zur Erinnerung
Zugungl├╝ck in Langenweddingen am 06.07.1967
Inhalt

aus "Freie Presse" vom 10. Juli 1967

Mitteilung der Regierungskommission

├╝ber das vorl├Ąufige Untersuchungsergebnis des folgenschweren Verkehrsungl├╝ckes am 6. Juli 1967 in Langenweddingen

Magdeburg (ADN). Von der Regierungskommission und ihren Expertengruppen sind die Zusammenh├Ąnge eingehend untersucht Worden, die zu dem tragischen Verkehrsungl├╝ck f├╝hrten, das sich am 6. Juli 1967 gegen 8 Uhr auf dem Bahn├╝bergang Langenweddingen ereignete!

Gedenkstein - aufgenommen 19. August 2018

Die bisherigen Untersuchungen haben ergeben, dass die unmittelbaren Ursachen des Zusammensto├čes zwischen einem Tankfahrzeug und dem Personenzug 852 vor allem in Pflichtverletzungen von Mitarbeitern des Bahnhofes Langenweddingen zu suchen sind. Seit dem 4. Juli 1967 wurde das Schlie├čen der Schranken durch eine zu tief h├Ąngende Fernsprechleitung der Deutschen Post wiederholt behindert. Entgegen den Dienstvorschriften der Reichsbahn haben die Verantwortlichen die M├Ąngel weder im Pr├╝fungsbuch f├╝r Schrankenanlagen eingetragen, noch der zust├Ąndigen Signal- und Fernmeldemeisterei gemeldet, um diesen die Verkehrssicherheit gef├Ąhrdenden Zustand schnellstens zu beseitigen.

Der Bahn├╝bergang 2018 - inzwischen mit Halbschrankenanlage. Das Stra├čenpflaster ist wahrscheinlich noch von 1967

Der Bahnhof (besser Haltestelle) hat im Jahr 2018 auch seine beste Zeit hinter sich

Zentralbild Koard bgm-ne 7.7.1967 Bezirk Magdeburg: Ungl├╝cksstelle bei Langenweddingen wieder passierbar 24 Stunden nach dem tragischen Verkehrsunfall passierte am Morgen des 7.7.1967 ein D-Zug von Halberstadt nach Berlin wieder die Ungl├╝cksstelle am Bahnhof Langenweddingen. Das gew├Ąhrleisteten Eisenbahner und andere Helfer mit ihrem unerm├╝dlichen Einsatz.

In den Morgenstunden des 6. Juli 1967 hatte der die Schranken bedienende Fahrdienstleiter bereits bei vier Zugdurchfahrten Schwierigkeiten beim Schlie├čen der Schranken. Trotz dieses Umstandes wurden von ihm keine Schritte eingeleitet, um die St├Ârung zu beheben. Er veranlasste auch nicht die f├╝r solche F├Ąlle in den Dienstvorschriften geforderte Sicherung des Bahn├╝berganges durch Sperrger├Ąte oder durch Aufstellen von Posten. Die Voraussetzungen hierf├╝r waren vorhanden.

Als sich der beschleunigte Personenzug 852 aus Richtung Magdeburg gegen 8 Uhr dem Bahn├╝bergang Langenweddingen n├Ąherte, verfing sich beim Schlie├čen der Schranken die Spitze eines Schrankenbaumes an der durchh├Ąngenden Fernsprechleitung. Auf der Fernverkehrsstra├če 81 fuhr, aus Magdeburg kommend, das Tankfahrzeug des VEB Minol, polizeiliches Kennzeichen HE 36 - 80, in Richtung Bahn├╝bergang. Der die Schranken bedienende Fahrdienstleiter versuchte durch mehrmaliges Auf- und Abbewegen der nur gering geneigten Schranken den Schrankenbaum von der Fernsprechleitung freizubekommen, um die Schranken zu schlie├čen. Er w├Ąre in dieser Situation verpflichtet gewesen, das f├╝r den aus Magdeburg angemeldeten Personenzug 852 auf "Freie Fahrt" gestellte Signal auf "Halt" zur├╝ckzulegen.

Der Kraftfahrer des Tankfahrzeuges hatte nach Zeugenaussagen beim Herannahen an den Bahn├╝bergang sein Fahrzeug gebremst. Als der Fahrdienstleiter die Schranken gerade wieder anhob, befuhr der Fahrer des Minol-Tankwagens den Bahn├╝bergang, offenbar in der Annahme, dass f├╝r ihn die Fahrt freigegeben war. In diesem Augenblick erfasste die Lokomotive, trotz der vom Lokpersonal ausgel├Âsten Schnellbremsung, mit ihrem rechten vorderen Puffer das Tankfahrzeug; der Tank wurde an den Zug geschleudert und explodierte. Der Tankinhalt, 15.000 Liter Leichtbenzin, ergoss sich brennend auf die ersten beiden Doppelstockwagen sowie das Bahnhofsgel├Ąnde. Der Brand breitete sich in Bruchteilen von Sekunden unter gewaltiger Hitzeentwicklung aus.

Der hinter der Lokomotive laufende Packwagen wurde zertr├╝mmert. Die folgenden zwei Wagen sowie ein weiterer in der Mitte des Zuges fahrender Packwagen entgleisten. Als der Zug zum Stehen gekommen war, wurden auch die beiden letzten Doppelstockwagen von den Flammen des ausbrennenden Benzintanks erfasst. Die mittleren Wagen des Zuges wurden leicht besch├Ądigt. Insgesamt brannten vier Doppelstockwagen sowie das Bahnhofsgeb├Ąude v├Âllig aus.

Im Zug mitfahrende Reisende und Insassen der am Unfallort haltenden Fahrzeuge, unter ihnen Angeh├Ârige der Transportpolizei und der Nationalen Volksarmee, Eisenbahner und Einwohner der Gemeinde Langenweddingen setzten sich unmittelbar nach dem Ungl├╝ck selbstlos, oft unter Lebensgefahr, f├╝r die Rettung ein.

Die sofort alarmierten Kr├Ąfte der Feuerwehr, der Volkspolizei, des Gesundheitswesens und des Deutschen Roten Kreuzes sowie der Deutschen Reichsbahn f├╝hrten gemeinsam mit der Bev├Âlkerung unter au├čerordentlich schwierigen Bedingungen und gr├Â├čten Anstrengungen die Brandbek├Ąmpfung und die Rettungsma├čnahmen durch. Die Bezirkskatastrophenkommission, die sich unverz├╝glich unter Leitung des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, Kurt Ranke, zum Unfallort begab, leitete und koordinierte die umfassenden Rettungs- und Bergungsarbeiten.

Innerhalb k├╝rzester Frist waren die Verletzten in Krankenh├Ąusern untergebracht.

Infolge der schlagartigen Ausbreitung der Br├Ąnde und der extrem starken Hitze gelang es trotz massierten Einsatzes aller zur Verf├╝gung stehenden Kr├Ąfte und modernster L├Âschmittel nicht, alle in den brennenden Doppelstockwagen befindlichen Reisenden zu retten.
In den Wagen entwickelte sich eine solche Hitze, dass Glas und Leichtmetall schmolzen.

Im Zug befanden sich etwa 540 Reisende. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen, die nach Abschluss der Bergung der Toten vom Ungl├╝cksort durchgef├╝hrt wurden, haben ergeben, dass 77 Personen, darunter 44 Kinder und der Fahrer des Tanklastzuges, umittelbar bei diesem schweren Ungl├╝ck ihr Leben verloren.

Die Identifizierung der Todesopfer wurde auf Grund der starken Brandfolgen au├čerordentlich erschwert.

Von den 54 Verletzten sind trotz allen ├Ąrztlichen Bem├╝hens vier Schwerstverletzte verstorben. Einige Schwerverletzte befinden sich noch in Lebensgefahr.

Von der Regierungskommission unter Leitung des Ministers des Innern, Friedrich Dickel, wurde in Zusammenarbeit mit der Bezirksleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und dem Rat des Bezirkes mit Unterst├╝tzung der gesellschaftlichen Organisationen alles menschenm├Âgliche getan, um den vom tragischen Verkehrsungl├╝ck Betroffenen und ihren Angeh├Ârigen in diesen schweren Stunden jede nur denkbare Hilfe und Unterst├╝tzung zu geben.

Aus den bisherigen Untersuchungen und den vorliegenden Expertengutachten geht hervor: Das tragische Ungl├╝ck h├Ątte vermieden werden k├Ânnen, wenn der Fahrdienstleiter, der die Schranke zu bedienen hatte, und der Dienstvorsteher ihren Dienstpflichten nachgekommen w├Ąren.

Beide haben in unverantwortlicher Weise verabs├Ąumt, die ihnen bekannten Pflichten zur Aufrechterhaltung der Sicherheit bei St├Ârungen an den Schrankenanlagen vorschriftsm├Ą├čig zu erf├╝llen. Gegen den Fahrdienstleiter und den Dienstvorsteher wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehle erlassen. Ihre Aufgabe w├Ąre es gewesen, schon bei der Feststellung der St├Ârungen an den Schrankenanlagen am 4. Juli 1967 sofort f├╝r deren Beseitigung zu sorgen und die in solchen F├Ąllen zus├Ątzlich vorgesehenen Sicherungsma├čnahmen mit aller Konsequenz zu veranlassen.

Die Untersuchungen und Ermittlungen werden z├╝gig fortgesetzt. Die Regierungskommission und das Ministerium f├╝r Verkehrswesen haben erste Ma├čnahmen eingeleitet, um aus dem Ungl├╝ck Schlussfolgerungen f├╝r die weitere Erh├Âhung der Sicherheit zu ziehen.

Trauerfeier f├╝r Ungl├╝cksopfer am Dienstag

BERLIN (ADN). Wie von der Regierungskommission mitgeteilt wird, findet am Dienstag, dem 11. Juli 1967, 11 Uhr, in Magdeburg eine Trauerfeier zum ehrenden Gedenken an die Opfer des tragischen Verkehrsungl├╝cks in Langenweddingen statt. Aus Anlass der Trauerfeier ordnet der Minister des Innern und Chef der Deutschen Volkspolizei an:

In der Deutschen Demokratischen Republik haben am Dienstag, dem 11. Juli 1967 die Geb├Ąude der zentralen und ├Ârtlichen staatlichen Organe und Institutionen sowie die volkseigenen Betriebe halb-mast zu flaggen. Alle an diesem Tage stattfindenden ├Âffentlichen Veranstaltungen sind der Trauer der Bev├Âlkerung der DDR anzupassen.

Kondolenzschreiben bekunden tiefe Anteilnahme

BERLIN (ADN). Von gro├čer Anteilnahme und Ersch├╝tterung ├╝ber das tragische Verkehrsungl├╝ck bei Langenweddingen zeugen die zahlreichen Beileidsbekundungen, die beim Staatsrat und Ministerrat der DDR, seinen Organen und Institutionen aus dem In- und Ausland eintreffen.

Beileidstelegramme an Organe der DDR-Regierung richteten u. a. die Repr├Ąsentanten der KP und der Regierung Bulgariens, der Vorsitzende des Ministerrats Rum├Ąniens, der Pr├Ąsident Jugoslawiens, der Vorsitzende der Ungarischen Regierung, die Botschafter Bulgariens, Jugoslawiens, der Demokratischen Republik Vietnam. Kubas und Rum├Ąniens in der DDR, der westdeutsche Verkehrsminister Georg Leber und der Pr├Ąsident der Bundesbahn, Prof. Dr. Heinz Maria ├ľftering sowie der Generaldirektor der D├Ąnischen Staatsbahn. P N. Skov.


In tiefer Trauer nahm unsere Republik Abschied von teuren Toten

aus "Freie Presse" vom 12. Juli 1967

Walter Ulbricht und Willi Stoph ├╝bermittelten telegrafisch Beileid

Zentralbild Koard 11.7.1967 Magdeburg: Abschied von den Opfern des Verkehrsungl├╝ckes bei Langenweddingen Die Bev├Âlkerung der DDR nahm mit einer Trauerfeier auf dem Magdeburger Westfriedhof am 11.7.1967 von den Opfern des tragischen Verkehrsungl├╝ckes Abschied. Hinter den Angeh├Ârigen der NVA mit den Kr├Ąnzen schritten die Mitglieder der Delegation des Zentralkomitees der SED und des Ministerrates der DDR. In der ersten Reihe v.l.n.r.: Dr. Erwin Kramer, Max Sefrin, Alois Pisnik, Wolfgang Rauchfu├č, Dr. Kurt W├╝nsche und Friedrich Dickel (halbverdeckt).

Zentralbild Koard 11.7.1967 Magdeburg: Abschied von den Opfern des tragischen Verkehrsungl├╝ckes bei Langenweddingen Schwarzumflorte Fahnen senkten sich auf dem Magdeburger Westfriedhof w├Ąhrend der ergreifenden Trauerfeier am 11.7.1967 vor den S├Ąrgen der auf so schreckliche Weise ums Leben gekommenen Menschen.

MAGDEBURG (ADN). Mit, einer Trauerfeier am Dienstagvormittag auf dem Magdeburger Westfriedhof nahm die Bev├Âlkerung der DDR Abschied von den Opfern des tragischen Verkehrsungl├╝cks in Langenweddingen. Neben den Angeh├Ârigen hatten sich Repr├Ąsentanten der Partei der Arbeiterklasse und der Regierung, der anderen Parteien des demokratischen Blocks, der gesellschaftlichen Organisationen und der ├Ârtlichen Staatsorgane sowie viele tausend B├╝rger der Elbestadt versammelt.

Dem Trauerzug vorangetragen wurden die Kr├Ąnze des Vorsitzenden des Staatsrates, des Zentralkomitees der SED, des Ministerrats der Volkskammer, des Nationalrates der Nationalen Front, der SED-Bezirksleitung Magdeburg und des Rates des Bezirkes Magdeburg.

Der Delegation des Zentralkomitees der SED und des Ministerrates der DDR, die an den Trauerfeierlichkeiten teilnahm, geh├Ârten an: die Mitglieder des ZK der SED Wolfgang Rauchfu├č, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates, Friedrich Dickel, Minister des Innern und Vor-sitzender der Regierungskommission, Dr. Erwin Kramer, Minister f├╝r Verkehrswesen, Alois Pisnik, 1. Sekret├Ąr der Bezirksleitung Magdeburg der SED, der Kandidat des ZK der SED, Wolfgang Junker, Minister f├╝r Bauwesen, die Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates Max Sefrin und Dr. Kurt W├╝nsche. Minister Hans Reichelt, die stellvertretenden Minister Prof. Dr. Ludwig Mecklinger und Elfriede Wagner sowie der Vorsitzende des Rates des Bezirkes Magdeburg, Kurt Ranke. An der Trauerfeier nahmen ferner Delegationen des Zentralrates der FDJ und des Bundesvorstandes des FDGB sowie hohe Offiziere sowjetischer Streitkr├Ąfte teil.

Die letzte Ruhest├Ątte der Opfer des tragischen Verkehrsungl├╝cks von Langenweddingen liegt im Herzen des parkartiger Magdeburger Friedhofs, umrahmt von Trauerweiden, Tannen und Lebensb├Ąumen.

Die Trauerfeier wurde mit der Sinfonie Nr. 3 Es-Dur Eroica von Beethoven eingeleitet. Zur gleichen Zeit t├Ânten ged├Ąmpft die Sirenen der Magdeburger Betriebe her├╝ber, davon k├╝ndend, dass in dieser Minute des Gedenkens die Gro├čstadt ihren Atem verhielt. Der Verkehr ruhte.

In den Werkhallen standen die Maschinen still, die Einwohner, wandten schmerzerf├╝llt ihre Herzen der St├Ątte der Trauer zu. Die Traueransprache hielt der Minister des Innern, Friedrich Dickel. Nachdem Minister Dickel seine Traueransprache beendet hatte, schritt er die Reihe der S├Ąrge ab verneigte sich vor den Toten und ihren Angeh├Ârigen in einer Minute schweigenden Gedenkens.

Nach den Kl├Ąngen der Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik zog eine Fahnenabordnung der Nationalen Volksarmee vor den S├Ąrgen auf. Die schwarzumflorten Fahnen senkten sich. Die Repr├Ąsentanten der Republik mit Minister Dickel an der Spitze, defilierten gemessenen Schrittes an den blumengeschm├╝ckten S├Ąrgen vorbei, verhielten in der Mitte dieser Reihe und gr├╝├čten gesenkten Hauptes zum letzten Mal die Opfer des tragischen Ungl├╝cks.

BERLIN (ADN). Der Erste Sekret├Ąr des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Walter Ulbricht, ├╝bermittelte telegrafisch zugleich im Namen des Zentralkomitees der SED und des Staatsrates den Hinterbliebenen und den Angeh├Ârigen der Opfer des schweren Verkehrsungl├╝cks in Langenweddingen die tiefempfundene Anteilnahme.

Auch der Vorsitzende des Ministerrates der DDR, Willi Stoph, hat den von dem schweren Ungl├╝ck betroffenen Familien und allen Angeh├Ârigen der bei Langenweddingen t├Âdlich Verungl├╝ckten im Namen des Ministerrates telegrafisch das aufrichtige Beileid ├╝bermittelt. Willi Stoph gibt in den Telegrammen der tiefen Ersch├╝tterung Ausdruck, mit der der Ministerrat die Nachricht von dem tragischen Ungl├╝cksfall aufgenommen hat.

MAGDEBURG (ADN). Trotz aller ├Ąrztlichen M├╝hen sind zwei weitere der beim Verkehrsungl├╝ck in Langenweddingen Schwerstverletzten im Krankenhaus verstorben. Damit hat sich die Zahl der Todesopfer auf 83 erh├Âht.

Traueransprache des Ministers des Innern

Friedrich Dicke, Minister des Innern der DDR, hielt auf dem Magdeburger Westfriedhof folgende Traueransprache:

Verehrte trauernde Familienangeh├Ârige!

Werte Trauerg├Ąste!

In tiefer Trauer und schmerzerf├╝llt haben wir uns heute hier zusammen gefunden, um Abschied von der Opfern des tragischen Verkehrsungl├╝cks am Eisenbahn├╝bergang Langenweddingen zu nehmen.

Wir trauern um

  • Lothar Ahlborn, Erika Ahlborn, Heike Ahlborn,
  • Irma Barnbeck, Holger Barnbeck, Dirk Barnbeck,
  • Joachim B├Ąrtl,
  • Volker Bernick,
  • Elke Blam, Gerhard Blam,
  • Peter Br├Ącklein, Frank Br├Ącklein,
  • Robert Bremer, Gertraude Bremer,
  • Silvia Brentrop,
  • Manfred Eilitz,
  • Adelheid Elsner,
  • G├╝nter Engelmann,
  • J├╝rgen Fischer,
  • Angelika F├Ârster, Renate F├Ârster,
  • Waltraud Franke, Hans-Erich Franke, Rosemarie Franke,
  • Udo Friedrich,
  • Herbert Gierke, Reintraut Gierke, Hans-Dieter Gierke,
  • Rosemarie Gl├Ąser,
  • Rosemarie G├Âhrmann,
  • Henry Grahn,
  • Holger Haberland,
  • Christine Hamann, Evelyne Hamann,
  • Helene Hartmann, Dagmar Hartmann,
  • Heidemarie Heine,
  • Ingo Hermes, Otmar Hermes,
  • Wilhelm Hillebrand,
  • Heike H├Âfert,
  • Dorothea Hoffmann,
  • Angelia Huck, Matthias Huck,
  • Sonia Hucke,
  • Willi Kahlmeyeier,
  • Paul Kollwitz,
  • Eva-Maria Lampe,
  • Vera Lamprecht,
  • Otto Lange,
  • Helga Lorenz, Harald Lorenz,
  • Lina L├╝hr,
  • Magrit Matscheroth, Heike Matscheroth,
  • Regina Melchert,
  • Ingo Meyberg,
  • Werner Moritz (Direktor einer Grundschule in Rog├Ątz),
  • Benno Nadolni,
  • Rolf Nardzinski,
  • Erika Pussel,
  • Elke Rawolle,
  • Erich Reinecke,
  • Hermann Salmann,
  • Herta Schulze,
  • Irene Sch├╝tze,
  • Siegfried Schwarze, Ursula Schwarze, Gerd Schwarze,
  • Kurt Sturm, Erika Sturm, Herbert Sturm, Hartmut Sturm,
  • Fritz Tacke-Unterberg,
  • Ronald Tyrakowski,
  • Holger Voigt,
  • Klaus-Peter Wagner,
  • Evelin W├Âhlecke,
  • Rita Woschee, Jean Woschee,
  • Rainer Zeller, Ina Zeller,
  • Heidi Zornack.

Tief ersch├╝ttert stehen wir gesenkten Hauptes voller Gram an der Bahre der teuren Toten, die auf so tragische Weise und v├Âllig unerwartet aus unserer Mitte gerissen wurden. Wir tragen gemeinsam mit Ihnen, den Hinterbliebenen, an dem unsagbar schweren Verlust, der sie betroffen hat, und versichern Sie unserer aus tiefstem Herzen kommenden Anteilnahme. Es erf├╝llt uns mit besonders gro├čem Schmerz, dass sich unter den Opfern des Ungl├╝cks so viele Kinder befinden.

Wie viele Hoffnungen und Erwartungen verbanden sich mit dem jungen Leben. Voller Lebensfreude fuhren sie [n die Ferien, um Kraft f├╝r das neue Schuljahr zu sch├Âpfen. Der Tod hat diesem aufbl├╝henden Leben ein so j├Ąhes und grausames Ende gesetzt. in tiefer Ergriffenheit nehmen nicht nur die Eltern, Geschwister und Verwandte, sondern auch die Mitsch├╝ler von ihren Schulgef├Ąhrten und Freunden Abschied. Sie werden ihnen ein bleibendes Gedenken bewahren.

Ich habe die schmerzliche Pflicht, Ihnen, den Familienangeh├Ârigen1 im Namen des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und seines Ersten Sekret├Ąrs und Vorsitzenden des Staatsrates, Genossen Walter Ulbricht, sowie des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik und seines Vorsitzenden, Genossen Willi Stoph, das tiefempfundene Beileid und die aufrichtige Anteilnahme auszusprechen. Die tiefe Anteilnahme aller B├╝rger der Deutschen Demo-kratischen Republik, die seit Bekanntwerden des tragischen Verkehrsungl├╝cks sich in so vielf├Ąltiger Weise offenbart, gibt Ihnen die Gewissheit, dass mit Ihnen all unsere Menschen f├╝hlen und empfinden. Angesichts des gro├čen menschlichen Leides, des Grams und des Schmerzes verneigen wir uns tiefbewegt vor Ihnen.

Aus vielen Beileidsbezeugungen zentraler und ├Ârtlicher Partei- und Staatsorgane sowie gesellschaftlicher Organisationen, Institutionen und Einrichtungen, von B├╝rgern der verschiedensten Schichten der Bev├Âlkerung spricht echtes Mitgef├╝hl und die Bereitschaft, das gro├če Leid mit Ihnen gemeinsam tragen zu wollen. Auch hierin ├Ąu├čert sich die Gr├Â├če und der Humanismus unserer sozialistischen Menschengemeinschaft, die Sie in ihrer Trauer um Ihre lieben Angeh├Ârigen nicht allein l├Ąsst. In dieser schweren Stunde verm├Âgen Worte nicht das auszudr├╝cken, was uns bewegt. Worte k├Ânnen nur wenig ├╝ber das Leid und den Schmerz, ├╝ber den unsagbaren schweren Verlust, der Sie betroffen hat, hinweghelfen. In den f├╝r Sie so schicksalsschweren Tagen haben Sie die t├Ątige Anteilnahme und F├╝rsorge unseres sozialistischen Staates versp├╝rt. M├Âgen Sie versichert sein, dass auch weiterhin alles menschenm├Âgliche getan wird, um zu helfen, Ihr Leid und ihren Schmerz zu lindern.

In diesem Sinne ist die heutige Trauer, ist das Setzen der Fahnen auf Halbmast Ausdruck des innigen Mitgef├╝hls der gesamten Bev├Âlkerung unserer Republik. Wir erweisen heute unseren teuren Toten den letzten Gru├č. Die in allen betroffenen Familien so grausam gerissene L├╝cke ist nicht zu schlie├čen. Ersch├╝ttert nehmen wir Abschied von den Kindern, den Geschwistern, den M├Ąnnern und Frauen. Ich wende mich an euch, die ihr auf so tragische Weise und so unerwartet aus den Familien, aus den Kollektiven in Betrieben und Schulen, aus unserer Gemeinschaft herausgerissen wurdet. Habt Dank f├╝r die Liebe und das Gl├╝ck, das ihr euren Eltern und Geschwistern entgegengebracht habt. Habt Dank f├╝r die M├╝hen und Sorgen, die ihr euch um eure Lieben gemacht habt. Habt Dank f├╝r euer Mitschaffen am Werk der sozialistischen Gemeinsamkeit. Wir werden eurer stets gedenken.

Liebe trauernde Familienangeh├Ârige!

Verehrte Trauerg├Ąste!

Das Verkehrsungl├╝ck von Langenweddingen geh├Ârt zu den tragischsten und an Opfern gr├Â├čten seiner Art in der Geschichte unseres Staates. Dank des selbstlosen Einsatzes von Mitreisenden, von Einwohnern aus Langenweddingen, Angeh├Ârigen der Deutschen Volkspolizei, der Feuerwehr, der Nationalen Volksarmee und Mitarbeitern der Deutschen Reichsbahn, konnte eine Ausweitung dieser entsetzlichen Katastrophe verhindert werden.

Die Bev├Âlkerung des Bezirkes Magdeburg hat in diesen Tagen Bewundernswertes an Opferbereitschaft, Tatkraft und Hilfsbereitschaft gezeigt.

Um so schmerzlicher ist es, dass dennoch so viele Opfer zu beklagen sind. Noch immer ist es uns unfassbar, dass ein Ungl├╝ck mit solch einem Ausma├č ├╝ber uns gekommen ist. Dank sei allen denjenigen gesagt, die durch allergr├Â├čte Anstrengungen, hohes Pflichtgef├╝hl und Verantwortungsbewusstsein in unerm├╝dlichem Einsatz, zum Teil unter Lebensgefahr, alles taten, um die Verungl├╝ckten aus den brennenden Tr├╝mmern zu bergen und so hohe menschliche Qualit├Ąten bewiesen.

Besondere Anerkennung verdient die hohe Einsatzbereitschaft unserer Ärzte, Schwestern, Pfleger und vieler Mitglieder des Deutschen Roten Kreuzes, die Tag und Nacht Hervorragendes leisteten und leisten, um den Verletzten zu helfen.

Dank gilt der Bezirksleitung der SED, den staatlichen Organen und gesellschaftlichen Organisationen des Bezirkes sowie der Bezirkskatastrophenkommission, deren umsichtige und verantwortungsvolle T├Ątigkeit bestimmend daf├╝r war, dass eine schnelle und wirksame Hilfe geleistet werden konnte.
Wir sind zutiefst beeindruckt von den Frauen, M├Ąnnern und Jugendlichen, den vielen Helfern und Betreuern, von allen, die in diesen Tagen angesichts des tragischen Ungl├╝cks ihre menschliche Pflicht vorbildlich erf├╝llten.

Im Namen des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik danke ich allen Regierungen Organisationen und Pers├Ânlichkeiten sozialistischer und anderer Staaten, die ihre Anteilnahme ┬éund ihr Beileid in Briefen und Telegrammen zum Ausdruck gebracht haben.

Verehrte Angeh├Ârige!

Ein schwerer Verlust, ein gro├čes Ungl├╝ck hat Sie betroffen. Es verdient unser aller Bewunderung, mit welcher Kraft Sie das unsagbare Leid ertragen Der Schmerz wird uns noch enger verbinden. Aus der Gemeinsamkeit erw├Ąchst die Kraft, die das Leid ├╝berwinden hilft.

Es liegt wohl auch im Sinne der teuren Toten, dass wir, wenn auch schmerzgebeugt, den Blick vorw├Ąrts richten und uns dem Leben zuwenden.

M├Âge Ihnen, liebe trauernde Hinterbliebenen, unsere Gemeinsamkeit, unsere aus tiefstem Herzen kommende Anteilnahme und F├╝rsorge in diesen f├╝r Sie so schweren Stunden Trost, Kraft und Zuversicht verleihen.

Knapp 100 Menschen gestorben Ungl├╝ck in Langenweddingen 1967: Ein ├ťberlebender berichtet vom gr├Â├čen DDR-Bahnungl├╝ck

Von Simon Ribnitzky 30.06.2017, 08:48

Archivbild Langenweddingen - 50 Jahre hat es gedauert, bis Hans-G├╝nter Bodewell an den Ort der Katastrophe zur├╝ckkommt. Nachdenklich blickt der 67-J├Ąhrige den grasbewachsenen Bahnsteig entlang. "Hier muss es gewesen sein", sagt Bodewell, an diesem Sommertag mit wei├čer Hose, hellem Hemd und Strohhut bekleidet. Hier auf den letzten Metern des Bahnsteigs in Langenweddingen bei Magdeburg landet der 17-j├Ąhrige Bodewell am 6. Juli 1967 nach seinem Sprung aus dem bereits brennenden Zug. "Mein Leben war mir so wichtig, dass ich nicht mal wusste, wohin ich springe - Hauptsache raus." Bahnungl├╝ck am 6. Juli 1967: 94 Menschen sterben in einem Feuerinferno

Vor 50 Jahren sprang der damals 17-j├Ąhrige Hans G├╝nter Bodewell aus dem bereits brennenden Zug.
Foto: Peter Gercke/dpa-

Ein Tanklaster hat den Zug gerammt. 94 Menschen sterben in einem Feuerinferno, darunter viele Kinder. Es ist das gr├Â├čte Zugungl├╝ck der DDR, eine der schlimmsten Katastrophen der deutschen Eisenbahngeschichte. Bodewell ├╝berlebt, weil er schnell reagiert und sofort handelt.

Es sollte ein herrlicher Tag werden, jener 6. Juli 1967. Die Sonne strahlt vom makellos blauen Himmel, im Land herrscht Ferienstimmung. Gegen 8.00 Uhr macht sich der Personenzug P 852 vom Magdeburger Hauptbahnhof auf den Weg in den Harz, die Doppelstockwagen sind mit rund 500 Reisenden voll besetzt, hunderte l├Ąrmender Kinder freuen sich auf ausgelassene Tage im Ferienlager. Mit relativ hoher Geschwindigkeit braust der Zug auf den Bahnhof Langenweddingen zu, ein Halt ist hier nicht geplant. Zur gleichen Zeit steht ein Tanklaster am Bahn├╝bergang direkt neben dem Bahnhof. Eine der vier Halbschranken l├Ąsst sich nicht richtig schlie├čen, und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

15.000 Liter Leichtbenzin entz├╝nden sich und verwandeln mehrere Waggons in ein Feuermeer

Die Schranke, so rekonstruieren es die Ermittler sp├Ąter, verf├Ąngt sich in einem Telefonkabel, das schon l├Ąnger quer ├╝ber dem Bahn├╝bergang h├Ąngt und sich wegen der Hitze verformt hat. Als der Schrankenw├Ąrter die Schranken nochmals hochzieht, um das Kabel zu l├Âsen, setzt der Lasterfahrer seinen Tankwagen in dem Glauben in Bewegung, der ├ťbergang sei freigegeben. Die Lok des Zuges, der trotz der Probleme am ├ťbergang kein Stopp-Signal erh├Ąlt, kracht in den Laster. 15.000 Liter Leichtbenzin entz├╝nden sich und verwandeln mehrere Waggons und angrenzende Geb├Ąude in ein Feuermeer.

Der Zug kommt im Bahnhof zum Stehen, aus den brennenden Waggons dringt das verzweifelte Schreien der Menschen, von denen es vielen nicht gelingt, sich ins Freie zu retten. Auch der Lasterfahrer stirbt. Der Schrankenw├Ąrter und der damalige Bahnhofsvorsteher werden sp├Ąter zu Haftstrafen von je f├╝nf Jahren verurteilt.

Hans-G├╝nter Bodewell: "Raus hier, so schnell wie m├Âglich" Hans G├╝nter Bodewell (67) sitzt auf dem Bahnhof in Langenweddingen, wo er 1967 mit dem Leben davon kam

Hans-G├╝nter Bodewell reagiert sofort. "Raus hier, so schnell wie m├Âglich", beschreibt er 50 Jahre sp├Ąter seine Gedanken. "Da denkt man ├╝berhaupt nicht nach." Viele andere bewegen sich nicht. "Die waren geschockt. Heute verstehe ich das, damals fand ich es unverst├Ąndlich."

Bodewell, bereits drau├čen auf dem Bahnsteig, h├Ârt die verzweifelten Schreie der Menschen im Zug. "Die T├╝r zum ersten Waggon stand ein St├╝ckchen offen", erinnert er sich. Der 17-j├Ąhrige Sch├╝ler rennt hin, rei├čt die T├╝r auf, Hitze schl├Ągt ihm entgegen, fast 1000 Grad. Es gelingt ihm, eine Mutter und ihr Kleinkind ins Freie zu ziehen. "Das Kind stand voll in Flammen." Bodewell rei├čt sich das Hemd vom Leib, wickelt das Kind damit ein und erstickt so die Flammen.

F├╝r seinen Einsatz bekommt Bodewell sp├Ąter die Lebensrettungsmedaille der DDR. ├ťberreicht wird sie bei einem Festbankett f├╝r die Helfer. "Das empfand ich damals als ganz schlimm", erz├Ąhlt er. "Da haben sich Leute feiern lassen, die mit der Rettungsaktion gar nichts zu tun hatten." Auch diese Erfahrung ist ein Grund, warum der Musiker nach dem Ungl├╝ck m├Âglichst wenig mit der Sache zu tun haben will. Und dennoch zeigt die Katastrophe auch bei ihm Folgen. "Ich bin mindestens ein halbes Jahr lang nicht mehr Zug gefahren."

Heute sind die Fenster des einst├Âckigen Bahnhofsgeb├Ąudes mit Brettern vernagelt und mit Graffiti beschmiert. Die Dachrinne rostet vor sich hin, aus dem Schornstein w├Ąchst ein kleiner Baum. Nur noch alle zwei Stunden h├Ąlt ein Zug auf dem Weg nach Magdeburg oder von dort in Richtung Harz. Auf dem Bahnsteig erinnert nichts an das Ungl├╝ck, das sich hier abgespielt hat. Vorne am Bahn├╝bergang ist vor ein paar Jahren ein Gedenkstein aufgestellt worden. "Da h├Ątte ich mir schon ein bisschen mehr gew├╝nscht", sagt Bodewell. "Nicht mal den genauen Tag, nur die Jahreszahl haben sie draufgeschrieben." Bodewell wird jener 6. Juli f├╝r immer im Ged├Ąchtnis bleiben. (dpa)


Quelle: Mitteldeutsche Zeitung

"Es war schlimm genug" Wie ein Trauma lag das schwerste Zugungl├╝ck der DDR drei├čig Jahre ├╝ber dem Dorf Langenweddingen. Jetzt ermutigt ein Pfarrerehepaar die Leute zum Reden. Mit den Erinnerungen kehren die Gef├╝hle zur├╝ck.

Von Jens R├╝bsam
vom 15. 7. 1997

Die Fenster vom "Wei├čen Schwan" sind weit aufgerissen. Die Bee Gees kreischen aus der Dorfkneipe hinaus in die laue Julinacht. Eine kleine Gruppe Menschen geht vorbei. Einer tr├Ągt einen Korb, ein anderer einen Eimer mit Blumen. Mittendrin Christina und Eberhard Vater, das Langenweddinger Pfarrerehepaar.

Ein Auto brettert ├╝ber das Kopfsteinpflaster. Techno hallt nach. Hunde bellen. Die Sparkasse ist hell erleuchtet. Der kleine Menschenzug zieht schweigend weiter. Die Halberst├Ądter Stra├če entlang, hinaus zum Langenweddinger Bahnhof. Der letzte Zug aus Richtung Magdeburg f├Ąhrt ein. Es ist Viertel nach elf. Wenig sp├Ąter knipst eine Frau im Stellwerk das Licht aus. Schlie├čt die T├╝r ab. Steigt in ihr Auto und f├Ąhrt weg.

Christina Vater legt Blumen vor das holzverbretterte Bahnhofsgeb├Ąude. Ihr Mann gie├čt Wasser in ein Gurkenglas und stellt einen Margeritenstrau├č hinein. Jemand z├╝ndet Kerzen an. Dann schweigen alle. Und dann singen sie "Im Dunkel unserer Nacht entz├╝nde das Feuer, das nie mehr verl├Âscht". Anschlie├čend sagt Pfarrer Vater: "Ich hoffe, dass hier viele Menschen vorbeikommen und sich erinnern."

Bahnhof Langenweddingen, vor drei├čig Jahren, am 6. Juli 1967.
Um 7.51 Uhr wird Fahrdienstleiter Robert Benke der Personenzug 852 Magdeburg-Thale angemeldet. Ein Sonderzug mit 540 Reisenden, darunter ├╝ber 50 M├Ądchen und Jungen, deren Eltern im Baustoffwerk Magdeburg arbeiten. Die Reise soll in den Harz gehen, ins Betriebsferienlager. Um 7.57 Uhr sieht der 63j├Ąhrige Fahrdienstleiter die Rauchfahne der Lok. Es ist an der Zeit, die Schranken herunterzukurbeln. Noch 63 Sekunden. Mit der linken Hand kurbelt Benke das n├Ârdliche, mit der rechten Hand das s├╝dliche Schrankenpaar herunter. Der Schrankenbaum der S├╝dost-Schranke verf├Ąngt sich in der Fernsprechleitung, die quer ├╝ber den Bahn├╝bergang verl├Ąuft. Durch mehrmaliges Aufundabbewegen versucht Benke, den Schrankenbaum freizubekommen. Noch ist der P852 200 Meter vom Bahn├╝bergang entfernt. Er n├Ąhert sich mit 85 Stundenkilometern.

Auf der F 81 f├Ąhrt Fritz Tacke- Unterberg mit seinem Minol- Tanklaster auf den Bahn├╝bergang zu. Die halbgeschlossene Schranke, vermutete man sp├Ąter, muss er als Aufforderung verstanden haben, noch schnell durchzufahren.

Die Lok prallt auf das F├╝hrerhaus des Tanklastzuges. Der Tanklastzug wird einige Meter mitgeschleift. 15.000 Liter Leichtbenzin explodieren. Das brennende Benzin quillt in die ersten beiden Doppelstockwaggons. Die Flammen greifen ├╝ber auf das Bahnhofsgeb├Ąude. Drei weitere Wagen geraten in Brand. 77 Menschen verbrennen, 44 sind Kinder. An den Folgen sterben weitere 17 Menschen: das schwerste Zugungl├╝ck der DDR.

Es gibt keine Gedenktafel, keinen Hinweis, nichts

Westfriedhof Magdeburg

Das Zentralkomitee der SED spricht den Familienangeh├Ârigen sein "tiefempfundenes Mitleid" aus. Das Neue Deutschland titelt "Die Verletzten des schweren Verkehrsungl├╝cks erhalten jegliche F├╝rsorge". Ein Beileidstelegramm von Tito, eins von Leber, dem westdeutschen Verkehrsminister, eins vom Papst. F├╝r den 11. Juli 1967, den Tag der Beerdigung, wird im Bezirk Magdeburg Volkstrauer angeordnet. Die Geb├Ąude der staatlichen Organe und die Volkseigenen Betriebe flaggen Halbmast.

Um 11 Uhr verharren Passanten schweigend auf den Stra├čen, Autofahrer halten an. Der Rundfunk ├╝bertr├Ągt die Trauerfeier vom Magdeburger Westfriedhof. Das ND schreibt: "Die bisherigen Untersuchungen haben ergeben, dass die unmittelbaren Ursachen des Zusammensto├čes vor allem in Pflichtverletzungen von Mitarbeitern des Bahnhofs Langenweddingen zu suchen sind.

Seit dem 4. Juli 1967 wurde das Schlie├čen der Schranken durch zu tief h├Ąngende Fernsprechleitungen der Deutschen Post wiederholt behindert. Entgegen den Dienstvorschriften der Reichsbahn haben die Verantwortlichen die M├Ąngel weder im Pr├╝fungsbuch f├╝r Schrankenanlagen eingetragen noch der zust├Ąndigen Signal- und Fernmeldemeisterei gemeldet." Die Schuldigen sind gefunden.

Haftbefehle werden erlassen. Die Angeh├Ârigen der Opfer bekommen eine kostenlose Beerdigung, einen Grabstein und eine kleine Entsch├Ądigung, ein paar hundert Mark. Manche bekommen noch einen Kuraufenthalt. Dann wird nicht mehr gesprochen ├╝ber das Zugungl├╝ck.

Auch die Langenweddinger tun es nicht. "Es war schlimm genug", sagen sie immer wieder. Hans-Georg Gerlach, damals zwanzig und Brandschutzhelfer, hat mitgeholfen an der Ungl├╝cksstelle, wie viele Langenweddinger. Hat verbrannte H├Ąnde angefasst und dann Fingerkuppen und N├Ągel in den eigenen gehalten. Helmut Bartels war einer der ersten am Bahnhof, f├╝nf Minuten danach. Hat verbranntes Fleisch gerochen, hat die Kinder gesehen. Und eine Frau, die brennend aus dem Zug sprang. Hat Fritz Tacke-Unterberg, den Tanklastfahrer, gekannt. Den alten Mann, der bald in den Ruhestand gegangen w├Ąre. Lange hat Helmut Bartels nicht dar├╝ber geredet. Erst jetzt redet er, wo es diese Ausstellung in der Sparkasse gibt, initiiert vom Pfarrerehepaar Vater.

"Langenweddingen hat lange getrauert", sagt Inge Fricke mit Bestimmtheit und erinnert sich an jenen 6. Juli 1967. An die schwarzen Wolken ├╝berm Dorf und daran, dass sie dachte, es regne. Und wie sie mit ihrer Tochter ins Haus zur├╝ckging, um einen Regenschirm f├╝r den Weg zum Kindergarten zu holen. Aber noch einmal dar├╝ber sprechen? "Die Pioniere sind ja jedes Jahr im Juli auf den Magdeburger Friedhof gefahren." Simone Hagen steht mit ihren Sch├╝lern vor der Ausstellung. "Die Kinder wissen nichts ├╝ber das Ungl├╝ck. Es gibt ja keine Erinnerung im Ort." Viele ├Ąltere Langenweddinger w├╝rden das, was geschehen ist, lieber f├╝r sich behalten, als offen dar├╝ber zu sprechen.

Wie ein schwarzer Fleck liegt das Zugungl├╝ck ├╝ber Langenweddingen. Wenn die Leute woanders gefragt werden, wo sie herkommen, sagen sie: "Wir kommen aus Magdeburg." Oder h├Âchstens mal: "Wir kommen aus der N├Ąhe von Magdeburg." Nur nicht erinnert werden an diesen Tag!

Es gibt keine Gedenktafel im Ort, keinen Hinweis am Bahnhof, nichts. Karl- Heinz Daehre, Langenweddinger und CDU-Vorsitzender von Sachsen-Anhalt, wei├č um die g├Ąngigen Erkl├Ąrungen: "Ich k├Ânnte sagen, das hing mit den Verh├Ąltnissen zusammen. F├╝r den Staat war es nicht interessant, dieses Ungl├╝cks zu gedenken." In Langenweddingen erz├Ąhlte man sich lange, die zu tief h├Ąngende Telefonleitung ├╝ber dem Bahn├╝bergang sei von den "Freunden" installiert worden. Die Russen f├╝r das Ungl├╝ck verantwortlich machen?

Juli 1997, drei├čig Jahre nach dem Ungl├╝ck. Das Ehepaar Vater hat sich eingerichtet im Pfarrhaus am Kirchtor 25. Den Garten hinterm Pfarrhaus wieder hergerichtet. Einen Teich angelegt. Angefangen, die Kirche zu sanieren. Die Scheune als offenes Haus der Dorfjugend zur Verf├╝gung gestellt. Man kann nicht nur ├╝ber die Jugend schimpfen, man mu├č auf sie zugehen, haben sich die Vaters gesagt. Freilich, der R├╝ckschlag kam im M├Ąrz. Die Scheune brannte ab. Brandstiftung.

Seit dreieinhalb Jahren sind die Vaters jetzt in Langenweddingen, "und langsam", sagt Christina Vater, "f├Ąngt die Mauer an zu br├Âckeln zwischen Kirchgemeinde und Dorfbewohnern". Die Leute kommen wieder in die Kirche. Manche nutzen wieder den Weg ├╝ber das Kirchengel├Ąnde als Abk├╝rzung ins Dorf. Und manche machen wieder einen Spaziergang hier. Viele Jahre war das anders. Warum? Dar├╝ber l├Ąsst sich spekulieren. An jenem 6. Juli 1967 war der Pfarrer Raschke im Urlaub - und kam nicht zur├╝ck. Der damalige Superintendent von Wanzleben, Gerhard B├Ąumer, sagt heute: "Ein Pfarrer w├Ąre es seiner Gemeinde schuldig gewesen, zu kommen." Und: "Es bleibt dabei, wir haben Sachen, die wir h├Ątten machen m├╝ssen, nicht gemacht." Eine Andacht am Abend nach dem Ungl├╝ck - das war's, was die evangelische Kirchgemeinde leistete.

1993, als f├╝r Christina und Eberhard Vater feststand, dass sie dem Ruf nach Langenweddingen folgen w├╝rden, war ihnen klar: "Wir werden mit dem Zugungl├╝ck leben m├╝ssen." Und als sie in Langenweddingen angekommen waren, wurde ihnen deutlich, was trotz staatlicher Hilfe vers├Ąumt wurde: die psychologische Betreuung der Opfer und der Helfer. "Was Menschen in sich verschlie├čen, verh├Ąrtet sich nur", sagt Christina Vater. "Sie m├╝ssen reden, ihre Gef├╝hle nicht abschotten."

Lange hat ihn keiner mehr nach den S├Âhnen gefragt

Jetzt reden die Langenweddinger. Herr Bartels. Und Frau Fricke. Frau Hagen. Und ihre Sch├╝ler. Sie stehen in der Sparkasse vor den Tafeln, auf denen das Zugungl├╝ck dokumentiert ist. Herr Bartels erz├Ąhlt, da├č er Gl├╝ck gehabt habe. W├Ąre er f├╝nf Minuten fr├╝her mit seinem Trecker losgefahren, dann... Frau Fricke erz├Ąhlt von ihrem Bruder im Westen, der mehr wissen wollte ├╝ber das Ungl├╝ck. Philipp Kahler aus der 6b erz├Ąhlt von seinem Opa, der jetzt, da auch die Zeitung ├╝ber das Ungl├╝ck schrieb, zum ersten Mal von damals erz├Ąhlt habe. Christina Vater steht abseits der Stellw├Ąnde und h├Ârt zu. Freut sich, etwas angeschoben zu haben - zun├Ąchst gegen den Gemeindekirchenrat, der ihr davon abgeraten hatte.

Hannelore und Lothar Hermes sitzen in der Langenweddinger Kirche und h├Âren das eigens komponierte Requiem. H├Âren die letzten Worte des Sprechers: "24 Stunden nach dem tragischen Verkehrsunfall ist nach unerm├╝dlichem Einsatz die Ungl├╝cksstelle wieder passierbar." Sch├╝tteln beim Hinausgehen Pfarrer Vater die Hand. Lothar Hermes hat Tr├Ąnen in den Augen. Lange war er nicht mehr in Langenweddingen. Genauer gesagt: drei├čig Jahre. Jetzt ist er von Schackensleben her├╝bergekommen, eine halbe Stunde mit dem Auto.

Zwei Jungen, Ingo und Otmar, haben die Hermes am 6. Juli 1967 verloren. Und eigentlich sollten auch der ├Ąlteste Sohn Klaus und Edgar, der j├╝ngste, mit ins Ferienlager fahren. Nur weil Klaus mit der Schule auf Jugendweihefahrt wollte, meldete Lothar Hermes Klaus und Edgar um - f├╝r den zweiten Durchgang. Sie sind nicht mehr gefahren.

Lothar Hermes sitzt in seinem Wohnzimmer und starrt an die Wand. Lange hat ihn keiner mehr nach Ingo und Otmar gefragt. Ja, das Leben habe damals weitergehen m├╝ssen. Schon der anderen S├Âhne wegen. Der j├╝ngste, Udo, kam am 9. August 1967, einen Monat nach dem Ungl├╝ck, zur Welt. Lothar Hermes steht auf und nimmt ein Bild von der Wand, wischt den Staub mit dem Handr├╝cken beiseite und zeigt auf seine Jungen: links Ingo, in der Mitte Otmar, und Edgar ist auch noch drauf. "Ja, es musste weitergehen." Man habe sich geholfen im Betrieb. Viele seien ja betroffen gewesen. Die Eltern bekamen ein paar Tage frei. Der Werkstattleiter f├╝hrte Gespr├Ąche. Der Mann von der Versicherung war der einzige, der noch Jahre sp├Ąter regelm├Ą├čig bei den Hermes vorbeischaute. "Unter den Kollegen im Baustoffwerk hat man wenig dar├╝ber geredet", sagt Lothar Hermes. Klar, anfangs sei nat├╝rlich eine traurige Stimmung dagewesen. Dann sei die Arbeit weitergegangen, normal. Irgendwann habe er den Betrieb gewechselt.

Tr├Ąnen. "Meine Mutter hat die Jungs damals an den Zug gebracht. Und sie in den ersten Wagen gesetzt", sagt Lothar Hermes. Dann, gegen 9 Uhr, sei eine Betriebsversammlung einberufen und den Eltern mitgeteilt worden, was in Langenweddingen passiert ist. Jeder habe gehofft. Aber im ersten Wagen! "Die Jungs hatten keine Chance." Sp├Ąt am Abend wurden seine Frau und er ins Krematorium auf dem Magdeburger Westfriedhof bestellt. Sachen lagen aufgereiht. Fetzen von Taschen. Schnallen von Schuhen "Ich habe die Kofferschl├╝ssel meiner Jungs erkannt." Zwei gleiche, jeder mit einem Herzen drin. "Und dann habe ich noch die Turnhosen wiedererkannt." Die von der Westverwandtschaft. Da wusste er, seine Jungs waren dabei. Was im Sarg drin ist, das wissen die Hermes nicht. Es sei ihnen nicht erlaubt worden reinzuschauen. Nur einer, der den Sarg getragen habe, habe sp├Ąter zu ihnen gesagt: "Ein Geruch war da."

Die Hermes wollten nicht, dass die S├Âhne auf dem Magdeburger Westfriedhof beerdigt werden. So gab es drei Tage sp├Ąter, am 14. Juli 1967, in Schackensleben noch einmal eine Trauerfeier. Und nun diese Gedenkfeier, die erste nach drei├čig Jahren. "Den Vaters ist zu danken, dass meine Jungs nicht vergessen werden", sagt Lothar Hermes.

Im "Wei├čen Schwan" wird noch immer getanzt. Aus den Fenstern kreischt DJ Bobo. Der kleine Menschenzug zieht denselben Weg durchs Dorf zur├╝ck. Christina und Eberhard Vater haben sich untergehakt.


Quelle: taz.de


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eigene Anm.: Meine Mutter war Angestellte der Deutschen Reichsbahn. Sie hat diese Ereignisse, obwohl nicht beteiligt, pers├Ânlich stark mitgenommen.
Deshalb wurde etliche Presseerzeugnisse ausgeschnitten und gesammelt. Obige Aufzeichnungen sind aus diesen Artikeln. Ich habe sie im Nachlass noch nach 50 Jahren gefunden. Meine Mutter wollte diese Stelle auch immer mal aufsuchen, hat aber immer wieder gez├Âgert und auf sp├Ąter verschoben.
Am 19.08.2018 hat sich eine Gelegenheit ergeben und ich habe diesen Bahn├╝bergang aufgesucht und einige der obigen Fotos aufgenommen.

Die Namensliste ber├╝hrt einen auch heute noch. Man erkennt, wieviele Familien hier ihre Angeh├Ârigen verloren haben.

Was st├Ârt sind die pathetischen Worte. Es sind eben Politiker und Funktion├Ąre.


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 17.07.2023 - 09:04