«--- zurück zum Menü
10.07.2026, 07:43 Uhr 7 Min
© IMAGO/Uwe Koch
Was am Donnerstagabend (09.07.2026) im ZDF zu besichtigen war, bot dabei durchaus Erkenntnisgewinn - allerdings weniger über den Zustand des Landes als über den Zustand jener Diskursblase, in der sich ein Teil der politisch-medialen Elite Deutschlands nach wie vor behaglich eingerichtet hat.
Man muss Gauck zugutehalten, dass er seine Positionen mit jener pastoralen Würde vorträgt, die ihm eigen ist und die ihm einst den Weg ins höchste Staatsamt ebnete. Doch gerade diese Würde macht die Zumutungen, die in seinen Formulierungen stecken, umso bemerkenswerter. Da ist etwa der Satz über die AfD-Wähler: "Ich verurteile sie ja nicht als Faschisten, sondern ich bin der Meinung, dass sie falsch wählen, dass sie auf einem Irrweg sind."
Man halte einen Moment inne und vergegenwärtige sich die Tragweite dieser Aussage. Ein ehemaliger Bundespräsident, der qua Amt einst alle Bürger repräsentierte, erklärt Millionen von Wählern - in Sachsen-Anhalt jenseits der 40-Prozent-Marke -, dass sie "falsch" wählen. Nicht, dass sie eine Partei wählen, deren Programm er für verfehlt hält. Nicht, dass er ihre Sorgen versteht, aber andere Lösungen bevorzugt. Nein: Sie wählen schlicht "falsch". Es ist die Sprache des Oberlehrers, der die Klassenarbeit zurückgibt. Und es ist exakt jener Tonfall, der die Entfremdung, die Gauck an anderer Stelle durchaus klug analysiert, weiter befeuert.
Ost-West-Gehälter - Ein Land, zwei Systeme: Wo Frauen im Osten mehr verdienen als Männer
Politiklandschaft Bund im Bund: Warum Ostdeutschland den Föderalismus neu erfinden sollte
Noch aufschlussreicher wird es, wenn Gauck über Freiheit philosophiert - sein Lebensthema, wie Lanz pflichtschuldig anmerkt. Da unterscheidet der Altpräsident zwischen einer Freiheit, in der Menschen träumen, "ich kann alles, ich darf alles, keiner kann mich", und einer "Freiheit zu etwas und für etwas", die er als "Freiheit der Erwachsenen" bezeichnet. Die Implikation ist kaum zu überhören: Wer nicht so wählt, lebt und denkt, wie Gauck es für richtig hält, befindet sich offenbar noch im Stadium politischer Unmündigkeit.
Das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Vertrautem, nach Beheimatung - Gauck verwendet den Begriff selbst - wird damit zum Ausweis mangelnder Reife erklärt. Es ist eine bemerkenswerte Volte für jemanden, der im selben Gespräch beklagt, die progressiven Eliten hätten die Bedürfnisse der Menschen nach Beheimatung "denunziert oder gar nicht richtig verstanden".
Besonders entlarvend ist Gaucks Erklärungsversuch für den Erfolg der AfD in Ostdeutschland. Er spricht von einem "habituellen Strickmuster", von einer "erlernten Form, ein Ich zu sein", die das "Aufstehen des aktiven Bürgers" verhindere. Die DDR habe "das Element des Politischen ruiniert", weshalb es ein "Defizit an zivilgesellschaftlich aktiver Bevölkerung" gebe - "statistisch erhebbar", wie er betont, und "keine Charakterschwäche".
Doch genau so klingt es eben: wie die Diagnose eines Charakterdefizits, nur höflicher formuliert. Gauck pathologisiert hier eine gesamte Bevölkerungsgruppe. Die Ostdeutschen, so die Lesart, sind nicht etwa unzufrieden, weil sie reale Erfahrungen mit gebrochenen Versprechen, mit Deindustrialisierung und Entwertung ihrer Biografien gemacht haben. Sie sind unzufrieden, weil sie habituell falsch geprägt sind. Dass ausgerechnet jene Ostdeutschen, die 1989 eine Diktatur zu Fall brachten - Gauck selbst war einer von ihnen -, offenbar nicht über genügend zivilgesellschaftliche Kompetenz verfügen sollen, um heute "richtig" zu wählen, ist ein Widerspruch, der im Gespräch unbemerkt bleibt.
Heiter wird es, wenn Gauck den internationalen Vergleich bemüht. Über Finnland und Norwegen sagt er: "Wir fahren da hin, den Leuten geht es nicht besser als uns, sondern der Durchschnitt ist unter uns. Und sie sind irgendwie einfach Menschen, die sich wohlfühlen, dort zu sein, wo sie sind." Man wüsste gerne, welchen Durchschnitt Gauck hier meint.
Das finnische Bildungssystem gilt seit Jahrzehnten als weltweit führend. Die skandinavischen Länder rangieren in praktisch jedem internationalen Vergleichsindex - ob Lebensqualität, Pressefreiheit, Korruptionswahrnehmung oder soziale Mobilität - regelmäßig vor Deutschland, oft deutlich. Dass die Menschen dort zufriedener sind, liegt möglicherweise nicht daran, dass sie einfach eine sonnigere Disposition haben, sondern daran, dass der Staat dort tatsächlich noch zum großen Teil funktioniert: Digitalisierung, Verwaltung, Infrastruktur, Bildung. Gaucks These, die Deutschen müssten im Grunde nur aufhören zu nörgeln, um finnisch glücklich zu sein, hat etwas Abgehobenes und Weltfremdes.
Vom DDR-Chemiker zum Milliardär: Dieser Mann gilt als reichster Ostdeutscher
DDR-Auto: Trabi wieder im Trend? Bekannter DDR-Auto-Fan eröffnet Beratungsstelle
Immerhin: In der Frage der parlamentarischen Behandlung der AfD zeigt Gauck eine bemerkenswerte Differenziertheit, die man sich an anderer Stelle gewünscht hätte. Er plädiert dafür, gewählten AfD-Abgeordneten Ausschussvorsitze und Parlamentspräsidentschaften nicht grundsätzlich zu verwehren - mit Ausnahme sicherheitsrelevanter Gremien wegen der "Putin-Nähe". Gleichzeitig hält er es für denkbar, dass die CDU in Sachsen-Anhalt notfalls mit der Linkspartei kooperiert, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern. Man muss diese beiden Positionen nebeneinanderlegen, um ihre Spannung zu erkennen: Einerseits sollen AfD-Abgeordnete als demokratisch legitimierte Volksvertreter behandelt werden.
Andererseits soll eine Partei mit über 40 Prozent Wählerzuspruch unter allen Umständen von der Regierungsverantwortung ferngehalten werden - notfalls durch Bündnisse, die Gauck selbst als "Kröte" bezeichnet. Dass Lanz an dieser Stelle den ehemaligen Verfassungsrichter Peter Müller zitiert, der genau diesen Widerspruch benennt, ist einer der stärkeren Momente der Sendung. Gauck stimmt zu, windet sich, stimmt wieder zu - und rettet sich schließlich in die Metapher einer "befestigten Grenze mit Grenzübergängen". Was das konkret bedeuten soll, bleibt im Ungefähren.
Lanz selbst verdient dabei durchaus Anerkennung für einzelne scharfe Nachfragen - etwa den Hinweis, dass Gaucks Prognose von vor drei Jahren, die AfD werde "nie an die Macht kommen", sich als "eine Portion Optimismus zu viel" erwiesen habe. Auch sein Insistieren auf der Brandmauer-Problematik und seine Beobachtung, dass die Sprache über AfD-Wähler - "die gehen denen auf den Leim" - eine Entmündigung von Bürgern darstelle, zeugt von journalistischem Gespür. Umso bedauerlicher, dass Lanz die wirklich großen Widersprüche seines Gastes nicht weiter verfolgt, sondern sich stattdessen in einvernehmlichem Kopfnicken verliert.
Das Bild zweier Männer, die die Krise des Landes durchaus erkennen, aber in einer Sprache darüber reden, die selbst Teil des Problems ist. Gauck analysiert die Entfremdung zwischen Eliten und Bevölkerung mitunter brillant - um sie im nächsten Satz durch exakt jenen paternalistischen Gestus zu reproduzieren, den er gerade noch kritisiert hat. Er fordert "ermutigende und ermächtigende Diskurse" und erklärt im selben Atemzug Millionen Wählern, dass sie "falsch" wählen. Er mahnt, die Bedürfnisse nach Beheimatung nicht zu "denunzieren", und denunziert das Wahlverhalten der Verunsicherten als "habituelles Strickmuster" mangelnder zivilgesellschaftlicher Reife.
Jonathan Haidt, den Lanz gegen Ende zitiert, empfiehlt, mit Andersdenkenden spazieren zu gehen und herauszufinden, "an welchem Punkt der andere Recht hat". Man wüsste zu gerne, was passierte, wenn Gauck diesen Ratschlag tatsächlich beherzigen und durch einen Wahlkreis in Sachsen-Anhalt spazieren würde - nicht als ehemaliger Bundespräsident, der den Verirrten den Weg weist, sondern als Zuhörer. Aber vermutlich wäre das dann doch zu viel jener Freiheit, die er so gerne "die Freiheit der Erwachsenen" nennt.
