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17.05.2026, 06:12 Uhr
© Sven Simon/imago
Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm. Der "Besserwessi" macht es andersrum - und genau diesen Typus hat die Bundesrepublik vor und nach 1990 in Serie produziert: laut, rechthaberisch, die Antwort schon im Mund, bevor jemand gefragt hat. Er legt den Ostdeutschen gern auf die Couch und erklärt ihm, woran er krankt - an Trotz, an Demokratiedefizit, an "Nicht-angekommen-Sein", an Jammeritis.
Heute tauschen wir die Plätze in der psychologischen Praxis. Wir, die seit sechsunddreißig Jahren Diagnostizierten, übernehmen den Stuhl gegenüber der Couch. Der Patient ist diesmal er, der Westdeutsche. Die Sprache, mit der wir arbeiten, ist nicht unsere: Sie ist geliehen - aus genau jenem psychologischen Repertoire, mit dem man uns vermessen hat.
Was der Besserwessi am Anfang dieses Textes vorführt, hat einen Namen: den Dunning-Kruger-Effekt. Wer am wenigsten kann, hält sich für besonders gut - weil ihm genau das metakognitive Werkzeug fehlt, sein Defizit zu erkennen. Selbstüberschätzung überlebt nur dort, wo niemand widerspricht. Im Osten widersprach zunächst erstmal kaum jemand.
Es kam ja auch nicht der westdeutsche Sieger herüber - der hatte zu Hause genug zu tun. Es kam, wer im Westen unter seinem Wunschniveau saß: der Sachbearbeiter, der in Halle Abteilungsleiter wurde. Der Volontär, der in Leipzig in die Chefredaktion aufstieg. Der Habilitand, der in Jena endlich seinen Lehrstuhl bekam. So wurde aus westdeutschem Mittelmaß ostdeutsche Spitze - und das Selbstbild blieb unangetastet.
"Im Westen hatten wir in den 80ern eine Riesenarbeitslosigkeit, auch Akademikerarbeitslosigkeit", sagt Philipp Gassert, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim, zur OAZ. "Dann kommt die Wende, und auf einmal kriegen die alle Jobs. Das waren aber nicht immer die Besten", räumt er ein. Was Gassert höflich umschreibt, hat die Charité 2018 weniger höflich vermessen: Westdeutsche, die vor 1990 sozialisiert wurden, zeigen höhere Werte für grandiosen Narzissmus und niedrigeren Selbstwert als ihre ostdeutschen Altersgenossen.
Gassert liefert das Alltagsmaterial dazu. Mit zehn D-Mark war man drüben wer - als Student reichte ihm der Zwangsumtausch "für dreimal Restaurant"; heute sei dies das Gefühl eines Bundesbürgers, der für ein paar hundert Euro in Thailand im Luxushotel residiert. Dazu kamen die Übersiedler, die über "drüben" schimpften und dem Westen bestätigten, es besser zu haben - daraus sei "ein gewisses Überlegenheitsgefühl entstanden, obwohl das Individuum gar nichts dafür getan hat".
Viele Westdeutsche erzählen sich das Wirtschaftswunder als Lohn ehrlicher Arbeit. Die Akten erzählen anderes.
Rund 1,4 Milliarden US-Dollar Marshallplan-Hilfe flossen ab 1948 nach Westdeutschland - etwa fünf Prozent des damaligen BIP. 1953 erließ die Londoner Schuldenkonferenz rund ein Drittel der verbliebenen Schulden. Parallel entstanden aus den D-Mark-Gegenwertmitteln das ERP-Sondervermögen und damit jenes Förderkapital, aus dem die KfW bis heute schöpft. Gassert: "Wir haben irgendwie Schwein gehabt."
Die Sozialpsychologie kennt das Muster als fundamentalen Attributionsfehler: Erfolge schreibt man eher seiner eigenen Leistung zu, Misserfolge eher dem Pech oder der Situation. Wer seinen Wohlstand als Verdienst erzählt, hält den, der ihn nicht hat, für faul, oder behauptet, er jammere, wenn er auf sein Pech verweist.
Aus dem fundamentalen Attributionsfehler wird Praxis, sobald sich der Wessi für zuständig hält. Seine Selbstüberzeugung trägt weiter als sein Wissen - und weil sie so geschlossen auftritt, wird ihr selten widersprochen. So wird aus dem Helfer der Hausherr. Was als Engagement beginnen mag, endet als Besitzanspruch.
Als 1990 fremdes Betriebsvermögen zum Kauf vorlag, fiel kaum einem der westlichen Eliten ein, dass das Vermögen der Ostdeutschen im Betriebsvermögen gebunden war und ihnen daher liquide Mittel fehlten, ihr "eigenes" Betriebsvermögen zu kaufen - beim Thema Erbschaftssteuern fällt es dann doch allen wieder ein, weil es ums eigene Vermögen geht.
Was die westliche Siegermacht der jungen Bundesrepublik an Krediten und Schuldenerlass gewährte, verweigerte sie ihrem Brudervolk - und nannte das Hilfe. Klaus Dörre nennt die rücksichtslose Unterwerfung sozialer Räume unter Marktlogik "neoliberale Landnahme". Der Osten wurde nicht behutsam integriert, sondern ökonomisch verwertet. Das Muster begann schon vor der Treuhand.
Im Wahlkampf zur Volkskammerwahl im März 1990 brachten die Westparteien rund 7,5 Millionen D-Mark in der DDR unter, allein die CDU/CSU kam auf 4,5 Millionen. Westliche Kreisverbände übernahmen östliche. Kohl versprach blühende Landschaften, 300.000 jubelten ihm vor der Dresdner Frauenkirche zu. Die Soziologin Yana Milev beschreibt diese Übernahmeprozesse in ihrem Buch "Das Treuhand-Trauma" (2020) als asymmetrische Eingliederung unter westdeutscher Deutungshoheit - politisch, institutionell und ökonomisch zugleich.
In der Bundesrepublik konnte ein Ehemann seiner Frau bis 1977 die Erwerbstätigkeit untersagen - der Hausfrauenparagraf, § 1356 BGB. Konto, Arbeitsvertrag, Lebensentwurf: Alles brauchte seine Zustimmung. Das war rechtlich organisierte männliche Vormachtstellung.
Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 straflos. § 177 StGB beschränkte diesen Tatbestand auf "außerehelichen" Geschlechtsverkehr - die Ehefrau war ausgenommen. Erst am 15. Mai 1997 strich der Bundestag das Wort. 138 Abgeordnete stimmten dagegen - darunter Friedrich Merz. Wer so stimmt, ist nicht unbedingt Täter - aber er hält den Tätern den Rücken frei. Die BRD hat sich von solchen Männern bis heute nicht distanziert.
Auch § 218 StGB behandelte Frauen nicht als vollständig souveräne Personen. Der Schwangerschaftsabbruch ist Sache des Strafrechts - bis heute.
Homosexualität wurde nach der NS-Fassung des § 175 StGB weiter verfolgt - Wortlaut unverändert bis 1969, rund 50.000 Verurteilungen nach 1949, endgültig abgeschafft erst 1994. Eine ganze Bevölkerungsgruppe blieb, nach dem Buchstaben eines NS-Paragrafen, Jahrzehnte vom rechtsstaatlichen Schutz ausgenommen.
Wäre das die Gesetzeslage eines anderen Staates, der Wessi wüsste den Befund. Bei sich selbst erhebt er ihn nicht. Er hat Begriffe erfunden, um sie zu verteilen - nicht, um sie bei sich anzuwenden.
Seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland schossen Zöllner an der deutsch-belgischen Grenze auf Kaffeeschmuggler - Menschen, die die Bohnen aus Belgien herübertrugen, weil dort der Kaffee billiger war. Einunddreißig Schmuggler und zwei Zöllner sterben, über hundert werden schwer verletzt.
Einer der ersten Toten war vierzehn Jahre alt. Horst Klinger, Schüler, auf der Flucht mit dem Fahrrad erschossen, im Gepäck ein halbes Pfund Kaffee. So berichtete Die Welt am 24. Januar 1948. Die Bundesrepublik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegründet. Abgeschafft hat sie das Schießen nicht.
Der letzte dokumentierte Tod fiel in das Jahr 1964: der 36-jährige Franz Herder, wegen 750 Gramm Kaffee. Der Schütze wurde freigesprochen. Heute wird in der Eifel touristisch mit den Schmuggelpfaden geworben - die Taten sind Folklore, die Toten sind nichts. Kein Bundespräsident am Grab, keine Gedenkstätte.
Ein Staat, der seine eigenen Toten vergessen darf, hat Übung im selektiven Erinnern. Aufarbeitung ist im Westen das, was von anderen verlangt wird.
Der Vorwurf läuft seit Jahrzehnten in eine Richtung: Die anderen ließen sich nicht integrieren, könnten Demokratie nicht aushalten, zögen sich auf das Eigene zurück. Die Praxis sieht anders aus.
In den ostdeutschen Ländern regierte die PDS, später die Linke, mit - auf Bundesebene blieb sie draußen. 2013 ging die SPD trotz rot-rot-grüner Mehrheit in die GroKo. Ostdeutsche Wählerstimmen per Parteibeschluss von der Macht fernzuhalten, ging mit dem Erfolg der AfD vor allem im Osten nahtlos weiter. Das Etikett wechselt - vom "SED-Erbe" zum "Faschisten". Die Methode bleibt stabil: Das nicht assimilierte Andere, das dem homogenen westdeutschen Normkern widerspricht, soll draußen bleiben und wird gleichzeitig pathologisiert.
Sigmund Freud beschrieb den Mechanismus 1894 als Projektion: Eigene, unerwünschte Eigenschaften werden auf einen anderen verlagert, um sie dort bekämpfen zu können. Der Vorwurf lautet, die anderen ließen sich nicht integrieren. Die Praxis zeigt etwas anderes: Auf Bundesebene wurde seit dreißig Jahren keine größere politische Strömung akzeptiert, die den westdeutschen Nachkriegskonsens grundsätzlich infrage stellte.
Wenn dieser Text unfair klingt, überspitzt, kränkend - er ist es. Polemisch. Verkürzt. Einseitig. Niemand ist "der" Wessi. Es gibt keine Persönlichkeitsstörung mit Heimatpostleitzahl. Selbst Gassert hat diesen Vorbehalt ausdrücklich dazugeschrieben und gehofft, dass er "nie von ‚dem Wessi' sprechen würde". Ein Satz, den man von westdeutschen Wissenschaftlern, Leitartiklern und Bundespräsidenten gern öfter auch über den Osten gehört hätte.
Dieser Text trägt das Wort Polemik über sich. Viele Aussagen über den Osten - "verzwergte Menschen" (Baring), "chronische Seelenschäden" (Biermann), "weiß nicht, wie Demokratie geht" (Gauck), "gefestigte nichtdemokratische Ansichten" (Ex-Ostbeauftragter Wanderwitz), "So isser, der Ossi" (Spiegel 2019) - taten das nicht. Sie standen in Leitartikeln, Sachbüchern, auf Titelseiten - als Analyse, als Befund, als Wahrheit.
