zur Erinnerung
Syphilis-Experiment in den USA - Die Folgen eines grausamen Menschenversuchs

15.05.2022, 20:20 Uhr

Das Tuskegee-Experiment gilt als der größte Medizinskandal in der Geschichte der USA. Bis 1972 wurden 399 Menschen mit potenziell tödlicher Syphilis nicht behandelt. Die entscheidende Lehre aus dem staatlich verordneten, qualvollen Sterben hat bis heute nicht an Bedeutung verloren. Dieses Bild aus den 1950er-Jahren zeigt Männer, die an der Syphilis-Studie in Tuskegee teilgenommen haben.
(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Unter Schwarzen in den USA ist die Corona-Impfquote vielerorts geringer als in anderen Bevölkerungsgruppen. Neben einem generellen Misstrauen Regierung und Gesundheitssystem gegenüber soll US-Medienberichten zufolge ein Grund in einem vor 50 Jahren aufgedeckten grausamen Experiment liegen: der sogenannten Tuskegee-Studie. Menschen wurden dabei von Regierungsärzten einem oft furchtbaren Weg in den Tod überlassen. "Die entscheidende Lehre aus der Tuskegee-Studie ist, dass das Gewissen des Forschers viel wichtiger ist als alle Vorschriften der Welt", betont der Intensiv- und Lungenmediziner Martin Tobin im "American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine".

Der wissenschaftliche Wert der Studie war gleich null.
(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Die Tuskegee-Studie des Public Health Service, einer dem US-Gesundheitsministerium unterstehenden Behörde und Vorläufer der heutigen CDC, hatte im Jahr 1932 begonnen. 399 afroamerikanischen, mit Syphilis infizierten Männern aus der Gegend um die Kleinstadt Tuskegee in Alabama wurde absichtlich und ohne ihr Wissen eine wirksame Therapie vorenthalten. 201 nicht infizierte Männer bildeten die Kontrollgruppe. Ziel war es, das Fortschreiten der Krankheit und ihre Spätfolgen zu beobachten. Bei Verstorbenen wurde eine Autopsie gemacht. Wissenschaftlicher Wert der Studie: null. Die grausigen Folgen der Syphilis waren schon seit Jahrhunderten bekannt.

Dutzende der Männer litten und starben an der Krankheit, obwohl sie leicht hätten geheilt werden können. Die Studie wurde erst 1972 beendet, nachdem der junge Sozialarbeiter Peter Buxton Medien über das menschenverachtende Experiment informierte und diese breit berichteten. Zuvor hatte der Mitarbeiter jahrelang vergeblich versucht, bei den Behörden die Einstellung der Studie zu erreichen. Die amerikanische Öffentlichkeit war entsetzt, der Kongress führte Vorschriften zur Durchführung medizinischer Forschung ein. Strafen für die Verantwortlichen gab es nicht.

Infektionen absichtlich herbeigeführt


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Erst im Jahr 2010 sei dann bekannt geworden, dass dieselbe Gruppe von Forschern in den 1940er-Jahren Hunderte Guatemalteken absichtlich mit Syphilis und Gonorrhoe infiziert hatte, um bessere Mittel zur Verhinderung dieser Infektionen zu entwickeln, ergänzt Tobin, Professor an der Loyola University of Chicago in Maywood, in seinem Beitrag. Auch sie erlitten schlimme Qualen, viele starben.

Als die Menschenversuche in der Region Tuskegee begannen, sei Syphilis noch eine der am meisten gefürchteten Krankheiten der Welt gewesen, sagte Tobin. Schätzungen zufolge sei im frühen 20. Jahrhundert einer von zehn Amerikanern erkrankt. Es handelt sich um eine chronisch verlaufende, sexuell übertragbare Erkrankung, verursacht vom Bakterium Treponema pallidum. Unbehandelt können Haut und Organe massiv befallen werden, es bilden sich Ausschläge, Knoten und Geschwüre. Im Endstadium kommt es zur Zerstörung des zentralen Nervensystems - mit furchtbaren Auswirkungen für die Betroffenen wie Lähmungen, Schmerzanfällen, Erblindung und fortschreitendem Verlust des Verstandes, die auch eine immense Last für betreuende Angehörige bedeuteten.

Angesteckte Frauen, tote Babys

Seit den 1920er-Jahren gab es Tobin zufolge Behandlungsmöglichkeiten, die den Männern aus der Tuskegee-Studie - zumeist arme, in sklavereiähnlichen Zuständen lebende Landarbeiter - aber jahrzehntelang vorenthalten wurden. Frauen wurden angesteckt, die wiederum tote oder infizierte Babys zur Welt brachten. Den beteiligten Forschenden war das unsägliche Leid bewusst, sie nahmen es in Kauf.


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Als Arzt, der selbst seit mehr als 45 Jahren Forschung an Patienten betreibe, frage er sich, wie sich Ärzte und Wissenschaftler selbst davon überzeugen konnten, dass es moralisch akzeptabel ist, verstörende Experimente an unwissenden Menschen durchzuführen, so Tobin, der auch am Hines Veterans Affairs Hospital arbeitet. Die Studie sei zudem nicht etwa im Geheimen durchgeführt worden: Die US-Gesundheitsbehörde CDC habe über die schrecklichen Komplikationen einer unbehandelten Syphilis in 15 Artikeln berichtet, die in öffentlichkeitswirksamen medizinischen Fachzeitschriften präsentiert wurden. "Aber kein einziger Arzt irgendwo auf der Welt veröffentlichte einen Protest."

"Es geht also nicht nur um amerikanische Ärzte. Es geht nicht nur um die CDC, sondern um die gesamte Ärzteschaft auf der ganzen Welt", so Tobin. Es habe auch danach noch fragwürdige Studien gegeben - etwa zur Behandlung von HIV, bei der schwangeren Frauen in Afrika in der Kontrollgruppe ein Placebo statt des wirksamen Mittels gegeben wurde, das eine Übertragung auf das Neugeborene verhindert. "Man muss immer auf der Hut sein", ist Tobin überzeugt. Es sei naiv zu glauben, dass sich etwas Schreckliches nicht wiederholen könne. "Und so naiv dürfen wir nicht sein." Unethische Studien werde es immer wieder geben - ebenso wie Beteiligte, die nicht nachdenken, sondern blindlings den Vorgaben folgen.

"Schweigen kann tödlich sein"

Vorsichtsmaßnahmen und Regeln wie die nach den Berichten über das Tuskegee-Experiment in den USA entwickelten seien sehr wichtig. Das wichtigste aber sei, dass ein Forscher oder Arzt selbst über ethische Fragen nachdenke und diese auch anspreche, betont Tobin. "Schweigen kann tödlich sein."

Man solle nicht zu überzeugt davon sein, selbst gegebenenfalls auf jeden Fall die moralisch richtige Entscheidung zu treffen. Es sei viel wahrscheinlicher, in die Fußstapfen der vielen an der Tuskegee-Studie beteiligten, schweigenden Ärzte und Wissenschaftler zu treten, als der eine Peter Buxtun in über 40 Jahren zu sein, der das System mutig infrage stelle und dafür auch Anfeindungen ertrage. Schließlich drohe Ärger mit Vorgesetzten oder sogar der Verlust von Arbeitsplatz und Karriere.

Umstrittene Human-Challenge-Studien


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Für viel Aufsehen hatten im vergangenen Jahr sogenannte Human-Challenge-Studien in Großbritannien gesorgt. Junge Freiwillige wurden ohne vorherige schützende Impfung gezielt mit Corona infiziert. "Das Human-Challenge-Programm wird die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen gegen Covid-19 verbessern und beschleunigen", hieß es von der britischen Regierung.

Kritiker wiesen darauf hin, dass sich Langzeitschäden bei Covid-19 auch bei jungen, gesunden Menschen nicht ausschließen lassen. Menschen würden vorsätzlich in Gefahr gebracht, obwohl es Alternativen gebe. Zu jener Zeit infizierten sich allein in Großbritannien täglich Tausende Menschen mit Corona, die Analyse ihrer Daten brachte etliche neue Erkenntnisse, ganz ohne die absichtliche Ansteckung von Menschen.


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Erst im Februar waren dann erste Zwischenergebnisse der Human-Challenge-Analysen präsentiert worden - die allerdings bereits veraltet waren, weil inzwischen ganz andere Varianten des Virus kursieren. Ursprünglich hatten die Wissenschaftler gehofft, mit ihrer Forschung die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigen zu können. Doch diese kamen auch mit klassischen klinischen Tests in Rekordgeschwindigkeit zum Einsatz.

Rassistische Diskriminierung in der Pandemie

Das Beispiel zeigt: Ethische Fragestellungen bleiben aktuell. Einfach blindlings allen anderen zu folgen, sei für Ärzte und Wissenschaftler keine Option, betont Tobin. "Wenn jemand in der Forschung tätig ist und glaubt, dass die Forschung, an der er beteiligt ist, unethisch ist, hat er natürlich die moralische Verpflichtung, dem nachzugehen, weil sonst Patienten zu Schaden kommen."


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Dinge zu reflektieren, das eigene Gewissen zu prüfen, der Mut zu sprechen und "vor allem der Wille zum Handeln" seien in allen Lebensbereichen von zentraler Bedeutung, betont Tobin. Sich Ereignissen wie der Tuskegee-Studie bewusst zu sein, sei die "beste Verteidigung gegen zukünftige Fehler und Übertretungen". Der Lungenspezialist Tobin war im April 2021 Sachverständiger für die Staatsanwaltschaft im Strafprozess gegen einen Polizeibeamten, der im Mai 2020 in Minneapolis George Floyd getötet hatte. Struktureller Rassismus sei nach wie vor ein Problem in den USA, auch im Gesundheitswesen, ist er überzeugt.

Eine gerade erst im "Journal of the Royal Society of Medicine" veröffentlichte Analyse belegt, dass Rassismus und ethnische Diskriminierung im Gesundheitswesen die Impfbereitschaft ethnischer Minderheiten beeinflussen. Viele Menschen aus solchen Gruppen in Großbritannien, die eine Impfung ablehnten, hatten demnach seit Beginn der Pandemie rassistische Diskriminierung in einem medizinischen Umfeld erlebt. Rassendiskriminierung im Gesundheitswesen führe zu geringerem Vertrauen der Betroffenen in das Gesundheitssystem, in der Folge werde die Corona-Impfung häufiger verweigert, erläutern die Forschenden um Elise Paul vom University College London.


Quelle: ntv.de, Annett Stein, dpa


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 23.05.2022 - 12:52