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Die Narben der Wende: "Und wir? Wir waren plötzlich die Alten. Die Rückständigen" Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Günther Burbach

18.05.2026, 05:59 Uhr 8 Min

Von einem Mann, der davon berichtet, wie infolge der Wiedervereinigung nicht nur seine Fabrik verschwand, sondern seine gesamte bisherige Welt.

Rund 2000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie aus den Ländern Berlin und Brandenburg fordern am 28. November 1990 vor dem Gebäude der Treuhandanstalt in Berlin die Sanierung der Betriebe in der ehemaligen DDR und damit die Erhaltung von Arbeitsplätzen.
© Klaus Franke/dpa

Im Wartebereich der Klinik roch es nach Kaffee, Desinfektionsmittel und dieser seltsamen abgestandenen Luft, die wohl in jedem Krankenhaus gleich ist. Draußen schob sich grauer Himmel über den Parkplatz, drinnen liefen irgendwo leise Monitore und ab und zu quietschte ein Wagen über den Flur. Menschen saßen schweigend auf ihren Stühlen und starrten entweder auf ihre Mobiltelefone oder einfach vor sich hin.

Der Mann neben mir hatte zunächst kaum etwas gesagt. Vielleicht Anfang sechzig, kräftige Hände, ruhige Stimme. Irgendwann kamen wir ins Gespräch. Erst ganz belanglos. Woher man kommt. Wie lange man schon wartet. Solche Dinge eben. Dann fiel irgendwann das Wort Treuhand. Und plötzlich begann dieser Mann zu erzählen.

Ich kann heute weder seinen vollständigen Namen nennen noch überprüfen, ob das alles exakt so passiert ist, wie er es schilderte. Vielleicht verschieben sich Erinnerungen nach Jahrzehnten. Vielleicht wird so manches mit der Zeit mit einer anderen Schärfe erzählt, als es damals tatsächlich erlebt wurde. Aber während ich ihm zuhörte, merkte ich etwas anderes: Dass viele Menschen im Westen - und dazu zähle ich mich selbst - die Nachwendezeit im Osten oft viel zu einfach betrachtet haben.

So entsteht plötzlich ein anderes Bild der DDR

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Denn wer im Westen aufgewachsen ist, trägt häufig ein sehr klares Bild dieser Zeit mit sich herum. Die DDR gilt darin meist als marodes System, dessen Wirtschaft ohnehin kurz vor dem Zusammenbruch stand. Die Wiedervereinigung erscheint als logischer Übergang in Freiheit, Wohlstand und Demokratie. Und natürlich steckt darin auch Wahrheit.

Doch während dieser Mann im Krankenhausflur sprach, entstand plötzlich ein anderes Bild. Kein politischer Vortrag. Keine Ideologie. Sondern die Erinnerung eines Arbeiters, der erlebt hatte, wie innerhalb weniger Jahre nicht nur seine Fabrik verschwand, sondern seine gesamte bisherige Welt. Je länger ich ihm zuhörte, desto stärker begann ich zu verstehen, warum manche Wunden im Osten bis heute nicht verheilt sind.

Dann begann er von den ersten Monaten nach der Währungsunion zu berichten. Ruhig, beinahe sachlich. Nicht wie jemand, der eine politische Rede halten wollte, sondern eher wie einer, der Bilder beschreibt, die ihn bis heute nicht loslassen. Hier ist das Gedächtnisprotokoll seiner Erzählung:

"Ich weiß noch genau, wie plötzlich überall diese neuen Geldscheine auftauchten. D-Mark. Frisch, glatt, fast unwirklich. Die Leute hielten sie damals in der Hand, als hätten sie endlich gewonnen. Vor der Sparkasse standen sie bis raus auf den Gehweg. Manche grinsten wie Kinder an Weihnachten. Natürlich taten sie das. Jahrelang hatten wir rübergeschaut. Auf die Westwerbung. Die Autos. Die bunten Regale. Und plötzlich sollte das alles auch uns gehören. Für einen kurzen Moment glaubten wirklich viele, jetzt beginnt etwas Großes. Ich damals auch.

Im Werk redete plötzlich kaum noch jemand über die Produktion. Nur noch über die D-Mark. Einer wollte sich endlich einen Golf kaufen. Der andere plante die erste Reise nach Italien. In der Frühstückspause lagen plötzlich Westkataloge zwischen den Brotbüchsen. Alles fühlte sich neu an. Bis irgendwann die ersten Rechnungen kamen.

Die neue Währung bedeutete nicht nur Freiheit

Ich werde nie vergessen, wie unser Meister damals in die Halle kam. Er hatte einen Stapel Papier unterm Arm und sah aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Normalerweise war das ein lauter Mann. Einer, der durch die Halle brüllte, wenn irgendwo getrödelt wurde. Aber an diesem Morgen war er still.

Er legte die Unterlagen auf den Tisch neben der Fräsmaschine und sagte nur: 'Das bezahlt uns keiner mehr.' Einer von uns nahm die Rechnung in die Hand. Ein Ersatzteil, das wir seit Jahren bestellten. Früher ein paar hundert Ostmark. Jetzt stand da dieselbe Zahl, aber in D-Mark. Die Zahl war gleich geblieben. Aber plötzlich war alles anders.

Damals begriff ich zum ersten Mal, dass diese neue Währung nicht nur Freiheit bedeutete. Sie bedeutete auch, dass unsere ganze Fabrik plötzlich in einer Welt spielen musste, für die sie nie gebaut worden war.

Vorher lief das irgendwie alles im Osten miteinander. Nicht schön. Nicht modern. Aber es lief. Wir lieferten nach Polen, in die Sowjetunion, nach Ungarn. Die Maschinen waren alt, klar. Oft mussten wir improvisieren. Wenn etwas kaputtging, wurde eben geschweißt, geflickt oder aus zwei alten Teilen ein neues gebaut. Aber die Produktion lief. Die Hallen lebten. Jeden Morgen standen hunderte Männer an den Maschinen. Und plötzlich hieß es: zu teuer. Nicht konkurrenzfähig. Unwirtschaftlich. Diese Wörter kamen auf einmal jeden Tag. Dabei arbeiteten wir doch noch ganz normal weiter.

Die Kräne fuhren unter der Hallendecke. Die Pressen hämmerten. Es roch nach heißem Metall und Öl wie immer. Wenn du durch die Produktion gelaufen bist, hast du nicht das Gefühl gehabt, dass hier etwas stirbt.

Aber genau das passierte. Langsam erst. Dann immer schneller. Irgendwann tauchten die ersten Westdeutschen im Werk auf. Männer mit sauberen Mänteln und Ledertaschen. Sie liefen durch die Hallen und schauten sich alles an wie fremde Leute in einem Museum. Einer blieb damals direkt neben meiner Maschine stehen und fragte, wie alt die Anlage sei. Ich sagte es ihm. Er nickte nur kurz und schrieb irgendetwas auf. Später sagte einer von den Kollegen: 'Die haben uns längst abgeschrieben.' Vielleicht hatte er recht. Denn von da an ging plötzlich alles Schlag auf Schlag. Bestellungen blieben aus. Material kam nicht mehr. Kunden sprangen ab.

Betriebsversammlung, bei der alle still werden

Mitarbeiter des Stahlwerks Maxhütte in Unterwellenborn (Thüringen) demonstrieren gegen Massenentlassungen durch die Treuhand.
© Klaus Franke/dpa

Früher hatten unsere Abnehmer im Osten bezahlt, wie wir eben alle bezahlt haben. Jetzt wollten plötzlich alle harte D-Mark sehen. Aber die hatten viele dort genauso wenig wie wir. Gleichzeitig standen überall westdeutsche Produkte herum. Neue Technik. Hochglanz. Werbung. Natürlich wollten die Leute das kaufen.

Und wir? Wir waren plötzlich die Alten. Die Rückständigen. Die, über die man im Fernsehen sprach, als wären sie ein Problem. Dann kam die Betriebsversammlung.

Bis heute kriege ich dieses Gefühl nicht aus dem Kopf. Dieser Raum voller Männer und Frauen, die plötzlich ganz still geworden waren. Vorne standen Leute im Anzug und erklärten uns irgendetwas von Marktbedingungen und Zukunftsfähigkeit. Einer sprach bestimmt zehn Minuten lang und sagte dabei praktisch nichts. Und dann fiel irgendwann dieser Satz: ‚Der Betrieb wird abgewickelt.' Einfach so. Abgewickelt. Als würde man irgendein Lager räumen.

Ich weiß noch, wie einer hinten plötzlich laut fluchte. Ein anderer stand einfach auf und ging raus. Manche starrten nur nach vorne. Ich glaube, viele konnten in diesem Moment gar nicht begreifen, was das eigentlich bedeutete.

Erst später verstand man es. Als die ersten Maschinen verladen wurden. Als Hallen leer standen. Als Kollegen plötzlich beim Arbeitsamt saßen. Da begann langsam dieses Gefühl, das viele bis heute nicht loslässt. Dass hier nicht einfach nur Betriebe geschlossen wurden. Sondern dass man uns unsere ganze Welt weggenommen hat.

Denn im Westen dachten viele damals, wir hätten hier nur auf kaputtem Schrott gesessen. Aber so war das nicht. Wir haben gearbeitet. Richtig gearbeitet. Manche von uns standen seit dreißig Jahren an denselben Maschinen. Wir waren stolz auf das, was wir konnten.

Und einige machten das Geschäft ihres Lebens

Und plötzlich kamen Leute, die uns erklärten, dass all das nichts mehr wert sei. Das vergisst du nicht. Vor allem vergisst du nicht die Bilder. Männer Mitte fünfzig, die plötzlich arbeitslos waren und morgens trotzdem zeitig aufstanden, weil sie gar nicht wussten, was sie sonst tun sollten. Kollegen, die still wurden. Andere, die anfingen zu trinken. Städte, in denen plötzlich ganze Werke verschwanden und mit ihnen die Menschen gleich mit.

Und gleichzeitig sah man überall diese neuen westdeutschen Investoren. Teure Autos. Neue Büros. Große Versprechen. Manche kauften hier Betriebe für Summen, für die man heute nicht einmal mehr ein Einfamilienhaus bekommt. Fördergelder flossen ohne Ende. Einige machten Geschäfte ihres Lebens.

Und wir standen daneben und sahen zu, wie unser Werk zerlegt wurde. Vielleicht kommt daher bis heute dieses Misstrauen bei vielen im Osten. Nicht, weil wir jemandem den Wohlstand nicht gönnen. Sondern weil damals viele das Gefühl hatten, dass sie beim großen Geschäft der Wiedervereinigung nicht mit am Tisch saßen. Sondern auf der Speisekarte."

Günther Burbach, Jahrgang 1963, ist Informatikkaufmann, Publizist und Buchautor. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Ostdeutschland und den konkreten Auswirkungen politischer Entscheidungen auf Regionen, Betriebe und den Alltag der Menschen.


Quelle:


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 26.07.2026 - 15:57