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Atombombe auf Nagasaki Die B-29 hatte einen defekten Tank, zu wenig Zeit, das falsche Ziel

Veröffentlicht am 04.12.2021 | Lesedauer: 5 Minuten

Von Johann Althaus

Am 9. August 1945 startete die B-29 "Bock's Car" zum zweiten Angriff gegen Japan mit einer Kernwaffe. Rekonstruktion einer Mission, die mehrfach vor dem Scheitern stand und am Ende Zehntausende Menschenleben forderte.

In den Trümmern von Nagasaki: Alles, was im nordwestlichen Stadtteil der Stadt lag, wurde durch die Detonation verwüstet
Quelle: Universal Images Group via Getty

Eigentlich ging fast alles schief, was nur schiefgehen konnte: Technische Defekte, Navigationsfehler, falsche Wettervorhersagen und Kraftstoffmangel behinderten am 9. August 1945 den Einsatz von Major Charles W. Sweeney. Schließlich verstieß er direkt und bewusst gegen einen klaren Befehl, um seinen Auftrag doch noch auszuführen.

Major Charles W. Sweeney (1919-2004) flog die B-29, die am 9. August 1945 Nagasaki angriff
Quelle: Getty Images

Es begann schon damit, dass die "Special Mission 16" der B-29-Staffel mit dem unscheinbaren Namen "509. zusammengesetzte Gruppe" um 48 Stunden vorgezogen wurde. Denn eigentlich war der Abwurf einer zweiten Kernwaffe auf eine japanische Stadt für den 11. August geplant gewesen, einen Samstag.

Darauf zumindest hatte sich der Kommandeur der US-Luftstreitkräfte im Pazifik, General Carl Spaatz, mit seinen wichtigsten Untergebenen geeinigt. Generalmajor Curtis LeMay, der Chef der strategischen Bomber, Konteradmiral William R. Purnell, der Navy-Vertreter im Aufsichtsgremium des Manhattan Project, und der Leiter der Bomben-Endmontage Captain William S. Parsons waren wie er der Ansicht, die konkrete Planung Colonel Paul W. Tibbets zu überlassen, dem Kommandeur der 509. Gruppe und Pilot des Angriffs auf Hiroshima.

Die fünf hohen Offiziere hatten sich am 7. August 1945 auf dem US-Stützpunk Guam getroffen, um zu beraten, ob sie die zweite bereitstehende Atombombe abwerfen sollten. Der Rahmenbefehl aus Washington stellte diese Entscheidung in ihren Ermessensspielraum.

Weil aus Japan nach der Zerstörung Hiroshimas nicht wie erhofft ein Hinweis auf eine umgehende Kapitulation kam, beschlossen die fünf Männer, weiter zu machen. Die zweite Bombe stand bereit, eine dritte und eine vierte würden um den 20. August herum einsatzbereit sein. Tibbets gab den Japanern noch gut zweieinhalb Tage Zeit; wenn jedoch bis zum Abend des 10. August keine bedingungslose Aufgabe erfolgt wäre, würde seine 509. Gruppe am folgenden Vormittag die zweite Bombe abwerfen. Doch dann warnten am Mittwoch, dem 8. August 1945, die Meteorologen des US Army Air Corps, zu dem die Atombomber gehörten, dass ab Freitag deutlich schlechteres Wetter über dem Westpazifik aufziehen würde. Also wurde die Mission vorgezogen.

Die Bombe "Fat Man" auf Tinian nach der Montage
Quelle: Getty Images

Der US-Physiker und Atomwaffen-Experte Norman F. Ramsey Jr. signiert am 8. August 1945 die Plutonium-Bombe "Fat Man"
Quelle: Getty Images

Als Kommandeur des Einsatzes war Major Sweeney vorgesehen. Der 25-Jährige galt als umsichtiger, ruhiger Pilot und Kommandant; er hatte zudem bereits beim Angriff auf Hiroshima die B-29 mit dem Spitznamen "The Great Artist" als Beobachtungsflugzeug geflogen. Er würde also nicht völlig überrascht sein von dem, was geschehen würde.

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Japans Fenster zur Außenwelt

Primäres Ziel der "Special Mission 16" war Kokura, eine Festungsstadt im Südwesten Japans, die bis dahin nicht bombardiert worden war. Sweeney war mit "Bock's Car" schon am 8. August hierher geflogen, ohne dass etwas passiert wäre.

Um 11.02 Uhr Ortszeit detonierte die Bombe rund 550 Meter über der Stadt
Quelle: Getty Images

Die Detonationswolke über Nagasaki wenige Sekunden nach der Explosion
Quelle: Getty Images

Nun, am Morgen des 9. August um 3.49 Uhr Ortszeit, startete er mit seiner B-29. Sie war mit der riesigen, 4,7 Tonnen schweren Implosionsbombe "Fat Man" beladen, für die das Flugzeug speziell umgerüstet werden musste. Schon der Start erwies sich als schwierig; zudem war die Treibstoffpumpe für den Hecktank defekt, sodass der Maschine 2400 Liter Treibstoff fehlen würden, auch wenn sie an Bord waren.

Dann mussten "Bock's Car" und "The Great Artist" am Treffpunkt kurz vor der japanischen Küste auf die zweite Begleitmaschine "Big Stink" warten. Statt wie vorgesehen nach maximal 15 Minuten weiter zum Ziel zu fliegen, kreiste Sweeney fast dreimal so lange, bis er es aufgab und seinen Weg fortsetzte.

So erreichte er Kokura mit einer Dreiviertelstunde Verspätung. Dort hatte sich inzwischen das Wetter verschlechtert; außerdem waren Rauchwolken von der tags zuvor zuvor mit konventionellen Spreng- und Brandbomben angegriffen Nachbarstadt Yahata herübergezogen. So war die Stadt zu drei Vierteln verdeckt.

Nach drei erfolglosen Zielanflügen binnen 50 Minuten einigte sich Sweeney mit Commander Frederick Ashworth, dem Atombombenspezialisten an Bord seiner B-29, statt Kokura das Ersatzziel Nagasaki anzugreifen. Inzwischen war der Treibstoff so knapp geworden, dass der geplante Rückflug nach Iwo Jima unmöglich sein würde. Kurz diskutierten die beiden ranghöchsten Offiziere an Bord, ob sie den Angriff abbrechen und die Bombe über dem Meer "entsorgen" sollten. Doch dann setzte sich Sweeney durch: "Bock's Car" würde Nagasaki angreifen, notfalls auch statt auf Sicht (wie von Tibbets befohlen) mit einem radargesteuerten Zielanflug.

Als Angriffsziel war ein großer Fabrikkomplex des Mitsubishi-Konzerns direkt am Hafen ausgewählt worden. Um 10.53 Uhr gab es Luftalarm in Nagasaki, doch weil nur zwei Flugzeuge anflogen, glaubten die Bewohner nicht an einen gefährlichen Angriff. Um Punkt 11 Uhr warf "The Great Artist" Messgeräte an Fallschirmen vor der Stadt ab, eine Minute später sah der Bombenschütze von "Bock's Car" durch eine Wolkenlücke die Stadt unter sich und löste "Fat Man" aus.

Die Bombe fiel 47 Sekunden lang und detonierte dann in etwa 500 Metern Höhe, allerdings mehrere Kilometer nördlich des eigentlichen Ziels. Die Messgeräte an Bord der verspäteten B-29 "Big Stink" registrierten die Detonation aus 180 Kilometern Entfernung.

Die Folgen der Detonation waren entsetzlich: Alles, was im direkt getroffenen Urakami-Tal lag, dem nordwestlichen Stadtteil von Nagasaki, wurde verwüstet. Andere Teile der Stadt hatten Glück im Unglück und wurden von der Schock- und Hitzewelle durch die Hügelketten beiderseits des Tals etwas abgeschirmt.

Vermutlich starben am 9. August 1945 unmittelbar 22.000 bis 35.000 Menschen und mindestens ebenso viele an den direkten Folgen der Explosion bis Mitte 1946. Die Opfer waren nahezu ausschließlich Zivilisten; unter ihnen waren auch acht westliche Kriegsgefangene, sieben Niederländer und ein Brite. Ein Amerikaner überlebte die Atomexplosion am Boden.

"Fat Man" war um fast die Hälfte stärker als "Little Boy" über Hiroshima; trotzdem blieb die Zone totaler Verwüstung mit etwa zwei Quadratkilometern relativ klein - zumindest wenn man es mit den mehr als elf Quadratkilometern in Hiroshima vergleicht, die allerdings die Folgen des von der Explosion ausgelösten Feuersturms einbeziehen, den es in Nagasaki aufgrund der geologischen Struktur nicht gab.

Charles Sweeney steuerte seine B-29 nach Okinawa und machte dort trotz Verbots des Stützpunktkommandanten eine Notlandung. Seine Tanks waren praktisch leer - nur das Reservoir im Heck war randvoll.

Japanische Soldaten in Nagasaki am 5. Oktober 1945
Quelle: Getty Images

Das Urakami-Tal in Nagasaki sechs Wochen nach der Atomexplosion
Quelle: Getty Images

Am 6. August 1945 traf die erste amerikanische Atombombe die japanische Stadt Hiroshima, am 9. August fiel die zweite auf Nagasaki.
Damit wollte die US-Führung zum einen die Invasion Japans umgehen, zum anderen Stalin ein Zeichen setzen.
Quelle: WELT / Sabrina Bracklow

Dieser Artikel wurde erstmals im August 2020 veröffentlicht.


Quelle: welt.de


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