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DDR-Geschichte Lutz Pehnert zu seinem Krenz-Film: "Wer hat die Deutungshoheit über DDR-Leben?"

Lutz Pehnert

11.06.2026, 06:10 Uhr 11 Min

Regisseur von "Kommunist" wehrt sich gegen Diskreditierung seines Blicks auf die Vergangenheit: "Wer entscheidet, was ein Film 'über uns' damals ist, oder nicht?"

Filmpremiere mit Podiumsdiskussion am Mittwochabend: "Kommunist" gibt einen Blick in die Vergangenheit.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Als der Film "Kommunist" am 8. Mai seine Uraufführung in Schwerin erlebte und danach der Moderator das Mikrofon für Fragen öffnete, meldete sich sofort Burkhard Bley, Landesvorsitzender Mecklenburg-Vorpommern für die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seine Meinung zum Film erweiterte er zwei Tage später in einer Presseerklärung: "Der Film ist misslungen. Er ist kein differenzierter Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sondern er vermittelt bewusst ein geschöntes Bild von der DDR, unterschlägt historische Fakten und bedient sich manipulativ der Bildsprache der DDR-Propaganda."

Das ist das eine. Das andere: Eine Woche später starb Angelica Domröse. Ich habe sie geliebt: ihre Polly, Helena, Fleur La Fontaine, Paula. Die Nachricht von ihrem Tod war der Auslöser für das, was jetzt folgt.

Wie soll man leben? Das war die Glücksfrage, die Paula-Frage. In dem Land DDR. Im Frühjahr 1973 kam der Film "Die Legende von Paul und Paula" in die Kinos. Angelica Domröse war Paula, eine Verkäuferin und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie will, was sie will. Und sie will Paul, einen Angestellten des Außenministeriums. Die beiden passen eigentlich nicht zusammen, aber sie finden zueinander. Was für ein tolles Märchen der Liebe, kühn und trotzig gegenüber der Realität. Paula applaudiert einfach zwischen zwei Sätzen einer Beethoven-Sinfonie. Ich war damals elf.

Wir Ewiggestrigen - wir alle

Egon Krenz im Blauhemd der Freien Deutschen Jugend (r.) auf einer Tribüne neben Erich Honecker, Margot Honecker und Willi Stoph (l.)
© dpa

Im Sommer fanden die Weltfestspiele der Jugend in Berlin statt. Mein Kinderzimmer wurde zum Gästequartier für zwei FDJlerinnen aus Suhl. Ich verstand mich gut mit den beiden. Und weil sie zum ersten Mal in Berlin waren, raus aus der Hinterstube der DDR, im "Schaufenster des Sozialismus", wollte ich ihnen und ihrer FDJ-Gruppe etwas bieten.

Im Kino Kosmos gaben Schauspieler Autogramme. Paula war nicht da, aber Paul, Winfried Glatzeder. Ich bat ihn, mir zwölf Autogrammpostkarten für die FDJ-Gruppe aus Suhl zu unterschreiben. Er sagte: "Mach' ich nicht." Aber nur eine wollte ich nicht.

Ein dreiviertel Jahr später, 1974, trat die Gruppe Middle of the Road im Teepott Warnemünde auf. Ich saß damals vor dem Fernseher und schaute die Jugendsendung "rund". Die Jugendlichen tanzten nach der Musik. Auch Egon Krenz im blauen Hemd und hellen Anzug tanzte.

Ich hatte ihn mal als Kind im Urlaub kennengelernt, als er mit meinem Vater Skat spielte. Inzwischen war er 1. Sekretär des Zentralrats der FDJ. Aber das war mir egal. Ich war gerade verliebt in Sally. Ich war inzwischen zwölf und sie die Sängerin von Middle of the Road. Ich wollte sie heiraten, ich träumte von ihr, und im Traum bestand immer die Möglichkeit, dass wir ein Paar werden könnten.

Mathilda Hübner
Film & Macher

Kommunist. Dokumentarfilm. 124 Minuten. Kinostart am 11. Juni 2026, u.a. im Kino Babylon, 19.30 Uhr, im Bundesplatz-Kino am 11. Juni um 20 Uhr, anschließend Gespräch mit Lutz Pehnert. Im Kino Bali am 11. Juni um 20.30 Uhr und Folgetage.

Buch & Regie: Lutz Pehnert, geboren 1961 in Ost-Berlin. 1982 bis 1995 bei der Tageszeitung Junge Welt. Seit 1995 ist er als freiberuflicher Autor und Regisseur, u.a. "DDR Ahoi!" (Grimme-Preis), zuletzt "Scherbenland".

Als ich für den Film "Kommunist" im DDR-Fernseharchiv recherchierte, in zahllosen Bildern von damals, sah ich Sally wieder und sah auch mich, der von ihr geträumt hatte.

Egon Krenz, heißt es, sei ein Ewiggestriger. Ich bin es auch. Und alle, die in diesem Land gelebt haben, sind es. Weil dort unsere Geschichten sind, von Kindheit und Jugend, Freiheit und Feigheit, Anpassung und Trotz, mit Paula und Sally.

Die DDR von Egon Krenz war nicht meine DDR und war es doch: Was uns trennt, verbindet uns zugleich - das Leben in einem verschwundenen Land.

Das war mein Impuls für diesen Film: Wie lebte es sich mit einem, der - in meiner Generation - immer da war, als Vorsitzender der Pionierorganisation, als Vorsitzender der FDJ und am Ende für ein paar Tage als Staatsratsvorsitzender? Wie beteiligt, wie unbeteiligt lief das?

Szene aus dem Film "Kommunist" von Lutz Pehnert: Egon Krenz in Dierhagen
© © Salzgeber

Im DDR-Fernseharchiv lagern auch zahllose Berichte von Manifestationen und Kundgebungen, in denen die Jugend ihre Verbundenheit zu Partei und Staat chorgleich auf die Tribünen rief. Ich schaute mir viele davon an. Bilder einer Masse - so wie bei "Game of Thrones", aber da ist das den Herrschern zujubelnde Volk computeranimiert.

Die jubelnde Masse vor dem Palast der Republik war echt. Kaum zu unterscheiden, die Blusen waren alle blau. Aber in den Naheinstellungen sah ich Gesichter, junge Frauen, geschmückt mit Ohrringen, Lippenstift, toupierten Haaren - als wären sie gerade aus der "Vorher-Nachher"-Frisiershow von Frank Schäfer gekommen.

Aus der Masse wurden Menschen. Sie erinnerten mich an die zwei FDJlerinnen aus Suhl damals in meinem Kinderzimmer. Ich fragte mich: Warum haben sie da gestanden? Was haben sie an den anderen Tagen des Jahres gemacht? Und was aus ihrem Leben?

"Liebe ist der Tod der Pflicht", sagt Jon Snow in der letzten Folge von "Game of Thrones". Und Tyrion Lannister, der neben ihm sitzt, sagt: "Liebe ist viel mächtiger als Vernunft." Und die Liebe in ihrer ersten Aufwallung, das wissen wir ja, macht einen auch verrückt. Paula, die Frau in der Kaufhalle, singt plötzlich bei der Arbeit an der Kasse, und sie macht ihre Verrücktheit, ihren Glücksanspruch zur Maxime. Keine sozialistische Norm, kein Kollektivplan kommt dagegen an.

War die DDR ein Irrtum? Oder war es Paula? Wie konnte man es in diesem Land der Losungen und Direktiven aushalten? Der Alltag ist ein Anarchist. Paula war eine Antwort. Und vielleicht auch ein Paradox: Sie hat die Lebenszeit der DDR verlängert, weil sie anders darin leben wollte.

Wie soll man leben? Angelica Domröse und Winfried Glatzeder in den Titelrollen in dem Film "Die Legende von Paul und Paula", DDR 1973, Regie: Heiner Carow.
© Röhnert Ursula

1976 protestierte Angelica Domröse gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Und sie nahm ihren Protest nicht zurück. Die Kommunisten an der Macht fühlten sich beleidigt und machten ihr den Beruf schwer. Es war ein Zerwürfnis von so vielen Zerwürfnissen, die dieses Land schließlich in einen pathologischen Dämmerzustand führten. Angelica Domröse war nicht einfach abgehauen, wie viele in der DDR damals glaubten. Sie wurde aus dem Land gedrängt. 1980 übersiedelte sie nach West-Berlin. Aber ihre Paula blieb. Und deren Kühnheit, zumindest in Gedanken.

Da machte ich gerade eine Lehrausbildung zum Schriftsetzer. Zur Berufsschule fuhr ich oft mit dem Bus. Ein Teil der Strecke führte direkt auf die Mauer zu. Jedes Mal setzte ich mich in die erste Sitzreihe und schaute durch die Frontscheibe. Jedes Mal saß ich da und dachte: Was, wenn der Busfahrer einfach weiter geradeaus fährt, voll auf die Mauer und durch sie hindurch? Jedes Mal bog der Busfahrer kurz davor rechts ab. Ich weiß nicht, warum ich das erzähle, ich weiß auch nicht, was ich damit sagen will. Vielleicht nur: Ich lebte in diesem Pappkarton DDR, aber der Karton war aus Beton. Und die Busfahrer kannten ihre Strecke.

Mein Vater war Filmminister, als der Film "Insel der Schwäne" 1983 in die DDR-Kinos kam: Ein ein paar Jugendliche verbringen ihre - sagen wir mal so - unstrukturierte Freizeit in den Rohbauten der neuen Stadt Marzahn, ohne Blauhemd, ohne blaue Wimpel im Sommerwind. Wenig Sonne.

Burkhard Bley wie einst das FDJ-Zentralorgan

Egon Krenz im Publikum bei der Kinopremiere "Kommunist" im Kino Babylon.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Immerhin kam der Film ins Kino. Das gefiel weder Egon Krenz noch der Führung des Jugendverbandes. Als Journalist, damals noch Volontär, der Tageszeitung Junge Welt, dem Zentralorgan der FDJ, wurde ich vor das Kino International geschickt, um Meinungen zum Film zu erfragen. Keine davon schaffte es in die Zeitung. Den Grund dafür erfuhr ich einen Tag später, als ich die Überschrift "Das ist wieder kein Film über uns!" las und darunter die Stimmen, die die Überschrift bestätigten. Daran dachte ich zurück, als ich die Presseerklärung von Burkhard Bley las. Wer entscheidet heute, was ein Film "über uns", über uns damals ist oder nicht? Die Sieger der Geschichte und deren Angestellte? Oder jeder Zuschauer für sich?

Ich habe ein paar Filme gemacht über das Land, in dem ich gelebt habe, über Seefahrer, Außenhändler, Künstler, Bürgerrechtler, über Ostfrauen, über die Paulas der DDR, über Bettina Wegner.

Ich lerne von meinen Filmen. Bei den Dreharbeiten zum Film "Kommunist" habe ich gelernt: Hass ist eine Möglichkeit, es geht auch anders. Ich habe erfahren, dass ein niederländischer Sozialdemokrat mit seinem Wohnwagen von 's-Hertogenbosch 750 Kilometer zu einem Kommunisten nach Dierhagen an die Ostsee fährt, um ihn direkt zu fragen: Was hast du da eigentlich gemacht?

Ich habe erfahren, dass eine Genossenschaftsbäuerin und Kommunistin nicht nur "Held der Arbeit" werden konnte, sondern auch Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Dass es für Buße und Barmherzigkeit keinen Beichtstuhl braucht; ein Pastor macht sich auf den Weg. Ich habe gelernt, dass Gegensätze nicht verschwinden, nur weil die Zeit vergeht, aber dass aus einem unerwünschten Nachbarn sogar ein Freund werden kann.

Besonders bewegt hat mich eine Szene, als Egon Krenz im Theater Freiburg zu Gast war. Nach dem Gespräch kommt ein Mann auf ihn zu und lässt sich ein Buch von Egon Krenz signieren. Dabei erzählt der Mann, dass ihm sein Vater dieses Buch geschenkt habe, weil es eben auch die Biografie seines Vaters gewesen sei. 1931 geboren, habe er die DDR mit aufgebaut. Er war Bürgermeister in Döbeln.

Was fangen wir mit unseren Vätern und Müttern an?

Er selbst, der Sohn des Bürgermeisters, wollte nicht drei Jahre zur Armee gehen, deshalb durfte er nicht Medizintechnik studieren. Das war seine DDR-Geschichte. Jetzt ist er Lehrer für Mathematik und Musik in Freiburg.

Sein Vater, erzählte er, sei gerade gestorben, ein Kommunist. Die Frage an die Geschichte war schon immer: Was fangen wir mit unseren Vätern und Müttern an?

Das ist das eine. Das andere: Pferdegetrappel. Eine Herde wilder Pferde flieht vor ihren Verfolgern. Einer der Verfolger ist "Weitspähender Falke". Nicht Erich Honecker war unser "Oberindianer", wie Udo Lindenberg den Staatsratsvorsitzenden mal besungen hat. Gojko Mitic war es.

Filmszene mit Gojko Mitic, unserem wahren "Oberindianer": Er raubte dem wilden Hengst die Freiheit.
© Defa-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Ich bin mit ihm aufgewachsen, mit seinen Filmen. "Guter Mann", sagt mein Sohn über ihn. Er mag ihn, und ich mochte ihn schon immer. Ich sehe ihn vor mir, wie er als Dakota-Häuptling, Pardon, als Stammesführer "Weitspähender Falke" ein Seil um einen schönen weißen Hengst wirft und ihm die Freiheit raubt. Dann reitet er in die Weite der Prärie - die Spur des Falken. Schnitt.

Die DDR, wie sie war, ist Geschichte. Eine zweite Chance gab es nicht. Die Cowboys haben gewonnen. Alles okay. Aber die Spur des Falken, in die ich hineingeboren wurde, war für mich kein umsonst gelebtes Leben.

Von Angelica Domröse ist die Frage: "Darf, wer unter der DDR gelitten hat, nicht um sie trauern? Um den Funken Utopie, den sie in sich trug?"

Warum der Film "Kommunist" heißt

Mein Film heißt "Kommunist". Ich wurde gefragt, warum der Film so heißt. Etwa um ein ehemaliges Politbüromitglied nachträglich zu verherrlichen und das Land, das er mitregierte, zu beschönigen? Das war nicht meine Absicht.

In der Biografie von Egon Krenz, in seinem Scheitern als Kommunist, steckt für mich auch das Scheitern von über zwei Millionen Kommunisten mit SED-Parteibuch, die rigorose Erfahrung des Scheiterns eines Systems, einer Idee überhaupt.

Das Wort "Kommunist" ist ruiniert und so verschüttet wie das "Kommunistische Manifest". Wenn man heute über die Zukunft einer Gesellschaft nachdenkt, kann man es getrost ignorieren.

Und wenn nicht? Dann hat man alles, was mit diesem Wort verbunden ist, im Gepäck. Die Vision und ihre vergebliche Vergangenheit. Von mir aus auch Paula, Angelica Domröse - und eben auch Egon Krenz.


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© infos-sachsen / letzte Änderung: - 26.07.2026 - 15:57