zur Erinnerung
Welche Rolle Polens im Holocaust? Zwischenstation auf dem Weg ins KZ :Vergeblich aufs ├ťberleben hoffen In Transitghettos wurden Juden gesammelt, bevor sie in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Ernst Reu├č 14.05.2018, 17:40 Uhr

Das Lager Sobibor. Der Weg dorthin f├╝hrte f├╝r viele Juden ├╝ber ein Transitghetto. Nur sehr wenige ├╝berlebten.
Foto: imago stock and people

Die Existenz von Konzentrationslagern, von Vernichtungslagern und von Ghettos ist bekannt. Von Transitghettos haben die meisten jedoch noch nichts geh├Ârt. Nun erschien das Buch "Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust" von Steffen H├Ąnschen, der seit 20 Jahren Bildungsreisen an die Tatorte des Holocaust in die Region Lublin begleitet. Dort hat es einige Transitghettos gegeben, wohin Juden verschleppt worden waren, bevor sie in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet wurden.

Der Verwaltungsbezirk Lublin hatte mit 13 Prozent den h├Âchsten j├╝dischen Bev├Âlkerungsanteil in Polen. Ungef├Ąhr 320.000 Menschen j├╝dischen Glaubens lebten dort. Izbica lag im damaligen Zentrum Polens, 70 km entfernt von der Gebietshauptstadt Lublin. Heute liegt das nach dem Krieg v├Âllig entv├Âlkerte Izbica an der Grenze zu Wei├črussland und der Ukraine. Von 6000 Einwohnern waren mehr als 5000 Menschen j├╝dischen Glaubens. Grund daf├╝r war, dass es Juden verboten war, in die Nachbarorte zu ziehen.

Ausgegrenzt und diskriminiert wurden Juden schon unter polnischer Herrschaft. Mit Beginn der deutschen Besatzung sollte sich das noch mal dramatisch verschlechtern. Als SS-M├Ąnner, ein volksdeutscher B├╝rgermeister und deutsche Verwaltungsbeamte die Macht ├╝bernahmen, wurden Juden zu Zwangsarbeit verpflichtet, ausgepl├╝ndert und ermordet. Aff├Ąren mit jungen j├╝dischen M├Ądchen wurden dadurch beendet, dass diese umgebracht und damit als l├Ąstige Zeuginnen aus der Welt geschafft wurden, wenn eine Anzeige wegen Rassenschande drohte.

Zwischenstation nach Belzec und Sobibor

Mit der Aktion Reinhardt wurden Juden aus Westpolen in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet. Izbica war ein Verkehrsknotenpunkt auf den Weg in die Ukraine und lag genau zwischen den keine 100 Kilometer entfernten Lagern Belzec und Sobibor. Das Dorf war die Zwischenstation, in der die nicht sofort in die Vernichtungslager Deportierten vergeblich auf ihr ├ťberleben hofften. Sp├Ąter wurden auch Juden aus dem Protektorat B├Âhmen und M├Ąhren, der Slowakei, Luxemburg und aus dem Deutschen Reich dorthin verschleppt. Der Autor dokumentiert einige dieser Deportationen, wie die aus Wien, Koblenz, Frankfurt am Main, Stuttgart oder N├╝rnberg. Er berichtet auch ├╝ber pers├Ânliche Schicksale von Deportierten, die ihr Ticket nach Izbica auch noch selbst zu zahlen hatten.

Juden durften die Ghettos unter Androhung der Todesstrafe nicht verlassen. Obwohl nicht umz├Ąunt, w├Ąre es sehr gef├Ąhrlich gewesen, dies zu tun, denn polnische Denunzianten gab es zuhauf. Weitgehend blieben diese Transitghettos "ohne Mauern" von der Forschung unbeachtet, doch der Autor Stefan H├Ąnschen hat sich jetzt auf mehr als 600 Seiten mit dem gr├Â├čten der Transitghettos eingehend besch├Ąftigt. Er schildert ausf├╝hrlich die Deportationen nach Izbica und das willk├╝rliche und grausame Geschehen vor Ort. Er berichtet auch ├╝ber die ab 24. M├Ąrz 1942 beginnenden "Aktionen", mit denen schlie├člich auch Izbica bis November 1942 entv├Âlkert wurde. Offiziell galt Izbica von da an als "judenrein", obwohl in der umliegenden Gegend noch Geflohene oder Versteckte lebten. 500 Zwangsarbeiter durften bis April 1943 bleiben, dann wurden auch sie ermordet. Hilfe erhielten die deutschen M├Ârder von ukrainischen Freiwilligen, kollaborierenden Polen und angesiedelten Volksdeutschen.

Heute lebt kein Jude mehr in Izbica

Am 20. Juli 1944 eroberte schlie├člich die Rote Armee Izbica. ├ťber 25.000 Juden hielten sich w├Ąhrend der Zeit des Transitghettos f├╝r kurze Zeit oder l├Ąnger in Izbica auf. Nur ungef├Ąhr 60 Juden sollten das sinnlose Morden in ihren Verstecken ├╝berleben. Die wenigen aus Izbica stammenden Juden konnten nicht in ihre H├Ąuser zur├╝ck, denn es drohte erneut Unheil von den inzwischen polnischen Bewohnern. Polnische Antisemiten t├Âteten nicht wenige Juden. Das bekannteste Massaker fand am 4. Juli 1946 in Kielce statt und hatte eine j├╝dische Emigrationswelle aus Polen zur Folge. Heute lebt kein Jude mehr in Izbica.

Zum Schluss beschreibt der Autor die oftmals erfolglosen Nachkriegsverfahren gegen deutsche T├Ąter und polnische Kollaborateure. Eine ausf├╝hrliche Dokumentensammlung rundet das Buch ab, denn der Autor hat alle Karten, Briefe und Berichte, die die Zeit im Transitghetto betreffen, gesammelt. Eine Auflistung aller ├ťberlebenden und deren Lebenslauf beschlie├čt das sehr akribische, aber dennoch fl├╝ssig zu lesende Werk. - Steffen H├Ąnschen: Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust. Metropol Verlag, Berlin 2018, 608 Seiten, 29.90 Euro.


Quelle: tagesspiegel vom 14.05.2018


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