zur Erinnerung
Die Chronik des Wirecard-Skandals: ein mutiger Journalist, sorglose Wirtschaftspr├╝fer und dubiose Manager Anderthalb Jahre dauerte es von den ersten sehr konkreten Anschuldigungen bis zum Zeitpunkt, als die Betrugsbombe bei Wirecard platzte. Dann schlug die Stunde von Staatsanw├Ąlten, dem Insolvenzverwalter und anderen Aufkl├Ąrern. Doch bis zum Prozessbeginn dauerte es nochmals mehr als zwei Jahre. Am Donnerstag geht es los. Eine Chronologie.

Michael Rasch (Text), Charlotte Eckstein (Illustrationen)
07.12.2022, 05.30 Uhr

Der Betrug bei Wirecard und die anschliessende Insolvenz - das ist ein Drama in mehreren Akten, das sich ├╝ber viele Jahre hinzieht. Ger├╝chte ├╝ber Manipulationen gab es lange, diese kulminierten im Jahr 2019 durch Berichte der "Financial Times". Im Sommer 2020 fiel dann das Wirecard-Kartenhaus in sich zusammen. Seitdem sitzen zentrale Figuren im Gef├Ąngnis oder m├╝ssen Anklagen bef├╝rchten. Ein Beschuldigter ist auf der Flucht. Am Donnerstag beginnt in M├╝nchen der Prozess gegen den fr├╝heren Konzernchef Markus Braun und zwei weitere Manager, von denen einer als Kronzeuge fungiert.

Dan McCrum, Journalist der "Financial Times" und Hauptenth├╝ller des Wirecard-Skandals.

2016 und 2017

Kritische Berichte von Analysefirmen und Medien sorgen immer wieder f├╝r Aufsehen und Kursst├╝rze bei den Aktien des Finanzdienstleisters Wirecard. Erste Manipulationsvorw├╝rfe hatte es sogar schon im Jahr 2008 gegeben. Der Vorstandsvorsitzende Markus Braun und weitere F├╝hrungsfiguren streiten diese stets vehement ab.

Anfang 2019

Die "Financial Times" sorgt mit mehreren Berichten f├╝r Aufruhr. Die britische Wirtschaftszeitung wirft Wirecard auf Basis von Dokumenten vor, die ihr von einem Whistleblower zugespielt wurden, dass Angestellte in Singapur Kunden und Ums├Ątze erfunden h├Ątten. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin verbietet daraufhin zeitweise Leerverk├Ąufe von Wirecard-Aktien und erweckt so den Eindruck, sich auf die Seite des Konzerns zu stellen.

Die Wirtschaftspr├╝fer von EY und KPMG sind aufgrund ihrer Rollen bei Wirecard ins Rampenlicht geraten.

Oktober 2019

Erneut erhebt die "Financial Times" den Vorwurf der Manipulation: Interne Unterlagen w├╝rden nahelegen, dass Wirecard zu hohe Ums├Ątze und Gewinne bei Tochtergesellschaften angegeben habe. Der Konzern beauftragt daraufhin die Wirtschaftspr├╝fer von KPMG mit einer Sonderpr├╝fung, welche die Vorw├╝rfe aber am Ende nicht ausr├Ąumen k├Ânnen. Die eigentliche Bilanzpr├╝fungsgesellschaft von Wirecard ist seit Jahren EY. Die Firma hatte die Jahresabschl├╝sse jedoch jeweils ohne Einschr├Ąnkungen testiert.

5. Juni 2020

Die Staatsanwaltschaft M├╝nchen I best├Ątigt, dass die Finanzaufsicht Bafin gegen Verantwortliche von Wirecard eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation eingereicht hat.

18. Juni 2020

Die Pr├╝fgesellschaft EY muss sich im Fall Wirecard sehr unangenehme Fragen gefallen lassen.

Die bereits wiederholt vertagte Ver├Âffentlichung des Gesch├Ąftsberichts f├╝r das Jahr 2019 und die f├╝r denselben Tag terminierte Bilanzpressekonferenz werden ohne neuen Termin verschoben. Wirecard gesteht ein, dass die Wirtschaftspr├╝fer von EY keine ausreichenden Nachweise ├╝ber die Existenz von Bankguthaben in H├Âhe von 1,9 Milliarden Euro ermitteln konnten. Sie betreffen das sogenannte Drittpartnergesch├Ąft in Asien.

19. Juni 2020

Markus Braun, ehemaliger CEO des Zahlungsabwicklers Wirecard.

Der langj├Ąhrige Vorstandsvorsitzende Markus Braun tritt zur├╝ck. Er sitzt seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft. Der operative Vorstand Jan Marsalek, wie Braun ebenfalls ├ľsterreicher, ist seitdem untergetaucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Laut Ger├╝chten ist er ├╝ber Weissrussland nach Russland gefl├╝chtet und h├Ąlt sich im Raum Moskau auf.

25. Juni 2020

Wirecard stellt beim Amtsgericht M├╝nchen wegen drohender Zahlungsunf├Ąhigkeit und ├ťberschuldung einen Insolvenzantrag.

1. Oktober 2020

Der Deutsche Bundestag beschliesst die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses auf Antrag der damaligen Oppositionsparteien. Nach der Anh├Ârung von Sachverst├Ąndigen beginnt am 19. November 2020 die ├Âffentliche Befragung von Zeugen, unter anderem von Markus Braun.

2021

Felix Hufeld und Elisabeth Roegele.

Der Untersuchungsausschuss legt am 22. Juni seinen Abschlussbericht vor, der drei Tage sp├Ąter im Bundestag diskutiert und zur Kenntnis genommen wird. Anfang des Jahres hatten bereits der Bafin-Chef Felix Hufeld und seine Stellvertreterin Elisabeth Roegele von ihren Posten zur├╝cktreten m├╝ssen. Neben der politischen Aufarbeitung laufen die juristischen Ermittlungen weiter. Diese betreffen auch die Pr├╝fungsgesellschaft EY. Die Abschlusspr├╝fer-Aufsichtsstelle (Apas) hatte Strafanzeige gegen EY-Verantwortliche eingereicht. Sie selbst pr├╝ft Sanktionen gegen einzelne EY-Mitarbeiter und das Unternehmen. Die Ergebnisse des Apas-Verfahrens werden f├╝r Anfang 2023 erwartet.

10. M├Ąrz 2022

Stephan Freiherr von Erffa, ehemaliger Leiter des Rechnungswesens der Wirecard AG.

Die Staatsanwaltschaft M├╝nchen I erhebt Anklage gegen den ehemaligen Konzernchef Markus Braun. Das teilte die Beh├Ârde am 14. M├Ąrz der ├ľffentlichkeit mit. Die Strafverfolger werfen Braun und zwei weiteren ehemaligen Wirecard-Managern "gewerbsm├Ąssigen Bandenbetrug" vor. Dazu kommen Marktmanipulation, falsche Darstellungen in Gesch├Ąftsberichten sowie Untreue. Bei den Managern handelt es sich um Stephan von Erffa (fr├╝herer Chefbuchhalter der Wirecard AG) und Oliver Bellenhaus (fr├╝herer Gesch├Ąftsf├╝hrer der Cardsystems Middle East, einer in Dubai ans├Ąssigen Enkelgesellschaft der Wirecard AG). Bellenhaus dient der Anklage als Kronzeuge.

5. Mai 2022

Das Landgericht M├╝nchen I erkl├Ąrt in einem Zivilverfahren die Bilanzen der Wirecard AG der Jahre 2017 und 2018 nachtr├Ąglich f├╝r nichtig und gab damit der Klage des Insolvenzverwalters Michael Jaff├ę statt. Nichtig sind damit auch die Dividendenbeschl├╝sse f├╝r die beiden Jahre.

21. September 2022

Das Oberlandesgericht M├╝nchen teilte mit, dass die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts M├╝nchen I die Anklage gegen "Dr. Markus B." und zwei weitere Angeklagte unter anderem wegen des Verdachts des gewerbsm├Ąssigen Bandenbetrugs "unver├Ąndert zur Hauptverhandlung zugelassen" hat.

8. Dezember 2022

Vor der grossen Strafkammer des Landgerichts M├╝nchen I beginnt der Prozess gegen Markus Braun sowie die fr├╝heren Manager Stephan von Erffa und Oliver Bellenhaus. Letztgenannter agiert als Kronzeuge. Anberaumt sind zun├Ąchst 100 Verhandlungstage bis kurz vor Weihnachten 2023. Verhandlungsort ist der Sitzungssaal in der Justizvollzugsanstalt M├╝nchen-Stadelheim. Zwei der drei Beschuldigten befinden sich noch in Untersuchungshaft. Der fr├╝here operative Vorstand Jan Marsalek ist weiterhin auf der Flucht.


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© infos-sachsen / letzte Änderung: - 17.07.2023 - 09:04