zur Erinnerung
Restitution nach 85 Jahren - Die Erbs├╝nde

(von lateinisch restitutio 'Wiederherstellung') steht f├╝r:

Restitution von Verm├Âgenswerten, R├╝ck├╝bertragung von Verm├Âgensgegenst├Ąnden
Wiedergutmachung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg


Von Guido Mingels und Moritz Gerlach (Mitarbeit)

28.01.2024, 12.54 Uhr o aus DER SPIEGEL 5/2024

In Wandlitz bei Berlin muss die Familie Lieske ihr Haus zur├╝ckgeben. Vorfahren hatten es zur NS-Zeit unrechtm├Ą├čig von Juden erworben. Der Fall zeigt ein moralisches Dilemma. Ist es zu sp├Ąt f├╝r Gerechtigkeit?

Die Bewohner Gabriele und Thomas Lieske vor dem umstrittenen Haus in Wandlitz
Foto: Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

"Wann muss ich denn nun raus?", ist der erste Satz von Gabriele Lieske, gleich zur Begr├╝├čung, in der T├╝r ihres Hauses in Wandlitz nord├Âstlich von Berlin. Hier hat die 83-J├Ąhrige fast ihr ganzes Leben verbracht. Sie hat den Tisch im Wohnzimmer reich gedeckt f├╝r den Besuch, Br├Âtchen, Butter, Fleisch, K├Ąse, Kaffee, Tee, ein selbst gebackener Pflaumenkuchen. Unter der Eckbank liegt ein schwerh├Âriger alter Dackel namens Felix.

Ihr Sohn, Thomas Lieske, 59, der ebenfalls hier lebt, ist auch da, und auch dessen Sohn ist gekommen, Christopher Langner, 36. Drau├čen schneit es aus grauem Himmel, auch drinnen ist die Stimmung tr├╝b. Die Familie Lieske soll ihr Haus und ihr Grundst├╝ck verlieren, wegen eines Unrechts, das vor 85 Jahren geschah, zur Zeit des Nationalsozialismus. Es ist eine Art Erbs├╝nde, die ├╝ber sie gekommen ist und f├╝r die sie nun b├╝├čen sollen, so empfinden sie es. "Bevor die mich hier rausholen", sagt Frau Lieske, "mache ich selber Schluss."

Kl├Ągerin Gabriele Lieske
Foto: Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

Der Brief mit dem Bescheid vom Amt erreichte die Lieskes im September 2015. Es war ein gro├čer brauner Umschlag, wie sich Thomas Lieske erinnert, und er verstand erst einmal gar nichts, als er damit in der K├╝che stand. Absender war das "Bundesamt f├╝r zentrale Dienste und offene Verm├Âgensfragen", das damals zum Finanzministerium geh├Ârt. Er und seine Mutter m├╝hten sich durch die 16 Seiten Juristendeutsch, worin stand, dass die Flurst├╝cke 158, 163 und 164 in 16348 Wandlitz, also ihr Haus, ihr Grundst├╝ck, ihre Heimat, "zur├╝ck ├╝bertragen" werden an die "Antragstellerin". Die Antragstellerin, so stand es im Brief, ist die Jewish Claims Conference, kurz JCC, eine Organisation mit Hauptsitz in New York, die Entsch├Ądigungsanspr├╝che von j├╝dischen Opfern des Nationalsozialismus als Rechtsnachfolgerin einfordert.

"Bevor die mich hier rausholen, mache ich selber Schluss."
Gabriele Lieske

"Noch nie geh├Ârt" habe er zuvor von alldem, was da unter "Sachverhalt" zu lesen war, sagt Thomas Lieske: dass das Haus der Familie einst, vor dem Krieg, Juden geh├Ârt hatte. Dass also sein Grundst├╝ck bis 1939 Eigentum von zwei j├╝dischen Frauen gewesen war, Alice Donat und Helene Lindenbaum. Dass die Frauen hier, ganz nah am sch├Ânen Wandlitzer See, ein Kinderheim betrieben hatten. Dass sein Urgro├čvater m├╝tterlicherseits, ein Textilfabrikant namens Felix Moegelin, den Frauen die Parzellen abgekauft hatte, f├╝r damals 21.500 Reichsmark. Lieske, geboren 1964 in der DDR, glatzk├Âpfig, mit blassen Augen, Angestellter bei einem Autoservice, sagt: "Ich konnte das alles nicht glauben."

Die Lieskes erfuhren aus dem Brief weiter, dass Alice Donat 1943 und Helene Lindenbaum 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet worden waren. Sie lernten, dass der damalige Erwerb als "Zwangsverkauf" gilt, weil Juden und J├╝dinnen vom NS-Staat gezwungen wurden, ihren Besitz aufzul├Âsen.

Das Grundst├╝ck wurde von den neuen Eigent├╝mern von einer Generation an die n├Ąchste vererbt oder verschenkt, und damit auch das Unrecht. Von Felix Moegelin, der 1943 starb, an seine Frau Josefa. Von Josefa Moegelin nach ihrem Tod 1961 an ihren Sohn Theodor. Von Theodor Moegelin 1979 an seine Frau Luise. Von Luise Moegelin 1993 an ihre Tochter Gabriele Lieske. Von Gabriele Lieske 1995 teilweise an ihren Sohn Thomas Lieske, die jetzt beide hier vor ihrem Pflaumenkuchen sitzen, ohne ihn zu essen.

Christopher Langner, Ururenkel des K├Ąufers von 1939 und eigentlich der n├Ąchste Erbe, hatte geplant, auf der gro├čen Parzelle f├╝r sich und seine junge Familie ein neues Haus zu bauen. Er hat einen vierj├Ąhrigen Sohn, der im Sommer gern im Garten des Hauses spielt, das sein Urururopa von J├╝dinnen erwarb. Aus dem Bauvorhaben "wird nichts mehr", sagt Langner.

In Auschwitz werden 1944 j├╝dische Gefangene gezwungen, das Hab und Gut j├╝discher Deportierter nach Wertgegenst├Ąnden zu durchsuchen
Foto: brandstaetter images / Votava / SZ Photo

K├Ąufer Felix Moegelin mit Ehefrau Josefa
Foto: Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

Auf der Zielgeraden

Der Fall Lieske ist einer der letzten seiner Art, wom├Âglich sogar der letzte, genau wei├č das niemand. Er steht am Ende eines langen historischen Prozesses, der in Westdeutschland schon kurz nach Kriegsende begann, im Osten aber erst nach der Wiedervereinigung. "Wir sind auf der Zielgeraden", sagt Jacqueline Bess├ę, die Sprecherin des zust├Ąndigen Bundesamts.

In dem Haus in Wandlitz spiegelt sich die deutsche Geschichte der vergangenen hundert Jahre wie in einer Camera obscura. Es geht bei diesem Fall um einen Teil der "Wiedergutmachung", um den Umgang mit der gro├čen deutschen Schuld. Nach 1945 f├╝hrten die Alliierten im Westen rasch Gesetze ein zur R├╝ckerstattung von Eigentum an j├╝dische Opfer des Nationalsozialismus. Erst 1990 folgte f├╝r Ostdeutschland zum gleichen Zweck das Gesetz zur Regelung offener Verm├Âgensfragen, auf dessen Grundlage der deutsche Staat seither Tausende von F├Ąllen abwickelte. Die Jewish Claims Conference wiederum, 1951 gegr├╝ndet, wurde zur Rechtsnachfolgerin bestimmt, die fr├╝heres j├╝disches Eigentum zur├╝ckerhalten sollte, das von keinen Erben beansprucht wird - so wie im Fall des Grundst├╝cks in Wandlitz. Die JCC unterst├╝tzt mit dem Geld ├ťberlebende des Holocaust.

Spricht man mit Vertretern der JCC oder der zust├Ąndigen deutschen Beh├Ârde, dann sp├╝rt man eine Erleichterung dar├╝ber, dass sich eine gro├če Aufgabe dem Ende zuneigt. Der gigantische Berg aus Antr├Ągen ist abgearbeitet, Hunderte Verwaltungsbeamte waren ├╝ber Jahrzehnte damit besch├Ąftigt. "Irgendein Fall muss auch der letzte sein", so sagt es ein Mitarbeiter des Amts.

F├╝r die Lieskes geht es um das Ende ihrer b├╝rgerlichen Existenz. Wenn man seiner Gro├čmutter zumute, "auf ihre alten Tage in eine Platte in Marzahn" umziehen zu m├╝ssen, sagt ihr Enkel Christopher Langner, dann ├╝berstehe sie das nicht. Wenn Thomas Lieske sein Haus verloren und die Verfahrenskosten bezahlt haben wird, "dann bin ich bei null", so behauptet er, dann sei er "ein Sozialfall".

In dieser Geschichte vergeht die Zeit nicht in ihrem gewohnten Tempo. In dieser Geschichte ist alles ungeheuer lange her oder hat unbegreiflich lange gedauert.

Es war kurz nach der Wiedervereinigung, im Jahr 1992, als die JCC beim deutschen Staat Anspruch auf R├╝ckerstattung auf das Grundst├╝ck der Lieskes anmeldete, ebenso wie auf Zehntausende andere einst j├╝dische Verm├Âgenswerte in den neuen Bundesl├Ąndern. Doch bis zur Entscheidung der Beamten dauerte es volle 23 Jahre. In dieser Zeit wechselten die Aktenmeter mehrmals ihren Standort, als die Zust├Ąndigkeiten von den Gemeinden zu den L├Ąndern und schlie├člich zum Bund ├╝bergingen. In dieser Zeit musste die daf├╝r notwendige Verwaltung im Osten ├╝berhaupt erst aufgebaut, mussten die Grundb├╝cher und Kataster neu angelegt werden. Seither sind noch mal gut acht Jahre vergangen, der Amtsschimmel und die z├Ąhen M├╝hlen der Justiz l├Ąhmten einander wechselseitig. Und die Lieskes lebten ahnungslos ihr Leben.

W├Ąre es ihre Pflicht gewesen, sich f├╝r die Historie ihres Hauses zu interessieren? Gabriele Lieske war drei Jahre alt, als sie nach Wandlitz kam; der Gro├čvater und K├Ąufer des Hauses war da gerade gestorben. Wer immer die Vorgeschichte kannte, sprach nicht davon, sagt die 83-J├Ąhrige heute. "Es war einfach nie ein Thema."

R├╝ckerstattung in Ost und West

Einmal sagt Thomas Lieske den seltsamen Satz, es komme ihm vor, als w├╝rde man im Osten "den Krieg zum dritten Mal verlieren". Was er damit meine? 1945, klar. 1989 bleibt eine Niederlage f├╝r all jene Ostdeutschen, die ihre Biografien und ihre Lebensleistung durch das Ende der DDR als abgewertet empfinden, sich als "Wende-Verlierer" f├╝hlen. Und jetzt, 2024, folgt f├╝r Lieske und seine Mutter die ultimative Kr├Ąnkung, der m├Âgliche Verlust ihres Heims, ihres Hab und Guts. "Mit den Ossis kann man's ja machen", sagt Thomas Lieske, und: "In der BRD h├Ątte ich mein Haus nicht verloren."

Das Wohnzimmer der Lieskes
Foto: Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

Ein m├Âglicherweise berechtigtes Gef├╝hl. Denn tats├Ąchlich wurde im Westen Deutschlands zwar ungleich fr├╝her mit R├╝ckerstattungen begonnen, "man hat aber nur widerwillig restituiert, wenn ├╝berhaupt", wie der Historiker Jan Philipp Spannuth sagt. In seiner Dissertation "R├╝ckerstattung Ost" beschreibt Spannuth anhand vieler Beispiele aus den Nachkriegsjahrzehnten, wie westdeutsche Gerichte es "den j├╝dischen R├╝ckerstattungsberechtigten sehr schwer machten, ihre Anspr├╝che durchzusetzen", mittels "stiller Sabotage". Kurz: Die Wiedergutmachung im Westen war ebenso fr├╝h wie unzureichend, jene im Osten furchtbar sp├Ąt, daf├╝r gr├╝ndlich. Und die Lieskes f├╝hlen sich, als sollten sie f├╝r das Unrecht von gleich zwei Diktaturen zur Rechenschaft gezogen werden.

Die vielen Jahre, die ins Land gingen, sind dabei selbst zum Problem geworden, wie der Anwalt der Lieskes erkl├Ąrt, Raffael Nath. Kurz nach der Wende, als es die Grundst├╝cke in der Ex-DDR noch zum Tiefpreis gab, konnten von einer Restitution bedrohte Eigent├╝mer die JCC oft auszahlen - sie kauften quasi ihr eigenes St├╝ck Land zur├╝ck. "Dazu sind meine Mandanten aufgrund der enormen zeitlichen Verz├Âgerung und der exorbitant gestiegenen Bodenpreise nicht mehr in der Lage", sagt Nath. 1992 betrug der Verkehrswert des Grundst├╝cks rund 200.000 Euro - heute liegt der Marktwert bei etwa 1,5 Millionen. Wandlitz geh├Ârt mittlerweile zum Berliner Speckg├╝rtel. Die Lieskes haben nicht die Mittel, um sich loszukaufen von der historischen Schuld ihrer Familie.

Mit einem Schimmer von Recht

Gabriele Lieske, eine kleine Frau mit leiser Stimme, hat ihr Haus mit Nippes und Tand aus alter Zeit zugestellt, mit Ziertellern, Salzteigfiguren, Clownspuppen, Jagdgeweihen; Erinnerungen an sch├Ânere Jahre. Eine gro├če Pendeluhr tickt die Stunden weg: zw├Âlf Uhr mittags vorbei. Ihr Sohn hat jetzt eine Kopie des Kaufvertrags von 1939 aus einem Ordner gekramt. Das Dokument tr├Ągt das Hakenkreuz im Stempel, der involvierte Makler schlie├čt seinen maschinengetippten Brief mit dem Gru├čwort "Heil Hitler!" ab.

Frau Helene Lindenbaum und Fr├Ąulein Alice Donat, so steht da, verkaufen ihre Grundst├╝cke samt Bestand an den Fabrikanten Felix Moegelin, und zwar "einschlie├člich des Zubeh├Ârs", worunter eine "neue elektrische Pumpe", ein "Linoleumbelag" und die "Kellerausstattung" aufgelistet werden. Der Notar stellt au├čerdem fest, dass die Verk├Ąuferinnen "auf Befragen erkl├Ąrten: Wir sind Juden im Sinne der N├╝rnberger Gesetze" und dass der K├Ąufer "erkl├Ąrte: Ich bin Arier". Dann weist der Notar die Beteiligten noch darauf hin, dass der Vertrag noch der "Genehmigung nach der Verordnung vom 3.12.1938" bed├╝rfe.

Damit war die "Verordnung ├╝ber den Einsatz j├╝dischen Verm├Âgens" gemeint, mit der Juden vom NS-Staat gezwungen wurden, ihr Grundeigentum zu ver├Ąu├čern, ihre Gewerbebetriebe abzuwickeln, ihre Wertpapiere abzugeben. F├╝r ihre Ziele benutzten die Nazis Begriffe, die man heute nur zwischen Anf├╝hrungszeichen verwenden kann: "Arisierung", "Entjudung der Wirtschaft". Es war das gro├če Verbrechen, das dem allergr├Â├čten voranging: die Auspl├╝nderung der Juden vor ihrer Vernichtung.

Es existiert ein Brief von Alice Donat an den "Herrn Fabrikanten Moegelin", in dem sie sich im April 1939 dar├╝ber beschwert, dass der K├Ąufer ihres Hauses den Umfang des miterworbenen Inventars allzu gro├čz├╝gig auslegt. Es geht um eine "├Ąrztliche Waage", wie sie wohl in Kinderheimen zum Einsatz kam, die Donat nicht hergeben wollte. "Wenn man vielleicht mit einem Schimmer von Recht annehmen kann", formuliert Donat, dass "die von Ihnen einbehaltenen Sachen" als Zubeh├Âr des Wohnhauses betrachtet werden k├Ânnen, so sei dies "von der Waage bestimmt nicht zu sagen". Unterdr├╝ckte Wut klingt aus den Zeilen, ein Anflug von Auflehnung gegen├╝ber der Ungerechtigkeit dieses Handels.

Das Kinderheim Donat-Lindenbaum hatte seine Adresse in der Sch├Ânhauser Allee 164 in Berlin, das Haus in Wandlitz war offenbar eine Au├čenstation, ein Sommerdomizil f├╝r die Kinder. Leider sind keine Bilder ├╝berliefert aus jener Zeit, weder vom Originalgeb├Ąude, das nicht mehr steht, noch von den Vorbesitzerinnen des Grundst├╝cks, doch es muss f├╝r eine Weile ein Ort des Gl├╝cks gewesen sein.

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Dass man ├╝berhaupt etwas wei├č dar├╝ber, verdankt sich dem Zufall, dass ein einstiger Z├Âgling das Haus viel sp├Ąter in seinen Memoiren erw├Ąhnt: "Erinnerungen an eine Kindheit im Holocaust" lautet das Buch von Emanuel Berger, einem elternlosen j├╝dischen Jungen aus Berlin, den Alice Donat ebenso wie seinen j├╝ngeren Bruder als Pflegesohn angenommen hatte. Berger, geboren 1928, ├╝berlebte mehrere Konzentrationslager und starb 2013 in Australien.

"Am Abend kam Tante Alice und las etwas aus einem Buch vor, eine Gutenachtgeschichte. Bei sch├Ânem Wetter a├č man drau├čen an langen Tischen und B├Ąnken", so schreibt Berger ├╝ber ein paar sorglose Tage auf dem sp├Ąteren Grundst├╝ck der Lieskes, im "Ferienhaus am Wandlitzer See". Gleichzeitig bemerkt der Junge, wie die Bedrohungen um ihn herum wachsen. Die Nachbarn jenseits des Zauns, deren "Ausdrucksformen des Hasses" Berger kennenlernt, waren offenbar "Menschen, die gl├╝cklich spielende j├╝dische Kinder einfach nicht verkraften konnten". Und als er und sein kleiner Bruder Erwin, der sp├Ąter von den Nazis ermordet wurde, einmal bei einem Spaziergang "auf ein kleines Lager der Hitlerjugend" am See stie├čen, "verkr├╝melten wir uns schnellstens: F├╝r Juden gab's nichts Friedliches mehr in Deutschland".

Das heutige Wandlitz wirbt mit dem Slogan "Echt sch├Ân hier" f├╝r sich. Seine Gemeinde werde auch als "Grunewald des Nordens" bezeichnet, sagt der B├╝rgermeister Oliver Borchert in seinem B├╝ro. Unter den 25.000 Einwohnern gebe es zahlreiche Hauptstadtpendler, und "im Sommer haben wir viele Berliner Ausfl├╝gler an unseren Seen". Bekannt wurde der Ort aber vor allem wegen der nahe gelegenen "Waldsiedlung Wandlitz", einem geschlossenen Wohnkomplex aus Einfamilienh├Ąusern, in denen ab 1960 die gesamte DDR-Polit-Elite samt Familien lebte, Erich und Margot Honecker, Walter Ulbricht, Egon Krenz und viele mehr. Nein, sagt der B├╝rgermeister, vom Fall Lieske habe er noch nie geh├Ârt.

Vor dem Gesetz

Im Sitzungssaal 1 des Verwaltungsgerichts Frankfurt (Oder), zweites Obergeschoss, tagt im vergangenen September die 4. Kammer unter dem Vorsitz des Richters Ralf Krupski. Die Lieskes haben Klage eingereicht gegen die R├╝ck├╝bertragung ihres Grundst├╝cks, an diesem Tag steht die Entscheidung an. Eine Justiziarin des Bundesverwaltungsamts ist da und vertritt die Bundesrepublik Deutschland, die den Lieskes das Haus wegnehmen will. Ein Anwalt aus Frankfurt am Main vertritt die JCC, die das Grundst├╝ck anschlie├čend verkaufen m├Âchte. Anwalt Nath aus M├╝nchen vertritt die Familie aus Wandlitz, die das, was sie als ihr rechtm├Ą├čiges Eigentum betrachtet, behalten will.

Vor den Lieskes sitzen erh├Âht die f├╝nf Richter. Die Verhandlung ist ├Âffentlich, doch auf den Publikumspl├Ątzen sitzt niemand au├čer dem Reporter. Ein Wappenadler ├Ąugt von der Wand herunter. Die L├╝ftung surrt.

Richter und Anw├Ąlte sind gut gelaunt und lachen zu Verhandlungsbeginn kollegial ├╝ber irgendetwas. Die Lieskes gucken zu und lachen nicht mit. "Fehlt noch etwas im Sachverhalt?", fragt der Vorsitzende die Parteien und bl├Ąttert durch seine Akten. Schnell wird deutlich, dass der Fall rein rechtlich l├Ąngst entschieden ist.

Um zu belegen, dass es sich beim damaligen Kauf um einen "redlichen Erwerb" und nicht um ein Unrechtsgesch├Ąft handelte, so f├╝hrt der Richter jetzt aus, m├╝ssten die Lieskes laut Gesetz drei Dinge nachweisen. Erstens, dass der Kaufpreis angemessen war, dass also die Notlage der j├╝dischen Eigent├╝merinnen nicht ausgenutzt wurde. Zweitens, dass die Verk├Ąuferinnen tats├Ąchlich ├╝ber die Kaufsumme verf├╝gen konnten, ihnen das Geld also nicht verweigert oder abgenommen wurde. Drittens, dass der Handel in gleicher Weise "auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus" zustande gekommen w├Ąre, wenn es also die N├╝rnberger Gesetze oder Naziverordnungen wie jene zur "Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" von 1938 nie gegeben h├Ątte.

Dass der Kaufpreis in Ordnung war oder sogar leicht ├╝ber dem damaligen Einheitswert lag, Punkt eins, erkennt der Richter noch an. Doch Punkt zwei l├Ąsst sich nicht belegen. Und Punkt drei schon gar nicht.

Gabriele Lieske scheint noch tiefer in ihren Stuhl zu sinken, als der Richter das Ma├č des Grauens schildert, das den j├╝dischen Vorbesitzerinnen ihres Grundst├╝cks bald nach dem Verkauf widerfuhr. Es gebe in den Akten, tr├Ągt der Richter vor, den sogenannten "Heimeinkaufvertrag" von Frau Lindenbaum und ihrem Mann, Karl Lindenbaum, der im Ersten Weltkrieg noch f├╝r Deutschland in Frankreich gek├Ąmpft und daf├╝r das Eiserne Kreuz erhalten hatte. Das j├╝dische Ehepaar habe sich seine Pl├Ątze im Konzentrationslager Theresienstadt erkaufen m├╝ssen, mit seinem ganzen Restverm├Âgen. Man bezahlte f├╝r Kost und Logis bei der eigenen Ermordung. "Menschenverachtender geht es eigentlich nicht", sagt der Richter.

Recht und Gerechtigkeit

Gleichzeitig, das sp├╝rt man, hat der Richter durchaus Mitleid mit den Kl├Ągern und versucht sich an einer Trostrede. Sie m├╝ssten sich keinerlei Vorw├╝rfe machen, sagt er zu Thomas Lieske und seiner Mutter gewandt. Es sei einfach "eine ziemlich ungl├╝ckliche Situation". Es gebe nun mal "Dinge, die passieren, ohne dass man es in der Hand hat".

Das Gericht hat ein Dilemma vor sich. Die Paragrafen des Gesetzes und die Sachlage lassen nur den Schluss zu, dass die Lieskes im Unrecht sind. Doch die beiden trifft "nichts, was man im Entferntesten als Verantwortung bezeichnen k├Ânnte an dieser Geschichte", wie der Richter zu ihnen sagt. Wie stellt man Gerechtigkeit her in so einem Fall?

"Ich dachte, Sippenhaft gibt es nicht in Deutschland."
Thomas Lieske

Sohn Thomas Lieske
Foto: Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

Vielleicht mit einem Vergleich, wie ihn der Richter jetzt vorschl├Ągt: K├Ânnten die Lieskes nicht den unbebauten Gro├čteil ihrer Parzelle abtreten, aber das St├╝ck behalten, auf dem die Geb├Ąude stehen, etwa ein Drittel der Fl├Ąche, um dort wohnen zu bleiben? F├╝r dieses Restst├╝ck m├╝ssten die Lieskes die Jewish Claims Conference jedoch entsch├Ądigen. 50.000 Euro w├Ąre die Familie maximal aufzubringen f├Ąhig, der Enkel w├╝rde dem Vater und der Gro├čmutter beispringen, er hat einen guten Job. Allerdings liegt der Marktwert schon dieses Teilst├╝cks bei rund 400.000 Euro.

Der Anwalt der JCC ist nicht begeistert. Wenn er so ein Angebot ann├Ąhme, sagt er, w├╝rden seine Auftraggeber in New York sagen, warum in aller Welt er auf 350.000 Euro verzichtet habe. Man wird sich nicht einig.

Verhandlungspause, die Streitparteien stehen drau├čen vor der T├╝r, manche rauchen. Gabriele Lieske, den Tr├Ąnen nahe, blickt zu ihrem Anwalt auf und sagt: "Ich komme mir vor, als wenn ich die Juden umgebracht h├Ątte." Sie werde hier als T├Ąterin dargestellt.

Ihr Enkel, Christopher Langner, redet derweil energisch auf die Frau vom Amt ein, die den Staat vertritt: "Meine Oma ├╝berlebt das nicht. Wenn das hier so ausgeht, wie es jetzt aussieht, dann haben Sie eine 83-j├Ąhrige Frau auf dem Gewissen."

Die Frau vom Amt weist das zur├╝ck. Sie mache hier nur ihren Job.

Enkel, lauter: "Ja, die Argumentation gab's damals auch. Das will ich nicht mehr h├Âren!"

So seien nun mal die Gesetze, sagt die Frau vom Amt. Sie r├Ąt dazu, gegen die Gesetze vorzugehen.

Der Anwalt der Jewish Claims Conference, Zigarette im Mund, sieht durchaus die schwierige Lage bei den Lieskes. Aber er verweist darauf, dass die JCC nun mal eine gemeinn├╝tzige Organisation ist, mit einer Satzung, einem Vereinszweck. Gerade jetzt, so erz├Ąhlt er, w├╝rde die JCC Holocaust├╝berlebende in der Ukraine unterst├╝tzen, die ihr Land verlassen m├╝ssen wegen des russischen Angriffskriegs.

Thomas Lieske: "Aber damit habe ich doch nichts zu tun. Ich bin doch nicht daf├╝r verantwortlich."

Aufgabe seines Vereins sei es, Juden zu unterst├╝tzen, sagt der JCC-Anwalt. Hingegen sei es nicht seine Aufgabe, denen zu helfen, die 1939 Liegenschaften von Juden gekauft h├Ątten. Er verweist auf die Fakten, die das Gericht festgestellt hat.

Die S├Ątze purzeln durcheinander.

Enkel, kopfsch├╝ttelnd: "Das ist doch Wahnsinn, was hier passiert."

Thomas Lieske: "Ich werde hier in Sippenhaft genommen. Ich dachte, Sippenhaft gibt es nicht in Deutschland."

Lieske-Anwalt: "Wir m├╝ssen alle versuchen, ruhig zu bleiben."

Das Gericht in Frankfurt (Oder) lehnt an diesem Tag die Klage der Lieskes gegen die R├╝ckerstattung ihres Grundst├╝cks ab. Es bleibt der Familie nun nur noch der Weg vor das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.


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© infos-sachsen / letzte Änderung: - 17.07.2023 - 09:04