zum Gedenken
Diese Seite ist zum Gedenken an Helmut Irmscher.
(*26. Januar 1936 in Auerswalde / †09. Januar 2023 in Chemnitz)

Inhalt

  • Vorwort
  • Mein Geburtshaus
  • Hurra wir ziehen um
  • Es gab ständig Bauvorhaben
  • Nach der Krankheit sah die Welt anders aus
  • Im Herbst 1943 nahm der Krieg auch für uns konkretere Formen an
  • Das Jahr 1944 brachte uns immer mehr mit dem Krieg in Berührung
  • In dieser Zeit überschlugen sich die Ereignisse bei uns
  • Der Krieg kommt zu uns!
  • Die "Westfront" rückt näher!
  • Hilfe die Russen kommen!
  • Das Leben nach dem Krieg nimmt Gestalt an
  • Die Neulehrer
  • Ein Päckchen aus Amerika
  • Anhang Klassenfahrten
  • Wanderung zur Rochsburg 14. Juli 1949
  • zwei Tagefahrt nach Gnandstein 4./5. Okt. 1949

  • Erinnerungen

    Dieses SchriftstĂŒck wurde durch die Gedanken im Buch "Erkenntnisse von Celestine" ausgelöst. Es dient nur der eigenen Erinnerungssammlung.

    Vorwort

    Foto: privat

    Herr Irmscher war keine BerĂŒhmtheit in Politik oder Ă€hnlichen. Aber doch schon bemerkenswert.
    Aufgewachsen in Auerswalde und Oberlichtenau, studiert in Dresden, gearbeitet in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt).
    Mit Dresden mĂŒssen fĂŒr ihn viele gute Erinnerungen verknĂŒpft sein. Jedesmal, wenn die Sprache irgendwie auf die Stadt fiel, fingen die Augen an zu leuchten.

    Nicht unerwÀhnt darf bleiben, er kam aus "einfachen VerhÀltnissen", die Eltern waren Bauern. Es war möglich, dass er studieren und in Dresden wÀhrend dieser Zeit wohnen konnte, ohne dass sich die Eltern fast ruinieren mussten.
    Dieser Fakt wird neuerdings immer gerne ausgeblendet, sagt eben auch viel ĂŒber das heutige Bildungswesen aus.

    Seine vollstĂ€ndigen Titel sind Dipl.-Ing. Dr. Helmut Irmscher. FĂŒr einen Jungen, welcher aus schlichten einfachen VerhĂ€ltnissen stammt, ist das schon eine beachtliche Leistung. Das ist wahrscheinlich heute viel schwieriger. Es gab auch kein Internet oder Google, also wirklich alles selbst erarbeitet. Heute kaum noch vorstellbar.

    Gearbeitet hat er an der Entwicklung von Strickmaschinen bei "Elite Diamant" was spÀter zu "Textima" gehörte.
    Ein großer Anteil der Maschinen wurde exportiert.
    Mir persönlich sind Dienstreisen nach Iran, Irak, Ägypten, Frankreich und auch BRD bekannt.
    So schlecht können diese GerÀte also nicht gewesen sein.

    Bis einem dann eben Anfang der 90er gesagt wurde, das muss alles weg.
    So wurde er 1994 (mit 58!!!! Jahren) in den Ruhestand geschickt. 1995 wurde die Firma abgewickelt.
    Der Begriff "FachkrÀftemangel" erzeugt bei mir nur noch einen faden Beigeschmack.

    Foto: privat

    Dies ist aber nicht der Inhalt der folgenden Abschnitte.

    In welcher Beziehung stand ich zu Herrn Irmscher?
    Er war mein Onkel.
    Dies bedeutet also, wenn von folgenden Personen die Rede ist:
    Die Schwester ist meine Mutter, der Schwager mein Vater.
    Die Eltern dementsprechend meine Großeltern.
    Der im zweiten Abschnitt genannte Cousin GĂŒnther Reiche ist der Lehrer und auch der Autor ĂŒber die Lokomotiven aus den Hartmannwerken Chemnitz.

    In der ersten Zeile der Aufzeichnung steht, dass diese Gedankensammlung nur zur eigenen Erinnerung dient.
    Daran habe ich mich auch gehalten.
    Nach seinem Ableben und der Gewissheit, es gibt keine weiteren Verwandten mehr, finde ich es doch richtig, es zu veröffentlichen.

    Es ist ein Bericht, wie ein Kind den Krieg erlebt hat. Die ErzÀhlung reicht auch nur bis kurz nach Kriegsende.
    Beschrieben wird also eine Zeit, die in Vergessenheit gerÀt, aber nicht in Vergessenheit geraten sollte.

    Wann diese Zeilen geschrieben wurden ist mir nicht bekannt und geht aus den Unterlagen auch nicht hervor.

    Im Anhang sind noch Berichte ĂŒber zwei Klassenfahrten im Jahre 1949, eine zur Rochsburg, die andere zur Burg Gnandstein.
    Wer mit den Orten nichts anfangen kann, Herr Google hilft gern weiter.

    Es sind SchĂŒlerberichte. Wegen des besonderen Aussehen wurden diese nicht abgeschrieben, sondern als Bilder eingefĂŒgt.

    Das besondere daran:

    • Die Schrift ist lesbar. Richtiges Schreiben lernen ist wohl doch von Vorteil.
    • Die Ausdrucksweise (die Kinder waren 13 oder 14 Jahre, 8. Klasse) weicht stark von der heutigen ab. Dies sollte mit einfliesen in die Debatte um StrafmĂŒndigkeit und Zulassung zu Wahlen.
    • Die DurchfĂŒhrung der AusflĂŒge wĂŒrde heute zu AufstĂ€nden in den "social Medien" fĂŒhren. Der Lehrer hĂ€tte bestimmt auch ein Problem bekommen. Man fragt sich, was ist aus unserer Jugend geworden.

    Eigentlich sind Klassenausfahrten nichts besonderes. Diese mĂŒssen bei den SchĂŒlern jedoch einen tieferen Eindruck hinterlassen haben. Nur so kann ich mir erklĂ€ren, dass die Aufzeichnungen nach 70 Jahren und mehreren UmzĂŒgen immer noch existieren. Vielleicht hĂ€ngt es auch mit dem Zeitpunkt der AusflĂŒge zusammen.

    Viele der Familiennamen aus dem Dorf sind mir bekannt, etliche auch persönlich. Soweit ich weiß weilt aber niemand mehr unter uns. Sollten Nachfahren (Kinder oder Enkel) hierzu noch Aufzeichnungen besitzen, so können sie sich jederzeit mit mir in Verbindung setzen.

    Mein Geburtshaus

    vor dem Haus in Auerswalde, mit Schwester und Vater
    Aufnahme vom 16.01.1938 (Foto: privat)

    Geboren wurde ich am 26. 01. 1936, einem Sonntag, um 14.30 Uhr in unserem Einfamilienhaus in Auerswalde, Siedlung 186 D. Das ist natĂŒrlich keine Erinnerung, es wurde mir erzĂ€hlt. Wir wohnten in diesem Haus von 1936 bis 1940.
    Mit dieser ersten Phase meines Lebens verbinden mich jedoch viele Erinnerungen.

    In dem Haus und der Familie habe ich mich geborgen und wohl gefĂŒhlt. Ich war ein NachzĂŒgler, meine Schwester ist zehn Jahre Ă€lter und meine Mutter war bei der Geburt bereits 35 Jahre alt, trotzdem war ich offensichtlich ein Wunschkind.

    Meine Erlebnisse aus dieser Zeit sind alltÀglich, ich kann mich an keine dramatischen Ereignisse erinnern.

    So erinnere ich mich an die Ode von Beethoven "Freude schöner Götterfunken", sie hat entweder meine Schwester gesungen oder ich habe sie im Radio gehört. Diese Melodie und spÀter der Text haben mich mein ganzes Leben nicht mehr losgelassen, und vielleicht auch Einfluss auf mein Denken gehabt.

    Zu dieser Zeit habe ich WachtrĂ€ume gehabt, wobei mir bewusst war, dass es nur Illusionen waren. So sah ich, bzw. stellte ich mir in der Wand ĂŒber meinem Bett die unterschiedlichsten Erlebnisse vor. An die einzelnen Inhalte kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Hauptfiguren darin waren Personen mit den Namen "Noller" und "Nachtenstab"?

    Ich habe davon meiner Schwester erzĂ€hlt, sie hat sich sehr darĂŒber gewundert.
    Diese Phantasien brachten mir Ärger ein. Von unserem Gartenzaun aus sah ich, wie auf einem Tieflader ein GĂŒterwagen durch Lkws die Dorfstraße entlang gezogen wurde. Danach bin ich sofort ins Haus gelaufen und habe die Neuigkeit erzĂ€hlt. Wahrscheinlich habe ich es nicht gut genug beschrieben, jedenfalls war die Reaktion meiner Mutter "Ach der Junge hat wieder mal zu viel Phantasie". Das hat mich geĂ€rgert und ich habe mir vorgenommen vorsichtiger zu sein.

    Manchmal glaube ich, man bringt bei seiner Geburt auch schon Wissen mit. Einmal habe ich mit meiner Schwester in unserem Garten in den Nachthimmel geschaut, dabei zeigte sie mir einen Stern und sagte, der ist weit weg. Die weiteste Entfernung, die ich damals mit drei Jahren kannte, war die Strecke bis zum Bahnhof in Oberlichtenau. Sie benutzte zu ErklÀrung diese Strecke und zeigte mir mit den Fingern, dass es vielmals weiter als diese Strecke ist.
    Ich habe mich darĂŒber gewundert, da ich glaubte die Entfernung sei unendlich viel weiter. Bleibt die Frage woher wusste ich das, obwohl ich nicht widersprochen habe.

    Es gab jedoch auch viele alltĂ€gliche EindrĂŒcke.

    In der damaligen Zeit fuhren motorisierte Dreiradfahrzeuge, wie es sie heute noch in Italien gibt. Diese Fahrzeuge nannte ich "MĂ€xautos", meine Eltern gaben sich viel MĂŒhe dass ich sie richtig als Dreiradfahrzeuge ausspreche, aber ich blieb beim "MĂ€xauto".

    Meine Mutter schneiderte viel. Zu ihren NĂ€hutensilien gehörte auch ein kleines Taschenmesser mit einem Perlmutgriff. Diese steckte in einem kleinen Lederetui aus straffen Leder. WĂ€hrend meine Mutter mit der NĂ€hmaschine arbeitete, habe ich das Messer genommen und versucht die Klappe des Etuis abzuschneiden. Als ich die HĂ€lfte durch hatte, gab es einen großen Skandal. Meine Mutter hatte es bemerkt. Sie war empört, dass ich das schöne Etui beschĂ€digt hatte, noch mehr regte es sie auf, dass ich an das Messer gekommen war.

    Es gab Stellen in unseren Garten an denen ich mich besonders wohl fĂŒhlte. In einer Ecke zwischen Schuppen und Garten hatte mein Vater Fichten angepflanzt. Diese zogen mich besonders an. Vielleicht stammt von damals meine Liebe zum Nadelwald.

    Auf der anderen Seite des Gartens war ein Riegel des Gartenzaunes recht morsch. Mit meinen kleinen Fingern konnte ich kleine HolzstĂŒckchen leicht herausbrechen, das machte mir Spaß, wurde aber nicht gern gesehen.

    Erinnern kann ich mich auch an ein "Zeppelin"-Luftschiff. Die ganze Familie ging ans Gartentor und wir sahen das Luftschiff ĂŒber das Haus von Zahnarzt Schnuck fliegen.

    Es gibt aber auch Dinge die mir spÀter immer wieder erzÀhlt worden, an die ich mich jedoch nicht erinnern kann.
    Es war die Zeit vor dem 2. Weltkrieg, jeder versuchte sich so gut wie möglich auf den Krieg vorzubereiten, "Hamstern" war streng verboten, aber jeder machte es. Zu dieser Zeit habe ich mich auf den Riegel vom Gartentor gestellt und den VorĂŒbergehenden zugerufen: "Wir haben von allem". Wahrscheinlich habe ich einige Wortfetzen bei meinen Eltern aufgeschnappt und damit ohne Ahnung zu haben, diesen "Geheimnisverrat" begangen.

    Damit enden meine EindrĂŒcke an Auerswalde. Wir zogen nach Oberlichtenau um.

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    Hurra wir ziehen um

    mit Eltern in Oberlichtenau
    Foto: privat

    Vom Umzug selbst kann ich mir nur noch an zwei Bilder erinnern.

    Einmal auf dem Sofa in unserer WohnkĂŒche. Man hatte mir gesagt, dass ich mich auf das Sofa legen soll, um fĂŒr den Umzug ausgeruht zu sein. Mein Cousin, GĂŒnther Reiche, der etwa 15 Jahre Ă€lter als ich ist, stieg auf das Sofa und nahm die große Wanduhr ab, irgendwie war das unheimlich.

    Zum anderen an den Umzug nach Oberlichtenau selbst. Meine Schwester ist mit mir zu Fuß nach Oberlichtenau gegangen. Ich hatte meinen Roller mit und vorn an der Lenkstange baumelte ein Strauß von getrockneten Pfefferminztee.

    Mit dem Umzug nach Oberlichtenau begann fĂŒr mich ein neuer Lebensabschnitt, der nicht mehr ganz so sorglos verlief.

    Meine Eltern hatten ihr Einfamilienhaus verkauft und dafĂŒr ein kleines Bauerngut in Oberlichtenau erworben. Der bisherige Besitzer war ein kinderloser Witwer, Herr Teufert, hoch im Rentenalter, der sich zu Ruhe setzen wollte.

    Nachdem der Handel perfekt war, und wir unser Haus verkauft hatten, wollte er plötzlich nicht mehr verkaufen. Der Handel war jedoch nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen, alles war im Grundbuch eingetragen und so mussten die Dinge ihren Lauf nehmen.

    Leider war dadurch von Anfang an eine Spannung mit dem frĂŒheren Besitzer vorhanden, der ja weiter im Hause im "Auszug" lebte, und dort die beiden besten Zimmer belegte. Da meine Eltern keine Erfahrungen mit der FĂŒhrung einer Landwirtschaft hatten war die erste Zeit sehr kompliziert.

    Mit dem Kauf dieser kleinen Landwirtschaft ging fĂŒr meinen Vater ein langgehegter Wunsch in ErfĂŒllung. Er liebte die Arbeit auf dem Felde, am meisten begeisterte ihn morgens aufs Feld zu gehen und mit der Sense im Morgentau das Gras zu mĂ€hen. Ich durfte in spĂ€teren Jahren ihm dann beim Zusammenrechen und Aufladen auf unseren großen Handwagen helfen. Er hat nie versucht mir das MĂ€hen beizubringen, das war seine DomĂ€ne.

    Meine Mutter war glaube ich nicht ganz so begeistert von dem Wandel. Sie war auch immer die treibende Kraft bei Neugestaltungen und Bauvorhaben. Vielleicht hat sie das anfangs gereizt. Aber im Ganzen glaube ich, dass sie nur meinen Vater zu liebe zugestimmt hat. Wir Kinder und meine Großmutter hatten auf die Entscheidung keinen Einfluss.

    Das gesamte Gut war verwahrlost. An Stelle eines Gartens vor dem Haus, war eine mit dichten StrĂ€uchern umsĂ€umte Grube vorhanden. Sie diente wahrscheinlich frĂŒher als Feime (im Freien sorgfĂ€ltig aufgesetzter Haufen von Getreide, Heu oder Stroh, der zum Schutz gegen Regen mit Stroh oder einer wasserdichten Decke abgedeckt ist) zur Lagerung von Kartoffeln und RĂŒben.
    Der Boden der Hausflur bestand aus großen Natursteinen, zwischen denen sich Erde befand.
    Die Toilette war nur ĂŒber den Hof in Höhe des Misthaufens zu erreichen, die TĂŒren und ZĂ€une mussten erneuert werden.

    Mein Vater kam jedoch jeden Wochentag erst abends nach Hause und dann ging es noch aufs Feld, Arbeit gab es dort immer, auch die Tiere mussten mit Futter versorgt werden. Meine Mutter war den ganzen Tag mit Arbeiten im Stall und auf dem Feld eingedeckt. Sie war sichtlich mit ihrem Los unzufrieden.

    Am Wochenende arbeiteten beide gemeinsam auf dem Feld, aber auch an der Reparatur des Weges zum Gut.

    Mein Vater war mit der neuen Situation innerlich einverstanden. Auch die Freiheit auf seinem Feld, gefiel ihn. FĂŒr Freizeit und Muse blieb jedoch kaum Zeit ĂŒbrig.

    Meine Großmutter sagte den berĂŒhmt gewordenen Satz: "Welcher Teufel hat Euch geritten hierher zu ziehen".

    Mein Vater war gerne Landwirt obwohl ihn Beruf und Landwirtschaft stark belastet haben.

    GrasmÀhen mit der Sense, am liebsten morgens im taufrischen Gras, begeisterte ihn. Ich musste spÀter oft das Gras zusammen rechen und auf den Wagen laden, aber er hat mir nie gezeigt wie man mit der Sense Gras mÀht. Ich war aber auch nicht neugierig darauf! Er zeigte mir das freie Land, was man von unserer Wiese vor dem Haus sehen konnte. Er war davon begeistert.

    An vielen Stellen versuchten meine Eltern zu reparieren und Neues zu bauen. Sie waren abgespannt, die Ruhe von frĂŒher gab es nicht mehr.

    Der Umzug erfolgte im Juni 1940. Im September nach einen unruhigen Sommer ereignete sich im September das nĂ€chste Ereignis, das ich immer im GedĂ€chtnis behalten werde. Wir waren von der Grumeternte gerade zurĂŒck. Es war Abend. Meine Mutter hatte das Abendessen gerade fertig, es gab Bratkartoffeln mit Spillingskompott, als ein schweres Gewitter aufzog.

    Wir haben uns aber durch das Gewitter nicht stören lassen und mit Appetit gegessen. Durch die Verdunkelungsrollos, es war ja Krieg, waren die Blitze auch nicht stark zu sehen.

    Meine Schwester sagte gerade noch, "es klötzert wie mit Holzpantoffel", als bei uns der Blitz einschlug, und zwar in einer Form wie ich es spÀter nie wieder gehört habe.

    Es wurde hell und sofort absolut finster. Die Lampe ĂŒber dem Tisch wurde auf unser Essen geschleudert, aus der Esse die durch die EsskĂŒche lief wurden Steine herausgerissen und der Ruß verteilte sich in der KĂŒche, die Wasserleitung an der SpĂŒle war auch verbogen - aber uns war seltsamerweise nichts geschehen. Als erster soll ich mich mit der Frage gemeldet haben "Lebe ich noch?"

    Als wir nach draußen gehen wollten, sahen wir eine große Anzahl Schiefer auf dem Hof liegen.

    Der AuszĂŒgler, mit dem wegen der Vorgeschichte Funkstille herrschte, rief meinen Vater, dass er noch die Funken ausmachen sollte. Der Blitz hatte zwar eingeschlagen, aber auf dem trockenen Boden war es nicht zum Brand gekommen. Die Glutstellen konnten von meinem Vater und Herrn Teufert leicht beseitigt werden.

    Zu diesen Vorfall erzĂ€hlte uns der AuszĂŒgler eine seltsame Geschichte.

    Vor sehr langer Zeit nahm der Vorbesitzer des Hauses eine schwer erkrankte Zigeunerin auf und pflegte sie gesund. Als Dank dafĂŒr sprach sie, bevor sie die Familie wieder verließ, einen Feursegen ĂŒber einen Erbtrog aus, der seit dem auf den Boden des Hauses stand. Im Jahre 1836 brannte bei einer Feuersbrunst das Dorf ab, so auch der linke und rechte Nachbar, aber dieses Haus blieb verschont.

    Bei diesem Blitzeinschlag hat es auch nur leicht neben dem Erbtrog gebrannt und dann war das Feuer ausgegangen.

    Wie auch immer, der Erbtrog hat seinen Ehrenplatz auf dem Boden behalten.
    Erstaunlich war, dass der Blitz nur in dem Raum gewĂŒtet hat, wo wir saßen und die anderen RĂ€ume und StĂ€lle unbehelligt ließ.
    Wir waren am kommenden Tag noch ganz benommen, außerdem roch es im GebĂ€ude nach Schwefel? Es wurde von einem kalten Schlag gesprochen, aber auch von einem Kugelblitz, aber die Wahrheit wird wohl im Dunklen bleiben.

    Nach diesem Ereignis kamen umfangreiche Reparaturarbeiten auf die Familie zu, vom Klempnern, Elektrikern, Dachdeckern aber auch der Neubau eines Blitzableiters. Die meiste Arbeit blieb bei meinen Eltern hÀngen.

    Unser Verhalten bei Gewittern hatte sich nach dieser Zeit total geÀndert, so wurde bei Gewittern die Kassette mit allen wichtigen Unterlagen auf den Tisch gesetzt und wir setzten uns daneben.

    Das Leben ging mit viel Arbeit fĂŒr meine Eltern weiter, meine Mutter klagte oft ĂŒber das schwere Leben. Sie hatte viel weniger Zeit fĂŒr uns.
    Mein Vater baute in den Wintertagen nach Feierabend an einer neuen HaustĂŒre, aber auch an einen neuen Erntewagen.
    Mit den Nachbarbauern kamen langsam normale Beziehungen zustande, wobei wir immer die Kleineren und AbhÀngigen waren.

    Im FrĂŒhjahr 1941 spielte ich mit dem gleichaltrigen Nachbarsohn und seinen um ein Jahr Ă€lteren Bruder Rudi auf der Wiese vor unserem Haus. Der Ă€ltere Bruder, Rudi, sagte, dass es etwas ganz Besonderes ist ein vierblĂ€tteriges Kleeblatt zu finden. Wie es der Zufall will, habe ich zuerst eines gefunden. Daraufhin stellten beide fest, dass ein vierblĂ€ttriges Kleeblatt nichts Besonderes ist, wichtig ist es ein zweiblĂ€ttriges zu finden. Hier waren die beiden BrĂŒder ĂŒberaus erfolgreich. Hinterher wurde mir auch damals schon klar, dass ich fĂŒr dumm gehalten wurde.
    Irgendwie hĂ€tte ich das GefĂŒhl zweitrangig zu sein.

    Diese AbhĂ€ngigkeit bestand auch fĂŒr meine Eltern. Wir hatten keine Pferde, fĂŒr schwere Feldarbeiten wie PflĂŒgen und SĂ€en mussten wir die Nachbaren bitten uns mit ihren Pferden, natĂŒrlich gegen Bezahlung, zu helfen. Diese Arbeiten haben sie natĂŒrlich erst ausgefĂŒhrt, nachdem die Arbeiten auf ihren Feldern abgeschlossen waren, dadurch konnte der gĂŒnstigste Saattermin usw. nicht eingehalten werden. Dieser Umstand brachte Ernteverluste und belastete meine Eltern stark.

    Im FrĂŒhsommer 1941 ging ich mit meinen Eltern aufs Feld, die Heu mĂ€hen wollten, auf dem Feld kam jemand zu uns und sagte, dass wir mit Russland im Krieg stĂ€nden. Meine Eltern kamen in eine furchtbar bedrĂŒckende Stimmung. Diese Stimmung hat sich bei mir so eingeprĂ€gt, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe. Irgendwann danach hat mein Vater auf dem Atlas Russland gezeigt. Diese riesige grĂŒngemalte FlĂ€che, neben dem kleinen Deutschland, hat mich damals beeindruckt. Trotz des offenbar hĂ€rter werdenden Kriegsgeschehens fĂŒhrten wir ein ganz normales Leben.

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    Es gab stÀndig Bauvorhaben.

    Das erste große Bauvorhaben war der Bau einer Toilette, die vom Haus aus zugĂ€nglich sein musste. Dazu waren viele bauliche VerĂ€nderungen im Haus, aber auch der Anbau eines massiven HĂ€uschens an der Stirnseite des Hauses erforderlich.

    Mit diesen Anbau war die Baubehörde in Chemnitz absolut nicht einverstanden. Sie sah das einheitliche Aussehen des Bauerndorfes gefÀhrdet. Viele Vorsprachen meiner Eltern brachten nichts, erst der Einfluss der Frau einer "hochgestellten Persönlichkeit" Ànderte die Situation und wir durften Bauen. Wer diese Frau war kann ich nicht mehr sagen. Sie muss uns im Herbst 1941 besucht haben. Wir hatten Korn gemÀht und es zu Puppen aufgestellt. Damals gab es noch nicht so viel Unkrautvertilgungsmittel wie heute, und damit waren zwischen den Getreidehalmen auch Korn- und Mohnblumen.

    Die Mohnblumen bildeten am Kopf der Puppen einen schönen Kontrast zu dem Gelb des Strohs. Sie lobte, dass wir an den Kopf der Puppen diese Blumen eingebunden hatten, das stimmte natĂŒrlich nicht und war reiner Zufall. Meine Eltern ließen es aber gut sein und amĂŒsierten sich hinterher darĂŒber.

    Durch den Bau wurde das Haus total umgekrempelt. Von der Wohnung aus konnte das Klo nun ĂŒber das Waschhaus direkt erreicht werden und zwar ein massives Klo, keine Bretterbude. Der AuszĂŒgler wollte sein Klo weiter von außen erreichen, darum wurde das HĂ€uschen geteilt und fĂŒr die eine Seite ein Zugang vom Hof geschaffen. Meinen Eltern war das glaube ich ganz recht.

    Weitaus grĂ¶ĂŸere VerĂ€nderungen gab es jedoch im Haus. Der Kuhstall wurde geteilt und auf die HĂ€lfte der FlĂ€che reduziert und mit einer automatischen TrĂ€nke modernisiert. Das reichte, schließlich hatten wir nur zwei KĂŒhe.

    Dieses Waschhaus erhielt einen geglĂ€tteten Betonfußboden genauso wie der Flur. Das Waschhaus erhielt einen Abwasseranschluss zur Senkgrube. Ein Kochkessel wurde gesetzt von dem ein viereckiges "Abzugsrohr", quer zum Haus, zur Esse fĂŒhrte.

    Die Senkgrube war faktisch eine abgedeckte betonierte Bodengrube, die ausgeschöpft werden muss. Bis zur Bauabnahme war das auch so, dann schlug mein Vater ein Loch in die Wand und ĂŒber eine schon vorher gelegte Rohrleitung floss das Wasser schließlich in die Dorfbach.
    Auf diese Art lernte ich den Umgang mit Behörden kennen.

    Es ist mir im Nachhinein noch unverstÀndlich wie meine Eltern die umfangreichen Bauarbeiten neben der Landwirtschaft und dem Beruf erledigen konnten.

    In Erinnerung ist mir im Herbst 1942 noch der Schulanfang geblieben, mit einer großen ZuckertĂŒte und ein paar kleinen TĂŒten. Die Schule war im ersten Jahr nur interessant. Es gab viele neue Dinge zu sehen, angetan hatte es mir der Buchstabenkasten.

    Mit dem gleichaltrigen Nachbarjungen gab es in dieser Zeit ein relativ gutes VerhÀltnis. Meine Eltern hatten einen noch von vor dem Krieg stammenden MÀrklinkatalog, mit vielen Bildern und Preisangaben. Mit dem Nachbarjungen habe ich gemeinsam eine Eisenbahnanlage gebaut, indem wir uns einen Betrag vorgaben und wir danach Lokmotiven, Wagen Geleise und Bahnhöfe aussuchten.

    Meinen Eltern war das dann gar nicht recht, sie glaubten, dass wir unzufrieden wĂŒrden, weil es ja damals so was nicht zu kaufen gab. Wir wussten, dass es so war und sind nie auf den Gedanken gekommen so etwas zu verlangen.

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    Nach der Krankheit sah die Welt anders aus

    Im Herbst 1943 erwischte mich eine ziemlich schlimme Krankheit, eine LungenentzĂŒndung und Hirnhautreizung.

    An die Krankheit selbst kann ich mich gar nicht erinnern. Meine Eltern hatten mein Bett in der Stube aufgeschlagen, damit es nicht so kalt war. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein als ich in der Stube im Bett lag und Buttermilch zu trinken bekam.

    Als ich dann aufstehen sollte und wollte stellte ich mit Überraschung fest, dass ich nicht mehr laufen konnte. Aber das hat sich dann wohl schnell wieder gegeben.

    Ich kann mich erinnern, dass ich mit meiner Mutter zum Ohrenarzt nach Chemnitz gefahren bin. Von diesem Besuch hielt ich gar nichts, meine Mutter hat mir den Besuch versĂŒĂŸt, indem sie mir 100g Jagdwurst versprochen und dann auch gegeben hat. Da wir Selbstversorger waren, d.h. selber schlachteten, gab es nur Hausmacherwurst, die war bestimmt besser, aber was man nicht hat ist einem besonders wertvoll. Viel Neues muss sich beim Ohrenarzt nicht ergeben haben.

    Erinnern kann ich mich, dass meine Eltern fĂŒr mich ein StĂ€rkungspaket bestellt bzw. irgendwie organisiert. Es enthielt TraubenzuckerwĂŒrfel, die ich gern mochte und Lebertran den ich gar nicht liebte.

    Trotzdem stellte diese Krankheit einen tiefen Einschnitt in meinem Leben dar. Danach war ich nicht mehr so "beweglich", so konnte ich mit der Klasse nicht mehr ins Freibad, in den Ohren war etwas zurĂŒckgeblieben. Sportlich wurde ich immer mehr zur Niete, damit wurde ich zum Außenseiter.

    Meine schulischen Leistungen gingen nach der Krankheit stark zurĂŒck. Es gab aber keine Versetzungsgefahr. In den kommenden Jahren habe ich bei den schulischen Leistungen mehr als aufgeholt. Das Abseitsstehen als Außenseiter blieb jedoch. Es fĂŒhrte zu HĂ€nseleien und anderen unangenehmen Momenten, so dass ich manchmal die Pausen fĂŒrchtete.

    Irgendwie muss ich weinerlich in dieser Zeit gewesen sein, aber das hat sich gegeben.

    Meine Großmutter, Lina Unterdörfel, kenne ich nur als kranke Frau. Sie war gelĂ€hmt. Ihre LĂ€hmungen wurden stĂ€ndig schlimmer. Sie war ans Bett gefesselt und lebte nur noch in der Stube. Meine Mutter musste sie nahezu rund um die Uhr betreuen. In den spĂ€teren Jahren schlief meine Mutter nicht mehr im Schlafzimmer, sondern auf dem Sofa neben ihr. Das war eine große Belastung, auch fĂŒr beide Elternteile.

    Meine Großmutter blieb bis zuletzt bei klarem Verstand. Da meine Mutter wenig Zeit hatte, wurde Großmutter zu meinem GesprĂ€chspartner. Sie gab mir BĂŒcher zu lesen und sprach auch ĂŒber ihre Gedanken.

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    Im Herbst 1943 nahm der Krieg auch fĂŒr uns konkretere Formen an.

    Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Schwester in Frankenberg auf dem Jahrmarkt war. Sie hat mir dort einen kleinen Anstecker, ein phosphoreszierend leuchtendes Segelschiff, gekauft. Dieses Schiff leuchtete im Finsteren phosphoreszierend.

    In der Nacht war wieder Fliegeralarm und die Flak schoss wie wild. NatĂŒrlich wurden alle Lichter gelöscht, die Verdunkelung der Fenster war ja nicht hundertprozentig. Auf dem Flur waren wir allseitig von dicken WĂ€nden umgeben, damit konnten uns wenigstens die Splitter von den Flakgranaten nichts anhaben. In der absoluten Finsternis war ich an dem kleinen grĂŒnen Schiff zu identifizieren. Am nĂ€chsten Tag brachten dann andere SchĂŒler Granatsplitter mit in die Schule.

    Meine Eltern machten sich sorgen, dass auch mein Vater zum MilitĂ€rdienst eingezogen wird. Die "Uk Stellungen" der Betriebe wurden immer mehr gekĂŒrzt. So wurde auch dem Obermeister in Vaters Betrieb Wellfleisch und hausschlachtene Wurst zugesteckt.

    Meine Schwester war mithelfende Familienangehörige, aber in dieser verrĂŒckten Zeit drohte ihr die Dienstverpflichtung. Irgendwie haben das meine Eltern abgewendet. In dieser Zeit wurde das Lied "Bomben, Bomben - Bomben auf Engeland" im Radio oft gesungen - meine Schwester wandelte das Lied ab und sang "Bomben, Bomben - Bomben aufs Arbeitsamt".
    Jedenfalls ist sie um die Verpflichtung herumgekommen.

    In diesem Jahr hatten meine Eltern so gut wie nie frei. Schließlich haben sie aber doch einen Tag freigemacht. Wir sind gemeinsam an die Kriebsteintalsperre nach Lauenhain gefahren. Hier kam die nĂ€chste Pleite. Die EnglĂ€nder hatten mit gezieltem Luftangriff irgendwo in Deutschland eine Staumauer zerstört und damit die gesamte Gegend hinter der Mauer unter Wasser gesetzt.

    Die Regierung hatte daraufhin aus den Stausee das Wasser abgelassen. Wir konnten nur den Schlamm bewundern und sind wieder nach Hause gefahren.

    In diesem Herbst habe ich das Erste Mal die KĂŒhe gehĂŒtet. Eine ziemlich langweilige TĂ€tigkeit. Das KĂŒhe hĂŒten sollte ich im Wechsel mit meiner Schwester ausĂŒben. Meine Schwester beschwerte sich dann immer, ich wĂ€re ein "FĂŒnfminuten Kuhjunge". Das stimmte aber nicht ich war sehr lange bei den KĂŒhen. Ich erinnere mich, die Übungen der Flakhelfer beobachtet zu haben. Sie schossen auf eine Flugzeugatrappe, die von einem Doppeldecker gezogen wurde. Sie haben selten getroffen. Man konnte die schwarzen Explosionswolken genau verfolgen.

    Wir waren Selbstversorger und schlachteten jedes Jahr ein Schwein, manchmal auch ein Kalb. Das Schwein wurde gewogen und die Fleischmenge uns irgendwie zugerechnet. Es ist möglich, dass beim Gewicht auch gemogelt wurde, aber dem waren offensichtlich Grenzen gesetzt. Das Fleisch musste dann eine bestimmte Zeit reichen. Es wurde viel Wurst und Pökelfleisch eingekocht.

    Die Sorge war nun, dass ein Glas aufging und das Fleisch verdarb. Meine Aufgabe bestand oft dann, die GlĂ€ser zu ĂŒberprĂŒfen und nachzusehen ob eines aufgegangen war. Leider befand sich der Inhalt dann schon nicht mehr im einwandfreien Zustand, aber es durfte ja nichts verderben und wurde in der Regel gegessen.

    Ich konnte oft an dieses Fleisch nicht mehr rann, und suchte mich zu drĂŒcken.

    Zum Schlachtfest wurde regelmĂ€ĂŸig Familie Reiche eingeladen und jeder konnte vor allem beim Wellfleischschneiden so viel Fleisch essen wie er vertragen konnte. Da wir sonst mit dem Fleisch haushalten mussten habe auch ich stark zugelangt. Ich kann mich entsinnen, dass es mir hinterher manchmal im Magen schlecht bekommen ist.

    Die Wurst und die anderen Dinge wurden im neuen Kessel im Waschhaus gekocht. Vom Dorf kamen dann Leute und holten mit einem Krug WurstbrĂŒhe, die nach dem Kochen ĂŒbrigblieb. Diese BrĂŒhe war wohlschmeckend und nahrhaft. FĂŒr wichtige Leute wurde dann in den Krug Wellfleisch gegeben. Wichtige Leute waren die Verwandtschaft, wichtige Leute aus Vati\'s Betrieb, aber auch Leute aus dem Dorf. Diese Verluste schmerzten meine Mutter tief, waren aber unumgĂ€nglich.

    Wir waren nicht nur Selbstversorger mit Fleisch und Wurst, sondern auch mit Butter und Quark.
    Butter Quark und Kartoffeln waren, so ist es mir in Erinnerung mit unser Hauptnahrungsmittel. Es gab regelmĂ€ĂŸig mit wenigen Ausnahmen, abends Kartoffeln und Quark.

    Dazu musste aber zunÀchst einmal Butter und Quark hergestellt werden.
    Der erste Schritt bestand darin, die frische Milch in große tönerne SchĂŒsseln zu gießen und kalt zu stellen, meistens erfolgte das im Keller. Mit großen flachen Kellen wurde dann der Rahm abgeschöpft und in Tontöpfe gefĂŒllt. Die Tontöpfe wurden warm gestellt in der Regel in der KĂŒche neben dem Ofen, um zu SĂ€uern.

    Wenn genĂŒgend Sauerrahm beisammen war wurde gebuttert. Er kam in die Buttermaschine. Die Buttermaschine hatte die Form eines aufrecht stehenden hölzernen Fasses mit Deckel.

    An der Seite befand sich ein Drehling mit einfacher Übersetzung. Dieser trieb einen Holzquirl an, der den Sauerrahm durchquirlte bis in ihm Butterklumpen schwammen. Das Buttern, d.h. das Drehen des Drehlings, war Arbeit fĂŒr mich und meine Schwester.

    Diese BeschĂ€ftigung war sehr langwierig, besonders im Winter konnten es Stunden dauern, bis der Erfolg eintrat. Diese Arbeit war sehr monoton. Ärgerlich war, dass meine Mutter mich ich oft ermahnte gleichmĂ€ĂŸig zu drehen.

    Die Butter wurde dann gesalzen und in hölzerne Formen gepresst. Die Butter sieht in meiner Erinnerung viel gelber aus und schmeckte auch krĂ€ftiger, als heutige Butter vom Supermarkt. Die Buttermilch wurde, abgesehen von Trinkmilch, Buttermilch-Götzen usw., zur Quarkbereitung aufgesetzt. Sie kam dazu in Buttermilch-SĂ€cke auf ein Lattenrost, ĂŒber einen großen Topf, damit die Molke heraustropfte. Zur Beschleunigung des Vorganges legte man einen Stein obenauf Das Ergebnis war der Quark den es abends gab.

    Am Anfang war das Buttern legal, spÀter gab es EinschrÀnkungen. Meine Eltern mussten Teile von der Buttermaschine abgeben, um nicht mehr Buttern zu können, aber mein Vater baute sie nach. Noch spÀter wurde es gefÀhrlich. Heimlich haben wir Milchkannen auf einer Decke in der Stube gerollt um Butter herzustellen, aber gebuttert haben wir immer.

    An Weihnachten 43 kann ich mich erinnern, meine Eltern schenkten mir eine Spur 0 Eisenbahn zum Aufziehen. Mein Vater bastelte einen BahnĂŒbergang mit HĂ€uschen dazu.

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    Das Jahr 1944 brachte uns immer mehr mit dem Krieg in BerĂŒhrung.

    Es gab fast regelmĂ€ĂŸig Fliegeralarm, auch am Tag und nicht wie bisher nur in der Nacht. Die silbrig glĂ€nzenden BomberverbĂ€nde zogen ĂŒber uns hinweg. Es fielen in unserer NĂ€he zunĂ€chst keine Bomben, dafĂŒr lagen nach jeden Vorbeiflug Silberstreifen auf den Feldern. Diese sollten die Radarortung der Maschinen stören.

    Mein Vater hatte eine gepauste Deutschlandkarte auf eine Sperrholzplatte mit etwa 50 cm KantenlĂ€nge aufgeklebt, in deren Mitte Chemnitz sich befand, um Chemnitz waren in Schritten von 50 km konzentrische Kreise gezogen. Diese Karte diente zur EinschĂ€tzung der Luftwarnungsmeldungen die StĂŒndlich und manchmal auch zwischendurch kamen. Bei einem bestimmten Abstand wurde dann Alarm ausgelöst.

    Ich erinnere mich wenn dann die Meldung kam "Schwere BomberverbÀnde im Anflug auf Magdeburg - Dessau" gab es bei uns gleich danach Alarm. Durch die HÀufung von Luftalarmen kam es zu UnterrichtsausfÀllen. Bei Voralarm wurden wir nach Hause geschickt.

    Aber auch der Unterricht verĂ€nderte sich. Der Raum fĂŒrs Werken wurde ausgerĂ€umt und mit vielen KĂ€sten von Seidenraupen belegt. Diese Seide wĂŒrde fĂŒr die Herstellung von Fallschirmen benötigt. Wir mussten jeden Tag eine ganze Menge von MaulbeerblĂ€ttern und frischen Zweigen abliefern, die wurden fĂŒr die FĂŒtterung der Raupen benötigt. Wichtig war zu wissen wo solche StrĂ€ucher wuchsen.

    Außerdem erhielten wir die Aufgabe, Breit- und Spitzwegerich zu sammeln und 500g Trockenmasse abzuliefern. Dieses Kraut sollte zur Behandlung verwundeter Soldaten dienen. Ein Pfund habe ich nie zusammenbekommen, trotzdem haben wir alle eine Karte bekommen auf dem der FĂŒhrer allen Helfern fĂŒr den Einsatz dankt.

    Die NervositÀt" von mein Vater zum Wehrdienst eingezogen, oder noch schlimmer verhaftet zu werden nahm zu.

    Ich erinnere mich, dass mein Vater aufgeregt nach Hause kam und erzĂ€hlte: "Der Hering-Wirt ist mir begegnet, ich habe ihn freundlich mit \'Guten Abend\' gegrĂŒĂŸt, er hat mich nur finster angesehen und \'Heil Hitler\' gesagt". Meinem Vater machte diese Belanglosigkeit sorgen.

    Noch gut erinnern kann ich mich daran, dass ich vom Spielen nach Hause kam und der Ortsgruppenleiter der NSDAP war bei meinen Eltern. Es herrschte soweit ich mich entsinnen kann eine entspannte Stimmung. Ich bin auf den Ortsgruppenleiter zugegangen habe ihm artig die Hand gegeben und "Guten Abend" gesagt. Wie eine Furie fuhr mich meine Mutter an und schrie "Was haben wir dir immer gesagt, wie heißt das". Ich wusste wirklich nicht was ich falsch gemacht hatte. \'Heil Hitler\' sagt man kam dann. Der Ortsgruppenleiter ĂŒberging dieses kleine Zwischenspiel.

    In der Schule wurde der Hitlergruß mit richtiger Armstellung geĂŒbt, aber zu Hause kannten wir den Gruß grundsĂ€tzlich nicht.
    Zu dieser Zeit kamen mir Gedanken, dass Deutschland den Krieg verlieren könnte. Meine Mutter gab mir auf diese Frage keine richtige Antwort, jetzt ist mir klar warum.
    Ein Plakat in einem Schaufenster in Frankenberg ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es zeigte einen "Bolschewisten" mit einem blutigen Messer zwischen den ZĂ€hnen, der begleitet von Panzern und Explosionen auf uns losging.

    Überall in den Schaufenstern und an den LitfaßsĂ€ulen waren zwei Plakate zu sehen.
    Das eine zeigte eine schwarze Schattengestalt mit Schlapphut, unter dem stand geschrieben "PST Feind hört mit". Eine direkte Warnung mit Niemanden ĂŒber wichtige Dinge zu reden.
    Das andere zeigte einen Kobold mit listigen Augen und einen großen prall gefĂŒllten Sack auf dem RĂŒcken, den Kohlenklau. Eine Aufforderung ĂŒberall zu sparen.
    Die Geheimhaltung war mit dem Glauben an Wunderwaffen, die Deutschland angeblich noch hatte und bald einsetzen wĂŒrde.

    Die Erste war die V1, der Urtyp fĂŒr die heutigen Cruise Misseil\'s.
    Als Zweitens kam die V2, eine Rakete.

    Beide Waffen wurden hauptsĂ€chlich gegen England eingesetzt, sie brachten dort auch Unruhe, aber am Kriegsverlauf Ă€nderten sie nichts. Es schwirrten GerĂŒchte ĂŒber alle möglichen Wunderwaffen, aber nĂ€heres erfuhren wir nicht. Mein Vater baute schon lange keine Werkzeugmaschinen mehr. Er musste ein Modell fĂŒr einen kleinen kreiselförmigen Körper bauen, genaues wusste er auch nicht. Alles war geheim.

    Trotzdem wurde im engsten Kreis ĂŒber viele Dinge gesprochen.
    Erinnern kann ich mich, dass wir beim "Seifertschuster" Schuhe zur Reparatur gebracht haben. Er erzĂ€hlte meiner Mutter heimlich, dass jetzt nach der Landung in der Normandie die Bomber dort nicht mehr gebraucht wĂŒrden und wir verstĂ€rkt bombardiert wĂŒrden. Er hatte das im Rundfunk, natĂŒrlich im Feindsender, gehört. Solche Äußerungen waren in der damaligen Zeit gefĂ€hrlich.

    Noch stĂ€rker ist mir eine Fahrt nach Ottendorf, zum Höhnich, Bernhardt, einen entfernten Verwandten in Erinnerung. Er reparierte fĂŒr uns irgendetwas. Es war kurz nach dem 20. Juli 1944. Er kam auf das Attentat zu sprechen, da sprang er auf, trommelte auf den Tisch und rief: "Das durfte nicht schiefgehen, das durfte nicht schiefgehen,..."
    Eine sehr gefĂ€hrliche Äußerung in fĂŒr die damalige Zeit.

    Wie sehr damals Deutschland schon von den Alliierten kontrolliert wurde zeigte mir ein kleiner Vorfall.
    Ohne dass es Alarm gegeben hatte, fiel ein großer verzinkter leerer ovaler Körper auf das Dach eines Hauses und beschĂ€digte es. Der Körper rollte auf die Straße, er war etwa 3m lang und hatte einen Durchmesser von etwa 1,5 m. Wir Kinder haben um das Ding herumgestanden. SpĂ€ter wurde uns erzĂ€hlt, dass es ein Zusatzbenzinkanister von einen FernaufklĂ€rer gewesen ist, der abgeworfen wurde oder abgefallen ist. Es wurde uns klar, dass feindliche Maschinen ĂŒber uns waren, ohne von uns bemerkt zu werden.

    Ein etwas mysteriös wirkender Zwischenfall ist mir aus dieser Zeit noch in Erinnerung.

    Ich hatte wieder einmal MandelentzĂŒndung an der ich nach meiner Krankheit öfters litt und lag in der KĂŒche auf dem Sofa. An diesem Herbstabend gab es wieder einmal Fliegeralarm, aber es passierte nichts Schlimmes. Der Himmel war bedeckt, es war stockdunkel.

    Nach der Entwarnung ging meine Schwester auf den Hof und durchs Tor auf den Weg. Sie sah ein Licht, wie von einer Stalllaterne, in etwa einem Meter Höhe ganz gleichmĂ€ĂŸig entlang schweben. Sie dachte es wĂ€re der Sohn des anderen Nachbarn, und ging dem Licht neugierig entgegen. Als sie sich dem Licht bis etwa einem Meter genĂ€hert hatte stieg es kerzengerade in die Höhe. Sie bekam einen großen Schreck, rannte weg und kam ins Haus zurĂŒck. Mein Vater ging darauf in den Garten. Er sah das Licht (oder ein anderes) in gleichmĂ€ĂŸiger Höhe durch den Garten schweben. Es durchquerte den Gartenzaun und die Hecke ohne VerĂ€nderung von Geschwindigkeit und Höhe.

    Obwohl ich das Ereignis nicht selber erlebt habe ist es mir in Erinnerung geblieben und hat mich beeindruckt. Eine einleuchtende ErklÀrung dazu habe ich nie bekommen.

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    In dieser Zeit ĂŒberschlugen sich die Ereignisse bei uns.

    Mein Vater erkrankte im SpĂ€therbst 1944 an einer Lungen- und RippenfellentzĂŒndung schwer, so dass wir das Schlimmste befĂŒrchten mussten. Der Arzt, Dr. Bunge, war ein SS-Arzt. Er hatte keine Ahnung und kannte unsere Familie nicht, wahrscheinlich war ihm der Tod ziemlich gleichgĂŒltig.
    Meine Mutter hat einen anderen Arzt privat gewonnen und bezahlt. Die Behandlung wurde mit seinen Mitteln und Methoden fortgesetzt, mein Vater ĂŒberlebte und erholte sich langsam wieder. Dr. Bunge schrieb ihn noch lange krank, so dass er erst im Februar 1945 wieder zur Arbeit konnte.
    So schlimm die Krankheit auch war, sie hatte auch ihre guten Seiten. In dieser Zeit wurden alle noch wehrfĂ€higen MĂ€nner zum Kriegsdienst eingezogen. RĂŒckstellungen durch die Betriebe gab es nicht mehr. Meinen Vater hĂ€tte es bestimmt auch erwischt. Keiner weiß was dann geschehen wĂ€re.

    Der Gesundheitszustand meiner Großmutter verschlechterte sich immer mehr. Sie nahm die Zeit meiner Mutter stark in Anspruch. Unsere Stube war fast nur noch ein Krankenzimmer.

    Die NervositÀt im ganzen Land stieg bedrohlich an.
    RegelmĂ€ĂŸig gab es Fliegeralarm und wurde auch Berlin bombardiert, aber auch viele bekannte StĂ€dte wurden durch Bomben zerstört.
    Alle hofften davonzukommen.

    Das drĂŒckt sich auch in AussprĂŒchen der damaligen Zeit aus, wie:

    • Der Gruß "Bleibe ĂŒbrig !"
    • oder "Genießt den Krieg, der Frieden wird schrecklich !"

    Unser Nachbar dichtete angesichts der tÀglichen Bombardierung:

    Chemnitz mit den Essen,
    das werden wir nicht vergessen.
    Dresden werden wir schonen,
    da wollen wir drin wohnen.

    Von der Stadt wurden die GeschĂ€fte auf das Dorf ausgelagert. In das Haus meiner Großmutter vĂ€terlicherseits, etwa 100 m von unserem Haus entfernt, wurde eine Apotheke, Herr Tonn, ausgelagert.

    Weihnachten 1944 blieb trotz all der Probleme ein schöner Höhepunkt mit all seinen Ritualen und auch Geschenken.

    Wir lebten jetzt ziemlich eingeengt, der Christbaum Stand in der KĂŒche und auch die Geschenke bekamen wir in der KĂŒche. Das Stubenmöbel war irgendwo im Hause verstaut. Neben dem Bett meiner Großmutter war nun auch das Bett meiner Mutter in der Stube mit aufgestellt, da sie auch nachts fĂŒr meine Großmutter da sein musste.

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    Der Krieg kommt zu uns!

    Neben den Schreckensmeldungen von der Front, den regelmĂ€ĂŸigen Fliegeralarm und den GerĂŒchten ĂŒber den baldigen Einsatz von Wunderwaffen spĂŒrten wir den Krieg auch an den FlĂŒchtlingsströmen die durch unser Dorf zogen.

    Kommissionen gingen durch die Haushalte um nachzusehen ob sich FlĂŒchtlinge einquartieren ließen. Unser Wohnraum war so beengt, dass wir davon verschont blieben.

    Es gab punktförmige Bombenangriffe auf Betriebe in Chemnitz, erinnern kann ich mich an eine schwarze Rauchfahne am Horizont.
    In den ersten Monaten, wenige Tage nachdem mein Vater gesund geschrieben wurde und wieder auf Arbeit ging, gab es vormittags Alarm. Meine Mutter rief mich ins Haus und trug mir auf in der Stube Blumen zu gießen.

    Als ich dem ersten Blumenstock auf der Fensterbank Wasser gegeben hatte gab es einen furchtbaren Schlag. Der FensterflĂŒgel vor mir sprang auf, gleichzeitig sah ich eine schwarze FontĂ€ne auf Löfflers GrundstĂŒck in den Himmel steigen und kurz danach schlugen Erdklumpen auf unseren GrundstĂŒck ein.

    Ich rannte in die KĂŒche. Dort stand versteinert meine Mutter.

    Begleitet von rauschen erfolgten weitere Explosionen, in einigen Metern. Plötzlich sah ich einen grauen Körper unmittelbar vor dem KĂŒchenfenster am Augustapfelbaum einschlagen. Ich glaubte, "das ist das Ende".

    Meine Mutter zog uns, meine Schwester und mich, in den Vorraum. Dieser Raum war von etwa einen dreiviertel Meter starken WĂ€nden umgeben.
    Wir konnten uns nicht entschließen in den Keller zu gehen, da er uns, bei der StĂ€rke der Bomben, bei einem direkten Treffer keinen Schutz geben konnte. Wir fĂŒrchteten im Gegenteil, bei einem nahen Einschlag, verschĂŒttet zu werden.
    Hier konnten wir nicht nur das Zischen und die EinschlÀge hören, sondern auch das brummen der Flugzeugmotoren. Nachdem die MotorengerÀusche leiser wurden und wir noch unverletzt waren schöpften wir wieder Mut.
    Aber das teuflische Spiel wiederholte sich noch einige Male.

    Der Höllentanz dauerte wahrscheinlich nicht lÀnger als eine halbe Stunde.

    In dieser Zeit habe ich TodesĂ€ngste gehabt wie nie zuvor, und danach in meinem Leben. Es war das GefĂŒhl des Ausgeliefertsein und der völligen Hilflosigkeit.

    Nachdem es Entwarnung gegeben hatte, gingen wir vorsichtig aus dem Haus.

    Es gab nur geringe SchĂ€den an den GebĂ€uden. Überall lagen FlugblĂ€tter herum. Einige habe ich aufgehoben und gelesen.
    Den genauen Wortlaut habe ich nicht behalten, aber sinngemĂ€ĂŸ stand dort, dass wir unseren FĂŒhrer beseitigen sollten und kapitulieren, sonst wĂŒrden wir alle vernichtet.

    Der Sinn dieser Worte der Herren Amerikaner ging mir erst spÀter ein.

    Meine Mutter nahm mir die FlugblĂ€tter schnell weg und verbrannte sie im Ofen, schließlich war der Besitz von feindlichen "Propagandamaterial" streng verboten.

    Mein Schrecken ĂŒber den grauen Gegenstand der in unseren Garten fiel löste sich auch auf. Es war nur die Umwandlung einer FlugblĂ€ttertonne.

    Des Nachbars Sohn, Seidel Rudi, inspizierte das bombardierte GelĂ€nde, dabei explodierte eine ZeitzĂŒnderbombe. Es zerriss ihm die Lunge, er war sofort tot.

    Insgesamt hatte unser Dorf nur 12 Tote zu beklagen.

    Die Bomben waren um etwa 100 m hinter den HĂ€usern eingeschlagen, waren also ĂŒber uns hinweggezischt.

    Bezeichnenderweise war eine Familie unter den Toten, die in einem "sicheren" Erdbunker Schutz gesucht hatten. Gegen einen direkten Treffer dieser Bomben half nichts.

    Über den Luftschutzkeller musste an der Wand mit weißer Farbe "LSR" geschrieben werden, um RettungskrĂ€ften einen Hinweis zu geben. Von uns wurde diese AbkĂŒrzung mit "Leichensammelraum" ĂŒbersetzt, leider stimmte das oft.

    Das Leben ging weiter, wenn auch hektischer.
    Der Unterricht fiel durch Fliegeralarm oft aus, jede Woche kamen neue SchĂŒler in unsere Klasse. Es waren Kinder von FlĂŒchtlingen, die in unserem Dorf Unterschlupf gefunden hatten. Lange Treck\'s mit Pferdewagen zogen durch unser Dorf.
    Nachts gab es nicht nur Fliegeralarm, oft hörten wir auch aus der Entfernung die Bombardierung und sahen den Schein der brennenden StÀdte.

    Besonders der 13. Februar ist mir in Erinnerung.

    Es war zwar ĂŒblich, dass Bomber in der Nacht ĂŒber uns hinweg brummten. An diesen Tag war das Brummen so intensiv und bedrĂŒckend, dass wir sogar kurzzeitig entgegen unserer sonstigen Gewohnheit in den Keller gegangen sind. Es erfolgte dann auch die Bombardierung einer Stadt. der rote Schein am Himmel, vor allem aber das Flackern und sogar leichte ErschĂŒtterungen zeigten uns die schwere des Angriffes. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass Dresden brennt. Wir haben auf Frankenberg dann auf Freiberg getippt.
    Es war aber die Zerstörung Dresdens.

    Am 5. MĂ€rz traf es Chemnitz.

    In Erinnerung ist mir geblieben, dass an diesem Tag sehr viel Schnee gefallen war. Auf dem Scheunendach lag er mindestens 25 cm hoch. Nach dem furchtbaren Bombardement, was wir auch im Hause spĂŒrten, sind wir nachdem es ruhiger wurde ins Freie gegangen. Der Schnee schimmerte rosa, es war ein solches Leuchten, dass man Zeitung lesen konnte. Wir gingen vor das Tor und sahen einzelne Bomber im Tiefflug ĂŒber uns. Eigentlich waren wir leichtsinnig, bei der Helligkeit und dem Schnee waren wir gut zu erkennen und konnten abgeschossen werden. Aber damals hat sich eine gewisse Leichtsinnigkeit eingeschlichen.

    Mein Vater war vor Beginn des Bombardements vor dem Hof und hat beobachtet wie die "ChristbĂ€ume", gesetzt worden. Diese wurden aber vom Wind weiter nach SĂŒden getrieben, so dass sich das Bombardierungsfeld weiter von uns entfernte. ("ChristbĂ€ume" nannte man die Leuchtbojen die von den Pfadfinderbombern gesetzt wurden, um das Vernichtungsfeld zu markieren). Er beobachtete auch wie die Bomber Phosphor ĂŒber der Stadt ausgossen, was wie ein schillernder Vorhang ausgesehen haben muss. In der MorgendĂ€mmerung kamen dann rußverschmierte Chemnitzer aus der Stadt bei uns im Ort an, die den Angriff ĂŒberstanden hatten.

    In dieser Zeit wurde auch die Hysterie vor feindlichen Spionen immer mehr angeheizt. Vielleicht waren die BefĂŒrchtungen der Staatsmacht auch berechtigt.

    In einem benachbarten Einfamilienhaus der Familie Buschmann wurde in der Schleusenanlage ein Fallschirm gefunden. Ihr Ziehsohn, Hermsdorf, Hans, war kurz vor dem Angriff auf Chemnitz von einem englischen Flugzeug abgesprungen und hatte den Fallschirm bei seinen Eltern versteckt. Die Eltern wurden verhaftet, der Sohn konnte seine "Mission" erfĂŒllen.

    Die Eltern kamen mit dem Leben davon, da vor Ende des Prozesses der Krieg zu Ende war. Die Karriere von Hermsdorf, Hans begann unmittelbar nach Ende des Krieges.

    FĂŒr einige Tage war er BĂŒrgermeister in Oberlichtenau, dann fĂŒr ein paar Tage BĂŒrgermeister in Chemnitz. Die Russen suchten nach ihm, er konnte entkommen - ging nach Bonn - und wurde in der SPD ein großes Tier.

    Ob er die Bombardierung auf Chemnitz mit gelenkt hat bleibt fĂŒr immer offen.

    Das Leben ging zwischen Fliegeralarm und der Angst, dass unser Vater zum Volkssturm eingezogen wurde weiter, wenn auch unruhiger. Kriegsgefangene, oder wer auch immer, hatten die BlindgĂ€nger ausgegraben und entschĂ€rft. Eine solche Bombe lag vor \'Löfflers\' Gut, am gemeinsamen Wege, der auch zu unserem Haus fĂŒhrte. An der vorderen Rundung war an den Bomben der ZĂŒnder entfernt worden. Man konnte durch das Loch konnte man da gelbliche Pulver erkennen.

    Die Mutprobe bestand fĂŒr uns Kinder nun darin, mit einem Nagel oder Stift in dem Pulver zu rĂŒhren. Einer fĂŒhrte es aus, wir anderen Standen ringsum, wohlwissend, dass wir bei einer Explosion alle weg gewesen wĂ€ren. Ich erinnere mich daran, dass es mir dabei kalt ĂŒber den RĂŒcken lief!

    Doch die Ereignisse ĂŒberschlugen sich.

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    Die "Westfront" rĂŒckt nĂ€her!

    Ende MĂ€rz oder zu Anfang vom April nĂ€herten sich amerikanische Truppen unserem Dorf. Neben den beunruhigenden Berichten kĂŒndigte sich die Front mit Tieffliegern an.

    Wir versuchten bei FlugmotorenlÀrm sofort einen Unterschlupf auf.
    Erinnern kann ich mich an ein großes Donnerwetter von meinen Vater. Ich sollte irgend etwas im Dorf besorgen. Plötzlich ertönte MotorenlĂ€rm, daraufhin bin ich zum nĂ€chsten Eingang, unserem Nachbarhaus gerannt. Es ist auch nichts passiert. Mein Vater hatte das beobachtet. Er schimpfte, \'ich hĂ€tte mich bei den MotorengerĂ€uschen sofort flach auf den Boden in die Mulde zum Zaun legen sollen\', aber da waren Brennnesseln und ich hatte keine Lust dazu.

    Auf der Straße zur "Wettinhöhe" haben sie spĂ€ter ein MilitĂ€rfahrzeug erwischt, die Straße war von unserem Haus aus gut zu sehen. Es hat gewaltig geknallt, meine Schwester hat das vom Tor aus beobachtet. Im Pflaster waren die EinschlĂ€ge noch Jahrzehnte zu sehen.

    Dann kam der Kriegsalarm, mit einem minutenlang anhaltenden Dauerton der Sirene.

    Erinnern kann ich mich an die schwarze RauchsĂ€ule, die vom MilitĂ€rdepot an der Grenze zwischen Oberlichtenau und Auerswalde hochstiegen. Die Wehrmacht hatte das Depot beim RĂŒckzug angezĂŒndet.

    Viele Bewohner unserer Dörfer, auch mein Vater, nutzten die Gelegenheit und versorgten sich aus den Lagern, in denen ja nicht alles gleich verbrannt war, mit nĂŒtzlichen Dingen. Den Soldaten war es gleichgĂŒltig, sie hatten das Depot befehlsgemĂ€ĂŸ vernichtet.

    Wir hatten nun reichlich Filzstiefel und Gummistiefel, aber auch Taschenlampen und Kerzen, meine Mutter hat aus Fahnenstoffen Kleider geschneidert. Es gab dort viele Dinge, die wir gut verwenden konnten. SpĂ€ter nachdem das Ärgste vorbei war, holten wir mit einem großen Handwagen Eisenbahnschwellen vom Lager, schraubten die MetallbesĂ€tze ab und hatten gutes Feuerholz.

    Das Nahen der Front kĂŒndigte sich auch mit entfernten Artilleriefeuer an.

    Es bestand die Gefahr, dass mein Vater noch in letzter Minute zum Volkssturm eingezogen wurde, glĂŒcklicherweise wurde aus dem StĂŒrmen des Volkes in unserem Ort nichts. Entsinnen kann ich mich an eine kleine ungarische Einheit mit geschulterten PanzerfĂ€usten, die auf der Dorfstraße entlang marschierten.

    Plötzlich sagte man, im Oberdorf sind die Amerikaner.
    Unsere Soldaten waren nur noch im Unterdorf und in Frankenberg.

    Es gab wieder Artilleriefeuer, aber diesmal flogen die die Granaten ĂŒber uns hinweg. Obwohl ich sie ĂŒber uns hinweg pfeifen hörte, habe ich nie eine gesehen.

    Da die Situation beunruhigend war sind wir in den Keller gegangen. Erinnern kann ich mich an einen Abend im Keller, wo ich eingeschlafen bin. Mein Vater hat mich als der Beschuss aufgehört hatte, in die KĂŒche getragen. Ich wunderte mich als ich aufwachte und auf dem Sofa in der KĂŒche lag.

    Es war nun April und damit Zeit fĂŒr das Kartoffel legen. Krieg hin oder her. Lebensmittel mussten angebaut werden. Darum sind wir trotz des ĂŒber uns kreisenden Artilleriebeobachters aufs Feld gefahren und haben Kartoffeln gelegt.

    Ein anderes Erlebnis, war der direkte "Besuch" eines Amerikaners auf unserem Hof. Ein amerikanischer Soldat hatte drei oder vier einfache BĂŒrger aus dem Oberdorf als Geiseln genommen. Diese mussten vor ihm hergehen, er folgte ihnen unmittelbar mit gezogener Pistole. Er veranlasste sie, an unser Tor zu klopfen. Meine Eltern gingen hinaus und öffneten das Tor. Ich habe hinterher durch die HaustĂŒre geguckt.
    Mit ernster Stimme sprach er meinen Vater an: "Wer Power? ‚ Du Power?". Mein Vater nickte mit dem Kopf ‚ darauf rief er "Oir!". Einer von den Geiseln ĂŒbersetzte uns: "Er will frische Eier haben". Meine Mutter holte aus dem Stall Eier, danach ist er wieder friedlich abgezogen.

    Danach wurde die Situation ernster.

    Die Amerikaner verlangte von unserem BĂŒrgermeister, dass wir weiße Fahnen heraushĂ€ngen sollten, sonst wĂŒrde das Dorf zusammengeschossen.

    Die SS vom unteren Dorf verlangte "Kampfbereitschaft" von uns und sagte, dass jeder der eine weiße Fahne zeigt, erschossen wird.
    Der BĂŒrgermeister zog als Kompromiss auf dem Gemeindeamt eine weiße Fahne auf, die Amerikaner waren damit zunĂ€chst zufrieden, jedoch die deutsche Wehrmacht nicht.

    Am kommenden Tag schlich ein kleiner Trupp von MĂ€nnern in Zivilkleidung mit Gewehren hinter den GĂŒtern vorbei in Richtung Gemeindeamt. Einer drehte sich halb zu mir um. Mein Vater rief mich sofort ins Haus zu kommen. Er war sehr aufgeregt. Wir schlossen Fenstern und TĂŒren.

    Die Schule, Jahrzehnte spÀter Foto: privat

    Kurze Zeit danach explodierte die erste Granate in unserem Dorf. Eilig gingen wir in den Keller. Die Granaten schlugen in nĂ€chster NĂ€he ein. In einen angrenzenden Haus Hummel etwa 100 m entfernt. Es gab nur ein großes Loch in dem Massiven GemĂ€uer, in meiner Schule etwa 150 m entfernt war in der Stirnseite ein Ă€hnliches Loch vorhanden, bei Mersteins, auch etwa 150 m entfernt brannte das GebĂ€ude ab und an vielen anderen Stellen. Der Beschuss hatte das Ziel, die Gruppe, die unseren BĂŒrgermeister festgenommen hat, aufzuhalten bzw. zu töten. Die Gruppe konnte aber entkommen, aber der Schaden an GebĂ€uden und Gehöften war betrĂ€chtlich.

    Anmerkung: Unser BĂŒrgermeister Fischer kam auch mit dem Leben davon. Er kam zwar in Augustusburg vor Gericht, aber im Verlauf des Prozesses endete der Krieg. Da er aber Parteigenosse war, durfte er nicht mehr BĂŒrgermeister werden. Er arbeitete danach fĂŒr die Kirche.

    Wir waren danach faktisch Einflussgebiet der Amerikaner. Es wunderte mich, dass trotzdem aus Frankenberg Baufahrzeuge vom ElektrizitÀtswerk kamen, um die elektrischen Freileitungen zu reparieren, die durch den Artilleriebeschuss beschÀdigt wurde.

    Doch nach wenigen Tagen ging dieser Spuk zu Ende, die Amerikaner zogen sich, noch im April, zurĂŒck!

    Eine kleine Einheit von unserem MilitĂ€r kam zurĂŒck und verschanzte sich im Wald von unseren Nachbarn. Sie sĂ€gten BĂ€ume um und errichteten eine BlockhĂŒtte.

    Obwohl der Staat in Auflösung war, wurden wieder Bomben, wenn auch nicht in dem Umfang, auf Chemnitz geworfen.
    In unseren Ort wurden gepanzerte Raupenschlepper abgestellt, die uns spÀter als Spielzeuge dienten.

    Das GefĂŒhl der Auflösung war ĂŒberall zu spĂŒren.

    Durch das Dorf zogen wieder FlĂŒchtlinge. Die FlĂŒchtlinge kamen jetzt nicht mehr aus Schlesien oder Ostpreußen, sondern aus Sachsen. Auch mein Onkel aus Ziegenhain bei Nossen kam mit seinem Auto zu uns.

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    Hilfe die Russen kommen!

    Meine Eltern stellten Überlegungen an, alles in Stich zu lassen und gen Westen zu fliehen, mit der kranken Großmutter! GlĂŒcklicherweise wurde diese Idee sofort verworfen.

    Im Radio hörten wir, dass die deutsche Armee bedingungslos kapituliert habe. Als letztes erklang noch ein Teil der fĂŒnften Sinfonie von Beethoven, dann schwieg der Sender.

    Es war kein Artilleriefeuer mehr zu hören, auch sonst war alles ruhig, aber die Spannung war unertrÀglich.
    Durch Mund zu Mund Propaganda hörten wir - die Russen sind im Anmarsch!
    Bald rollten auf der Landstraße Mittweida - Chemnitz endlos scheinende TruppenverbĂ€nde vorbei.
    Wir standen am Tor lauschten nach den GerĂ€uschen der vorbeiziehenden Truppen und warteten auf die Dinge die kommen wĂŒrden.
    Eines der MilitĂ€rfahrzeuge scherte aus und hielt auf unserem Weg am Sportplatz an. Wir zogen uns etwas zurĂŒck. Ein einzelner russischer Soldat kam den Weg entlang, trotzdem blieben wir wie versteinert am Tor stehen.

    Er kam auf uns zu und legte mir die Hand auf die Schulter, und sagte im freundlichen Ton:

    "Krieg aus".

    Leider waren die folgenden Begegnungen weniger freundlich. Keiner wusste wie es weitergehen sollte!!

    An den Gemeindetafeln und auch an anderen Stellen konnte man große AushĂ€nge sehen, die ĂŒberschrieben waren mit:

    Befehl Nr." X"
    und unterzeichnet mit:
    Marschall Schukow.

    Der Inhalt ist mir weitgehend entgangen, aber es war so ziemlich alles fĂŒr die Bevölkerung verboten und alles Mögliche wurde angeordnet. NatĂŒrlich waren Schusswaffen verboten, aber es wurde auch die Moskauer Zeit eingefĂŒhrt, also die Uhren zwei Stunden vorgestellt.

    Auf dem Gemeindeamt wehte nun eine Fahne mit einem Kreis dann, auf dem stand:
    "Antifaschistische Demokratische Ordnung".
    Ordnung zog damit nicht ein, bestenfalls Angst.

    In unserem Dorf wurden sechs MĂ€nner abgeholt, darunter der Ortsgruppenleiter, der Fabrikant Klingner, der Gestapochef gewesen sein soll, der VolkssturmfĂŒhrer und andere. Es gab jede Menge Übergriffe durch das russische MilitĂ€r.

    Im Nachbargehöft wohnte auch eine junge Frau, deren Mann im Krieg war. Ein Russe hatte ihre Wohnung entdeckt. Ich hörte sie vom Garten aus schreien.

    Meine Eltern sagten mir es sei nichts passiert. Als der Bauer und andere auftauchten, sei er gegangen?

    Ich kann mir auch heute noch nicht vorstellen, dass der Hahn Bauer so viel Mut aufgebracht hat. Die Frau war am nÀchsten Tag wieder zu sehen. Was war?

    Auch bei uns wurden Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Meine Schwester, 19 Jahre alt, war auch in Gefahr. Am Fenstersteg der Schlafstube war ein dickes Seil befestigt, an dem sie sich hinablassen sollte um sich im nahen GebĂŒsch zu verstecken. Obwohl Russen auch bei uns auftauchten und suchten, musste sie diesen gefĂ€hrlichen Fluchtweg nie benutzen.

    Aber es gab auch Frauen, die bereitwillig mitmachten!

    Die Tochter vom ĂŒbernĂ€chsten Bauern, die Löffler Ursel, ging mit einem russischen Sergeanten, dem "Fedor". Fedor war wahrscheinlich in Frankenberg stationiert. In Erinnerung ist mir eine Episode im SpĂ€tsommer. Wir hatten einen großen Obstgarten mit ApfelbĂ€umen die ĂŒbervoll rotbĂ€ckige Äpfel trugen. Er hatte sich einen Fotografen aus Frankenberg geschnappt und kam mit seinem Motorrad und Löfflers Ursel zu uns und lies sich unter dem Apfelbaum mit ihr im Arm fotografieren.

    Es wurde in den ersten Monaten viel geraubt. Alle versteckten ihre Wertsachen irgendwie. Über dem alten Torbogen zum Waschhaus war ein Hohlraum, in dem waren unsere Wertsachen eingemauert.
    Mein Onkel, der ja auch nicht zurĂŒck konnte, hatte sein Auto bei uns im Schuppen versteckt.
    Der Schuppen war so unscheinbar, dass auch unser Nachbar Seidel, Pferde ĂŒber einen Schleichweg in dem Schuppen versteckte, knapp hinter dem Auto.

    Meine Eltern haben dann immer Blut und Wasser geschwitzt, denn wenn das bekannt geworden wĂ€re hĂ€tte uns viel Ärger erwartet, vor allem wegen des Autos. Aber es war auch nicht möglich dem Nachbar die Hilfe zu verweigern.

    Pferde "konfiszieren" oder besser stehlen war an der Tagesordnung.
    Aber es gab auch "Pferdehandel". Die Russen waren immer auf der Suche nach Alkohol. Russen kamen zu unserem Nachbar, Seidel, und boten ihm ein Pferd an, fĂŒr fĂŒnf oder sechs Flaschen hochprozentige Spirituosen. Wir halfen ihm aus mit zwei Flaschen Schnaps und - zwei Flaschen Spiritus. Ich habe nie geglaubt, dass man Spiritus trinken kann!

    Der Handel kam zustande, der Bauer erhielt ein gutes Pferd, die Rosel, die dort noch lange ihren Dienst geleistet hat.

    Geklaut wurde was nicht Niet- und Nagelfest war!

    Meine Eltern hatten zwei neuwertige FahrrÀder, die sie in der Scheune abstellten. Durch Ritzen im Tor war jedoch etwas zu erkennen. Zwei Russen auf Organisationstour brachen das Tor auf und fuhren mit den RÀdern davon. Zu dieser Zeit waren wir auf dem Feld, die Diebe konnten wir nur noch von hinten sehen!

    Wahrscheinlich hĂ€tten wir sie auch nicht aufhalten könne, wenn wir rechtzeitig zurĂŒckgekommen wĂ€ren!?
    ZurĂŒckgelassen hatten sie ein Wrack von Fahrrad - ohne Gummibereifung.
    Eine neue Gummibereifung war damals nicht zu beschaffen, dafĂŒr gab es PappblĂ€ttchen, die in die Feigen gedrĂŒckt wurden.
    Das Radfahren mit diesem Gerat war sehr unbequem, es hatte keinerlei Federung und rumpelte fĂŒrchterlich. Es wurde von uns "Russenpanzer" genannt.

    Ein einzelner Reiter brachte uns eine andere Aufregung.

    Er ritt den Weg hinter den GĂŒtern lang, vor unserem Haus stieg vom Pferd und hĂ€mmerte gegen das Tor. Mein Vater musste aufmachen.

    Meine Mutter und meine Schwester hatten sich unsichtbar gemacht, so waren wir allein mit dem Russen.

    In dieser Zeit waren wir alle sehr einfach und unauffĂ€llig gekleidet und waren auf alle möglichen Überraschungen vorbereitet.

    Der Reiter ging auf meinen Vater zu rief "Stoi" und versuchte ihm die ZĂŒgel in die Hand drĂŒcken, aber mein Vater wich zurĂŒck, so als hatte er Angst vor dem Pferd.

    Nach nochmaligem vergeblichem Versuch band er das Pferd an einem Bitzableiterdraht neben dem Fenster an.
    (Anm.: Hinter dem Fenster lag meine gelĂ€hmte Großmutter im Bett. Das Pferd war sehr unruhig, der Pferdekopf war direkt ĂŒber ihren Kopf. Sie hatte große Angst gehabt.)

    Der Reiter schob meinen Vater zur Seite und ging ins Haus.
    Unser Haus war ĂŒberbelegt und große Werte lagen bestimmt nicht herum.
    Mein Vater flĂŒsterte mir zu, wenn ich dir sage "geh zum Kommissar!", rennst Du los und wartest unten auf der Dorfstraße eine ganze Weile.
    Wir gingen hinter dem Reiter ins Haus. Hier fand er zunĂ€chst nichts was ihn interessierte. Im ersten Zimmer lag meine gelĂ€hmte Großmutter, er machte die TĂŒre schnell wieder zu. Die KĂŒche und der Kuhstall wurden ignoriert.

    Nun ging es in den ersten Stock.

    Hier öffnete er zuerst die TĂŒre zu unserem AuszĂŒgler, Herrn Teufert. Die Wohnung war grauenvoll vernachlĂ€ssigt. Er kommentierte es mit "Oh Bum Bum", und schloss die TĂŒre. Dann ging er ins Schlafzimmer meiner Eltern, die hell und freundlich war.

    Mit "AH" stĂŒrmte er hinein und öffnete die SchranktĂŒr und entnahm KleidungsstĂŒcke. Mein Vater sagte zu mir "geh zum Kommissar! ". Ich schwirrte ab und hielt mich auf der Dorfstraße auf.

    Diese Worte hatten jedoch Wirkung gezeigt. Er bedrohte zwar meinen Vater wegen meines Weggehens. Lies aber die Kleidung hĂ€ngen und begnĂŒgte sich mit einen Glas Pfirsischkompott aus dem Nachbarraum.

    Diese verspeiste er in aller Ruhe auf der Bank im Hof.
    Nach lĂ€ngeren warten kam ich zurĂŒck. Er saß noch immer da und verließ dann kommentarlos den Hof.

    Es gab noch viele aufregende Erlebnisse in diesen unruhigen Tagen, aber erstaunlicher Weise - sind mir keine TodesfÀlle in Erinnerung. Nur vom Niederdorf ist mir in Erinnerung, dass Russen dort in einem Haus zwei MÀnner erschossen hatten.

    Bei unseren Nachbar wurden fĂŒr eine Nacht russische Soldaten einquartiert, die aßen gemeinsam mit dem Bauer in der KĂŒche. Es floss dabei viel Alkohol, anschließend zerschossen sie mit der Kalaschnikow (Anm.: die Kalaschnikow wurde erst 1947 eingefĂŒhrt, daher die Bezeichnung AK47. Gemeint ist wahrscheinlich die "PPSh-41".) die SchĂŒssel. Die DurchschĂŒsse im Tisch waren lange noch zu sehen.

    Aus dem Ort kamen öfters Leute und kauften bei uns Milch. Einer brachte einen runden konischen Kegel aus Metall mit. Er gab ihn mir zum Spielen, mit dem Hinweis, es sei ein Kreisel. Am Abend habe ich mich in unserer WohnkĂŒche der Untersuchung dieses Kreisels gewidmet. Das Ding war relativ schwer, am dicken Ende war abgesetzt ein Feingewinde. Die Spitze war keine KugelflĂ€che sondern leicht nach innen gerundet. Mir wurde klar, dass das GerĂ€t nicht zum Kreisel taugt.
    Daraufhin wollte ich es irgendwie auseinandernehmen. Es ging nicht. und ich begann mit dem Hammer daran zu klopfen, dabei fiel mir auf, dass im Metall der Reichsadler eingraviert war.
    Jetzt kamen mir doch starke Bedenken. Ich zeigte das Ding meinen Eltern, die es auch sofort als ZĂŒnder einer Bombe identifizierten, die bekanntlich sehr empfindlich sind vor allem gegen SchlĂ€ge. Die Explosion hĂ€tte gereicht, um mich zu töten.

    Mein Vater stellte es sicher, indem er es auf den KĂŒchenschrank legte. Am nĂ€chsten Tag warf er es in Löfflers Bombentrichter, damit hatte es sich.
    Man ging zu dieser Zeit viel gelassener als heute mit Gefahren um.

    Unser Nachbar lies zwei deutsche Soldaten, die sich nach Hause durchschlagen wollten, in seiner Scheune ĂŒbernachten. Am Morgen waren die beiden fort, aber in der Scheune hatten sie zwei voll funktionsfĂ€hige Gewehre zurĂŒckgelassen! Waffenbesitz wurde damals mit dem Tode bestraft. Die Gewehre waren zu groß um sie heimlich in den Bombentrichter verschwinden zu lassen. Er versteckte sie unter der Tenne in der Scheune und hofft, dass sie nicht gefunden wĂŒrden, trotzdem waren sie fĂŒr ihn eine stĂ€ndige Bedrohung.

    In dieser Zeit gab es viele Stromabschaltungen. Wir saßen dann abends bei einer Ölfunzel zusammen. Wanderungen zur Toilette erfolgten mit der Kerze in der Hand, es war unbequem.

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    Das Leben nach dem Krieg nimmt Gestalt an

    Trotzdem normalisierte sich das Leben allmĂ€hlich. Die russischen Kampftruppen zogen ab, dafĂŒr kamen die Besatzungstruppen.

    Im FrĂŒhjahr 1946 wurde in unsere Wohnung eingebrochen. Wir wohnten im Erdgeschoß, schliefen aber im Obergeschoss. Es ist zwar heute kaum vorstellbar, dass wĂ€hrend wir schliefen, die Russen im Erdgeschoß rĂ€uberten. Es war ĂŒberall Unruhe und wir hatten einen festen Schlaf. Sie haben 14 GlĂ€ser gepökeltes Schweinefleisch, unser großes Radio und ein paar Flaschen Schnaps mitgehen lassen, dazu meine kleinen Ostereier aus Zuckerguss. Alle FĂ€cher waren aufgezogen und die Sachen lagen auf dem Boden.

    Wir erfuhren, dass eine Panzerdivision abgezogen worden ist und sie sich vor der Heimfahrt mit Kriegsbeute versorgt hat.
    Ob wir die Einbrecher ĂŒberhaupt hĂ€tten vertreiben können ist sehr unsicher.
    Mir sind FĂ€lle im Ort bekannt, wo durch große Aufmerksamkeit vor allem der Nachbarn, sie dann doch abgezogen sind.

    Mein Vater konnte wieder in seinen Betrieb, der Bernhard Escher AG, arbeiten. Allerdings verlief das ganz anders. Die Arbeit wurde eingestellt und die Belegschaft durfte ihre Maschinen demontieren, die gesamte Einrichtung ging als Reparationsleistungen nach Russland. Diese Arbeit widerstrebte allen, sie wurden dazu dienstverpflichtet. Mein Vater klagte ĂŒber schwere Schmerzen, damit wollte er nur einen Weg aus dem gesperrten Betrieb bekommen. Der sowjetische Arzt akzeptierte das und er durfte zum "deutschen Arzt" gehen, bzw. durch das Tor hinausschlĂŒpfen.

    Mein Vater konnte mit dem Obermeister, dem sogenannten "Ober", Kontakt aufnehmen, und absprechen dass er seine Werkbank, an der er Jahrzehnte gearbeitet hatte, mit nach Hause nehmen durfte. Ich musste beim Transport der mit unseren großen Leiterwagen erfolgte mithelfen.
    Offensichtlich hatte die Werkbank die Russen nicht interessiert.(Anm.: Diese Werkbank hat mir mein Großvater "vererbt". Sie war bis 2020 in meinen Besitz. Dann habe ich sie an einen Tischler weitergegeben mit dem Versprechen, sie mit Sorgfalt zu pflegen.)

    Feldarbeit Foto: privat

    Nun war unser Vater arbeitslos, besser, ohne festes Einkommen, denn Arbeit gab es in der Landwirtschaft mehr als genug.

    Meine Eltern versuchten die Landwirtschaft noch besser zu nutzen, aber die kleine landwirtschaftliche NutzflĂ€che, engte die AktivitĂ€ten ein. Meine Eltern versuchten, wo es nur ging GĂ€rten und RĂ€nder zu pachten. Diese mussten wir dann in Ordnung halten und durften das Gras fĂŒr unsere KĂŒhe mĂ€hen.

    Ich erinnere mich an verschiedene GĂ€rten und RĂ€nder. Am gĂŒnstigsten war ein ganzes StĂŒck Mittelstreifen der Autobahn. Da war Platz, auch zum Heu trocknen und unser Leiterwagen fuhr ganz leicht. Autoverkehr gab es zur damaligen Zeit kaum.

    Mit meiner Schwester und meinem zukĂŒnftigen Schwager unternahm ich mit den verbliebenen RĂ€dern eine Radpartie zur gesprengten AutobahnbrĂŒcke von Schlegel. Auf der Autobahn war zur damaligen Zeit noch kein Verkehr und so war sie eine ideale Rollstrecke.

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    Die Neulehrer

    Schon im Herbst von 1945 wurde der Unterricht in unserer Schule wieder aufgenommen. Ein Befehl der sowjetischen Behörden verlangte die Aufnahme des Unterrichtes, verbot aber den Lehrern, die uns im "Dritten Reich" unterrichtet hatten, weiter zu arbeiten.

    Woher also Lehrer nehmen? Es wurde zunĂ€chst alles aufgelesen was der Gemeindeverwaltung vor die TĂŒr kam und als Lehrer angestellt. Das waren im ersten Jahr, sich heimwĂ€rts durchschlagende Soldaten, die irgendwie der Kriegsgefangenschaft entgangen waren.
    Es ist verstÀndlich, dass damit kein niveauvoller und vor allem systematischer Unterricht möglich war.
    Die Lehrer unterrichteten uns nur jeweils wenige Monate und schwirrten dann davon. An einzelne Episoden aus dieser Zeit erinnere ich mich.

    Ein hagerer freundlicher Lehrer war der Biologielehrer. Von Biologie hatte er bestimmt keine Ahnung. Er erzÀhlte uns wie an feuchten WÀnden der ErdgrÀben sich Moos bildet und wie unterschiedliche Formen entstehen können. Begeistert schilderte er uns Leuchtmoos und dass man es auch bei Nacht sehen kann! Er hat alles Beschriebene bestimmt als Infanterist selbst erlebt. Er war nicht lange bei uns.

    Ein frĂŒherer Feldwebel ĂŒbernahm den Geschichtsunterricht. Er war ein ĂŒbler Geselle. Bei ihm mussten wir nur wenige Sachen aber die jedoch buchstabengetreu auswendig lernen. Sie sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Sie begannen:

    Was jeder wissen muss!
    1914 begann der erste Weltkrieg
    1918 endete der erste Weltkrieg mit einer Niederlage.
    1933 ergriff Adolf Hitler die Macht....

    Es gab noch mehr solcher niveaulose SĂ€tze, die wir auswendig lernen mussten. Trotzdem sind diese SĂ€tze mir heute noch in Erinnerung.

    Ruhe und Disziplin setzte er bedingungslos durch. Es war gerade Winterzeit und da einer von uns im Unterricht geschwĂ€tzt hatte, mussten wir im kalten Flur stundenlang stehen. Er verschwand hinter einer Ecke und kam blitzschnell wieder hervor um einen zu erwischen der sich bewegt hat. Irgendwie hat sich einer von uns den Schnupfen geholt. Unsere Eltern haben fĂŒr eine schnelle Entlassung gesorgt.

    Es gab noch eine ganze Reihe solcher Gestalten, aber allmÀhlich kamen Lehrer, die auch lÀnger blieben.
    Zentrale Vorgaben, etwa einen Lehrplan, gab es offenbar nicht.
    Es wurde viel mit neuen Ideen experimentiert.

    Um ein besseres Klima an der Schule zu schaffen, fasste das Lehrerkollegium den Beschluss, dass sich Lehrer und SchĂŒler in Zukunft mit den Vornamen und mit du ansprechen sollten. Das war eine erhebliche Umstellung in unserem Verhalten, vor allem aber fĂŒr die Lehrer. Es wurde viel improvisiert, klare LehrplĂ€ne gab es offensichtlich nicht, trotzdem glaube ich, dass wir in dieser Zeit auch etwas gelernt haben.

    Einige Episoden sind mir noch in Erinnerung

    So mussten wir fĂŒr unseren Deutschlehrer, Herrn Kreher, einen "Duden" mit Oberlichtenauer - Deutsch als Hausaufgabe aufstellen. Jeder SchĂŒler bekam einen anderen Buchstaben zugeteilt.
    Aus unserem Rechtschreibebuch, mit natĂŒrlich viel weniger Worten als im Duden, entnahmen wir die Worten und schrieben die Oberlichtenauer Aussprache dahinter. Die Aufgabe versandete aber dann wieder. Es war eigentlich eine recht interessante Aufgabe.

    In dieser Zeit wurde ein Gleisstrang der Eisenbahnschienen demontiert. Die Schienen gingen als Reparationsleistung in die Sowjetunion. Dieser Vorgang erregt die GemĂŒter, prompt erhielten wir die Hausaufgabe einen Aufsatz zu schreiben, mit dem Titel " Eine Eisenbahnschiene erzĂ€hlt".
    NatĂŒrlich sollte und konnte der Aufsatz nur einen kritischen Unterton enthalten.

    Im Wald zwischen Oberlichtenau und Ottendorf lagen die "PulverhĂ€user". In diesen lagerten seit dem Weltkrieg große Mengen Granaten und unterschiedlichste Explosionskörper, teilweise in Bunkern unter der Erde, aber auch in relativ leicht gebauten HĂ€uschen.

    Unsere Armee hat beim RĂŒckzug nur einige, wahrscheinlich die moderneren Waffen in die Luft gesprengt, danach standen diese LagerstĂ€tten offen. Mit meiner Schwester bin ich zwischen den ĂŒbermannshohen Regalen entlang gegangen. Es waren große Bomben und Granaten, der Ort wirkte auf mich bedrĂŒckend.

    Die Russen haben dann spĂ€ter diese HĂ€user und Bunker in die Luft gesprengt, im gesamten Ort haben dabei die TĂŒren und Fenster gewackelt. Die Granaten und Minen lagen danach weit verteilt in der Umgebung. Diese Gegend war auch danach noch eine wahre Fundgrube, aber auch ein sehr gefĂ€hrliches GelĂ€nde.
    Die neu gegrĂŒndete Polizei kam zu uns in die Schule und hat uns Dias mit zerfetzten Kinderkörpern gezeigt, die sich dort zu schaffen gemacht haben, um uns abzuschrecken auch in das GelĂ€nde zu gehen.

    In diesen PulverhĂ€usern gab es aber noch große Mengen von BrandblĂ€ttchen. Die hatten MĂŒnzengrĂ¶ĂŸe und besaßen in der Mitte ein Loch. Sie sollen fĂŒr Brandbomben gedient haben. FĂŒr uns waren sie jedoch "Handelsware". Man konnte sie geschickt aneinanderfĂŒgen und am Ende ein HĂ€ufchen aufstapeln. Durch anzĂŒnden der "Lunte" fraß sich das Feuer zu dem HĂ€ufchen und erzeugt dort eine große Stichflamme und ein starkes Feuer, ein beliebtes Spiel fĂŒr uns Kinder.

    Es gab auch ĂŒble ZusammenstĂ¶ĂŸe. Die um ein Jahr Ă€ltere Klasse hatte einen neuen Klassenlehrer bekommen, der ziemlich hart mit den SchĂŒlern umging. Er gab einen eine Ohrfeige. Die Klasse fĂŒhlte sich ungerecht behandelt und lauerte dem Lehrer abends auf und schlug ihn zusammen. Sie benutzten dazu einen Pumpenschwengel. Der Lehrer wurde so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Klasse drohte die unmittelbare Einweisung in ein Erziehungsheim.
    Die Schulleitung musste jedoch noch in die Wohnung des Lehrers gehen um Unterlagen zu holen. Bei dem Besuch stellten sie in der Wohnung des Lehrers fest, dass dort viel Diebesgut von EinbrĂŒchen in der Umgebung lag. Der Lehrer war ein schon lange gesuchter Einbrecher. Die Klasse kam ohne Bestrafung davon.

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    Ein PĂ€ckchen aus Amerika

    Überraschend fĂŒr mich bekamen wir ein Geschenkpaket aus Amerika von Elsie M. Deanen. NatĂŒrlich war ich begeistert, es lagen so viele schöne Dinge drin. Erinnern kann ich mich, an eine Blechdose mit Mazolaöl - einem Olivenöl. An irgendetwas Praktisches kann ich mich nicht erinnern. Es war ein weiterer Punkt der Erfahrungen mit den USA. Die USA haben von meiner frĂŒhen Kindheit an meine Phantasien beflĂŒgelt.

    Mein Großonkel wanderte zu Beginn der 20 er Jahre in die USA aus. Er konnte dort auch die schwierige Anfangszeit ĂŒberwinden. Er baute HĂ€user und verkaufte sie bezugsfertig. Sein GeschĂ€ft ging wahrscheinlich gut, er wollte es erweitern. Im Jahr 1935, wo ich noch nicht geboren aber bereits unterwegs war, besuchte er uns.

    Dabei bot er meinen Vater an, in seiner Firma als Tischler anzufangen. Als Modelltischler war er dazu in der Lage. Meine Eltern haben sich das Angebot gut ĂŒberlegt, es scheiterte daran, dass meine Großmutter schwer krank war und meine Mutter sie versorgen musste. Sie konnte nicht mit.

    SpĂ€ter neckten mich meine Eltern damit, dass ich beinahe ein Amerikaner geworden wĂ€re! Obwohl ich die Ereignisse nur von den ErzĂ€hlungen kannte, habe ich mir vorgestellt, wie ich von einem Wolkenkratzer in die Tiefe schaute. Amerika war etwas ganz Besonderes, etwas Schönes fĂŒr mich!

    Der Krieg verĂ€nderte meine Meinung ĂŒber die "Amerikaner".

    Der Bombenterror, das Vorgehen der "Amerikaner" mit Artillerie und Geiseln erzeugten eine tiefe Abneigung, gegenĂŒber diesem Land.

    Doch jetzt traf Post und sogar ein Paket aus Amerika ein.


    © infos-sachsen / letzte Änderung: - 26.01.2024 - 09:08