zur Erinnerung
Vietnamkrieg 1964 - 1975 Hier brennt die Vergangenheit:
Der Agent-Orange-Ofen von Da Nang
Einer der am schlimmsten vergifteten Orte der Welt liegt im zentralvietnamesischen Da Nang. Vom √∂rtlichen Flughafen starteten die Bomber, die Agent Orange verspr√ľhten. Ein Tor zur H√∂lle, dass noch immer nicht geschlossen wurde.

Peter Jaeggi

Roland Schmid

28.04.2015, 08:29 Uhr

Von Da Nang aus starteten jene Flugzeuge, die das hochgiftige, dioxinverseuchte Entlaubungsmittel Agent Orange √ľber S√ľdvietnams W√§ldern und Feldern verspr√ľhten. Die Erde des Flughafens ist derart mit Dioxin kontaminiert, dass sie jetzt gereinigt wird. Vierzig Jahre nach Kriegsende. Ein Unterfangen mit ungewissem Ausgang.

Da Nang. 09.12.2013 - Agent Orange cleanup at the airport. The U.S. Agency for International Development (USAID) has awarded contracts to two U.S. companies to work on the project along with Vietnam defense ministry officials.
Photo by ©Roland Schmid (Bild: Roland Schmid)

Ihr oder das Tonband: Beau Sanders - Chef der amerikanischen Baufirma, die f√ľr den Abbau verantwortlich ist - will keine Aufzeichnungen vom Gespr√§ch mit den Reportern.
(Bild: Roland Schmid)

Bevor wir das Gel√§nde an der Peripherie des Flughafens betreten d√ľrfen, verteilt der Sicherheitsbeauftragte der amerikanischen Baufirma jedem einen Schutzhelm. Dann liest er uns eine ziemlich lange Litanei von Sicherheitsregeln vor. Wir h√∂ren etwa:

"Es könnten Blindgänger aus dem Krieg auf dem Areal liegen. Sollte etwas passieren, haben wir einen Erste-Hilfe-Koffer auf dem Platz."

Das Gefährlichste aber, was hier lagert, ist unsichtbar.

Der Flughafen Da Nang war der wichtigste Luftwaffenst√ľtzpunkt der Amerikaner und Hauptumlade- und Lagerplatz des dioxinhaltigen Herbizides Agent Orange. Sehr viel davon versickerte im Boden, verseuchte Fischteiche, gelangte ins Grundwasser und in Nahrungsketten. Proben zeigen, dass hier der Dioxin-Grenzwert bis zu 365-fach √ľberschritten wird. Die Erkl√§rung daf√ľr, dass es in der Gegend noch heute rund 5000 Menschen mit dioxinbedingten Gesundheitssch√§den gibt.

Unsere Recherchen auf dem abgesperrten Gelände wären vom Chef der amerikanischen Baufirma, die hier an der Dioxinreinigung arbeitet, beinahe verunmöglicht worden. Trotz Zusage der amerikanischen Botschaft verweigerte der Bauleiter Beau Sanders eine Audioaufzeichnung des Interviews, er wollte uns sogar vom Platz weisen, als wir protestierten. Entweder auf der Stelle das Gelände verlassen oder ohne Tonband bleiben. Auch unsere vietnamesischen Begleiter wunderten sich. Immerhin ist es vietnamesisches Territorium.

Surrealistischer Anblick: Der Dioxin-Ofen von Da Nang.
(Bild: Roland Schmid)

Das Bild erinnert an eine surrealistische gigantische Fabrik. Am Rand des Zivilflughafens von Da Nang sind auf einer Fl√§che von der Gr√∂sse eines Fussballfeldes achttausend tonnenschwere Betonkl√∂tze aufget√ľrmt. Darin eingeschlossen Tausende Kubikmeter mit Dioxin vergifteter Erde. Aus den Kl√∂tzen ragen Hunderte von St√§ben. Eine Art √ľberdimensionale Tauchsieder, 335 Grad Celsius heiss.

Sie erhitzen die kontaminierte Erde w√§hrend fast eines Monats. Die grosse Hitze verwandelt das Dioxin in unsch√§dliche Bestandteile. Die gereinigte Erde bleibt als F√ľllmaterial auf dem Gel√§nde und dient der Flughafenerweiterung.

Arbeiter reparieren die "Tauchsieder" auf dem Dioxin-Ofen.
(Bild: Roland Schmid)

Das Projekt kostet 84 Millionen Dollar - fast doppelt so viel wie urspr√ľnglich budgetiert - und wird von den USA finanziert und realisiert. Seit 2012 leitet die amerikanische Baufirma die Arbeiten. Die damalige US-Aussenministerin Hillary Clinton und ihr Mann, Ex-Pr√§sident Bill Clinton sowie andere US-Prominenz liessen sich in Da Nang blicken und nutzten die Gelegenheit f√ľr lautstarke PR. Die Botschaft: Welt schau her, wir tun was f√ľr Vietnam!

Hoch oben √ľber Hanoi: Der Chief of Mission in Vietnam von USaid Joakim Parker.
(Bild: Roland Schmid)

"Die verwendete Technologie der USA ist nicht optimal", sagt Le Ke Son, einst der oberste Agent-Orange-Beamte von Vietnam.
(Bild: Roland Schmid)

Joakim Parker ist in Vietnam Missionschef von USAid, der amerikanischen Beh√∂rde f√ľr Entwicklungszusammenarbeit. Er leitet im Auftrag von Washington das Da Nang-Projekt. Der Weg zu ihm in den 15. Stock eines B√ľrohochhauses in Hanoi f√ľhrt durch Sicherheitskontrollen, √ľber das Durchsuchen des Gep√§ckes, das Abgeben des Passes und das Einverst√§ndnis, dass das Interview mitgeschnitten werden darf und dass verwendete Passagen vor der Verwendung vorgelegt werden.

Diesen Punkt streicht allerdings die Presseverantwortliche als sie erfährt, dass die Geschichte in der ihr nicht geläufigen deutschen Sprache erscheinen wird.

Frage an Joakim Parker: Wieso engagieren sich die USA in Da Nang erst Jahrzehnte nach dem Krieg?
Es sei nie zu sp√§t, sagt Parker. Und weiter: "Unser erstes Ziel ist es, einen sichtbaren Beitrag zu leisten an die wachsende, positive Zusammenarbeit zwischen den USA und Vietnam. Zudem haben wir es hier mit einer Gesundheitsgef√§hrdung der Bev√∂lkerung zu tun. Auch will Vietnam den Flughafen in dieser schnell wachsenden Stadt erweitern. Das ist ein weiterer Grund f√ľr unser Engagement."

Wie aber beurteilen die Dioxin-Opfer die Reinigung in Da Nang?
Dazu der Leiter der √∂rtlichen Agent Orange-Opfer-Vereinigung (DAVA), Pham Thanh Tien: "Das Wichtigste f√ľr die Opfer ist nicht diese Reinigung, viel wichtiger w√§re die Unterst√ľtzung der betroffenen Familien, die es alle sehr, sehr schwer haben. Es fehlt an Geld, um ein menschenw√ľrdiges Leben zu f√ľhren. Ihnen sollten die USA zuerst helfen." Nat√ľrlich sei f√ľr die Zukunft ein entgifteter Boden ebenfalls wichtig, um neue Gift-Opfer zu vermeiden.

Eine nicht ganz optimale Technologie

Le Ken Son leitete bis 2014 zehn Jahre lang das nationale "Steering Commitee 33", die Agent Orange-Koordinationsstelle der Regierung. Er war sozusagen der oberste Agent-Orange-Beamte Vietnams. Die Da Nang-Reinigung begann in seiner Amtszeit, im Jahr 2012. Le Ke Son macht auf skandaltr√§chtige Sicherheitsl√ľcken aufmerksam, die der √Ėffentlichkeit nicht bekannt sind: "Die Technologie, die von den USA in Da Nang angewendet wird, ist nicht optimal. Die Erhitzung der verseuchten Erde erzeugt Abluft, Abw√§sser sowie Sedimente, die erneut mit Dioxin verseucht sind."

Das Dioxin wird also keineswegs vollst√§ndig vernichtet, wie offiziell verk√ľndet wird. Zudem dauert die Reinigung viel l√§nger. Zuerst sagten die Verantwortlichen, sie sei 2016 zu Ende. "So wie es jetzt ausschaut, wird es um Jahre l√§nger gehen", sagt Le Ke Son.

Da Nang ist kein Einzelfall Gespr√ľcht wurde Agent Oragen √ľberall in Vietnam, aber einige Orte sind noch immer Hotspots, wie die Karte der Agent-Orange-Opfer-Organisation Vava zeigt.
(Bild: Roland Schmid)

Neben Da Nang gibt es im Land rund dreissig weitere gef√§hrliche Dioxin-Hotspots. Zwei dieser ehemaligen s√ľdvietnamesischen Luftwaffenst√ľtzpunkte sollen in den kommenden Jahren ebenfalls gereinigt werden. Beide liegen in dicht besiedelten Gegenden: Bien Hoa √∂stlich von Ho Chi Minh Stadt, dem fr√ľheren Saigon, und Phu Cat in Zentralvietnam. In Bien Hoa ist das Agent Orange-Gift TCDD wegen belasteten B√∂den und Sedimenten noch immer in Nahrungsketten. Die Menschen werden weiter vergiftet.

Unsichtbar wie ein Gespenst: Auf diesem Feld treibt Agent Orange noch immer sein Unwesen.
(Bild: Roland Schmid)

Schon jetzt ist klar, dass dort nach den Fehlern in Da Nang andere Technologien eingesetzt werden m√ľssen. Technologien, die aber erst im Entwicklungsstadium sind. Der offizielle Fahrplan, wonach bis 2020 s√§mtliche Hotspots sauber sein sollen, erscheint unrealistisch.

Wie teuer die weiteren Aktionen werden und wer letztendlich bezahlt, ist ungewiss. Auch ungewiss ist, wie sich die andauernde Weigerung der USA auswirken wird, substanziell f√ľr die angerichteten Sch√§den zu bezahlen. Der Agent Orange-Experte Le Ke Son sieht es so: "Das ist eine sehr komplizierte Sache. Es gibt hier Leute, die sagen, Agent Orange sei das Gespenst in der Beziehung zwischen Vietnam und den USA. Etwas, was wir sehen und doch nicht sehen. Agent Orange ist eine komplizierte Geschichte, die zusammenh√§ngt mit humanit√§ren, politischen und √∂konomischen Fakten.


Quelle: tageswoche vom 28.04.2015


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