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Kalenderblatt

1997 - Justizexperten von Koalition (CDU/CSU, FDP) und SPD einigen sich auf Regelungen zum sogenannten »Großen Lauschangriff«. Polizei und Justiz sollen künftig mit versteckten Mini-Sendern und Richt­mikro­fonen Beweise gegen Schwerkriminelle sammeln können.


1990 - Annektion: Der irakische Staatschef Saddam Hussein erklärt Kuwait zur 19.Provinz seines Landes.


1988 - Bei einer Flugschau auf der Ramstein Air Base, Rheinland Pfalz kollidieren drei Flugzeuge der italienischen Kunstflugstaffel. Eine der Maschinen stürzt in die Zuschauer­menge und explodiert. In den Flammen sterben 67 Zuschauer und die 3 Piloten. 500 Menschen erleiden zum Teil schwere Verbrennungen.


1967 - In der DDR wird per Verordnung die Fünf-Tage-Woche eingeführt und die Arbeitszeit verkürzt; gleichzeitig werden sechs Feiertage zu Werktagen.


1963 - Über 200.000 schwarze und weiße Bürger beteiligen sich am Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit. Martin Luther King hält seine berühmte Rede: I Have a Dream.


1941 - Per Erlass beschuldigt das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR die Wolgadeutschen pauschal der Kollaboration mit Nazi-Deutschland und verfügt deren Umsiedlung nach Sibirien und Kasachstan.


1914 - Im Seegefecht bei Helgoland, dem ersten Seegefecht des Ersten Weltkriegs, versenken die Briten ohne eigene Schiffs­verluste drei deutsche Kleine Kreuzer und ein Torpedoboot.


1833 - Im britischen Empire wird die Sklaverei abgeschafft.


1518 - Philipp Melanchthon hielt nach seinem Ruf an die Universität Wittenberg auf den Lehrstuhl für Griechische Sprache seine viel beachtete Antrittsvorlesung "De corrigendis adolescentiae studiis" in der Schlosskirche Wittenberg, die seine über 40 Jahre dauernde Lehrtätigkeit und nicht zuletzt seinen Beitrag zum Erfolg der Reformation begründete.


876 - Nach dem Tod von König Ludwig II. wird das Ostfrankenreich unter seinen Söhnen aufgeteilt: König Karlmann erhält Bayern und die südöstlichen Marken, König Ludwig der Jüngere erhält Mainfranken, Thüringen und Sachsen, König Karl der Dicke erhält Alamannien.


Handwerker aus Sachsen-Anhalt verlangen Ende der Russland-Sanktionen
In einem Brief an Olaf Scholz fordert ein ostdeutscher Handwerksverband das Ende aller Russland-Sanktionen. "Die breite Mehrheit ist nicht gewillt, für die Ukraine ihren schwer erarbeiteten Lebensstandard zu opfern." Quelle: Spiegel vom 19.08.2022)

Wegen Preisexplosion: Vogtländer schicken Wut-Brief an Habeck:
Im Brief heißt es dazu: "Konkret haben wir den Eindruck, dass aus der emotionalen Empörung über den Angriffskrieg der Russischen Föderation auf die Ukraine politische Entscheidungen resultieren, deren Auswirkungen gravierende Folgen für die Bevölkerung in unserem Land haben werden (...)" Quelle: Tag24 vom 01.08.2022)

Bürgermeister sprechen sich für Nutzung von Nord Stream 2 aus. Quelle: Brief an die Bundesregierung (welt.de vom 28.07.2022)

Eine starke Wirtschaftsleistung ist die Grundlage für Deutschland, überhaupt reagieren zu können, egal in welcher Dimension. (...) Wir helfen der Ukraine nicht, wenn wir uns selbst schwächen. Genau das würde aber passieren bei einem sofortigen Energie-Stopp. Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius

"Ich möchte dazu ermutigen, auch zukünftig die Welt immer auch mit den Augen des Anderen zu sehen, also auch die manchmal unbequemen und gegensätzlichen Perspektiven des Gegenüber wahrzunehmen, sich für den Ausgleich der Interessen einzusetzen". Angela Merkel. Großer Zapfenstreich 02.12.2021

Alarmstufe Gas gilt

Erst im Mai 2022 billigte der Bundestag eine Änderung des Energiesicherheitsgesetzes (EnSiG), das den Energielieferanten erlaubt, im Fall einer ausgerufenen Alarmstufe die Preise direkt an die Verbraucher weiterzugeben.

Dabei ist es völlig egal, ob Kundinnen und Kunden eine Preisgarantie unterschrieben haben. Die Unternehmen können die Preise anheben - und Betroffene können nichts dagegen tun.

Zu den Artikeln aus Focus und Tagesspiegel

Anderer Blick der Woche


Essay Der Krieg und die Russen: Vielleicht ist das "Ossi-Denken", gewachsen aus Lebensgeschichte

Siegfried Wein

10.05.2026, 07:49 Uhr 15 Min

Siegfried Wein war von 1983 bis 1985 Chefdramaturg am Theater der Freundschaft, von 1985 bis 1990 Intendant an diesem Theater, 1990 wiederum Intendant am Theater im Palast. Von 1990 bis 2000 brachte er sich als Mitgründer und Intendant am Theater im Palais (Palais am Festungsgraben, Unter den Linden) ein.

Unser Autor ist im Krieg aufgewachsen, in der DDR. Er schreibt über sein sich wandelndes Verhältnis zu den Russen und endet mit einem Appell.

Die Kindheit unseres Autors war Kriegszeit.
© Maria Jesus Contreras für Berliner Zeitung am Wochenende

Als ich zwei Jahre alt war, begann der Krieg. Meine Kindheit war eine Kriegszeit, meine Jugend bestimmte die Nachkriegszeit. Der Frieden lag in einer Vergangenheit, die ich nie kennengelernt hatte. Ein Leben ohne Krieg konnte ich mir nicht vorstellen. Der Krieg war alltäglich, der Frieden unbegreiflich. Friedensware war eine Kostbarkeit verflossener Jahre. Es gab nun Lebensmittelkarten, von denen meine Oma, ging sie "kondietern", sorgfältig winzige Abschnitte trennte und sie gleichermaßen sorgfältig der Verkäuferin übergab. Fiel ihr einer der winzigen Abschnitte herunter, mahnte sie, wenn ich ihn aufhob: "Jungchen, bitte, sei vorsichtig, zerdrücke ihn nicht."

Es gab Kaffeeersatz und Ersatzseife. Das war eine Schwimmseife. In der Badewanne ging sie nicht unter wie die bisherige Kernseife, die Mutter für die große Wäsche schonte. Außerdem hatte sie den Vorteil, dass sie nicht in den Augen brannte. Die Erwachsenen sprachen von Bombenangriffen und Fliegeralarm. Spannend waren die Berichte einer Berliner Tante von den Brandbomben. Die könne man, natürlich brauche es Mut, mit einer Müllschippe auf die Straße werfen und zusehen, wie sie explodierten. Wenn ich größer sein würde, wollte ich unbedingt so tapfer sein. Deshalb übte ich in der Küche mit einem Holzscheit. Ein Unterfangen, bei dem leider der Fressnapf unserer Katze Mimi zu Bruch ging.

Für meine Mutter, die sorgsam mit allem Geschirr umging, es so gut wie es ging schonte, war dies eine Tragödie. In diesen Kriegszeiten musste alles geschont werden. Eben die Kernseife, das Geschirr, die Möbel in der guten Stube, vor allem Hosen und Schuhe. Nach der Schule und nach dem Kirchgang wurde die Kleidung gewechselt. Das galt auch für die Schuhe. Ohnehin liefen wir in den langen schlesischen Sommermonaten barfuß. Nur für die Fahrt nach Glogau hatte ich Klapperlatschen, also Sandalen mit einer geteilten Holzsohle. Beide Hälften hielt ein schmaler Lederstreifen zusammen, der leider häufig riss. Beklagte ich mich, hieß es, denke daran, es ist Krieg. Du hast zu essen, andere verlieren ihre Wohnung.

Die anderen waren in diesem Fall unsere Verwandten aus Bonn, die sich regelmäßig bei uns einfanden. Die Bombenflieger erreichten unser schlesisches Dorf an der Oder nicht. "Ihr habt es gut", sagten sie, "lebt wie Gott in Frankreich, kennt keine Bombennächte, habt reichlich Butter und Brot. Uns aber besucht fast jede Nacht der Tommy oder der Ami." Dann aber kam das Gespräch auf den Russen. Noch war der weit weg. Dennoch, so wussten es unsere Gäste, der ist schlimmer als alle Amis und Tommys zusammen.

Die Russen saßen auf Panzern, die alles unter sich zermalmten

Diese Russen, die irgendwo in dem unheimlichen Sibirien hausten, verfolgten mich in meinen Träumen. Sie trugen lange Bärte, hatten Äxte, waren mindestens so groß wie Rübezahl im Riesengebirge, saßen auf Panzern, die alles unter sich zermalmten, und besaßen die Stalinorgel.

Die Russen waren auch die Partisanen, die heimtückisch Kinder und Frauen ermordeten. Vor allem, ich war mir da sicher, hatten sie an jeder Hand sechs Finger. Niemand könne ihre Sprache verstehen. Nicht nur der Krieg, sondern vor allem die Angst vor den Russen begleitete meine Kindheit. Daran war mein Vater nicht schuldlos. In den ersten Kriegstagen wurde er eingezogen. In einem schmalen Heft notierte er die Stationen der "Marschroute Polen", wie er seine sparsamen Notizen überschrieb.

Erst kürzlich fand ich in den wenigen uns erhalten gebliebenen Familienunterlagen ein dünnes Taschenbuch meines Vaters. Seine Eintragungen beginnen mit dem 2. September 1939. Über Skalmarschütz, Kalisch und ?ód? gelangt er am 30. September nach Modlin. Hier, an der Mündung der Narew in die Weichsel, verteidigte die polnische Armee ihre letzte Festung. Am Tag zuvor, am 29. September, ergibt sie sich der deutschen Armee.

An diesem Tag geschah hier das erste dokumentierte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges. Ein SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS, ein gewisser Kurt Meyer, der spätere "Panzermeyer", treibt 50 Juden zusammen und lässt sie erschießen. Da mein Vater nur einen Tag später Modlin erreichte, muss er von dieser Ungeheuerlichkeit gewusst haben. Die weitläufige, bereits im 17. Jahrhundert angelegte und ständig ausgebaute Festung ist nicht so groß, dass sich diese Jagd auf Juden nicht herumgesprochen hätte.

Mein Vater hat wohl mehr gesehen, als er uns sagte

Nebenbei bemerkt: Dieser Kurt Meyer, ein schneidiger Gefolgsmann Hitlers, wird 1945 von kanadischen Gerichten zum Tode verurteilt. Nicht wegen der Ermordung der polnischen Juden in Modlin, sondern wegen der Erschießung kanadischer Kriegsgefangener. Seine Strafe wird auf Ersuchen der deutschen Bundesregierung in lebenslängliche Haft umgewandelt.

1951 steckt man Meyer für wenige Tage in eine kanadische Uniform. Er soll hohen Militärs der bereits gegründeten Nato von seinen Erfahrungen im Kampf gegen Russland, noch spricht man von den Sowjets, berichten. Bald begnadigt, setzte er sich erfolgreich für ein im Rahmen eines bereits in den 50er-Jahren vom Bundestag verabschiedeten Gesetzes, des sogenannten "131er", für eine verbesserte, dem Beamtenrecht folgende Versorgung von SS-Veteranen ein.

Heute bin ich mir sicher: Mein Vater hat mehr gesehen, als er uns sagte. Noch immer höre ich ihn mahnen, dass Stalin das niemals vergessen werde. Das sagte er nur meiner Mutter, wir Kinder sollten es nicht hören.

Die Verteufelung der Russen ist heute wieder allgegenwärtig. Es sind die Russen, und nur die Russen, die uns bedrohen, die Europa zerstören wollen. Eine Angst, die das Geschäft belebt, das Geschäft mit den Waffen. Vom Statistischen Bundesamt wird der Einbruch der Industrieaufträge für dieses Jahr gemeldet. Allein die Rüstung wächst und rettet die deutsche Wirtschaft. Die Angst vor den Russen ist längst ein Wirtschaftsfaktor geworden.

"Die armen Menschen, sie haben Hunger"

In meinem Heimatdorf sah ich die ersten Russen meines Lebens. Es waren Kriegsgefangene. Sie mussten während der bereits sehr kalten Novembertage Schützengräben ausheben, die sich als sinnlos erwiesen. Zerlumpte Gestalten, einige hatten sich statt Mäntel zerschlissene Decken über die Schultern gelegt. Nur wenige trugen Schuhe, die meisten schlurften in irgendwelchen Holzpantinen mit gesenkten Köpfen an uns Kindern vorbei. Schaudernd betrachteten wir sie. Das waren keine Menschen, das waren Russen.

Nur eines brachte sie uns näher: Unter ihren verschmutzten Mänteln oder Decken verbargen sie wundersame, von uns bisher noch nie gesehene Holzvögel. In einem Holz, das in einem spitzen Schnabel endete, steckten aus Spänen gestaltete Flügel, die sich fast majestätisch ausbreiteten. Es waren Wundervögel, die sich in unserer Fantasie in die Lüfte heben konnten, wie der Greif, der im Sommer über unserem Gehöft kreiste.

Für ein Brot konnte man in den Besitz dieser Vögel gelangen. Die Übergabe musste heimlich geschehen. Sah es der Inspektor, der diese Gefangenen mit einer Knute bewachte, dann waren Brot und Vogel verloren. Mein Herz klopfte, als ich einem dieser Russen, der mir vorsichtig solch einen geschnitzten Vogel unter seinem Mantel zeigte, das Brot reichte, das ich von meiner Mutter erhalten hatte. "Die armen Menschen, sie haben Hunger", hatte sie dabei gesagt. "Pass auf, dass du dabei nicht erwischt wirst." Ich sah noch, wie der Russe Stücke von diesem Brot abriss, sich in den Mund steckte und es dann einem neben ihm Laufenden gab.

Auch die späteren Begegnungen mit Russen waren von Angst bestimmt. Ich heulte fürchterlich, als Russen, die nun gesiegt hatten, wie es die Erwachsenen sich zuflüsterten, meine Mutter und meine Schwester mit den Worten "Frau, komm mit", griffen und mitnahmen.

Die Rote Armee errichtete einen hölzernen Triumphbogen

Ängstlich lief ich durch den hölzernen Triumphbogen, den die Rote Armee im ersten Nachkriegsjahr in Fürstenwalde errichtet hatte, in der Stadt, in die mich die Wirren des Krieges verschlagen hatten. An der Spitze dieses Bogens drohte ein überdimensionales Bild dieses Stalin. Würde er nun seine Rache über mich ausgießen, so wie Frau Holle die Pechmarie mit Pech überschüttet hatte?

Zwar hatte ich inzwischen schon andere Russen kennengelernt, hatte erlebt, wie meine Mutter in Notlagen, und das waren in diesen Monaten nicht wenige, von den jeweiligen russischen Kommandanten Hilfe erhalten hatte. Und ich hatte in den kurzen Sommerwochen des Jahres 1945, in denen wir noch einmal, es war das letzte Mal, zu Hause im heimatlichen schlesischen Dorf, in unserem Haus sein konnten, den russischen Soldaten Alexander kennengelernt.

In jenen Tagen, in denen der Krieg beendet war, für uns aber noch immer kein Frieden herrschte, wurde uns auf Geheiß des für unser Dorf verantwortlichen Polen ein blonder, schlanker russischer Offizier zur Einquartierung zugewiesen. Er stellte sich als Alexander vor, war höflich und sprach akzentfrei Deutsch. Nun hatten wir einen Russen im Haus. Zum ersten Mal schliefen wir mit einem Russen unter einem Dach. Glücklicherweise war es nur einer, und einer, der Deutsch sprach.

Am Abend fragte uns Alexander, ob wir den deutschen Dichter Heine kennen würden. Von dem hatte ich noch nie gehört. Auch meine Mutter nicht. Selbst meine Schwester, die ja die Handelsschule in Glogau besucht hatte, schüttelte den Kopf. Dann stellte sich dieser Russe Alexander auf die Treppe, die zu seinem Zimmer führte, und sprach: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,/ Dass ich so traurig bin;/ Ein Märchen aus uralten Zeiten,/ Das kommt mir nicht aus dem Sinn." - "Das ist die Loreley, ein Volkslied", flüsterte meine Schwester. "Das hat ein deutscher Dichter geschrieben, Heinrich Heine", erwiderte der Russe Alexander.

Latenter Hass auf diese Fremden

In der Nacht hörten wir Schreie. Sie wurden immer lauter. Plötzlich brachen sie ab. Dann aber wieder ein Schrei, nun noch lauter, furchtbarer. Verängstigt versammelten wir uns an der Treppe. Die Schreie, die mitunter in ein Schluchzen übergingen, kamen aus Alexanders Zimmer. Wir zitterten. Am liebsten hätte ich mich wieder in mein Bett verkrochen. Dann sagte Mutter: "Es ist Alexander, der so schreit. Er wird Schlimmes erlebt haben. Er ist doch ein Russe."

Noch in den ersten Nachkriegsjahren blieben uns die Russen fremd. Latenter Hass auf diese Fremden verband sich mit maßloser Überheblichkeit. Die Runde machten die Gerüchte von Russen, die vergeblich versucht hätten, mit einem Fahrrad zu fahren, von Russen, die nicht wussten, wie man ein Wasserklosett benutzt.

Von der West-Berliner sogenannten "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die bereits 1948 gegründet wurde, wurden wir mit Flugschriften aufgefordert, uns gegen die sowjetisch-bolschewistische Besatzungsmacht zu erwehren. Es sei der Russe, der Schuld trüge an den Nöten dieser Nachkriegsjahre. Diesen Aufrufen folgten wir nicht mehr, aber das Misstrauen blieb.

Die in den frühen sowjetischen Filmen verkündeten Heilsversprechen belächelten wir. Da wurde in bunten Bildern erzählt von sich bis zum Horizont erstreckenden Baumwollfeldern, überaus reichen Getreideernten, eingebracht von fröhlich singenden Kolchosbauern und Kolchosbäuerinnen, nicht selten vor dem Porträt des großen und weisen Führers. Ein gewisser Mitschurin sollte in Sibirien frostresistente Apfelbäume gezüchtet haben. Darauf machten wir uns unseren Reim: "Mitschurin hat festgestellt,/ dass Marmelade Fett enthält./ Darum gibt's auf jede Dekade/ statt Fett nur noch Marmelade."

"Das gibt's in keinem Russenfilm"

Der Spruch "Das gibt's in keinem Russenfilm" hielt sich noch lange. Aber ich las in jenen Jahren die ersten Bücher von Maxim Gorki. Seinen Geschichten glaubte ich, sie brachten mir die noch immer Fremden näher.

Anfang der 60er-Jahre fuhr ich zum ersten Mal nach Moskau und Leningrad. Noch lebten jene, die in den Apriltagen 1945 vor uns standen, mit den Maschinengewehren vor der Brust, und fragten: "Faschist?" und mit dem energischen Ruf "Hitler kapuut!" in das nächste Haus stürmten. Offiziell waren sie nun unsere Freunde und wir ihre. Aber war es möglich, das zu vergessen, was geschehen war?

Zufällig lernte ich in Moskau eine junge Familie kennen. Sie lud mich ein. In einem Hochhaus bewohnte sie eine winzige Einzimmerwohnung. Sie bewirteten mich mit Tee und Keksen. Mehr hatten sie auf die Schnelle nicht auftreiben können. Dann erzählte die junge Frau von ihrem Vater. Er war noch in den letzten Kriegstagen bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Sie wussten nicht, wo sein Grab ist.

Auch ich kenne das Grab meines Vaters nicht, ich weiß nicht, ob er noch in Gefangenschaft geriet oder bei den letzten Kämpfen gefallen ist. An diesem Nachmittag spürte ich zum ersten Mal wirkliche Gemeinsamkeit und Nähe mit Russen. Das war eine Gemeinsamkeit, die sich in den folgenden Jahren festigte und mir zugleich deutsche Schuld und die daraus wachsende Verantwortung bewusst werden ließ.

2014 sprach der Schriftsteller Daniil Granin im Bundestag

Am 27. Januar 2014 sprach der Schriftsteller Daniil Granin im Deutschen Bundestag. Er schilderte die Leningrader Blockade in ihrer unfassbaren Grausamkeit. Ich bin mir sicher, einige der Abgeordneten hatten noch niemals von diesen 900 Tagen gehört. Seine Rede dauerte länger als vorgesehen. Die Protokollverantwortlichen ließen ihm einen Stuhl bringen als Hinweis, er solle zum Schluss kommen.

Der 95-jährige Granin verstand das wohl. Wie er später stolz meinem Petersburger Freund erzählte, habe er den Deutschen diesen Bericht nicht ersparen können. Jeder Krieg sei blutig und schmutzig, sagte er. "Aber die Erinnerung an die Millionen von Toten, an die zig Millionen unserer Soldaten ist notwendig." Hass habe keine Zukunft, Hass führe in eine Sackgasse. Man müsse vergeben können, dürfe aber nichts vergessen.

Es bedrückt mich, dass heute all die klugen Worte vergessen sind, mit denen der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert Granin dankte. Er sprach von den Verantwortlichen des deutschen Vernichtungskrieges im Osten, die den Tod von einer Million Menschen einkalkuliert hätten. Heute daran zu erinnern, wird offensichtlich in den Augen einiger, die die öffentliche Meinung bestimmen, zum Verrat an der "europäischen Sache".

"Meinst du, die Russen wollen Krieg", diese Zeilen von Jewgeni Jewtuschenko - mit "Jewtu" grüßten ihn die Moskauer an jenem Sommertag, da wir gemeinsam durch die Straßen Moskaus gingen - berühren mich gleichermaßen wie Pete Seegers "Sag, wo die Soldaten sind, wo sind sie geblieben". Es ist ein Vers des durch Marlene Dietrich bekannt gewordenen Liedes "Sag mir, wo die Blumen sind". Zu diesem Lied soll Pete Seeger ein Gedicht in Michail Scholochows Roman "Der stille Don" angeregt haben. Angeblich hätte er sich daran erinnert, als er mit dem Flieger auf dem Weg nach Moskau über die unendlichen ukrainischen Weiten flog.

Macht stellt sich gegen jede Menschlichkeit

Jewtuschenko, der einst in Moskau Stadien füllte, in aller Welt, ob in Italien oder in den USA, begrüßt wurde, gehört heute zu den Vergessenen. Dies, obwohl er sich seinerzeit mutig für Pasternak und andere einsetzte, bereits in den Sechzigern für eine deutsche Wiedervereinigung sprach und angesichts des heraufziehenden russisch-ukrainischen Krieges Russen und Ukrainer mahnte, als Europäer zu fühlen und zu handeln.

Heute, wenn ich die Bilder von den Raketen und Drohnen sehe, die ukrainische Häuser zerstören, Frauen und Kinder in die U-Bahnhöfe treiben, von den tausenden meist jungen Soldaten höre, die ihr Leben in eben diesen ukrainischen Weiten verlieren, bin ich versucht, an Jewtus eindringlicher Mahnung zu zweifeln. Nein, die Russen, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernte, können diesen Krieg nicht wollen. Der so weise, über neunzigjährige Dichter Alexander Gelman nennt ihn einen Bruderkrieg. Es ist ein Töten aus dem Willen zur Macht. Macht stellt sich gegen jede Menschlichkeit.

Es sind die Mächtigen, die dieses Töten in Kauf nehmen. Welch grausames Spiel mit Menschenleben. Ringsum wird mir nun erklärt, dem Russen, mit dem man einen verlorenen Krieg verbindet, könne man nur mit Stärke, mit militärischer Macht entgegnen. Panzer gegen Panzer, Raketen gegen Raketen, Drohnen gegen Drohnen. Eine Spirale, an deren Ende möglicherweise Atom gegen Atom antritt. Noch einmal Gelman: "Das russische Volk fährt in unbekannte Richtung,/ die ganze Welt ist in Panik/ und ich kann den Zug nicht anhalten." Der russische Jude oder der jüdische Russe Gelman kann ihn nicht aufhalten, sieht sich in der Schuld. Aber können wir diesen Zug aufhalten? Wenn wir nicht in eine Weltkatastrophe steuern wollen, müssen wir ihn stoppen.

Die Lösung liegt sicher nicht in der offensichtlich angestrebten imperialen Weltaufteilung. Es scheint, als wäre die momentane einzige Sorge der deutschen Regierung, an dieser Aufteilung nicht beteiligt zu werden. Und das, wo man doch zur stärksten europäischen Militärmacht geworden ist. Deutschland sah sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als zu spät gekommen. Dies wollte man seinerzeit mit militärischen Mitteln korrigieren und fand sich im Ersten Weltkrieg wieder.

Hofft nicht auf Waffenlösung

Auch die heutige deutsche Regierung setzt auf Stärke und nicht auf Vernunft. Vernünftig ist es, um die Geschichte, die Ziele und die Sorgen des anderen zu wissen. Nur daraus wächst vernünftiges Handeln. Verstehen heißt nicht entschuldigen. Verstehen meint hier nicht, Verständnis zu haben. Es meint mehr, um die Positionen des anderen zu wissen, auch um die, die aus geschichtlicher Erfahrung gewonnen wurden. "Frieden ist ein unschätzbares Gut", antwortete sichtlich bewegt Helmut Schmidt auf die Rede Daniil Granins.

Noch einmal: Dieses Menschenmorden in den ukrainisch-russischen Weiten, und nichts anderes ist es, kann durch nichts und von niemandem entschuldigt werden. Lösungen zu finden aber setzt Vernunft voraus. In diesem Sinne sind mir die Russlandversteher, die ich besser als "Umrusslandwissende" bezeichnen möchte, näher als die Russlandhasser. Möglicherweise ist das ein "Ossi-Denken", gewachsen aus einer besonderen Lebensgeschichte. Selbst wenn es sich nach gegenwärtiger offizieller Auffassung disqualifiziert, sollte es doch einen Platz in dem aktuellen Disput finden.

Mein Plädoyer bittet: Verzichtet auf Hass, hofft nicht auf eine Waffenlösung. "Ihr säßet unter Dächern schließlich jetzt/ Hättet ihr auf das Messer nicht gesetzt." Diese Warnung des Bertolt Brecht, der durch zwei Kriege ging, sollte deutsche Politik auch in der Verantwortung für Deutschland ernst nehmen.


Quelle:


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© infos-sachsen / letzte Änderung: - 09.08.2025 - 18:17