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Open Source Erkenntnisse aus einer Langzeitstudie: Was die Menschen im Osten wirklich verloren haben

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen QualitÀtsstandards anzubieten.

Cordia Schlegelmilch

11.10.2026, 07:14 Uhr 9 Min

Zeitzeugen aus Wurzen berichten ĂŒber Arbeit und Heimat, Gemeinschaft und Entwertung nach 1989. Was ihre Lebensgeschichten ĂŒber die deutsche Einheit erzĂ€hlen.

Wurzen am 3. Oktober 1990: Ungewissheit und RĂŒckzug standen neben Hoffnung und Aufbruch.
© Cordia Schlegelmilch

"Wir haben unsere IdentitÀt, wir wollen nicht auf die SED oder den Staat DDR stolz sein, aber auf die Zeit, die wir durchlebt haben." Der ehemalige Wurzener Stadtrat Rudi Findig (SED) sagte mir diesen Satz Anfang der 90er-Jahre. Der 48-JÀhrige sprach von Menschen, die mit dem Untergang der DDR nicht preisgeben wollten, was sie unter schwierigen Bedingungen geleistet hatten.

Ein Maschinenbauingenieur, 1991 im GesprĂ€ch 32 Jahre alt, empfand nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes eine große Heimatlosigkeit: "Hier bin ich groß geworden, hier habe ich schon mal eine Scheibe eingeschmissen und hier haben wir dumme Jungenstreiche gemacht und haben versucht, etwas Neues aufzubauen. Also gehört mir was davon. Aber nach dem BĂŒrgerlichen Gesetzbuch gehört mir eben gar nichts."

Beide fragen: Wie kann eine Gesellschaft ein politisches System ĂŒberwinden und zugleich die Lebensgeschichten der Menschen achten, die darin gelebt haben?

In meinen damaligen GesprĂ€chen lagen Zustimmung zur Einheit und Kritik an ihrem Verlauf oft dicht beieinander. Menschen freuten sich ĂŒber die neue Freiheit und trauerten um ihren Betrieb. Sie lehnten die politische Bevormundung ab und erinnerten sich an Geborgenheit. Sie untersuchten ihre eigene Verantwortung fĂŒr die DDR und fĂŒhlten sich zugleich nach deren Ende herabgesetzt. Diese WidersprĂŒche gehörten zum Umbruch.

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Zuhören in einer turbulenten Zeit

Im Sommer 1990 begann ich eine soziologische Langzeitstudie in Wurzen, etwa 30 Kilometer östlich von Leipzig. In der Stadt lebten damals rund 18.400 Einwohner, im gleichnamigen Kreis etwa 49.000. Ich wollte erfahren, wie Menschen den tiefgreifenden Wandel bewĂ€ltigten und wie sich ihr Zusammenleben verĂ€nderte. DafĂŒr ließ ich mir ihre Lebensgeschichten erzĂ€hlen. Herkunft, Beruf und soziale Beziehungen prĂ€gen Erwartungen und VerlustĂ€ngste.

Ich wurde in Magdeburg geboren; meine Eltern flohen mit mir Mitte der 50er-Jahre in die Bundesrepublik. Nach dem Mauerfall wollte ich selbst erfahren, wie Menschen in der DDR gelebt hatten. Ich entschied mich fĂŒr Wurzen, eine sĂ€chsische Kreisstadt mit vielfĂ€ltiger Industrie und einem landwirtschaftlich geprĂ€gten Umland.

Die ersten anderthalb Jahre wohnte ich bei einer Familie zur Untermiete. Bis 1996 kehrte ich fĂŒr lĂ€ngere Aufenthalte zurĂŒck und nahm am stĂ€dtischen Alltag teil. Insgesamt ließ ich mir von 173 Menschen verschiedener Generationen und Berufsgruppen ihre Lebensgeschichten erzĂ€hlen, hĂ€ufig ĂŒber Stunden. Ich hörte zu, ohne eine fertige These vorzugeben. Mit weiteren Aufnahmen entstand ein Archiv von rund 600 Stunden.

Zu meinen GesprĂ€chspartnern gehörten Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Betriebsleiter, Mitglieder landwirtschaftlicher Genossenschaften, FunktionĂ€re, BeschĂ€ftigte aus Bildung, Kultur und dem sozialen Bereich sowie Menschen aus kirchlichen und bĂŒrgerlichen Milieus. Die meisten GesprĂ€che fanden im Herbst und Winter 1990 sowie in der ersten HĂ€lfte des Jahres 1991 statt.

Ich erlebte eine außergewöhnliche Offenheit und lebendige Erinnerungen. Viele hĂ€tten sich öffentlich kaum so geĂ€ußert. Die GesprĂ€chsatmosphĂ€re förderte diese Offenheit. Ungewissheit und RĂŒckzug standen neben Hoffnung und Aufbruch. Die Zukunft schien offen. SpĂ€ter zogen es manche meiner GesprĂ€chspartner vor, ĂŒber ihr Leben zu schweigen.

Meinung auf die Hauswand gebracht
© Cordia Schlegelmilch

Eine Stadt, viele Erfahrungen

Der Kreis Wurzen steht mit seiner vielfĂ€ltigen Industrie und seinem landwirtschaftlichen Umland exemplarisch fĂŒr einen in der DDR verbreiteten Regionstyp. Die Studie reicht damit ĂŒber den Ort hinaus, ohne die gesamte DDR statistisch abzubilden. Die Konzentration auf eine Stadt macht zugleich Unterschiede sichtbar, die in der Rede von "den Ostdeutschen" verschwinden. ErzĂ€hlungen ĂŒber dieselben Betriebe, Institutionen und Personen lassen sich vergleichen: Wo stimmen sie ĂŒberein, wo widersprechen sie sich?

Wer die DDR nur von ihrem Ende her betrachtet, wird den Lebenswegen kaum gerecht. FĂŒr die Älteren begann ihre Geschichte mit Krieg, Vertreibung und einem entbehrungsreichen Neuanfang. Die Hoffnung auf Frieden und soziale Gerechtigkeit war an persönliche Erfahrungen gebunden. Frieda Sternberg, eine langjĂ€hrige LPG-Vorsitzende und ZK-Kandidatin, erzĂ€hlte von ihrer Kindheit in einer Landarbeiterfamilie in Ostpreußen: "Wir waren die zweite Garnitur von Menschen, weil wir kein Geld hatten." Sie wollte eine Gesellschaft, in der nicht der eine Millionen besaß und der andere um sein Brot kĂ€mpfen musste. "Das war eigentlich mein Sozialismus."

Das erklĂ€rt eine politische Überzeugung; die Frage nach der Verantwortung fĂŒr die SED-Herrschaft bleibt dennoch zu stellen. Andere Lebensgeschichten fĂŒhrten zu anderen Haltungen. BĂŒrgerliche Familientraditionen blieben ebenso erkennbar wie kirchliche Bindungen. Arbeiter- und Bauernkinder berichteten vom beruflichen Aufstieg. JĂŒngere FachkrĂ€fte fĂŒhlten sich spĂ€ter durch politische Vorgaben und veraltete Arbeitsbedingungen gebremst. Manche hofften auf Reformen, andere wollten ausreisen oder zogen sich zurĂŒck.

Es waren vor allem die Gebliebenen, die mir erzĂ€hlten. FĂŒr viele stellte sich die Frage "Gehen oder bleiben?" im Laufe ihres Lebens immer wieder neu. Der Mauerbau schrĂ€nkte die Möglichkeit zu gehen massiv ein. Doch Menschen blieben auch wegen ihrer Familie, ihrer Freunde und ihrer Heimat oder aus Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft. Anfang der 90er-Jahre empfanden sie dafĂŒr einen Rechtfertigungsdruck. Der ehemalige Stadtrat Rudi Findig stellte aufgebracht fest: "Man kann uns das doch jetzt nicht zum Vorwurf machen, dass wir hiergeblieben sind."

Mini Markt Nord in Wurzen im Jahr 1990
© Cordia Schlegelmilch

Der gesellschaftliche Umbruch und die Frage nach einer neuen Moral, Wurzen 1990
© Cordia Schlegelmilch

Gemeinschaft und Freiheit

Das Thema Gemeinschaft tauchte in den GesprĂ€chen immer wieder auf. Der Betrieb bot Einkommen, soziale Leistungen und einen festen Platz im Alltag. Die hĂ€ufige Botschaft "Wir brauchen dich" konnte das SelbstwertgefĂŒhl stĂ€rken. Sie konnte aber zugleich den Druck bedeuten, weitere Aufgaben zu ĂŒbernehmen, sich anzupassen oder in die Partei einzutreten. Zur betrieblichen Gemeinschaft gehörten politische Kontrolle und die Möglichkeit des Ausschlusses.

Daneben bestanden Freundschaften, Nachbarschaftshilfe, Gastfreundschaft, gemeinsame Feiern, Sport und religiöse Gemeinschaften. Manche Beziehungen dienten der Beschaffung knapper GĂŒter. Aus Zweckgemeinschaften konnten echte Freundschaften werden. Die VerhĂ€ltnisse einer Kleinstadt verstĂ€rkten die NĂ€he: Man kannte sich lange und arbeitete mitunter ĂŒber Generationen im selben Betrieb.

"Wie soll man Freiheit mit einem Gemeinschaftsleben zusammenbringen?", fragte sich ein 70-jÀhriger Bauer. Er lehnte die Beschneidung der Freiheit in der DDR ab und suchte nun zugleich nach einer Antwort auf die Sorge, soziale Bindungen zu verlieren. Die Ehefrau des Superintendenten sah darin eine neue Aufgabe: "Jetzt ist die Not von uns weggenommen, und wenn jetzt der Zusammenhalt wegfÀllt, sind wir selber schuld, wenn wir uns nicht wieder neu einen Zusammenhalt schaffen."

Verlust ist nicht dasselbe wie Entwertung

Kurzarbeit, Entlassungen, ungeklĂ€rte EigentumsverhĂ€ltnisse und neue rechtliche Anforderungen erzeugten Anfang der 90er-Jahre eine erhebliche Unsicherheit. Die Auseinandersetzungen um alte Seilschaften und politische Verantwortung spalteten auch die Stadtgesellschaft selbst. Aufbruch und Angst lagen dicht nebeneinander. HĂ€ufig hörte ich sinngemĂ€ĂŸ: So konnte es in der DDR nicht weitergehen; aber so, wie es jetzt ist, kann es auch nicht bleiben.

Dabei sind drei Erfahrungen auseinanderzuhalten: der Verlust von Arbeitsplatz und Einkommen; die Entwertung beruflichen Wissens und bisheriger Lebensleistung; schließlich das GefĂŒhl, wenig Einfluss auf die VerĂ€nderungen nehmen zu können. 1989 hatten Menschen erlebt, dass ihr Protest etwas bewirken konnte. Bald darauf empfanden manche, dass ĂŒber ihren Betrieb und ihre Zukunft wieder andere entschieden.

Zugleich bilanzierten die Menschen ihre eigene Verantwortung. Eine ehemalige KreisschulrĂ€tin fragte: "War ich mutig oder nicht, habe ich mich geduckt oder nicht?" Wer von glĂŒcklichen Zeiten erzĂ€hlt, leugnet damit nicht notwendig die Repression. Wer Entwicklungen nach der Vereinigung kritisiert, wĂŒnscht sich nicht zwangslĂ€ufig die DDR zurĂŒck. Und wer Verantwortung fĂŒr das eigene Handeln ĂŒbernimmt, kann dennoch eine DemĂŒtigung erfahren haben.

Als ich Anfang der 90er-Jahre auf wissenschaftlichen Tagungen im Westen von solchen Erfahrungen und glĂŒcklichen Lebensphasen in der DDR berichtete, erlebte ich wiederholt Unglauben. Ich sĂ€he die DDR durch eine "rosa Brille", hieß es, oder meine GesprĂ€chspartner hĂ€tten mir nicht die ganze Wahrheit gesagt. Quellenkritik ist notwendig, doch sie darf nicht dazu fĂŒhren, widersprĂŒchliche Erfahrungen schon deshalb zurĂŒckzuweisen, weil sie nicht in ein vertrautes Deutungsmuster passen.

Die Teppichindustrie hat in Wurzen eine lange Tradition.
© Cordia Schlegelmilch

Die Zukunft war noch offen

Rudi Findig, der um den Stolz auf die eigene Lebensleistung rang, warnte schon Ende 1990: "Dann kommt mal einer und sagt, so, jetzt geht es los hier, wir grĂŒnden eine ostdeutsche Partei. Und der gewinnt die nĂ€chste Wahl, ob die links, rechts oder sonst was ausgerichtet ist. Das wird kommen, der Separatismus."

Neben solchen Warnungen standen die Hoffnung auf neue Chancen und der Wille, das Zusammenleben unter verÀnderten Bedingungen mitzugestalten. Der Satz zeigt, welche politische Bedeutung der Stadtrat verletzter Selbstachtung zuschrieb. Er ist keine Vorhersage einer heutigen Partei.

Was hĂ€tte man damals hören können? Und was lĂ€sst sich heute daraus lernen? Zuhören bedeutet, Erfahrungen ernst zu nehmen, Aussagen zu prĂŒfen und Unterschiede auszuhalten. Der Vorsitzende einer LPG, damals 43 Jahre alt, fand dafĂŒr ein treffendes Bild: "... wenn wir nicht endlich anfangen, zuzuhören, und wenn wir die GegenstĂ€nde nicht in Licht und Gegenlicht betrachten lernen, erleben wir Katastrophen."


Cordia Schlegelmilch, geb. 1952 in Magdeburg, 1955 Flucht der Familie nach Westdeutschland. Soziologiestudium an der FU Berlin, 1979-1987 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin fĂŒr Sozialforschung, Schwerpunkt Biografieforschung; 1985 Promotion. Fotografische Ausbildung an der Berliner Werkstatt fĂŒr Photographie. Seit 1989 freiberufliche Soziologin sowie Architektur-, Kunst- und Baufotografin.

Das Buch zum Thema: Eine Stadt erzÀhlt die DDR - Wurzen 1945-1988. Mitteldeutscher Verlag, MÀrz 2026. Weitere Informationen zur Langzeitstudie: www.die-wurzen-studie.de.


Quelle:


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 06.10.2026 - 16:27