zur Erinnerung
Welche Rolle Polens im Holocaust? Tagebuch einer Warschauer Journalistin, 1939-44 :

In der von barbarischen Horden zerst├Ârten Stadt

Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg: Die Aufzeichnungen Aurelia Wyležyńskas aus dem besetzten Polen bieten Einblicke in die zerrissene polnische Gesellschaft.

Martin Sander 19.02.2020

Vernichtend geschlagen. Kapitulation der polnischen Heimatarmee im Oktober 1944.
Foto: akg-images / East News

Es sind rund tausend vergilbte Bl├Ątter in Maschinenschrift, viele von ihnen mit Wassersch├Ąden oder Brandflecken, dazwischen Zettel voller handschriftlicher Notizen. Bei den Aufzeichnungen der polnischen Journalistin und Schriftstellerin Aurelia Wyležyńska aus Warschau unter deutscher Besatzung handelt es sich um historische Fundst├╝cke mit literarischem Wert.

Vom ├ťberfall Hitlers auf Polen erfuhr die angesehene Autorin am 1. September 1939 w├Ąhrend ihrer Ferien in einem K├╝nstlerhaus am Ufer des Dniestr, im malerischen S├╝dosten der polnischen Vorkriegsrepublik, der heutigen Westukraine. Sogleich entschloss sie sich, nach Warschau - ihrem Wohnort - zur├╝ckzukehren, dort den weiteren Lauf der Dinge zu beobachten und alles aufzuschreiben.

Bis heute blieben die Aufzeichnungen unver├Âffentlicht, das aber soll sich bald durch eine Warschauer Edition ├Ąndern. Einen Gro├čteil der Originale besitzt die Warschauer Nationalbibliothek. Weitere Fragmente lagern an einem anderen Ort der polnischen Hauptstadt, im Staatsarchiv f├╝r Neuere Akten.

Am 9. September 1939 stieg Aurelia Wyležyńska in Lemberg in den Nachtzug nach Warschau und fand freie Pl├Ątze im ├ťberma├č. Begehrt war gerade die entgegengesetzte Richtung. In Massen versuchten die Menschen der Hauptstadt zu entkommen, die von den Deutschen bombardiert wurde und gerade noch der Belagerung standhielt. Bald fl├╝chtete auch die Staatsf├╝hrung samt Milit├Ąrs und Beamten Richtung Rum├Ąnien. Schlie├člich ├╝berschritt die Rote Armee gem├Ą├č dem Hitler-Stalin-Pakt die Grenze im Osten. Polen lag im W├╝rgegriff zweier totalit├Ąrer Nachbarstaaten darnieder. Im Stich gelassen von seinen westlichen Verb├╝ndeten hatte es keine Chance.

Verzweifelt ├╝ber die vernichtende Niederlage

"Die Regierung gefl├╝chtet, zwanzig Jahre staatlicher Unabh├Ąngigkeit durchgestrichen, das politische System bankrott, das Prestige des Staates dahin", notiert Aurelia Wyležyńska. Sie ist verzweifelt ├╝ber die vernichtende Niederlage ihres Staates. Doch man sp├╝rt auch eine Dosis bitterer Genugtuung ├╝ber das Ende des autorit├Ąren, nationalistischen Regimes, das die Nachfolger des 1935 verstorbenen Staatsgr├╝nders J├│zef Pilsudski verantwortet hatten. Auf den Stra├čen Warschaus beobachtet die Tagebuchautorin, wie ihre Landsleute angesichts der jammervollen Lage laut und inbr├╝nstig betend auf die Knie gehen. Das hinterl├Ąsst bei ihr ungute Gef├╝hle. Frommes Pathos ist ihre Sache nicht.

Die Journalistin und Schriftstellerin Aurelia Wyležyńska.
Foto: Abbildung aus dem Buch Aurelia Wyležy&ngrave;ska, Czarodziejskie Miasto, erschienen 1928, Verlag Dom Ksiažki Polskiej.

Aurelia Wyležyńska f├╝hrt ihr Tagebuch knapp f├╝nf Jahre lang bis zu ihrem Tod am 3. August 1944, als sie zu Beginn des Warschauer Aufstands ein Geschoss trifft. Bis dahin liefert sie eine Chronik der deutschen Grausamkeiten gegen├╝ber den Polen: Aufl├Âsung von Schulen, Bibliotheken und Theatern, Apartheid in der Stra├čenbahn und oder im Stadtpark, Razzien auf offener Stra├če mit anschlie├čender Verschleppung zur Zwangsarbeit, Massenhinrichtungen als Vergeltung selbst geringf├╝gigen Widerstands - am besten ├Âffentlich, am Strang, an der Stra├čenlaterne.

Unterwegs im Warschauer Ghetto

Wyležyńskas Tagebuch bietet allerdings viel mehr als die Dokumentation deutscher Gr├Ąueltaten, die man zumeist auch aus anderen Quellen kennt. Die Schriftstellerin erkundet als Reporterin mit dem Notizblock die besetzte Stadt, notiert alles, was sie sieht und h├Ârt. Sie interessiert sich zum Beispiel f├╝r das Selbstgef├╝hl deutscher Soldaten und deren Wahrnehmung ihrer Stadt.

Sie beschreibt das Warenangebot auf dem Schwarzmarkt und lobt die nach wie vor gute Qualit├Ąt der polnischen Kuchen in den Konditoreien. Nicht ohne den Hinweis, dass gerade diese Qualit├Ąt Heinrich Himmler zu eben solchen Wutanf├Ąllen verleitet habe wie der Widerstand der Polen gegen die Besatzer.

Auch im Warschauer Ghetto, seit Herbst 1940 bewacht und ummauert, ist Aurelia Wyležyńska unterwegs. Wenn sie f├╝r Freunde Medikamente hineinschmuggelt, pr├Ągt sie sich das Elend der Eingesperrten ein und h├Ąlt es in ihren Aufzeichnungen fest.

Wladyslaw Tatarkiewicz: "Entscheidend ist nicht das Schicksal der Juden"

Ganz besonders besch├Ąftigt sie, wie unterschiedlich ihre Mitb├╝rger auf die Besatzungspolitik reagieren. Einige Stimmungslagen, die sie auf der sogenannten "arischen" Seite Warschaus gewahrt, machen sie tief ungl├╝cklich. Sie erkennt eine wachsende Gleichg├╝ltigkeit gegen├╝ber den deutschen Verbrechen des Holocaust, mitunter sogar offene Zustimmung.

Es ist ein Thema mit Schattierungen: von der primitiven Genugtuung nationalradikaler Jugendlicher, die sich auf ein katholisches Nachkriegspolen ohne Juden freuen, bis zur Reserviertheit, die sie beim renommierten Philosophen Wladyslaw Tatarkiewicz ausmacht. Entscheidend sei im gegebenen historischen Augenblick, so Tatarkiewicz, die Bewahrung der polnischen Kultur, nicht das Schicksal der Juden. H├Ąufig entlarvt Aurelia Wyležyńska die bis heute gern beschworene Hilfsbereitschaft und den Heroismus aller Polen im Zweiten Weltkrieg als Mythos.

Die Autorin engagiert sich auch f├╝r den polnischen Untergrundstaat. Dieser Staat unterh├Ąlt mit der sogenannten Heimatarmee ein Heer von bewaffneten K├Ąmpfern, Gerichte, Schulen, Theater, Sportvereine und eine breit gef├Ącherte Presselandschaft - alles konspirativ. Unterst├╝tzung erh├Ąlt der Untergrund von der polnischen Exilregierung in London.

Aurelia Wyležyńska schreibt f├╝r "Nowy Dzień". Das Blatt geh├Ârt der ebenfalls geheim agierenden, im Bildungsb├╝rgertum einflussreichen Demokratischen Partei. Doch gerade in der Untergrundpresse dominiert die nationale Rechte. Sie prangert nicht allein das deutsche Terrorregime an, sondern wettert auch gegen die Gefahr des angeblich j├╝dischen Bolschewismus.

Risse durch den politischen Untergrund und durch die Familie

Tats├Ąchlich geht ein Riss durch den Untergrundstaat. Er geht auch durch die Familie von Aurelia Wyležyńska. Ihr Bruder, der das Familiengut in Wielgolas unweit von Warschau f├╝hrt und so seine Schwestern mit Nahrungsmitteln versorgen kann, sympathisiert mit der nationalen Rechten. Die meisten Angeh├Ârigen sehen in Aurelia eher ein Enfant Terrible denn eine bedeutende Vertreterin des polnischen Kulturlebens. Das aber war die Verfasserin des Tagebuchs allemal.

1881 in Podolien, auf dem Gebiet des damaligen Russischen Reiches, zur Welt gekommen, hatte sie als eine der ersten Frauen ein Philosophiestudium an der Jagellonen-Universit├Ąt Krakau absolviert und preisgekr├Ânte Romane verfasst. Als 1924 ihre langj├Ąhrige Lebenspartnerschaft mit dem Schriftsteller und zeitweiligen Leiter des polnischen PEN Jan Parandowski in die Br├╝che ging, zog Aurelia Wyležyńska als Korrespondentin polnischer Zeitungen und Zeitschriften nach Paris, ├╝bersetzte aus dem Franz├Âsischen und schrieb weitere Romane. 1937 kehrte sie nach Polen zur├╝ck.

In ihrem Tagebuch der deutschen Besatzung sah die erfolgreiche Autorin ihr entscheidendes Werk und ein Verm├Ąchtnis. "Ich habe beschlossen, die Chronistin dieser von barbarischen Horden zerst├Ârten Stadt zu sein, und ich muss Dokumente sammeln, wo ich nur kann." Dieses Verm├Ąchtnis wurde bis heute nicht eingel├Âst.

Im kommunistischen Nachkriegspolen interessierte sich kaum jemand f├╝r die Verfasserin. Wenn ├╝berhaupt, nahm man sie als literarische Stimme eines untergegangenen b├╝rgerlichen Zeitalters wahr - oder man hatte sie einfach vergessen. Die bereits ver├Âffentlichten B├╝cher wurden nicht mehr verlegt. Manchem staatlichen Kulturlenker blieb gar verborgen, dass Aurelia Wyležyńska ihren Tod im Warschauer Aufstand gefunden hatte. Sie vermuteten, sie lebe - im Pariser Exil.

Ver├Âffentlichung zun├Ąchst in Polen geplant

Auch von ihrem Tagebuch wussten lange Zeit nur die wenigsten. Irgendwann hatten ihre Schwester Felicja und ein mit Aurelia befreundeter Bibliothekar die von ihnen geretteten Bl├Ątter den daf├╝r zust├Ąndigen Stellen ├╝bergeben. Dort wurden sie erst lange nach der Wende von der Literaturwissenschaftlerin Gra?yna Pawlak und dem Historiker Marcin Urynowicz entdeckt.

Die Forscher arbeiten seit Jahren an einer vollst├Ąndigen und kritischen Ausgabe des Werks. Ihre M├╝hen gleichen auch angesichts der Kriegssch├Ąden am Manuskript einem Herkulesakt. Dennoch soll das Tagebuch demn├Ąchst in einem gro├čen Warschauer Verlag erscheinen. Mehr noch: Hierzulande hat der renommierte ├ťbersetzer Bernhard Hartmann bereits Teile ins Deutsche ├╝bertragen und in Zeitschriften publiziert. Nun sucht er nach einem Herausgeber f├╝r die deutsche Buchausgabe.

├ťber 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg k├Ânnte der Wunsch der polnischen Autorin nach einer Ver├Âffentlichung ihres im Geheimen angefertigten Opus Magnum doch noch in Erf├╝llung gehen.


Quelle: tagesspiegel vom 19.02.2020


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