesse. Die Deutschen winkten im Juli 1914 ebenfalls ab.

Doch dann ├Ąnderten die Diplomaten des deutschen Kaisers Wilhelm II. ihre Meinung. Die Osmanen besa├čen keine besonders schlagkr├Ąftige Armee, doch sie beherrschten Mekka und Medina, die heiligen St├Ątten des Islam. Der Sultan betrachtete sich als spirituellen F├╝hrer aller Muslime. Wenn dieser Mehmed V. nun, so ├╝berlegten die Deutschen, alle Muslime - auch jene 140 Millionen, die in L├Ąndern wie ├ägypten und Sudan unter der Kontrolle der Entente standen - zum heiligen Krieg gegen die Alliierten aufriefe, k├Ânnte das den Krieg entscheiden.

Die Deutschen verb├╝ndeten sich mit den Osmanen, diese riefen prompt zum Dschihad gegen Deutschlands Feinde auf. Die Briten, in deren Kolonien hundert Millionen Muslime lebten, mussten reagieren.

Wir erkannten, dass der Osten eines neuen Elements bedurfte, irgendeiner Macht oder Rasse, die den T├╝rken an Zahl, an Sto├čkraft und geistiger Regsamkeit ├╝berlegen war.

Durch Zufall war Lawrence genau da, wo die britische Antwort ersonnen wurde: in Kairo. Weil er sich in der arabischen Welt besser auskannte als die meisten Briten, hatte er eine Stelle als Leutnant in der "Geografischen Abteilung des Generalstabs" bekommen.

Der Plan des britischen Nachrichtendienstes in Kairo war es, Hussein Bin Ali, den Scherif von Mekka, zum Widerstand gegen die T├╝rken anzustacheln. Der strenge, wei├čb├Ąrtige Hussein wurde in der islamischen Welt als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed und als eigentlicher H├╝ter der heiligen St├Ątten verehrt.

Der Scherif pflegte Kontakte zu arabischen Nationalisten und tr├Ąumte von einem panarabischen Kalifat. Weil die T├╝rken das wussten, hatten sie Vorkehrungen getroffen: Sie hatten sich von deutschen Ingenieuren die Hidschas-Bahnlinie bauen lassen, die Damaskus mit Medina verband und bis nach Mekka verl├Ąngert werden sollte. Mithilfe der Bahnlinie konnte der Sultan seine Truppen schnell dorthin verlegen, wo Unruhe aufkam.

Lawrence geh├Ârte zu den leidenschaftlichsten Verfechtern des britischen Plans. Er schrieb nun Strategiepapiere. Schlie├člich einigten sich Sir Henry McMahon, der britische Hochkommissar in ├ägypten, und Scherif Hussein: Die Araber sollten den Aufstand wagen und das Osmanische Reich angreifen.

Partner Feisal (vorn), Lawrence (3.v.r.) bei der Pariser Friedenskonferenz 1919: Linien im Sand
Foto: Topham Picturepoint

Nach dem Sieg, so versprach McMahon in einem Brief Ende Oktober 1915, w├╝rde Gro├čbritannien Husseins Anspruch auf ein unabh├Ąngiges Arabien unterst├╝tzen - mit der Arabischen Halbinsel, Syrien, Mesopotamien und Pal├Ąstina. McMahon w├Ąhlte seine Worte so wolkig, wie es nur ging; so war es ihm aus London aufgetragen worden.

Damit bereitete er einen historischen Verrat vor, der die arabische Welt bis heute destabilisiert: "Man kann nat├╝rlich argumentieren, dass alle Grenzen k├╝nstlich sind", sagt der britische Historiker James Barr, "aber der Unterschied im Nahen Osten ist, dass die Grenzen f├╝r ein gebrochenes Versprechen stehen - ein Versprechen, mit dem die Briten die Araber damals dazu brachten, f├╝r sie in den Kampf zu ziehen."

Barr, 40, ein freundlicher, schmaler Mann, hat Jahre in britischen und franz├Âsischen Archiven zugebracht, um anhand freigegebener Geheimakten aus dem Ersten Weltkrieg nachzuvollziehen, wie es zum Verrat der Kolonialm├Ąchte an den Arabern kam. Das Ergebnis ist sein 2011 erschienenes Buch "A Line in the Sand".

Im Zentrum des Geschehens steht der junge Leutnant in Kairo: Lawrence. "Auch Lawrence war in erster Linie ein britischer Imperialist", sagt der Historiker. Er habe f├╝r ein unabh├Ąngiges Arabien gek├Ąmpft, das unter britischem Einfluss stehen sollte. "Nach damaligen Ma├čst├Ąben war er weniger rassistisch als viele andere." Zumindest, was die Araber betraf. "Seine hervorstechende Eigenschaft war, dass er die Franzosen nicht ausstehen konnte."

Dann war da noch der fantasievolle Anwalt aller unerf├╝llten Weltbewegungen, Mark Sykes, auch er ein B├╝ndel von Vorurteilen, Eingebungen und Halbheiten.

Anfang 1916 h├Ârte Lawrence Ger├╝chte aus London. Danach hatte der britische Parlamentarier Mark Sykes mit einem Gesandten der Franzosen namens Fran├žois Georges-Picot ein Geheimabkommen ausgehandelt, das die arabischen Provinzen des Osmanischen Reichs vorsorglich zwischen Gro├čbritannien und Frankreich aufteilte. Sykes und Picot hatten eine Linie quer ├╝ber eine Landkarte Arabiens gezogen, die vom Buchstaben "e" im Namen der Stadt Acre (Akko) bis zum letzten "k" im Namen der Stadt Kirkuk reichte: Was n├Ârdlich davon lag, sollte nach einem Sieg ├╝ber die Deutschen und die T├╝rken unter Frankreichs "Schutz" gelangen, die s├╝dlichen Gebiete sollten Gro├čbritannien zufallen. Nur Pal├Ąstina wollte keiner dem anderen ├╝berlassen; es sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden.

Das Sykes-Picot-Abkommen ist der zweite Teil des historischen Verrats an den Arabern. Die Briten sahen sich gen├Âtigt, ihren wichtigsten Verb├╝ndeten entgegenzukommen: den Franzosen. Die hatten mit Drohungen reagiert, als sie von McMahons Absprache mit Scherif Hussein erfuhren.

Die Engl├Ąnder versprachen den Franzosen also riesige Landstriche, die noch den T├╝rken geh├Ârten und die sie auch schon den Arabern versprochen hatten.

Im Nahen Osten steht der Begriff Sykes-Picot heute f├╝r ein Gef├╝hl von Ohnmacht und Wut dar├╝ber, immer wieder Opfer fremder Interessen zu werden. Das liegt an der strategisch entscheidenden Lage der Region zwischen Ost und West und an einer offenen Topografie, die immer schon Eindringlinge anlockte. Und es liegt an der F├╝lle jener Rohstoffe, die zu der Zeit entdeckt wurden und fremde Begehrlichkeiten weckten: ├ľl vor allem.

Mit Sykes-Picot beginnt aus arabischer Sicht eine Kette der Katastrophen, die sich bis in die Gegenwart verl├Ąngert - bis zum Krieg in Syrien, der zu einer Art Weltkrieg auf syrischem Boden geworden ist.

Lawrence-Verwandte Jenkins-Teague (vor Lawrence' H├╝tte Clouds Hill.): "Er w├Ąre so schockiert"
Foto: Jonathan Browning / DER SPIEGEL

Es ist dieses Ohnmachtsgef├╝hl, das Islamisten und andere Feinde des Westens heute geschickt ausnutzen. Zum Beispiel jenes IS-K├Ąmpfers, der in einem Video an einem von der Terrorgruppe eroberten Grenz├╝bergang zwischen Syrien und dem Irak steht und prahlt: "Wir werden die Grenzen des Irak, Jordaniens, des Libanon, aller L├Ąnder durchbrechen." Das IS-Video, ver├Âffentlicht im Sommer 2014, tr├Ągt den Titel: "Das Ende von Sykes-Picot".

Die Briten waren ungl├╝cklich mit dem Abkommen und suchten nach Wegen, es zu umgehen. Vor allem sollten ihre arabischen Verb├╝ndeten auf keinen Fall von Sykes-Picot erfahren; sie wurden ja f├╝r den Kampf gegen die Osmanen gebraucht.

Das ungute Gef├╝hl, den Franzosen zu viel Territorium ├╝berlassen zu haben, verleitete die Briten zu einer dritten folgenschweren Absprache, diesmal mit europ├Ąischen Zionisten. Sie war mit keiner der beiden vorherigen vereinbar: Gro├čbritannien w├╝rde die Zionisten dabei unterst├╝tzen, Juden in Pal├Ąstina anzusiedeln.

Mit der Dankbarkeit der j├╝dischen Siedler, so das Kalk├╝l in London, w├╝rde sich Gro├čbritannien die Kontrolle ├╝ber jenes Gebiet sichern, das es urspr├╝nglich den Arabern versprochen hatte und das laut Sykes-Picot neutral bleiben sollte. Etwa 640.000 Araber und rund 60.000 Juden lebten damals in Pal├Ąstina. Der neue Plan der Briten wurde zur Basis des Staates Israel.

Lawrence kannte zun├Ąchst weder den Pakt mit den Juden noch die Details von Sykes-Picot. Doch er g├Ânnte den Franzosen keinen Zipfel arabischer Erde. Er beschloss, die Pl├Ąne der Politiker zu durchkreuzen.

Ich f├╝hlte auf den ersten Blick: Dies war der Mann, den zu suchen ich nach Arabien gekommen war - der Mann, der die Erhebung Arabiens zu glorreichem Ende f├╝hren w├╝rde.

Im Sommer 1916 war es so weit: Scherif Husseins Truppen vertrieben die T├╝rken aus Mekka. Die Arabische Revolte geriet aber gleich wieder ins Stocken. Ern├╝chtert stellten britische Beobachter fest, wie schlecht vorbereitet die Araber waren, wie planlos sie sich in den Kampf st├╝rzten. Nur einer glaubte an sie, unverdrossen: "Wenn diese Revolte Erfolg hat, wird sie das gr├Â├čte Ding im Nahen Osten", schrieb Lawrence an seine Eltern.

Doch im Oktober setzten die T├╝rken zur R├╝ckeroberung Mekkas an. Lawrence wurde gemeinsam mit einem Kollegen nach Arabien entsandt. Die beiden sollten herausfinden, ob der Aufstand zu retten war - mit Gold und Ratschl├Ągen, aber bitte ohne britische Truppen. Es war Lawrence' Chance auf das gro├če Abenteuer.

Er war erst 28 Jahre alt und hatte keine milit├Ąrische Erfahrung, doch das hinderte ihn nicht, die Revolte umzukrempeln. Als Erstes suchte er einen neuen Anf├╝hrer; der 63-j├Ąhrige Hussein, immun gegen britischen Rat, erschien ihm ungeeignet. Also besuchte Lawrence Husseins S├Âhne.

Den schw├Ąchlichen Ali und den genussfreudigen Abdullah schrieb er gleich ab. Aber dann war da noch Feisal. Um ihn zu treffen, musste Lawrence ├╝ber eine Strecke von 160 Kilometern auf dem R├╝cken eines Kamels der W├╝ste trotzen.

Feisal, f├╝nf Jahre ├Ąlter und etwa einen Kopf gr├Â├čer als Lawrence, war der Anf├╝hrer, den er gesucht hatte: "Gro├č, geschmeidig und kraftvoll, in Gang und Haltung von einer wahrhaft k├Âniglichen W├╝rde", so notierte Lawrence. Nun musste er ihn nur in die richtige Richtung lenken. Auf die h├Âfliche Frage seines Gastgebers, wie ihm die Gegend gefalle, entgegnete er: "Gut, aber sie ist weit weg von Damaskus."

Denn dies war Lawrence' geheimer Plan, mit dem er Sykes-Picot sabotieren und die garstigen Franzosen fernhalten wollte: Als Feisals Berater w├╝rde er die Araber gen Norden dirigieren, damit sie vor den Franzosen und den Briten Damaskus einnehmen k├Ânnten, damals ein wirtschaftliches Zentrum der arabischen Welt. Es musste schnell gehen, damit die Araber die Stadt mit dem Recht des Eroberers f├╝r sich beanspruchen konnten. Daf├╝r mussten sie vor allen Dingen die Bahnlinie der T├╝rken durchschneiden.

Die Station Mudawwara bedeutete in vieler Beziehung den entscheidenden Punkt der Eisenbahnlinie. Die Araber konnten das nicht einsehen, da sie sich in ihrem Kopf keine Vorstellung zu machen vermochten von der Gesamtheit der t├╝rkischen Front.

Die britischen Arch├Ąologen Neil Faulkner und Nick Saunders von der University of Bristol haben von 2006 bis 2014 mehr Fu├čm├Ąrsche in der jordanischen W├╝ste zur├╝ckgelegt, als ihnen lieb war - immer auf Lawrence' Spuren. Die Forscher entdeckten, dass Lawrence' Erz├Ąhlungen ├╝ber den Krieg keine Heldenm├Ąrchen sind, wie Kritiker oft behaupten, sondern weitgehend akkurat. Und dass er, der Zivilist, eine Art der Guerillakriegsf├╝hrung perfektionierte, von der moderne Milit├Ąrstrategen einiges lernen k├Ânnten.

Die Frage sei, so Saunders, wie man eine milit├Ąrische Offensive auf fremdem Territorium organisiere, wenn man keine starken Bodentruppen zur Verf├╝gung habe. Lawrence "war ein Meister darin, scheinbares Chaos zu strukturieren". Er habe auf Anhieb erkannt, dass Feisals K├Ąmpfer als Soldaten wenig taugten, aber tapfer genug waren, die osmanische Gro├čmacht mit riskanten Einzelaktionen zu destabilisieren.

Der graub├Ąrtige Arch├Ąologe Saunders sitzt in einem Pub in Bognor Regis, einem Ferienort an der s├╝denglischen K├╝ste, er hat ein Guinness bestellt und z├╝ndet sich eine Zigarette an. Eine kleine Pause. Saunders hat sich nach Bognor Regis zur├╝ckgezogen, um zehn Jahre Lawrence-Forschung zu einem Buch zu verdichten; es soll 2017 im Verlag der Oxford University erscheinen.

Saunders trinkt einen Schluck Bier und legt Fundst├╝cke aus der W├╝ste auf den Tisch: den platt gedr├╝ckten Knopf einer Uniform, Munition, das Hufeisen eines Maulesels - Spuren von Lawrence' Krieg, die hundert Jahre lang unber├╝hrt im Sand lagen, nicht weit von Mudawwara.

Lawrence und seine Araber auf ihren Pferden und Kamelen erreichten den Ort im September 1917. Der Brite war in finsterer Stimmung. Der Aufstand lief zwar nach Plan, doch er wusste nun mit Sicherheit, dass die Araber betrogen werden w├╝rden. Sykes selbst hatte es ihm gesagt, als der Politiker sich mal in die W├╝ste gewagt hatte.

Lawrence kleidete und verhielt sich inzwischen wie ein Araber. Scheinbar m├╝helos glitt er von einer Identit├Ąt in die andere, ein britischer Leutnant, der wie ein Beduine lebte, anspruchslos bis zur Selbstverleugnung. Wenn es Wasser gab, trank er, wenn nicht, dann eben nicht. Auch sp├Ąter, als er wieder in England lebte, ern├Ąhrte er sich spartanisch, aus Dosen.

Er litt unter dem Verrat; er musste mehrere Tausend Krieger bel├╝gen, damit sie weiter f├╝r Gro├čbritannien k├Ąmpften. Er versuchte, sein Gewissen zu entlasten, indem er Feisal ins Vertrauen zog - und ihn gleichzeitig anspornte, nun erst recht nach Damaskus zu marschieren, um Fakten zu schaffen.

Feisal h├Ârte auf seinen Rat. Erst eroberten sie zusammen die Stadt Wadschh, dann die strategisch wichtige Hafenstadt Akaba auf dem Weg gen Norden. Lawrence hatte die Araber eigenm├Ąchtig dorthin gef├╝hrt, gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Hunger und Durst begleiteten sie auf ihren Ritten, eine fleischfressende Sonne und Sandst├╝rme, die ihnen die Haut im Gesicht zerrissen, "w├Ąhrend die Augenlider, k├Ârnig von Sand, gleichsam einzuschrumpfen und die in die H├Âhlen gesunkenen Augen blo├čzulegen schienen".

Wadi Rum in Jordanien: Eine fleischfressende Sonne und Sandst├╝rme
Foto: Dirk-Jan Visser / DER SPIEGEL

Sie zogen immer weiter nach Norden, wie Banditen fielen sie ├╝ber die Au├čenposten des Osmanischen Reiches her. Die Gefechte setzten Lawrence zu, die Brutalit├Ąt, die Araber mit ihren S├Ąbeln, die Maschinengewehre der Osmanen, das Blut, das Sterben. In Akaba hatte er vor lauter Aufregung seinem eigenen Kamel von hinten in den Kopf geschossen, als die Kugeln flogen. Es sackte zusammen, und er f├╝rchtete, fallend, dass er nun sterben m├╝sste.

Beim Angriff auf den Zug bei Mudawwara spielten sich irrwitzige Szenen ab: Die Araber st├╝rzten sich auf die Waggons, um sie zu pl├╝ndern. "Das Tal war der reinste Hexenkessel", so Lawrence. "Die Araber, wie von Sinnen gekommen, rasten umher, barh├Ąuptig, halb nackt, br├╝llend, blindlings schie├čend und sich gegenseitig mit N├Ągeln und F├Ąusten bearbeitend, w├Ąhrend sie Waggons aufbrachen und mit riesigen Ballen hin und her stolperten."

Als Lawrence einen anderen Zug sprengte, wurde er bei der Explosion durch die Luft geschleudert. Er kam wieder zu sich mit blutigen Rissen in seinem Arm, vor ihm lag der Oberk├Ârper eines T├╝rken.

Manchmal zweifelte er nun an seiner Mission. Feisals Armee stellte keine Einheit dar, die eine gro├če arabische Nation bilden und die Franzosen verjagen konnte. Die Beduinenst├Ąmme, die sich am Anfang hinter Feisal geschart hatten, konnten wenig mit anderen Arabern aus dem heutigen Syrien und Irak anfangen, die als Freiwillige dazugesto├čen waren. Immer wieder kam es zwischen den verschiedenen Gruppen zu Streit. Lawrence stand vor einer Frage, die bis heute nicht zu beantworten ist: Wer sind eigentlich "die Araber"?

Wir w├╝rden unweigerlich Verbitterung ernten, eine j├Ąmmerliche Frucht f├╝r eine heroische Anstrengung.

In London kamen zur selben Zeit Mark Sykes ebenfalls Zweifel an seiner Rolle. Von jenseits des Atlantiks blies den Briten und Franzosen ein scharfer Wind entgegen. US-Pr├Ąsident Woodrow Wilson, anders als viele seiner Nachfolger noch von demokratischem Idealismus beseelt, forderte f├╝r die V├Âlker des Osmanischen Reiches eine "v├Âllig ungest├Ârte Gelegenheit zur selbstst├Ąndigen Entwicklung". Sykes f├╝rchtete, auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.

Im August 1918 vertrieben die Araber die Osmanen aus Mudawwara, Brunnen und Anlagen wurden zerst├Ârt. Damit war die Eisenbahnlinie unterbrochen. Ihren Nachschub, ihre Truppen h├Ątten die T├╝rken nun in m├Ârderischen M├Ąrschen durch die W├╝ste transportieren m├╝ssen - unm├Âglich. Sie waren praktisch erledigt. Ein paar Tage sp├Ąter war Lawrence' 30. Geburtstag. Er verbrachte ihn allein in seinem Zelt, mit hohem Fieber und Selbstvorw├╝rfen.

Es war falsch, alles: Feisal vertraute ihm und verlie├č sich auf seine Ratschl├Ąge. Die arabischen K├Ąmpfer verehrten ihn. Doch was nutzte das alles, wenn es ihm nicht gelang, den Verrat zu verhindern?

Je n├Ąher die Araber Damaskus kamen, je euphorischer ihre Stimmung wurde, desto elender f├╝hlte sich Lawrence. Er verkroch sich, manchmal f├╝r Tage. "Zwei Jahre lang hatte ich, nur um sie auszunutzen, f├Ąlschlich ihren Gef├Ąhrten gespielt", notierte er. "Ein, zwei Wochen, drei vielleicht, und ich w├╝rde auf meiner Entlassung bestehen. Meine Nerven waren zerr├╝ttet; und ich konnte froh sein, wenn mein Zusammenbruch noch bis dahin verborgen blieb."

Am 1. Oktober 1918 erreichte die Arabische Revolte ihr Ziel: Damaskus. Die Menschen in den Stra├čen jubelten und tanzten, als die arabischen K├Ąmpfer in die Stadt einrollten, sie feuerten Salven und warfen Blumen in die Luft, sie riefen die Namen der arabischen Helden.

Und immer wieder riefen sie einen englischen Namen: "Lawrence, Lawrence!"

Es war der gr├Â├čte Triumph der Araber. Und zugleich ihre gr├Â├čte Niederlage. Als der britische Feldmarschall Edmund Allenby in Damaskus eintraf, musste er Feisal erkl├Ąren, dass Gro├čbritannien die Stadt nicht nur den Arabern, sondern auch den Franzosen zugesagt hatte. Und die Franzosen seien wichtiger. Lawrence' schneller Vormarsch hatte nichts gebracht.

Die arabische Nation war ein leeres Versprechen: Nun, da der Krieg gewonnen war, brauchten die Briten die Araber nicht mehr. Die Kolonialm├Ąchte zogen neue Grenzen nach eigenen W├╝nschen, k├╝nstliche Linien, die ethnische und konfessionelle Wirklichkeiten missachteten.

Der britische Au├čenminister Arthur Balfour, der im Jahr zuvor den Zionisten eine j├╝dische Heimst├Ątte in Pal├Ąstina zugesagt hatte, verk├╝ndete in London, dass die britische Regierung das Sykes-Picot-Abkommen respektieren werde. Er verschwieg nur, dass dies nicht f├╝r Pal├Ąstina galt.

Abenteurer Lawrence 1928: Brillant, gr├Â├čenwahnsinnig, eitel
Foto: Rex Features Ltd. / action press

Sykes verfolgte besorgt, wie sich die Lage entwickelte. Er bereute seinen Deal mit Picot und suchte nach einer Alternative, die dem Nahen Osten eher gerecht w├╝rde. Ihm schwebte eine Aufteilung in autonome Provinzen vor, die ethnische und konfessionelle Besonderheiten ber├╝cksichtigen sollte. Doch im Februar 1919 starb er an der Spanischen Grippe.

Auch Lawrence konnte in Arabien nichts mehr ausrichten. Er bat General Allenby um seine Entlassung und reiste zur├╝ck nach England.

Im Januar 1919 begann die Friedenskonferenz in Paris. Der britische Kriegsminister Winston Churchill nahm Lawrence als Berater mit. Im Schloss von Versailles sah man die gro├čen Staatsm├Ąnner des Westens, die den Nahen Osten zerteilten, ├Âfter ratlos vor einer Landkarte stehen, auf der Suche nach dieser oder jener Stadt: "Wo ist noch dieses verdammte ...?"

Ihre Vorlage waren jene Grenzen, die Sykes und Picot vereinbart hatten. Aus drei weitgehend autonomen osmanischen Provinzen erwuchs der Irak. Im S├╝den der neuen Nation leben bis heute vor allem Schiiten, im Zentrum die sunnitische Minderheit, im Norden Kurden - nat├╝rlich ein explosives Gemisch. Syrien wurde in kleine rivalisierende Regionen aufgeteilt. Verschiedene Gruppen sollten einander bek├Ąmpfen, damit sie nicht auf die Idee k├Ąmen, gemeinsam die franz├Âsische Schutzmacht zu vertreiben. Es war, in den Worten des Historikers David Fromkin, "ein Frieden, der jeden Frieden beendete".

Bis heute h├Ąlt in vielen arabischen L├Ąndern nur der eiserne Griff korrupter Autokraten Staaten zusammen, was alte Feindschaften versch├Ąrft und Hass sch├╝rt. St├╝rzt ein solcher Diktator, wie 2003 im Irak oder 2011 in Libyen, zerf├Ąllt auch der Staat. Wankt der Diktator blo├č, wie in Syrien, kann das Ergebnis noch blutiger sein. So pr├Ągen im Nahen Osten die Folgen des Ersten Weltkriegs die politische Gegenwart.

Eine Gegenwart, die oft apokalyptische Z├╝ge tr├Ągt: Araber zu sein bedeute, sich ohnm├Ąchtig zu f├╝hlen, verfolgt und voller Selbsthass, das schrieb der libanesische Politologe und Journalist Samir Kassir 2004 in seinem Lamento "Das arabische Ungl├╝ck". Er klagte ├╝ber Analphabetenraten, ├╝ber die Unterschiede zwischen unerh├Ârt Reichen und elenden ├ärmsten, vor allem aber ├╝ber ein weitverbreitetes arabisches Gef├╝hl: "dass die Zukunft versperrt ist". Wenige Monate sp├Ąter war Kassir, ein furchtloser Kritiker des syrischen Regimes, tot - zerfetzt von einer Autobombe. In den Jahren seit seiner Ermordung ist alles noch schlimmer geworden.

2011 kam f├╝r einen Moment Hoffnung auf, dass vieles anders werden k├Ânnte: Doch f├╝r die Menschen, die in arabischen L├Ąndern f├╝r W├╝rde und Brot protestierten, wurde der Arabische Fr├╝hling zu einem Desaster, mit noch mehr Krieg und Terror, mit religi├Âsem Fanatismus. Die Ausnahme ist Tunesien, der kleine, fragile Staat, der ein demokratisches Experiment wagt. Auf der anderen Seite steht Syrien, die gr├Â├čte Katastrophe unserer Zeit.

Im Chaos der Aufst├Ąnde erstarkten die b├Ąrtigen Nihilisten des "Islamischen Staats" "wie Ungeziefer, das sich in den Tr├╝mmern einer Stadt ausbreitet", so der libanesische Autor Hisham Melhem, der mit Kassir befreundet war. Melhem lebt in den USA, er meidet seine Heimat. "Es ist schwer f├╝r uns Journalisten und Akademiker, den Zustand der arabischen Welt zu erkl├Ąren", sagt er, "wir sind dazu verdammt, Klageschriften zu schreiben."

Verwirrung ist das Einzige, was ich gegenw├Ąrtig empfinde. Ich stelle mir vor, dass Bl├Ątter, die von ihrem Baum gefallen sind, sich so f├╝hlen m├╝ssen, bis sie sterben.

Vor dem winzigen wei├čen Cottage Clouds Hill, zwischen W├Ąldern und H├╝geln in S├╝dengland, sitzt eine kr├Ąftige, blonde Frau neben einem lebensgro├čen Lawrence aus Pappe. Sie sitzt in einem Beduinenzelt, das sie aus der jordanischen W├╝ste mitgebracht hat, und bietet Spazierg├Ąngern Tee mit Minze an, dazu saudi-arabische Dattelkekse.

In diesem H├Ąuschen, ohne Toilette, ohne K├╝che und ohne elektrisches Licht, verkroch sich Lawrence vor seinen D├Ąmonen und vor seinem Ruhm. Er litt noch jahrelang darunter, dass auch er die Araber verraten hatte, lehnte Orden und Posten ab. Stattdessen diente er als einfacher Soldat in der Luftwaffe - unter den Tarnnamen John Hume Ross und T. E. Shaw. Als seine falsche Identit├Ąt aufflog, versteckte er sich beim K├Âniglichen Panzerkorps vor der ├ľffentlichkeit, dann wieder bei der Luftwaffe. Er wollte nicht der Held sein, der er f├╝r viele war.

Am Morgen des 13. Mai 1935 fuhr er mit seinem geliebten Motorrad ├╝ber eine Landstra├če, es war eine Brough Superior SS100, die schnellste Serienmaschine ihrer Zeit. Pl├Âtzlich tauchten zwei Jungs auf Fahrr├Ądern vor ihm auf. Er versuchte auszuweichen, er st├╝rzte. Sechs Tage sp├Ąter starb er an seinen Verletzungen.

"Lawrence w├Ąre so schockiert, wenn er den Nahen Osten heute sehen k├Ânnte", sagt die Frau im Zelt. Ihr Name ist Theresa Jenkins-Teague, sie ist 55 Jahre alt und sagt, sie sei eine entfernte Verwandte von Lawrence. Deshalb sei sie hin und wieder hier, bei seinem Cottage: um ihn zu verteidigen und das, wof├╝r er gek├Ąmpft habe - die arabische Welt. "Nicht alle Araber sind schwarze Fahnen schwingende Kerle." Ein paar G├Ąste sitzen auf Kissen im Zelt.

Sie nicken, etwas unsicher.

In einem anderen Zelt, fast 4000 Kilometer Luftlinie entfernt, sitzt der Scheich von Mudawwara im Schneidersitz auf dem Boden: "Als ich als Kind den Namen Lawrence von Arabien h├Ârte, dachte ich, dieser Mann muss etwas ganz Besonderes f├╝r Arabien geleistet haben", sagt Khaled al-Atoun, w├Ąhrend einer seiner S├Âhne Tee serviert, ein anderer Kardamomkaffee, ein dritter Datteln und ein vierter Wasser.

"Dann las ich Lawrence' Erinnerungen", f├Ąhrt Atoun fort, "und ich entdeckte die gro├če L├╝ge, die er und die anderen Briten den Arabern erz├Ąhlten, w├Ąhrend sie den Zionisten einen Staat versprachen und den Rest der Region zwischen sich und den Franzosen aufteilten." Etwa ein Dutzend M├Ąnner und Knaben sitzt um den Scheich herum und h├Ârt ehrf├╝rchtig zu: "Nun haben sich die Briten also f├╝r den Brexit entschieden, und ├╝berall hie├č es, das sei ein trauriger Tag f├╝r das vereinigte Europa", sagt Atoun und wirft die H├Ąnde in die Luft. "In wie viele Staaten wurden wir Araber aufgeteilt? 21? 22? Wir sollten bis in alle Ewigkeit Schwarz tragen wegen Lawrence' Taten!" Er h├Ąlt inne: "Verzeihen Sie, wenn ich so direkt bin." Frage zur├╝ck: Ist es nicht schwach, nach 100 Jahren immer noch Lawrence die ganze Schuld zuzuschieben? Was hindert denn heute die Araber, sich zusammenzuschlie├čen?

"Uneinigkeit ist ein Problem", r├Ąumt der Scheich ein. Dabei teile die Mehrheit der Araber ja sogar, anders als die Europ├Ąer, eine Sprache und eine Religion. Auch deshalb aber werde sich die Idee, f├╝r die Lawrence von Arabien k├Ąmpfte, auf Dauer durchsetzen, hofft er. "Ich rechne damit, dass diese Grenzen verschwinden werden", sagt Atoun. "Die arabische Einheit wird kommen."

Im Video: Lawrence von Arabien - T.E. Lawrence im Profil DER SPIEGEL

Alle kursiven Zitate stammen aus Schriften von T.E. Lawrence


Quelle: spiegel.de vom 25.12.2016


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