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Jens Schade
geboren 1969 in Iserlohn, ist Industriekaufmann und promovierter Diplom-Psychologe. Seit 1992 lebt er in Dresden, das ihm zur Wahlheimat geworden ist. Beruflich arbeitet er an der Schnittstelle von Psychologie, Verkehrssicherheit und Mobilitätspolitik.
16.05.2026, 18:05 Uhr
© Klaus Rose/imago
Vielleicht habe ich nicht so gelebt, wie ich hätte leben sollen?
Leo Tolstoi, "Der Tod des Iwan Iljitsch"
Manchmal entscheidet sich ein Leben nicht in großen Beschlüssen, sondern in einem Impuls. In meinem Fall war es ein rostiger Renault 5, ein Novembernachmittag und eine Straße nach Berlin. Sieben Tage nach dem Mauerfall, am 16. November 1989, fuhr ich los. Am nächsten Tag betrat ich zum ersten Mal ostdeutschen Boden.
Ich war Anfang zwanzig, steckte in einer ungeliebten Kaufmannslehre und spürte am eigenen Leben, dass ein Weg vernünftig aussehen und sich trotzdem falsch anfühlen kann. Der Westen der 80er-Jahre erschien mir geordnet, satt, spießig, ökonomisch getrieben. Geld, Status, Lebenslauf, Aufstieg, Eigenheim: Das waren die Koordinaten, in denen man sich einzurichten hatte. Sie waren plausibel, aber sie waren mir nicht innerlich.
Kann ein Mensch seine Herkunft verlassen und gerade dadurch Heimat finden?
Der Osten lag plötzlich offen. Nicht romantisch verklärt, nicht bequem, nicht sicher. Aber unentschieden, durchlässig, noch nicht festgeschrieben. Nach 1989 wurde er zu einem Raum, in dem Freiheit und Absturz, Aufbruch und Kränkung, neue Chancen und neue Demütigungen dicht beieinanderlagen. Der Osten war nicht heil. Aber er war offen.
Zu dieser Offenheit gehörte ihre Kehrseite: Betriebe verschwanden, Arbeit ging verloren, Biografien brachen ab, Menschen gingen fort, Orte alterten. Der Osten war kein leerer Möglichkeitsraum, sondern ein verletzter Raum.
Vielleicht war es das, was mich anzog: nicht die DDR, nicht deutsche Vergangenheit oder politische Romantik, sondern ein Land im Übergang. Für mich, der den Westen als saturiert empfand, erschien dieser Raum als Möglichkeit. Hier war noch nicht alles festgelegt. Hier musste vieles erst neu entstehen.
Ich fuhr damals also nicht nur zu einem historischen Ereignis. Ich fuhr zu einem Riss in der Wirklichkeit. Heute würde ich sagen: Ich suchte keinen besseren Ort. Ich suchte einen eigentlicheren Ort.
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Drei Jahre später, 1992, ließ ich die westdeutsche Welt, aus der ich kam, hinter mir und zog nach Dresden. Dass es ein Abschied für immer sein würde, wusste ich damals nicht. Physisch bin ich immer wieder zurückgekehrt. Ich habe meine Eltern besucht, Familienwege wieder betreten, bekannte Landschaften gesehen. Aber mental bin ich nie wirklich zurückgekehrt. Das klingt hart, vielleicht auch undankbar. Doch es beschreibt eine innere Wahrheit: Das Sauerland, Westfalen, meine westdeutsche Herkunft - das blieb Ursprung, aber es wurde nie wirklich Heimat.
Dabei war schon meine Familie nicht wirklich dort beheimatet. Meine Mutter stammte aus Ostfriesland. Mein Vater war in Mittweida und Naumburg aufgewachsen, bevor er 1952 in den Westen ging. Das Sauerland war für meine Eltern Lebensort, aber nie ganz innere Heimat. Vielleicht wächst man als Kind in solchen Zwischentönen auf: Man lebt hier - aber die tieferen Linien zeigen woandershin.
In Familiengesprächen war häufig von Mitteldeutschland die Rede. Mein Vater nahm das Wort "DDR" höchstens mit Anführungszeichen in den Mund. Wenn er von der "DDR" sprach, lag darin mehr als politische Ablehnung. Es war, als wolle er diesem Staat nicht das Recht geben, den Ort seiner Kindheit zu benennen. Geografisch war "Mitteldeutschland" nicht ganz korrekt. Biografisch war es bezeichnend. Dieser Raum blieb gegenwärtig: als nicht aufgegebener Teil der eigenen Geschichte.
So betrachtet war mein Weg in den Osten nicht nur Ausbruch. Er war auch Rückbewegung: das Wiederbetreten einer unterbrochenen Familiengeografie. Was für meinen Vater Verlust, Bruch oder notwendige Entscheidung gewesen sein mag, wurde für mich Möglichkeit, Aufbruch, Selbstentwurf. Der Osten war gesellschaftlich im Umbruch und biografisch längst in mir vorbereitet.
Man kann Heimat offenbar erben, verlieren, verfehlen - und neu wählen.
Heimat ist nicht einfach der Ort, aus dem man kommt. Vielleicht ist sie eher der Ort, an dem Herkunft, Gegenwart und Zukunft für einen Moment zusammenfallen. Ein Ort, an dem man nicht nur funktioniert, sondern sich gemeint fühlt.
Erich Fromms Unterscheidung zwischen Haben und Sein gibt dieser Ahnung einen Begriff. Haben meint: sich über Besitz, Status, Rollen und äußere Sicherheit zu verankern. Sein meint: lebendig zu bleiben, Beziehungen einzugehen, innerlich stimmig zu leben. Es gibt Orte und Lebensläufe, die man haben kann. Und es gibt solche, in denen man sein kann. Der Westen stand für mich für ein Leben, das man haben konnte; der Osten für ein Leben, das erst entstehen musste.
Dresden wurde für mich ein solcher Ort. Nicht wegen des Pomps, des Barocks, der Postkartenansichten. Mich zog zuerst das andere Dresden an: das verwilderte, verlassene, poröse Dresden der frühen neunziger Jahre, die unsanierte Neustadt, Loschwitz mit seinen Spuren von Verfall und Schönheit zugleich. Gerade dieses Unfertige machte die Stadt für mich bewohnbar.
Dazu gehörten auch die Menschen, denen ich hier begegnete. Viele hatten Brüche erlebt, die nicht abstrakt waren: verlorene Sicherheiten, neue Chancen, biografische Umwege. Vielleicht wirkte Dresden deshalb auf mich nicht bloß schön, sondern wahrhaftig. Nicht glatt. Nicht fertig. Aber offen genug, um darin ein eigenes Leben zu beginnen.
Es kam nicht sofort. Aber irgendwann war es da: dieses Gefühl, das ich von keinem anderen Ort kenne. Wenn ich von einer Reise zurück nach Dresden komme, wird mir warm. Nicht spektakulär, nicht pathetisch. Eher körperlich. Ein stilles Aufatmen. Die Stadt taucht auf: der Fluss, der Elbhang, das Licht, die vertrauten Wege im Dresdner Osten. Und etwas in mir sagt nicht: "Hier wohne ich." Es sagt: "Hier komme ich zurück."
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Vielleicht ist dieses Gefühl deshalb so stark, weil Dresden für mich mehrere Schichten trägt. Es ist der Ort meines erwachsenen Lebens: Studium, Arbeit, Liebe, Trennungen, Irrtümer, neue Anfänge. Der Ort des Aufbruchs aus einer westdeutschen Normalbiografie. Der Ort, an dem das Ungewisse Versprechen war. Dresden ist nicht meine Geburtsheimat. Aber es wurde der Ort, zu dem mein Leben innerlich zurückkehrt.
Inzwischen hat diese Geschichte eine nächste Generation erreicht. Meine beiden Kinder, in Dresden geboren, studieren bewusst im Osten - nicht nur aus ökonomischen Gründen. Vielleicht höre ich darin zu viel von mir selbst. Aber wenn sie heute sagen, der Westen wirke auf sie glatter, stärker auf Darstellung bedacht, weniger lebensnah, dann berührt mich das. Nicht, weil sie meine Geschichte wiederholen. Sondern weil ein Motiv wieder auftaucht, das offenbar älter ist als eine einzelne Entscheidung.
Was bei meinem Vater Verlust war und bei mir Aufbruch, ist für sie fast Normalität: Der Osten ist nicht mehr Gegenwelt, sondern eigener Lebens- und Bildungsraum. Vielleicht ist Heimat auch, was für die nächste Generation nicht mehr erklärt werden muss.
Tolstois Iwan Iljitsch erkennt erst im Sterben, dass ein äußerlich richtiges Leben innerlich falsch gewesen sein kann. Diese Möglichkeit hat mich immer erschreckt: dass man alles erfüllt und sich trotzdem verfehlt. Vielleicht war mein Weg in den Osten eine frühe Abwehr genau dieses Schicksals. Nicht erst am Ende fragen müssen: Habe ich richtig gelebt? Sondern früh spüren: Ich muss dorthin, wo das Leben noch nicht geschlossen ist.
An diesem Punkt kommen Tolstoi und Fromm zusammen. Der eine erzählt von einem Leben, das am Ende richtig aussah und doch nicht stimmte. Der andere beschreibt eine Gesellschaft, in der Menschen viel haben und dabei das Sein verlieren. Mein Weg nach Dresden lag vielleicht zwischen beiden Einsichten.
Damals fuhr ich nach Berlin, weil der Mauerfall sichtbar machte, was ich selbst suchte: eine Öffnung. Eine Grenze war gefallen - politisch, geografisch, aber auch als Lebensbild.
Drei Jahre später ging ich durch diese Öffnung hindurch. Nicht in eine neue Sicherheit, sondern in ein unfertiges Leben.
Dresden wurde daraus nicht sofort Heimat. Heimat entsteht nicht durch Beschluss. Sie legt sich über ein Leben: über Orte, Wege, Jahre, Begegnungen, Verluste - und über die Erfahrung der Rückkehr. Irgendwann merkt man es. Nicht beim Ankommen, sondern beim Wiederkommen.
Wenn ich heute nach Dresden zurückkehre, weiß ich: Manchmal findet man Heimat erst, indem man Herkunft verlässt. Das warme Gefühl ist die Antwort.
