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Frau Kaiser, was folgt auf diese Erkenntnis?
01.10.2026, 06:00 Uhr 7 Min
© Annette Riedl/dpa
Alle Jahre wieder entdeckt die Bundesregierung die Ungleichheit zwischen Ost und West. Ostdeutsche besitzen weiterhin weniger Vermögen und sitzen seltener in den Führungsetagen. Tatsächlich entscheiden Herkunft und Beziehungen bis heute in weiten Teilen, wie weit jemand kommt. Nachzulesen sind diese Erkenntnisse im neuen Bericht der Ostbeauftragten Elisabeth Kaiser: "In Bewegung bleiben". Na, herzlichen Glückwunsch. Einsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.
Die Unterschiede zwischen Ost und West werden auf dem Lohnzettel sichtbar. Sie zeigen sich, wenn Eltern nach langem Arbeitsleben kaum etwas zu vererben haben. Und sie werden sichtbar, wenn junge Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um beruflich voranzukommen, während die Politik beklagt, dass dort die Fachkräfte fehlen. An Bewegung hat es den Ostdeutschen wahrlich nicht gefehlt.
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Sie haben nach Betriebsschließungen neue Berufe gelernt, sich anderswo Arbeit gesucht und ihre Familien durch unsichere Zeiten gebracht. Andere sind geblieben, haben Unternehmen gegründet und dafür gekämpft, dass ihre Orte eine Zukunft behalten. "In Bewegung bleiben" klingt angesichts dieser Lebensgeschichten wie eine Aufforderung an die falsche Adresse. Wer erklärt, wie wichtig Bewegung sei, sollte etwas darüber sagen können, wann sich die Politik endlich ausreichend bewegt.
Die Vermögenslücke zwischen Ost und West ist kein rätselhaftes Phänomen. In der DDR waren die Möglichkeiten, privates Unternehmensvermögen aufzubauen, massiv eingeschränkt. Während sich in der Bundesrepublik über Jahrzehnte Eigentum bilden und über Generationen weitergeben ließ, fehlten dafür im Osten die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen. Diese Tatsache verschwindet nicht, weil seit der Einheit inzwischen mehr als drei Jahrzehnte vergangen sind.
Aber sie erklärt auch nicht alles. Wer die heutigen Unterschiede allein auf die DDR zurückführt, erspart sich die Auseinandersetzung mit den Entscheidungen nach ihrem Ende. Die Wiedervereinigung brachte Freiheit und neue Möglichkeiten. Das ist aber eben nur eine Seite der Medaille. Für viele Ostdeutsche brachte sie zugleich den Verlust des Arbeitsplatzes und die Entwertung ihrer bisherigen beruflichen Stellung. Betriebe verschwanden, ganze Standorte verloren ihre wirtschaftliche Grundlage.
© IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Damals wie heute gilt: Berufserfahrung schützte nicht vor Arbeitslosigkeit. Menschen, die bis dahin selbstverständlich gebraucht worden waren, standen von heute vor morgen vor dem Nichts. Sie mussten von vorne anfangen und sie taten es.
Doch unter solchen Bedingungen baut man kein Vermögen auf wie jemand, dessen Erwerbsleben weitgehend ohne Brüche verläuft. Wer seine Rücklagen aufbraucht, um eine schwierige Zeit zu überstehen, kann sie nicht anlegen. Wer weniger verdient, kann weniger sparen. Und wer selbst wenig besitzt, kann seinen Kindern auch nach einem arbeitsreichen Leben wenig vererben.
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Diese Unterschiede wirken weiter. Eine Erbschaft kann den Kauf einer Wohnung ermöglichen, eine Unternehmensgründung absichern oder das Risiko eines beruflichen Wechsels abfedern. Wer diese Rückendeckung nicht hat, muss vorsichtiger sein. Derselbe Fleiß führt deshalb nicht zwangsläufig zum selben Ergebnis.
Auch die geringe Vertretung Ostdeutscher in Spitzenpositionen, die im Bericht der Ostbeauftragten erwähnt wird, hat Ursachen. Nach der Einheit wurden zahlreiche Leitungsfunktionen mit Menschen aus dem Westen besetzt. Die Folgen reichen über einzelne Personalentscheidungen hinaus. Wer bereits Verantwortung trägt, verfügt über Kontakte, empfiehlt andere und kennt die unausgesprochenen Regeln des Aufstiegs.
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Der Elitenmonitor im neuen Bericht beschreibt, wie wichtig Netzwerke, informelle Kontakte und das persönliche Gefragt werden im Verlauf einer Karriere werden. Auch diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu. Und sie mag eine Erklärung dafür sein, warum eine Gesellschaft formal allen dieselben Möglichkeiten eröffnen kann und trotzdem immer wieder ähnliche Lebensläufe an ihrer Spitze versammelt. Jedoch wurde ein Problem noch nie gelöst, sofern es lediglich benannt und schlicht zur Kenntnis genommen wurde. Das scheint mittlerweile auch die Politik verstanden zu haben. Zumindest auf den ersten Blick.
Denn an diesem Punkt wird der Bericht politisch interessant. Auf die Beschreibung ungleicher Chancen folgt ein ausführlicher Handlungsteil, in dem die Bundesministerien ihre Programme präsentieren. Die Bundesregierung erklärt, wie sie bessere Voraussetzungen schaffen will. Dabei wird aus einer plausiblen Absicht erstaunlich schnell eine überzeugende Wirkung.
So heißt es über die Frühstartrente und ein gefördertes Altersvorsorgedepot, die Weitergabe finanzieller Ungleichheit werde "gezielt durchbrochen". Gemeint ist unter anderem eine perspektivische staatliche Förderung von zehn Euro monatlich für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren.
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Das kann ein sinnvoller Einstieg in die Altersvorsorge sein. Aber die Größe des Versprechens steht in einem auffälligen Verhältnis zur Größe der Förderung. Eine Familie erhält dadurch noch keine Rücklage für den Wohnungskauf. Ein junger Mensch bekommt kein ausreichendes Startkapital für einen Betrieb. Und die unterschiedlichen Möglichkeiten vermögender und vermögensloser Eltern bestehen fort.
Auf der folgenden Seite des mehr als einhundert Seiten langen Berichts bescheinigt sich die Regierung ein "konsistentes Verständnis von Chancengerechtigkeit". Man würde gern etwas weniger über ihr Verständnis und etwas mehr über die nachgewiesenen Ergebnisse erfahren.
Wie großzügig die Regierung ihre eigene Politik bewertet, zeigt die Wahl ihrer Belege: Ausgerechnet das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität soll für bessere Aufstiegschancen stehen. Jenes 500-Milliarden-Euro-schweres Schuldenpaket, dessen bisherige Verwendung das ifo-Institut scharf kritisiert hat. Nach Berechnungen des Instituts führten 95 Prozent der 2025 darüber aufgenommenen Kredite nicht zu zusätzlichen Investitionen. Stattdessen wurden vor allem Ausgaben aus dem Kernhaushalt verschoben und dort Haushaltslöcher gestopft.
© Jan Woitas/dpa
Und trotzdem verspricht der aktuelle Bericht bessere Schulen und verlässliche Verkehrsverbindungen. Doch statt zu erklären, was tatsächlich zusätzlich geschaffen wurde, wird erneut auf die gewaltigen Summen verwiesen, die zur Verfügung stehen sollen. Als wäre das Geld schon der Beweis für den Erfolg.
Auch Elisabeth Kaisers Forderung nach einem Ausgleich zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Erbschaftsteueraufkommen muss sich an ihrer Wirkung messen lassen. Mehr Einnahmen für ostdeutsche Landeshaushalte könnten öffentliche Leistungen verbessern. Eigenes Vermögen für ostdeutsche Familien entsteht daraus zunächst nicht. Dafür müsste erklärt werden, wofür die Mittel eingesetzt werden und wie daraus bessere individuelle Startbedingungen folgen.
Gerade weil die Ursachen so tief reichen, braucht es präzise Antworten. Der Hinweis auf eine gerechtere Verteilung ersetzt sie nicht.
Das alles ist nicht allein Elisabeth Kaisers Verantwortung. Sie ist seit Mai 2025 im Amt. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass sie jahrzehntelang gewachsene Unterschiede innerhalb weniger Monate beseitigt. Aber die Frage nach ihrer politischen Funktion muss sie sich gefallen lassen.
Was verändert sich, weil es eine Ostbeauftragte gibt? Welche Entscheidung fällt anders aus? Wo werden ostdeutsche Interessen gegen andere Prioritäten der Bundesregierung durchgesetzt? Und wo widerspricht die Beauftragte ihrer eigenen Regierung, weil deren Politik den von ihr beschriebenen Problemen nicht gerecht wird?
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Ein solches Amt könnte wichtig sein. Gerade wenn sich Nachteile über Generationen fortsetzen, braucht es jemanden, der innerhalb der Regierung hartnäckig auf ihre Ursachen und Konsequenzen hinweist. Das setzt voraus, Konflikte auszutragen und die Programme der eigenen Ministerien kritisch zu prüfen.
Wenn die Ostbeauftragte dagegen die Nachteile dokumentiert und anschließend die Regierungspolitik als überzeugende Antwort präsentiert, obwohl deren Wirkung offen oder umstritten ist, verliert das Amt seine Glaubwürdigkeit. Dann bekommt der Osten regelmäßig bestätigt, dass seine Probleme bekannt sind. Die Regierung bekommt eine Gelegenheit, ihre Vorhaben als Lösung vorzustellen. Was den Menschen dadurch zusätzlich ermöglicht wird, bleibt die entscheidende offene Frage.
