zur Erinnerung
Skandale: Die Cum-Ex-Affäre

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Der größte Steuerbluff aller Zeiten

Von CORINNA BUDRAS - 12. Juni 2016

"Cum-Ex" sind zwielichtige Aktiengesch√§fte, mit denen Banken Milliarden Steuern gespart haben. Wie haben die das nur wieder geschafft? F√ľr einige ist es der gr√∂√üte Steuerbetrug aller Zeiten, f√ľr andere eine zul√§ssige Steuervermeidungsstrategie: "Cum-Ex-Deals" interessieren nicht mehr nur die Banker, sondern auch Steuerfahnder, Staatsanw√§lte und die Politik. Gerade erst wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft D√ľsseldorf Ermittlungsverfahren gegen mehrere fr√ľhere Vorst√§nde der abgewickelten Landesbank West LB eingeleitet hat, und zwar genau wegen jener krummen Aktiengesch√§fte, die √ľber Jahrzehnte hinweg die Banken reich gemacht haben - auf Kosten des Steuerzahlers.

Banken und Finanzdienstleister haben auf verschlungenen Wegen Aktienpakete hin und her geschoben, und zwar solche mit einem Anspruch auf eine Dividende (cum dividend) und solche ohne (ex dividend). Dann haben sie gegen√ľber dem Finanzamt behauptet, sie h√§tten auf die erhaltenen Dividenden Steuern gezahlt. Das stimmte zwar nicht immer, der Fiskus hat ihnen aber die Steuer trotzdem erstattet, manchmal nicht nur zweimal, sondern drei-, vier- oder f√ľnfmal. Ganz genau wei√ü das niemand, zu un√ľbersichtlich ist diese Masche.

Grob geschätzt ist auch der Schaden, der dem deutschen Steuerzahler so entstanden ist: Mindestens 12 Milliarden Euro sollen unrechtmäßig geflossen sein. Womöglich hat es in den siebziger Jahren langsam angefangen, erst 2012 wurde das Steuerschlupfloch richtig gestopft.

Inzwischen ist die Sache l√§ngst zu einem Fall f√ľr die Staatsanwaltschaften geworden, die quer durch die Republik F√§lle von "bandenm√§√üiger Steuerhinterziehung" wittern. Auch ein Politikum ist die Causa inzwischen. Seit einigen Monaten ermittelt nun ein Untersuchungsausschuss, warum der Gesetzgeber so lange zugelassen hat, dass die Banken √ľber Jahrzehnte die Finanzverwaltung hinters Licht f√ľhren konnten.

Klingt verr√ľckt? Ist es auch. Und so lukrativ, dass es sich lohnt, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Worum es geht

Dazu muss man erst einmal wissen, worum es √ľberhaupt geht: Es geht um Aktiengesch√§fte, die rund um den Dividendenstichtag get√§tigt werden. Dieser Stichtag f√§llt genau auf den Tag nach der Hauptversammlung. Auf diesem Treffen kommen die Aktion√§re zusammen und entscheiden √ľber die Dividende, die das Unternehmen an sie aussch√ľtten soll. Die Aussch√ľttung erfolgt am Tag danach, eben am Dividendenstichtag. Die Aktiengesellschaft zahlt die Dividende an ihre Investoren aus, aber nur zu 75 Prozent. Den Rest hat sie direkt als Steuer an das Finanzamt gezahlt.

Eine Rechnung als Beispiel: Zahlt das Unternehmen eine Dividende von 10 Euro, gehen 7,50 Euro an den Anleger und 2,50 Euro direkt an das Finanzamt. Private

Anleger sehen diese Steuer in H√∂he von 2,50 Euro nie wieder, bei institutionellen Investoren wie Fonds oder Banken ist das aber anders. Sie k√∂nnen sich die Kapitalertragsteuer wieder zur√ľckzahlen lassen, weil Dividenden nicht der K√∂rperschaftsteuer unterliegen. Mit anderen Worten: Wenn die Dividende steuerfrei ist, bekommt man die Kapitalertragsteuer erstattet.

Am Dividendenstichtag passiert allerdings auch noch etwas anderes: Aktien verlieren deutlich an Wert, denn der neue Eigent√ľmer hat ja nun f√ľr ein ganzes Jahr lang keinen Anspruch auf eine solche Dividende. Das macht die Papiere besonders g√ľnstig. All das spielt in dem Spiel um Steuerr√ľckzahlungen eine besondere Rolle.

Wer getrickst hat

Wichtig allerdings ist auch, wer in diesem Spiel mitspielen muss, damit es √ľberhaupt den erhofften Geldsegen vom Finanzamt gibt. Die schlechte Nachricht zuerst: Privatanleger d√ľrfen gar nicht mitspielen, denn sie bekommen die Steuer nicht zur√ľck. Deshalb bleiben sie au√üen vor.

Ganz wichtig ist dagegen ein H√§ndler, der den Deal einf√§delt. Streng genommen, ist es nicht nur irgendein H√§ndler, sondern ein Leerverk√§ufer. Das sind in den Finanzinstituten jene Typen, die Aktien verkaufen, die ihnen nicht geh√∂ren. Auch das klingt verr√ľckt, das gibt es in dieser Formvollendung nur

im Wertpapierhandel. Und da ist es sehr lukrativ. Denn die Leerverkäufer spekulieren auf einen fallenden Preis.

Wer ahnt, dass die Bayer-Aktie wegen einer riskanten Fusion mit einem umstrittenen amerikanischen Wettbewerber bald fallen k√∂nnte, verkauft schon mal ein paar St√ľck zum Preis von 89,70 Euro je Aktie, allerdings ohne sie gleich zu liefern. Er hofft darauf, dass er sie am Tag der Lieferung zum Preis von 81,23 Euro kaufen kann. Wenn das klappt, hat dieser Leerverk√§ufer einen riesigen Reibach gemacht, aber das Spiel kann nat√ľrlich auch schiefgehen.

Wie der Trick funktioniert

Wenn wir nun also wissen, worum es geht (Aktiengeschäfte rund um den Dividendenstichtag) und wer mitspielen darf (Leerverkäufer und professionelle Investoren wie Banken und Fonds), geht es jetzt also um den Spielverlauf.

Da ist es sehr wichtig, dass sich der Leerverk√§ufer vor dem Dividendenstichtag in Stellung bringt und schon mal f√ľr einige Milliarden Euro Aktien verkauft, die er gar nicht hat. Ja, Sie haben richtig gelesen. In diesem Gesch√§ft geht es gleich um Milliarden, sonst lohnt

sich der Aufwand nicht.

In einem Fall, der j√ľngst vor dem Hessischen Finanzgericht verhandelt wurde, ging es um ein Aktienpaket mit einem Wert von elf Milliarden Euro. In unserer Grafik haben wir uns f√ľr ein schmaleres Paket von einer Million Aktien zum Wert von insgesamt 100 Millionen Euro entschieden, alles andere schien uns f√ľr den Anfang zu gewagt. Diese Aktien verkauft der Leerverk√§ufer an einen Fonds, der somit Aktien mit einem Anspruch auf eine Dividende erworben hat.

© F.A.Z.-Grafik Kaiser

Derweil wird auf der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft erwartungsgem√§√ü eine √ľppige Dividende beschlossen: 10 Euro je Aktie. Das Geld wird sogleich ausgezahlt an alle Anleger, private wie professionelle. Aber nicht alles, sondern nur 75 Prozent. Die restlichen 25Prozent gehen, so wie es sich geh√∂rt, an das Finanzamt. Gegen√ľber dem Privatanleger ist unser professioneller Investor, etwa eine Bank oder ein Fonds, privilegiert, weil die Dividenden f√ľr ihn steuerfrei sind. Er kann sich also das Geld vom Fiskus wieder zur√ľckholen, indem er eine Kapitalertragsteuerbescheinigung vorlegt.

Unser Investor l√§sst sich das auch nicht entgehen. F√ľr die eine Million Aktien, die er hat, bekommt er eine Dividendenzahlung von insgesamt 10 Millionen Euro. Davon kriegt er 7,5 Millionen Euro sofort und 2,5 Millionen Euro, nachdem ihm seine Depotbank eine Bescheinigung √ľber die abgef√ľhrte Steuer ausgestellt hat. Alles ganz legal, so steht es im Gesetz.

© F.A.Z.-Grafik Kaiser

Schwierig wird es erst, wenn der Leerverk√§ufer sich wieder einschaltet, den wir in unserer Grafik der Einfachheit halber H√§ndler genannt haben. Er hat ja noch ein Versprechen einzul√∂sen: Die eine Million Aktien sollte er jetzt langsam liefern, sonst wird der Fonds wirklich ungem√ľtlich. Auf dem Markt bekommt er die Million Aktien auch ganz g√ľnstig, denn nach dem Dividendenstichtag handeln die Papiere stets mit einem ordentlichen Abschlag. Das macht sich auch in unserem Beispiel bemerkbar: Nicht mehr 100 Millionen Euro kostet das Aktienpaket, sondern jetzt nur noch 90 Millionen Euro. Das freut den Leerverk√§ufer.

Die Sache hat nur einen Haken: Seinem Kunden hatte er Aktien mit einem Dividendenanspruch (cum dividend) verkauft, jetzt hat er nur welche ohne (ex dividend). Das macht aber nichts, denn schlie√ülich kann er ja eine Ausgleichszahlung daf√ľr leisten. Geld ist schlie√ülich Geld. Darauf l√§sst sich unser Fonds ein, und der Leerverk√§ufer ist da nicht knauserig: Genau 7,5 Millionen Euro √ľberweist er dem Fonds dazu. Das ist exakt der Betrag, den der Fonds von der Aktiengesellschaft ausgezahlt bekommen h√§tte, der Rest w√§re eh an das Finanzamt gegangen. Der Clou: Auch auf diesen Betrag musste bis zum Jahr 2006 keine Steuer gezahlt werden.

Trotzdem bekommt unser Fonds eine Steuerbescheinigung von seiner Depotbank. Mit dieser Bescheinigung l√§uft er dann zum Finanzamt und l√§sst sich 2,5 Millionen Euro auszahlen. Aus seiner Sicht ist das √ľbrigens nur fair, schlie√ülich hat er 100 Millionen Euro f√ľr das Aktienpaket gezahlt. Vom Leerverk√§ufer wurden ihm allerdings nur 97,5 Millionen Euro geliefert. Die 2,5 Millionen fehlten ihm also noch f√ľr ein zufriedenstellendes Gesch√§ft. Verdient hat der Fonds aber bis jetzt auch nichts an dem Trick.

Den gro√üen Reibach hat der Leerverk√§ufer gemacht: Er hat 100 Millionen Euro kassiert, aber nur Aktien im Wert von 90 Millionen Euro geliefert und 7,5 Millionen Euro Ausgleichzahlung √ľberwiesen. 2,5 Millionen Euro konnte er deshalb als reinen Gewinn verbuchen. Hat er sich vorher bei seinem Trick mit dem Fonds und dem professionellen Investor abgestimmt, dann teilt er seinen Gewinn nat√ľrlich br√ľderlich unter diesen Gesch√§ftspartnern auf - wie es sich f√ľr ein richtiges Schurkenst√ľck geh√∂rt: Abz√ľglich der Kosten bekommt dann jeder ein Drittel der 2,5 Millionen Euro Gewinn.

Warum der Trick nicht aufflog

Das bringt den redlichen Steuerzahler ins Gr√ľbeln: Warum ist das niemandem aufgefallen? Ganz einfach: Im Computer ist nichts ungew√∂hnliches aufgetaucht. Dort steht gar nicht, ob die Aktie mit oder ohne Dividende geliefert wurde. Deshalb geht die Depotbank des Fonds vom Normalfall aus und stellt die Bescheinigung aus, die belegt, dass der Fonds ordnungsgem√§√ü seine Steuerschulden beglichen hat.

Das ist der Punkt, den der Mannheimer Betriebswirtschaftsprofessor Christoph Spengel als "Sollbruchstelle" im System bezeichnet: das Auseinanderfallen der steuereintreibenden Beh√∂rde und der Stelle, die die Bescheinigung erteilt. Oder anders ausgedr√ľckt: Wo gibt es denn so etwas, dass eine Beh√∂rde die Steuern eintreibt und eine andere, davon v√∂llig getrennte Institution die Bescheinigung dar√ľber erstellt hat? Spengel besch√§ftigt sich schon seit Jahren mit diesen komplexen Deals und hat ein umfangreiches Gutachten f√ľr den Cum-Ex-Untersuchungsausschuss gefertigt.

Im Laufe der Jahre trieben es die Banken immer toller, der Handel wurde immer schneller, so dass immer mehr Leerverk√§ufe dazwischengeschaltet werden konnten. Und viele Banken machten mit. Selbst in Essen-S√ľd.

Was den redlichen Steuerzahler wundern mag: Es gibt tats√§chlich Menschen, die glauben, dass das Vorgehen rechtm√§√üig sein kann. Das waren fr√ľher viele, inzwischen werden es immer weniger. Die Begr√ľndung: Sie sind der Auffassung, dass eine Sache zur gleichen Zeit zwei Menschen gleichzeitig geh√∂ren kann und st√ľtzen sich dabei auf ein Urteil des Bundesfinanzhofs aus dem Jahr 1999 zu einem etwas anders gelagerten Fall. Sie halten das deshalb f√ľr eine "zul√§ssige Steuervermeidung".

Grund daf√ľr sind Besonderheiten des deutschen Sachenrechts, die wir an dieser Stelle nicht weiter vertiefen k√∂nnen, ohne in eine juristische Vorlesung abzutauchen. Also Schwamm dr√ľber.

Allerdings wurde der Finanzindustrie mulmig, schlie√ülich hing die Depotbank des Aktienk√§ufers mit drin, in unserem Beispiel des Fonds, und stellte munter Steuerbescheinigungen aus auf Betr√§ge, bei denen niemals sicher war, ob sie √ľberhaupt gezahlt wurden. Sie f√ľrchteten ein "Haftungsrisiko", deshalb schlug der Bundesverband deutscher Banken Alarm. Allerdings eher um die Banken aus der Schusslinie zu holen, weniger um die Gesch√§fte ganz zu unterbinden.

Dann wachte auch der Gesetzgeber auf und beschloss im Jahr 2007, dem bunten Treiben ein Ende zu bereiten: Er √§nderte das Gesetz. Darin legte der Bundestag im Wesentlichen fest, dass k√ľnftig auch auf die Ausgleichszahlungen Kapitalertragsteuer einzubehalten ist. Die sollte praktischerweise gleich die Depotbank des Leerverk√§ufers einbehalten, damit erst gar kein Irrtum entstehen kann. Dann kann auch die Depotbank des Fonds den Steuerbeleg ausstellen, mit dem sich der Fonds die Steuern zur√ľckholen konnte.

Klingt plausibel? Ist es auch, und es hat wunderbar funktioniert. Jedenfalls f√ľr alle inl√§ndischen Gesch√§fte.

Sobald der Leerverk√§ufer jedoch eine ausl√§ndische Depotbank eingeschaltet hat, funktioniert das leider nicht mehr, denn eine Luxemburger Depotbank l√§sst sich nun einmal vom Deutschen Bundestag nicht vorschreiben, welche Steuern sie wann eintreibt. Und schon gar nicht √ľberweist sie das Geld an den Fiskus in Frankfurt oder Essen-S√ľd.

Wie der Trick besser wurde

Diese Gesetzes√§nderung kann nun als Paradebeispiel f√ľr die Alltagsweisheit gelten: "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht." Denn statt diesen ganzen Schmu einzud√§mmen, f√ľhrte sie dazu, dass der Cum-Ex-Handel erst richtig an Fahrt gewann. F√ľr den Mannheimer Steuerexperte Christoph Spengel ist es gar der Startschuss f√ľr den gr√∂√üten Steuerbetrug in Deutschland: "Da ging es erst richtig los."

Denn durch all den Staub, der durch die Gesetzesänderung aufgewirbelt wurde, hatte nun wirklich auch der letzte Banker bemerkt, dass sich mit dieser Methode Milliarden machen lassen. Und schnell sprach sich dann auch das Schlupfloch herum, das der Gesetzgeber den Banken gelassen hat: einfach eine Depotbank im Ausland einsetzen, die

die Steuer gar nicht eintreiben muss. Dann funktionierte es wieder, da die Steuerbescheinigung ja von der Depotbank des Leerkäufers, in unserem Beispiel des Fonds, ausgestellt wurde.

Diesmal dauerte es allerdings nicht Jahrzehnte, bis das Steuerschlupfloch geschlossen wurde. Jetzt schafften es die Abgeordneten innerhalb von f√ľnf Jahren, eine Neuregelung zu treffen. Diesmal beseitigten sie das Hauptproblem der ganzen Struktur, die "Sollbruchstelle im System", wie es Spengel nennt: Seither wird die Kapitalertragsteuer nicht mehr von der AG, sondern von der depotf√ľhrenden Bank einbehalten und bescheinigt. Damit ist es unm√∂glich, dass eine Steuer, die nur einmal einbehalten wurde, mehrfach bescheinigt wurde.

Die Trickvariante Cum-Cum

Das allerdings ist noch nicht das Ende der Geschichte. Nachdem "Cum-Ex" die Gem√ľter bewegte, muss sich der genervte Steuerzahler nun an "Cum-Cum" gew√∂hnen, die kleine Schwester von "Cum-Ex", besonders seitdem vor rund einem Monat herauskam, dass selbst die Commerzbank an solchen Deals beteiligt gewesen ist. Zur Erinnerung: Das ist ebenjene Bank, die der Steuerzahler vor einigen Jahren vor der Pleite gerettet hat.

Hier geht es allerdings eher um Tricksereien als um einen echten großen Steuerbetrug, hier hat auch kein Leerverkäufer seine Hände im Spiel. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Dabei hilft die Bank einem ausländischen Investor, Steuern zu sparen, und verdient selbst daran ganz ordentlich. Im Gegensatz zu der großen Schwester geht es hier um Aktiengeschäfte, die vor dem Dividendenstichtag gehandelt werden.

Auch hier gilt wieder: Jeder, der eine Dividende erh√§lt, muss daf√ľr eine Kapitalertragssteuer abf√ľhren. Die kann er sich vom Fiskus wiederholen. Besonders lukrativ sind sie f√ľr deutsche Banken wie die Commerzbank, wenn ein ausl√§ndischer Investor solche Aktien h√§lt, weil dieser vom deutschen Steuerrecht diskriminiert wird. Anders als inl√§ndische Steuerzahler kann er sich die Kapitalertragsteuer allenfalls teilweise vom deutschen Fiskus wiederholen.

Der Trick: Kurz vor der Zahlung der Dividende verleiht ein ausl√§ndischer Anleger seine Aktien an eine deutsche Bank wie die Commerzbank. Auch die Commerzbank muss zwar 25 Prozent Kapitalertragsteuer abf√ľhren, kann sie sich aber wieder zur√ľckholen. Das Geld teilen sich dann die Commerzbank und der ausl√§ndische Gesch√§ftspartner.

Der Fiskus hat das Nachsehen.

Ist das legal? Die Antwort, die selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Sch√§uble f√ľr plausibel h√§lt, lautet "ja", weshalb die Aufregung √ľber das Gesch√§ftsgebaren der Commerzbank eher moralischer Natur ist. Grund daf√ľr d√ľrfte auch sein, dass das Verhalten des Gesetzgebers bei der Besteuerung dieser Deals auch nicht ganz unumstritten ist, schlie√ülich behandelt er ausl√§ndische Investoren schlechter als inl√§ndische.

Der Gesetzgeber rettet sich deshalb lieber damit, solche Gesch√§fte erheblich zu erschweren. Der Gesetzentwurf hat gerade den Finanzausschuss des Bundestages durchlaufen. Eine Anrechnung von Kapitalertragsteuer soll nur dann m√∂glich sein, wenn die Aktie f√ľr mindestens 45 Tage vor und nach dem Dividendenstichtag gehalten wird und der Entleiher nicht mindestens 70 Prozent Wertver√§nderungsrisiko √ľbernimmt. Damit w√§re dieses Steuerschlupfloch also auch gestopft - das jedenfalls hofft der Bundestag. Ob sich nicht dann doch ein anderes findet, werden die Banken schon sehen.

Und was droht vom Strafrecht? Derzeit ermitteln die Strafverfolgungsbeh√∂rden. Was dabei herauskommt, ist noch v√∂llig unklar. Schwieriger wird es sein, den Banken tats√§chlich zu beweisen, dass alle drei Beteiligten auch bewusst zusammenarbeiteten, um den Fiskus zu betr√ľgen. Bisher behaupten sie meistens noch, von den Machenschaften des anderen nur unzureichend gewusst zu haben und lediglich elegant Steuern vermieden zu haben. Auch der Untersuchungsausschuss hat noch etliches vor. "Cum-Ex" wird uns also noch lange besch√§ftigen.


Quelle: FAZ vom 12.06.2016

EINFACH ERKL√ĄRT So funktioniert der Cum-Ex-Trick: Einmal Steuern zahlen, sie zweimal zur√ľckbekommen

03.11.2023, 12:181 Min.

Mit dem raffinierten Cum-Ex-Trick brachten Investoren den Staat jahrelang um Millionen. Wir erklären, wie der Trick funktioniert - anhand eines stark vereinfachten Beispiels.

© stern Infografik

  1. Die Aktiengesellschaft (AG) sch√ľttet am Stichtag 100 Euro Dividende aus. Davon erh√§lt die depotf√ľhrende Bank A des Aktienbesitzers 75 Euro - die Netto-Dividende.
  2. 25 Prozent der Dividende, also 25 Euro, f√ľhrt die AG direkt an das Finanzamt ab. Damit wurde die Kapitalertragsteuer einmal gezahlt.
  3. Die Bank gibt die Dividende von 75 Euro an den Besitzer weiter. Au√üerdem stellt sie ihm eine Steuerbescheinigung √ľber die von der AG abgef√ľhrte Kapitalertragsteuer aus.
  4. Erstattung Nr. 1: Der Besitzer legt die Steuerbescheinigung beim Finanzamt vor. Er kann sich die Steuer erstatten lassen oder zum Beispiel mit Verlusten verrechnen.
  5. Nun geht die Trickserei los. Das Ziel: Es soll verschleiert werden, dass eine Bank bereits eine Bescheinigung ausgestellt hat - eine andere Bank soll eine zweite ausstellen. Dazu sprechen sich der Besitzer der Aktie, ein Leerverkäufer und ein Käufer ab.
  6. Ein Leerverk√§ufer handelt mit Aktien, die er noch gar nicht besitzt. Vor dem Tag der Aussch√ľttung verkauft er dem K√§ufer eine Aktie mit Anspruch auf Dividende (cum Dividende, 6a). Er nutzt daf√ľr eine ausl√§ndische Bank, die diese keine Kapitalertragssteuer an den deutschen Fiskus zahlt (6b).
  7. Weil der Leerverkäufer die Aktie nicht hat, besorgt er sie sich nach dem Stichtag beim Besitzer und beliefert damit den Käufer. Das geschieht ohne Anspruch auf Dividende (ex Dividende), denn die hat der Besitzer bereits erhalten.
  8. Um den Dividendenanspruch des K√§ufers zu erf√ľllen, zahlt der Leerverk√§ufer ihm eine Ausgleichszahlung von 75 Euro, also exakt in H√∂he der Netto-Dividende. Das Geld flie√üt √ľber die ausl√§ndische Bank an die deutsche Bank des K√§ufers (Bank B).
  9. F√ľr Bank B sieht das wie eine Dividende aus. Daher nimmt sie an, dass bereits, wie √ľblich, Steuer abgef√ľhrt wurde. Sie kontrolliert nicht, ob das tats√§chlich geschehen ist. Stattdessen spuckt sie automatisch eine weitere Steuerbescheinigung aus.
  10. Erstattung Nr. 2: Der Käufer lässt sich die Steuer von 25 Euro erstatten oder anrechnen. Der Staat zahlt zweimal, obwohl er nur einmal eingenommen hat. Besitzer, Leerverkäufer und Käufer teilen sich die Beute. 2012 verbot die Regierung solche Geschäfte. Sie seien illegal.

Quelle:

Schaden von 12 Milliarden Euro In der Cum-Ex-Affäre kann nur ein Mann dem Kanzler wirklich gefährlich werden

FOCUS-online-Reporter Axel Spilcker

Dienstag, 05.12.2023, 18:05

Seit 2016 laufen die Ermittlungen zur Cum-Ex-Affäre, dem größten Steuerraub der deutschen Finanzgeschichte. Nun ist ein neues Dokument aufgetaucht, das Bundeskanzler Olaf Scholz erneut in Bedrängnis bringen könnte. Aber wirklich gefährlich kann ihm wohl nur ein Banker werden.

Morris MacMatzen/Getty Images Bundeskanzler Olaf Scholz vor dem Cum-Ex-Untersuchungsausschuss der Hamburgischen B√ľrgerschaft

W√§hrend Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit seinem Ampel-Kabinett immer noch den K√∂nigsweg aus der Haushaltsmisere sucht, h√§ngt ihm die Cum-Ex-Aff√§re aus seiner Zeit als Erster B√ľrgermeister in Hamburg an wie eine Klette. Seit drei Jahren durchleuchtet der parlamentarische Untersuchungsausschuss in der hanseatischen B√ľrgerschaft die Rolle von Scholz und seinem damaligen Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) im gr√∂√üten Steuerraub der deutschen Finanzgeschichte.

Dabei geht es in erster Linie um politische Protektion illegaler Cum-Ex-Gesch√§fte durch die Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Tschentscher und Scholz bestreiten jegliche Einflussnahme zu Gunsten des kleinen aber feinen Geldinstituts. Allerdings konnten sie bisher auch nicht erkl√§ren, warum der Hamburger Fiskus der Warburg-Bank in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt 90 Millionen Euro Steuerr√ľckzahlungen aus kriminellen Cum-Ex-Gesch√§ften schenkte.

Zumal das zust√§ndige Finanzamt f√ľr Gro√üunternehmen lange Zeit die Meinung vertrat, dass die zu Unrecht kassierten Steuergewinne in die Staatskasse zur√ľckflie√üen m√ľssten.

Schaden von mindestens 12 Milliarden Euro

Das Blatt wendete sich nach Treffen zwischen Scholz und dem Warburg-Chefbanker Christian Olearius. Im November 2016 verzichtete die Hamburger Finanzkasse auf die erste f√§llige R√ľckzahlung in der H√∂he von 47 Millionen Euro. Eben jene Finanzbeamtin, die Wochen vorher noch wegen drohender Verj√§hrung auf die R√ľckfl√ľsse bestand, knickte im Einvernehmen mit der Spitze des Finanzamtes ein und verzichtete auf die Millionen. Gleiches geschah auch im Jahr darauf. Auch in jener Phase war Hamburgs Stadtoberhaupt Scholz mit dem Warburg-Mehrheitsgesellschafter zusammengekommen.

Bei Cum-Ex-Gesch√§ften erschwindelt ein Finanzkarussell im Zuge von Aktiengesch√§ften Kapitalertragsteuer, die zuvor nie an den Staat abgef√ľhrt wurde. Mitunter kassierten Banken, Investoren, Aktiendealer und Steuerberater gleich mehrfach Geld vom Fiskus. Experten sch√§tzen den Schaden auf mindestens zw√∂lf Milliarden Euro. Der Bundesgerichtshof hat diese Masche in h√∂chster Instanz als strafbare Handlung gewertet.

Vor dem Hintergrund sucht der Hamburger Untersuchungsausschuss zu ergr√ľnden, warum die Finanzbeh√∂rden an der Alster den krummen Aktiendeals der Warburg-Bank einen Persilschein ausstellten. Half der heutige Bundeskanzler nach? Folgt man der Opposition rund um den hartn√§ckigen CDU-Obmann im parlamentarischen Kontrollgremium, Richard Seelmaecker, reicht die Indizienkette dazu aus, dem heutigen Kanzler rechtswidrige Einflussnahme zu unterstellen. So geht der gelernte Jurist von etlichen Vertuschungsman√∂vern durch Scholz und dessen Leute aus.

Scholz bekam pl√∂tzlich Ged√§chtnisl√ľcken

Da ist zum Beispiel das Nebelkerzengeschwader um die drei Zusammenk√ľnfte zwischen Scholz und Olearius. Zun√§chst einmal bestritt das Hamburger Rathaus, dass es diese Treffen gegeben hatte. Offenbar hatte die hanseatische Politspitze nicht damit gerechnet, dass die K√∂lner Staatsanwaltschaft entsprechendes Beweismaterial in petto hielt.

Die Cum-Ex-Schwerpunktabteilung, die inzwischen bundesweit 120 Verfahren mit 1700 Beschuldigten aus der Finanzelite f√ľhrt, ermittelt auch in drei Cum-Ex-F√§llen in Hamburg. 2016 lie√ü die Abteilungschefin Anne Brorhilker die Warburg Bank und die Privatr√§ume Gesellschafter durchsuchen. Bei Warburg-Chef Olearius fanden sich kompromittierende Tageb√ľcher. Diese belegten drei Treffen mit Olaf Scholz. Und zwar just, als das Cum-Ex-Steuerproblem aufkam.

Erst als diese Begegnungen bekannt wurden, ruderten die Verantwortlichen zur√ľck und r√§umten die Geschehnisse ein. Olaf Scholz, inzwischen Bundesfinanzminister, musste sich im Bundestag zu der Aff√§re erkl√§ren und schilderte zumindest Details aus einem der Treffen.

Ein Jahr sp√§ter im Hamburger Untersuchungssauschuss lie√ü ihn sein Ged√§chtnis allerdings v√∂llig im Stich. Im August 2022 konnte sich der damalige SPD-Kanzlerkandidat nicht mehr an den Inhalt der Gespr√§che erinnern. Nur eines wusste Olaf Scholz sicher zu behaupten: Er habe nie bei den Hamburger Finanzbeh√∂rden auf einen R√ľckzahlungserlass zu Gunsten der Warburg-Banker eingewirkt.

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Opposition: Etliche Indizien legen Schuld von Scholz nahe

An diesem Punkt beginnt die Crux in der Cum-Ex-Aff√§re. Bisher ist es weder dem Untersuchungsausschuss noch der K√∂lner Staatsanwaltschaft gelungen, das Gegenteil zu beweisen. Vor einem Jahr noch betonten die rheinischen Ankl√§ger, dass man nicht gegen den Kanzler und seinen Nachfolger im B√ľrgermeisteramt, Tschentscher, in der Cum-Ex-Causa ermittele. Die Indizien reichen bisher nicht f√ľr einen Tatverdacht aus. Auch in den Tageb√ľchern des Warburg-Mehrheitseigners Olearius findet sich kein eindeutiger Hinweis, dass sein Gespr√§chspartner Scholz ihm seine Hilfe in der Steuerangelegenheit versprochen habe.

Die Opposition im hanseatischen Untersuchungsausschuss sieht dies anders. Demnach legen etliche Indizien die Schuld von Tschentscher und Scholz nahe.

So hatten die Warburg-Justiziare im Jahr 2016 eine Art Verteidigungsschrift angefertigt. Tenor: Sollte man die Millionen zur√ľckzahlen m√ľssen, drohe der Bank die Pleite. Scholz wies Warburg-Chef Olaerius nach einer zweiten Zusammenkunft telefonisch an, dieses Papier an seinen Finanzsenator zu schicken. Tschentscher reichte die Schrift nach unten weiter. In einer gr√ľnen Randnotiz bat er um "Informationen zum Sachstand". Kurz darauf verzichtete das Finanzamt auf die R√ľckzahlung der Millionen aus den Cum-Ex-Deals.

Wurde dieser Sinneswandel von oben angeordnet? Sollte dies der Fall sein, so fehlen bislang schriftliche Beweise. Zudem haben die zuständigen Finanzbeamten im Untersuchungsausschuss jegliche politische Einflussnahme abgestritten.

Banker ist der einzige Beteiligte, der Scholz wirklich gefährlich werden kann

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft K√∂ln auch gegen jene Sachbearbeiterin, die letztlich das Steuerpr√§sent an die Warburg per Bescheid versandte. Doch auch hier tun sich die Strafverfolger schwer, die Beschuldigte zu √ľberf√ľhren. Und auch wenn diverse Medien immer wieder angeblich entlarvende Dokumente zu Lasten des Kanzlers ver√∂ffentlichen: Ein Blattschuss ist nicht darunter.

Wenn seinerzeit gemauschelt wurde, dann eher telefonisch oder im Hinterzimmer. Ein schriftlicher Beweis, der Anweisungen durch Scholz und Tschentscher an den Fiskus belegt, fehlt komplett. Zumal die Betroffenen sich entweder nicht erinnern können oder schweigen.

Warburg-Gesellschafter Olearius muss sich derzeit wegen krimineller Cum-Ex-Deals vor dem Bonner Landgericht verantworten. Es geht um einen Schaden von 280 Millionen Euro. Wer aber glaubt, der 81-j√§hrige Banker w√ľrde etwa √ľber den Inhalt der damaligen Gespr√§che mit Olaf Scholz auspacken, sieht sich get√§uscht. Einem Mantra gleich beteuerte Olearius seine Unschuld. Weder wissentlich noch willentlich habe er an strafbaren Cum-Ex-Gesch√§ften mitgewirkt, behauptete der Warburg-Gesellschafter am 16. Oktober auf der Anklagebank.

Eine Sch√§digung des Staates habe ihm ferngelegen, vielmehr sei er von legalen Aktiengesch√§ften ausgegangen. Bei den Treffen mit dem heutigen Bundeskanzler will der Angeklagte Scholz einzig √ľber die schwierige Lage seiner Bank informiert haben. Mehr nicht. Olearius ist wohl der einzige Beteiligte in dieser Aff√§re, der Scholz wirklich gef√§hrlich werden kann.

SPD und Gr√ľne nicht bem√ľht um Aufkl√§rung

Am Ende bleibt Folgendes festzuhalten: Die Hamburger Regierungskoalition aus SPD und Gr√ľnen erweckt im Untersuchungsausschuss den Anschein, als w√§re ihnen nicht sonderlich an einer Aufkl√§rung gelegen. So streitet sich rot-gr√ľn mit der Opposition √ľber den Umgang mit mehr als 700.000 m√∂glicherweise brisanten E-Mails. Das Konvolut hatte die K√∂lner Staatsanwaltschaft im Rahmen der Cum-Ex-Ermittlungen beschlagnahmt und im Oktober dem Hamburger Untersuchungsausschuss auf Asservaten-Laptops √ľbergeben.

Die E-Mails stammten etwa von der langj√§hrigen Scholz-Vertrauten und B√ľroleiterin Jeanette Schwamberger sowie Tschentscher und zahlreichen Topbeamten. Der SPD-Vorsitzende des Untersuchungsausschusses verweigerte jedoch den Zugang zu den Mails. Der Grund: Auch Inhalte k√∂nnten betroffen sein, die nicht den Untersuchungsauftrag des Ausschusses umfassten.

Die rot-gr√ľne Regierungsmehrheit im Ausschuss verf√ľgte, dass zun√§chst nur zwei Mitarbeiter des Arbeitsstabes die E-Mails nach relevanten Inhalten sichten d√ľrften: CDU und Linkspartei dr√§ngen hingegen darauf, dass zumindest die Obleute aller Fraktionen den Gesamtbestand einsehen d√ľrfen. Der Vize-CDU-Fraktionschef Seelmaecker erw√§gt gar, gegen diesen Beschluss zu klagen.

Zu guter Letzt sei erw√§hnt, dass sich das Bundesfinanzministerium sp√§ter in die Hamburger Cum-Ex-Aff√§re einschaltete und die R√ľckzahlung der Millionen durch die Warburg Bank erzwang.


Quelle:

"Die Großen lässt man laufen" Cum-Ex-Chefermittlerin wirft entnervt hin

22.04.2024, 13:05 Uhr

Nach Jahren als Chefermittlerin ist Brorhilker ern√ľchtert.
(Foto: dpa)

Es ist eine harsche Abrechnung mit der Politik. Die Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker bittet um Entlassung aus dem Beamtenverhältnis und äußert scharfe Kritik an der Strafverfolgung von Finanzkriminalität: Steuerdiebstähle seien längst nicht gestoppt, es gebe Cum-Ex-Nachfolgemodelle.

Die Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker hat gek√ľndigt - und √ľbt Kritik an der Aufarbeitung des Steuerskandals. Brorhilker habe um ihre Entlassung aus dem Beamtenverh√§ltnis gebeten, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft K√∂ln. Zu Brorhilkers Gr√ľnden √§u√üerte sich die Beh√∂rde nicht.

Politik 20.08.22
"Da war nichts" Cum-Ex-Skandal - Scholz beharrt auf Erinnerungsl√ľcken

Die Oberstaatsanw√§ltin nahm eine zentrale Rolle bei der Verfolgung von Cum-Ex-Steuerbetr√ľgern ein. Dem WDR sagte Brorhilker: "Ich war immer mit Leib und Seele Staatsanw√§ltin, gerade im Bereich von Wirtschaftskriminalit√§t, aber ich bin √ľberhaupt nicht zufrieden damit, wie in Deutschland Finanzkriminalit√§t verfolgt wird." Die Politik habe elf Jahre nach Bekanntwerden der ersten Cum-Ex-F√§lle noch immer nicht hinreichend reagiert. Steuerdiebst√§hle seien l√§ngst nicht gestoppt, es gebe Cum-Ex-Nachfolgemodelle. Grund seien fehlende Kontrollen, was bei Banken und auf den Aktienm√§rkten geschehe.

Brorhilker kritisierte auch Ungerechtigkeit im Strafverfolgungssystem. Bei der Finanzkriminalit√§t gehe es oft um T√§ter mit viel Geld und guten Kontakten, die dann auf eine "schwach aufgestellte Justiz" stie√üen. Auch k√∂nnten sich Beschuldigte oft aus Verfahren einfach herauskaufen, indem beispielsweise Verfahren gegen eine Geldbu√üe eingestellt w√ľrden. "Dann haben wir den Befund: Die Kleinen h√§ngt man, die Gro√üen l√§sst man laufen." Als einzelne Staatsanw√§ltin k√∂nne sie daran wenig √§ndern. Brorhilker, die nun Gesch√§ftsf√ľhrerin der NGO Finanzwende wird, forderte auch mehr Personal in der Strafverfolgung und eine bundesweite Beh√∂rde zur Bek√§mpfung von Finanzkriminalit√§t.

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In rund 120 Cum-Ex-Ermittlungsverfahren wurde in K√∂ln unter Brorhilkers F√ľhrung gegen 1700 Beschuldigte ermittelt. Durch den Cum-Ex-Betrug, der seine Hochphase von 2006 bis 2011 hatte, wurde der deutsche Staat sch√§tzungsweise um einen zweistelligen Milliardenbetrag geprellt. Der Cum-Ex-Betrug ist der gr√∂√üte Steuerskandal der Bundesrepublik. Bei den Steuerdeals wurden Aktien mit ("cum") und ohne ("ex") Dividendenanspr√ľche in kurzer Zeit zwischen Finanzakteuren hin- und hergeschoben. Bei dem Verwirrspiel erstattete der Fiskus unwissentlich Steuern, die gar nicht gezahlt worden waren. Erst mit einer zum Januar 2012 greifenden Gesetzes√§nderung wurde den Deals ein Riegel vorgeschoben.

Brorhilker begann vor mehr als zehn Jahre ihre Arbeit als Ermittlerin von Cum-Ex-F√§llen, 2014 lie√ü sie eine weltweite Razzia durchf√ľhren. Sp√§ter f√ľhrte ihre Anklage zum ersten rechtskr√§ftigen Urteil. Auch Hanno Berger, der einst in die Schweiz geflohene "Mr. Cum Ex", wurde wegen Steuerhinterziehung zu mehreren Jahren Haft verurteilt.


Quelle:

Deutschlands Vorkämpferin gegen Steuerbetrug "Ich war immer mit Leib und Seele Staatsanwältin, aber ..."

Die "Cum-Ex"-Chefanklägerin wird "Aktivistin". Wer ist diese Frau?

Kai Weise

Nikolaus Harbusch

28.04.2024 - 22:52 Uhr

Sie hat im Dienst des Staates ermittelt. Zwölf Jahre lang. Jetzt glaubt sie: OHNE den Staat lasse sich besser ermitteln. Ein Misstrauensvotum gegen den Justizapparat, dem sie noch angehört. Und gegen die Politik.

Will nicht mehr Staatsanwältin sein: "Cum-Ex"-Chefanklägerin Anne Brorhilker
Foto: picture alliance/dpa

Anne Brorhilker, 50 Jahre alt, bisher Oberstaatsanw√§ltin in K√∂ln: Noch genau 33 Tage leitet sie die Hauptabteilung H, zust√§ndig f√ľr Steuerstrafsachen. Dann steigt sie aus. Schmei√üt hin, r√§umt ihren ziemlich unaufger√§umten Schreibtisch f√ľr immer auf.

Sie hat beantragt, ihr Beamtenverh√§ltnis, also ihre "Lebensversicherung", aufzul√∂sen. K√ľnftig k√§mpft sie hauptberuflich f√ľr die "B√ľrgerbewegung Finanzwende", einen Verein, der sich f√ľr Fairness in der Welt des gro√üen Geldes einsetzt.

Deutschlands bekannteste und wohl mächtigste Staatsanwältin wird "Aktivistin".

"Nicht zufrieden, wie Finanz-Kriminalität verfolgt wird!"

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"Ich war immer mit Leib und Seele Staatsanw√§ltin, aber ich bin √ľberhaupt nicht zufrieden damit, wie in Deutschland Finanz-Kriminalit√§t verfolgt wird", sagt Brorhilker. Es gehe "oft um T√§ter mit viel Geld und guten Kontakten", die auf "eine schwach aufgestellte Justiz" treffen w√ľrden, so schildert sie es dem WDR.

Brorhilker ist das Gesicht der sogenannten "Cum-Ex"-Strafverfahren: Ein gro√ües Netzwerk aus Bankern, Anw√§lten und Wirtschaftspr√ľfern hat den Staat hier um Milliarden an Steuern betrogen.

Er gilt als Strippenzieher hinter den krummen Cum-Ex-Deals: Hanno Berger.

Die 50-J√§hrige ist seit Jahren getrieben, m√∂glichst viele der Verd√§chtigen hart zu bestrafen. Seit 2013 hat sie gegen 1700 Beschuldigte "Cum-Ex"-Verfahren eingeleitet. Sie war es, die eine Razzia bei der Hamburger Warburg Bank durchsetzte. Auf dem privaten Anwesen des langj√§hrigen Warburg-Chefs Christian Olearius (81), der inzwischen auf der Anklagebank sitzt, lie√ü sie dessen Tagebuch sicherstellen: samt seiner Notizen √ľber Gespr√§chstermine mit Olaf Scholz (65, SPD).

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Brorhilker ist gef√ľrchtet! Eine Frau, die bunte Brillen und Musik liebt. Die verheiratet ist, aus einem Hause von Wirtschaftspr√ľfern stammt: Ihr Vater arbeitete f√ľr "Ernst & Young", ihr Bruder tut dies ebenfalls.

Die Westf√§lin wirkt auf den ersten Blick sch√ľchtern. Aber nur, bis sie den Mund aufmacht. Sie k√§mpft - und wird seit Jahren bek√§mpft: auch mit Strafanzeigen und Dienstaufsichts-Beschwerden.

Die Staatsanwältin, die keine "Deals" mag

"Die unangenehmen Seiten", nennt sie das. Umstritten ist sie auch, weil sie stets "Deals" mit den Beschuldigten ablehnte. Wenn sich reiche T√§ter "rauskaufen" k√∂nnten, ersch√ľttere dies das Vertrauen in den Rechtsstaat, sagt sie.

Im vergangenen Jahr kam es zum schweren Crash von ihr mit dem nordrhein-westf√§lischen Justizminister Benjamin Limbach (54, Gr√ľne). Brorhilker sollte Zust√§ndigkeiten abgeben. Sie f√ľrchtete ihre Entmachtung, ging an die √Ėffentlichkeit - und setzte sich durch, erhielt sogar zus√§tzliches Personal.

Warum dann nun trotzdem ihr R√ľckzug? "Ich habe bemerkt, wie schwer es ist ausreichend Unterst√ľtzung f√ľr die Aufkl√§rung zu bekommen", sagt Brorhilker nach einem Jahrzehnt Ermittlungen. Aber hat sie damit wirklich recht?

Wurden ihre Ermittlungen behindert?

Insider behaupten, Brorhilker sei in den letzten Monaten immer mehr selbst unter Druck geraten. Zu einseitig habe sie ermittelt, habe einzelne Banken - etwa die WestLB - angeblich geschont.

Doch Fakt ist: Auff√§llig viele "Cum-Ex"-Spuren verlieren sich bis heute in einem tiefen Dickicht. Verschwundene Dokumente, Zeugen, die schweigen oder sich nicht erinnern. Gro√üe Verfahren wurden bei den Gerichten nicht geb√ľndelt. Politik und Banken-Welt haben nie ein gemeinsames gro√ües Interesse gezeigt, den Skandal aufzukl√§ren. Und dabei geht es doch um so viel Steuergeld!

Bundesjustizminister: "Will mich nicht einmischen!"

Und auch jetzt, wo die oberste "Cum-Ex"-Ermittlerin frustriert aufgibt, bleibt die Politik weitgehend stumm. Kein Aufschrei! Bundesjustizminister Marco Buschmann (46, FDP) sagt, Brorhilker habe ja hingeschmissen, weil sie offenbar "mit Organisationsmaßnahmen" in ihrer Justizverwaltung unzufrieden sei. Und "in diese Binnendebatte will ich mich nicht einmischen", so Buschmann. Finanzminister Lindner wollte sich auf BamS-Anfrage nicht äußern.

Der Ex-SPD-Chef und einstige NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (71): "Die Beschuldigten sind zun√§chst mal eine Gegnerin los, die schon einige von der Luxusyacht in den Knast bef√∂rdert hat. Der NRW-Justizminister steht vor einem Scherbenhaufen." Die Beh√∂rde selbst sieht dies offenbar anders. Auf BamS-Anfrage erinnert das Ministerium die Noch-Staatsanw√§ltin Brorhilker allerdings streng an ihre "Verschwiegenheitspflicht". Ein aus dem Beamtenverh√§ltnis ausscheidender Staatsanwalt sei "nicht berechtigt, im Dienst erlangter Kenntnisse, insbesondere Ermittlungsergebnisse, im neuen Besch√§ftigungsverh√§ltnis zu nutzen", hei√üt es. Ein Satz, der f√ľr Brorhilker wie eine Warnung klingen muss. Eine Warnung, k√ľnftig den Mund zu halten.


Quelle:

Cumex-Files
Akteure - Die Organisatoren
Cum-Ex-Gesch√§fte sind komplex. F√ľr die Transaktionen brachten Organisatoren mit globalem √úberblick verschiedene Akteure zusammen.

Hanno Berger

Paul Mora

Sanjay Shah

MARTIN S.

DIE POLITIK

Die Bundesanstalt f√ľr Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) kontrolliert und beaufsichtigt das deutsche Finanzwesen. Sie wiederum wird durch das Bundesfinanzministerium (BMF) beaufsichtigt. Das BMF erfuhr √ľber einen Whistleblower schon 2009 von systematischen Cum-Ex-Betr√ľgen, den Hinweis leitete das Ministerium aber nicht an Steuerfahnder oder Strafverfolger weiter. Es ist auch f√ľr die schleppende Aufarbeitung der Vorg√§nge verantwortlich. Aber es gibt noch weitere √úberschneidung von Politik und Cum-Ex-Gesch√§ften.

Wolfgang Kubicki

Olaf Scholz

Friedrich Merz

DIE BANKEN

Fast alle Gro√übanken in Deutschland und viele internationale Banken waren an Cum-Ex-Gesch√§ften beteiligt. Sie stellten Aktien f√ľr die Transaktionen zur Verf√ľgung, verkauften und vermarkteten Cum-Ex-Investments oder investierten selbst in Cum-Ex-Deals.

COMMERZBANK

DEUTSCHE BANK

Hypovereinsbank

M.M. WARBURG

J. Safra Sarasin

MERRILL LYNCH

DIE ANW√ĄLTE

Steuerrechtskanzleien und Wirtschaftspr√ľfer spielten eine Schl√ľsselrolle in den Cum-Ex-Deals. Die Kanzleien interpretierten die Steuergesetze zum Vorteil ihrer Mandanten und best√§tigen diesen in "legal opinions", dass die Gesch√§fte legale Steuerschlupflocher seien. Wirtschaftspr√ľfer untersuchten zwar die Rechtm√§√üigkeit von Cum-Ex, machten aber ihre Zweifel nicht √∂ffentlich.

KPMG

Ernst & Young

Freshfields

DIE INVESTOREN

Viele Investorinnen und Investoren berufen sich darauf, nichts von dem Steuerbetrug gewusst zu haben. Aufgrund der hohen Gewinne h√§tten bei ihnen allerdings Fragen zum Gesch√§ft aufkommen m√ľssen. Bekannte Investorinnen und Investoren waren:

Carsten Maschmeyer

Veronica Ferres

Erwin M√ľller

Mirko Slomka

Clemens Tönnies

Peter Schöffel


Lesen Sie die ganze Geschichte in unserem CumEx-Files 2.0 Special


Quelle: Correctiv.org


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 17.07.2023 - 09:04