zur Erinnerung
Welche Rolle Polens im Holocaust? Kultur : Verdr├Ąngt "Pandoras B├╝chse": eine Berliner Retrospektive auf den Spuren des polnischen Antisemitismus

Daniel M├Ątzschker 30.11.2006

Zum Beispiel das reizvolle Sandomierz, gelegen zwischen Krakau und Lublin. In der Kathedrale der Stadt h├Ąngen ├ľlbilder eines gewissen Karol de Prevot, darunter - zwar etwas abseits, aber immer noch gut sichtbar - eines, das einen j├╝dischen Ritualmord an einem christlichen Knaben zeigt. Kein Kommentar erg├Ąnzt das Bild, und auch ans Entfernen denkt unter der Verantwortlichen niemand.

J├╝discher ritueller Mord in Gem├Ąlden in Sandomierz

Das Bild steht f├╝r einige Ungereimtheiten des polnisch-j├╝dischen Verh├Ąltnisses. In der polnischen Geschichte war man stets stolz, dem Gegner wenigstens moralisch ├╝berlegen gewesen zu sein. Dieser Selbstbegriff ist ins Wanken geraten, seit der Pogrom von Jedwabne 1941, der von Kielce 1946 oder die Ereignisse des M├Ąrz 1968, als fast alle noch in Polen lebenden Juden in die Emigration gezwungen wurden, in der ├ľffentlichkeit debattiert werden. Das vor sechs Jahren in Polen erschienene Buch "Sasiedzi" (deutsch: "Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne", C.H. Beck 2001) des in Princeton lehrenden polnischen Soziologen Jan Tomasz Gross war ein Katalysator dieser Entwicklung.

Die Anerkenntnis einer T├Ąterschaft oder zumindest Mitt├Ąterschaft polnischer Zivilisten in Jedwabne spaltet bis heute das Land. Reinigung des polnischen Selbstverst├Ąndnisses oder Besch├Ądigung des nationalen Au├čenbildes: Die Debatte h├Ątte ein vorz├╝glicher Rahmen f├╝r die Diskussion am Dienstag im Polnischen Institut sein k├Ânnen - in der Retrospektive "Pandoras B├╝chse?

Das Bild der Juden im polnischen Dokumentarfilm nach 1989".

Leider stritt man sich, zum Beispiel, lieber um Jahreszahlen. War erst nach 1989 eine Renaissance des j├╝dischen Lebens in Polen zu beobachten (so der Historiker Robert Traba) oder waren nicht schon Claude Lanzmanns "Shoah" (1985) und die Dreharbeiten zu "Schindlers Liste" 1994 einschneidende Z├Ąsuren (Stefanie Peter vom deutsch-polnischen "B├╝ro Kopernikus")? Oder lassen sich nicht gar seit 1968 "d├╝nne F├Ąden" vor allem im privaten Bereich aufsp├╝ren und regionale Initiativen in den achtziger Jahren beobachten, die den "Schatten der Architektur" ehemals j├╝discher Geb├Ąude erfragen wollen, wie Piotr Cywinski, Direktor des Museums Auschwitz-Birkenau, meint? Anhaltspunkte ├╝ber Anhaltspunkte, doch Leere bleibt. "Powiedz mi, dlaczego?" (Sag mir, warum?) hie├č der Vorfilm des Abends.

Karol de Prevot - Vorw├╝rfe des rituellen Mordes - Archiv Rzeczpospolita

Pandoras B├╝chse brachte das ├ťbel ├╝ber die Welt. Wie viel Unheil brachte der - auch polnische - Antisemitismus ├╝ber Polen?

Die Retrospektive wagt nicht nur den Blick auf die Nazi-Zeit, sondern auch in die Jahre nach 1945, als die antij├╝dischen Vorurteile nahezu ungebrochen weiterlebten. "Siedmiu Zyd├│w z mojej klasy" (Sieben Juden aus meiner Klasse) von Marcel Lozinski fragt nach den Juden, die zwischen 1956 und 1968 Polen verlassen haben. Wohin hat es sie versprengt?

Andere Arbeiten widmen sich dem Ghetto-Leben w├Ąhrend der Okkupation. So liegen der preisgekr├Ânten Arbeit von Dariusz Jabl├│nski, "Fotoamator" (Der Fotoamateur), Originaldokumente - die ersten Farbdias aus dem Ghetto von L├│dz -, die Erinnerungen eines j├╝dischen Arztes und des einstigen deutschen Buchhalters Genewein zugrunde. Nach dem Tagebuch eines der Anf├╝hrer des Aufstandes im Warschauer Ghetto ist der Dokumentarfilm von Jolanta Dylewska gedreht. "Die Chronik des Aufstandes im Warschauer Ghetto nach Marek Edelmann" greift auch auf Material der Nazis zur├╝ck. Und ist ein Versuch, die Identit├Ąt des Ghettos - mit gebremstem Tempo und verzerrten Bildern - ├╝ber die ├Ąsthetische Verfremdung zu erschlie├čen.


Quelle: tagesspiegel vom 30.11.2006


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