Zeitzeugen

Mauerfall 09.11.1989 - und was dann?

Ich bin 30.
Ich bin ein Mörder.
Drei Tage im Frauengefängnis Stollberg

TEXT: HOLDE-BARBARA ULRICH
FOTOS: UTA MAHLER
Quelle: "Für Dich" Ausgabe 7/1990

Die Idylle täuscht. Dahinter steckt Mord, Raub, Totschlag.
Zum ersten Mal öffnet sich für uns ein Tor, hinter das wir noch nie sehen durften. Wir traten ein in eine andere Welt. Weiberzuchthaus Hoheneck - jetzt Strafvollzugseinrichtung Stollberg. Unsere Erstarrung löste sich von Stunde zu Stunde.
Mörderinnen, mit denen wir sprachen, wurden zu Menschen, die ihre schreckliche Schuld lang und schwer büßen.
Die anderen, die ihnen von Amts wegen dabei helfen, gewannen unsere Achtung...

Sind nur zwei Stationen. Aber fahren Sie mal lieber. Der Weg ist lang und immer bergauf." Der Mann am Bahnhof Stollberg schüttelt sich die Nässe aus den Haaren. "Haben Sie sich ja was Schönes ausgesucht zum neuen Jahr", sagt er, als er Stativ und Fototasche bei unserem Gepäck sieht. "Kommt was in die Zeitung?" Ja, sagen wir. Zum ersten Mal. Er guckt noch ein Weilchen, schüttelt den Kopf. Journalisten im Frauenknast, das wird ja immer verrückter. So oder ähnlich wird er wohl denken Der Bus ist weg. Aller Stunde fährt er um diese Zeit. Eine Ewigkeit bei diesem Wetter. Dazu noch die innere Anspannung. Da, endlich. Mühselig ächzt er die Windungen hoch auf den Berg. Haltestelle "Zur Sonne". Hoheneck. Wir sind da.

Der tiefe Himmel macht tristes Licht. Dicke, pappige Flocken kleben sich an die Wimpern. Dahinter schläfrig die Festung, der große, alte Koloss. Nur das Leuchtsignal an der Einfahrt blinkt unruhig

Eine der zwölf Erzieherinnen. Ihr "Kommando" besteht aus 50 bis 60 Strafgefangenen.

Alles bestens vorbereitet. Wir werden erwartet, freundlich empfangen. Erstes ordnendes Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Einrichtung Major Grunewald und mit Frau Hauptmann Dotzauer, der Verantwortlichen für den Vollzug. Straff, sachlich, klug; die wichtigste Frau in der Strafvollzugseinrichtung Stollberg auf dem Berg Hoheneck. Das sagen hier alle.

Sie wird geschätzt von den beiden männlichen Vorgesetzten ebenso wie von den ihr unterstellten zwölf Erzieherinnen. Auch die Frauen nebst den paar Männern vom Aufsichts- und Wachdienst reden mit Respekt von ihr. Hauptmann Dotzauer ist unverheiratet, Mutter einer 15jährigen Tochter, 36 Jahre alt.
Etwa 220 weibliche Strafgefangene sind in ihrer Obhut. (Vor der Amnestie am 6. Dezember waren es doppelt so viele.) Über die Hälfte davon sind solche, die man landläufig Schwerverbrecher nennt: Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung, Raub, schwerer Diebstahl. Das Strafmaß - in der Regel an die 15 Jahre.
Vor der Amnestie waren viele von ihnen LL, Lebenslängliche. Dass die Täter Frauen sind, macht die Sache nicht einfacher.

Obermeister Hähnel, eine zierliche, blonde junge Frau, zeigt uns gleich noch am ersten Tag die Einrichtung.

Die Frauen vom Aufsichtsdienst arbeiten rund um die Uhr. Sie sind "Mädchen für alles".

"Damit Sie wissen, was Sie vor sich haben", sagt sie vieldeutig. Mit ihrem großen Schlüsselbund schließt sie uns vom Außenring in den Innenring. (Außenring ... Innenring ... - das hatten wir doch schon einmal.) Noch eine Tür und wieder ein Gitter und abermals eine Schleuse, und dann endlich die Tür, hinter der zu sein uns schon tagelang graute. Das Verwahrgebäude.

Alles ist hier noch so, wie man es aus Filmen kennt. Ein hoher, schachtartiger Raum, mehrere Etagen, durch Eisentreppen verbunden, immer wieder durch Gittertore voneinander getrennt und abgesichert. Alles blitzt und blinkt.

Die Realität nimmt der Phantasie nichts von der schrecklichen Vorstellung, im Gegenteil, sie liefert ihr neue Nahrung. Hinter diesen Zellentüren sind Frauen, die sich gegen das kreatürlichste aller menschlichen Gebote, die Mütterlichkeit, vergangen haben. Sie haben ihre Kinder getötet. Auf eine Art und Weise, die anzuhören schon unerträglich ist. Die junge Frau, die uns begleitet, selbst Mutter einer kleinen Tochter, berichtet: Ein zweijähriger Junge aus dem achten Stock auf die Straße geworfen. Ein dreijähriges Mädchen in einen kalten Raum gesperrt, ein paar Brötchen, ein Glas Wasser, kaum bekleidet, tagelang, wochenlang, ohne die Tür jemals wieder aufzuschließen..

Gemordet auch Ehemänner, Geliebte, Mütter, alte Menschen. Warum? Einfach so? Die Antwort auf diese Frage müssen wir finden. Wir müssen hinter diese Türen sehen und hinter die Schicksale, die sie verschlossen halten.

Marion B. - Die kleine Tochter weggesperrt, ohne die Tür jemals wieder zu öffnen... Ihre Märchen erzählen von Glück und Geborgenheit.

"Soll ich aufschließen?" fragt Obermeister Hähnel. Sie will uns helfen bei unserer Arbeit; wir haben nicht viel Zeit. Und alle Unterstützung ist uns zugesagt. Sie wiederholt ihre Frage, als wäre es die natürlichste Sache, Einlass zu gewähren in eine andere Welt. "Soll ich aufschließen?!" Nein! Nicht jetzt schon, nicht heute. Soweit sind wir noch nicht. Noch sind wir im Fegefeuer, für die Hölle sind wir noch nicht reif. Wir sprechen es nicht aus, aber sie spürt unseren Schrecken. "Ich bin ja dabei", sagt die kleine, schmale Person. "Sie brauchen keine Angst zu haben." Aber um diese Angst geht es nicht. Vielleicht weiß sie auch das, denn sie sagt etwas, das uns wie eine Balancestange auf dem Hochseil die nächsten Tage über dem Abgrund hält. Sie sagt: "Mord ist doch nur ein Wort, und Mörder ist nicht gleich Mörder. Es kommt auf die Umstände an …"

Das Schizophrene unserer Situation und der ungeheuerlichen Erfahrungen, die sie mit sich bringt, liegt in dem Umstand, dass wir mit Dingen konfrontiert werden, die es nach offiziellem Verständnis in unserer bisherigen Gesellschaft nicht geben konnte. Da sind Polizisten, die nicht einschreiten, wenn Frauen, von ihren Männern halbtot geschlagen, um Hilfe rufen. Da sind Kaderleitungen und Betriebsdirektoren, die schwangere, alleinstehende Frauen nicht einstellen. Da sind Mädchen, die, von psychopathischen Eltern drangsaliert, nirgendwo Schutz und Hilfe finden. Da sind Kinder, misshandelt, gefoltert, und niemand der ordentlichen Nachbarn beachtet die Todesmale in ihren Gesichtern, auf ihrer Haut. Da sind Männer und Frauen, die sich nicht kümmern um die mühsam kaschierten Blutergüsse, die geschwollenen Gesichter, die aufgeplatzten Lippen ihrer Kollegin. Nur nicht einmischen.

Das Gefängnispersonal ist unbewaffnet. Das Äußerste, und das auch nur in Notfällen, sind Schlagstöcke und Knebel.

Dass die Opfer entweder zugrunde gehen oder selbst zu Tätern werden, ist logisch. Die Akten, die wir am nächsten Morgen lesen, geben detailliert Auskunft darüber. Es ist schlimm, was da steht, manchmal kaum zu lesen. Und dennoch, es gibt Ursachen.

Major Forberg, die Psychologin der Einrichtung, bestätigt, Mörder werden nicht geboren, sondern erzogen. Die abscheulichste Tat ist immer der Schlusspunkt hinter einer Kette von Ursachen. Veranlagung, Charakter spielen eine Rolle, aber auch sie sind Produkt der Erziehung. Inwieweit dagegen zu steuern der einzelne in der Lage ist, hängt von seinem Intellekt, seiner Psyche, seiner Moral, auch von bestimmten Kontrollmechanismen ab. Hier setzt, bei geistiger Zurechnungsfähigkeit, seine Verantwortung ein für sein Tun oder Lassen…

Wir warten auf die Strafgefangene Gabriela N.; Kindesmord. Lebenslänglich. 6. Dezember reduziert auf 15 Jahre. Sieben Jahre davon abgesessen. Sie ist es, die ihren Sohn, den kleinen Marcel, vom Balkon ihrer Wohnung acht Stockwerk tief auf die Straße geworfen hat...

Täglich eine Stunde Freigang im Innenhof. Und das oft 15 Jahre und mehr.
Wenn man keine Freundin, keine Liebste hat, wird alles noch schwerer. Etwa 90 Prozent der Gefangenen haben sich zusammengetan.
Dies Strafgefangene hat "Arbeitsurlaub" und darf es sich zwei Tage lang in einem Extra-Verwahrraum mit Dusche, Radio und Fernseher "gemütlich" machen.
Die Zellen heißen heutzutage Verwahrräume. Lebt man so lange drin wie die meisten hier, muss man es sich schon ein bisschen "wohnlich" machen.
Eine Sanitärzelle, ähnlich wie diese, ist an jeden Verwahrraum angeschlossen.

Während wir in dem winzigen Amtsraum von Obermeister Hähnel, einer ehemaligen Zelle, in höchster Erregung sitzen und warten, kommt eine Frau vom Aufsichtsdienst - auch sie noch sehr jung. "Die Strafgefangenen von Willi (Westflügel III) rücken nicht ein in die Verwahrräume. Sie wollen, dass die Presse mit ihnen spricht." Sie macht die Meldung ruhig und sachlich. Es wird kurz beraten. Wir werden einbezogen. Ja, wir werden mit ihnen reden. Unbedingt. Aber nicht sofort. Das wäre Erpressung. Immerhin herrscht Meuterei im Gefängnis. Die Gefahr der Geiselnahme besteht. Wir wurden darauf aufmerksam gemacht. Besonders schlimm war es gleich nach der Verkündung der Amnestie, Anfang Dezember. Sprüche und Losungen wurden aus den Fenstern gehängt. Ein Teil der Gefangenen verweigerte die Nahrungsaufnahme. Zellentüren wurden eingetreten, man wollte das Tor stürmen.

"Generalamnestie" lautete die Forderung.

In jenen Tagen waren es Hauptmann Dotzauer und Major Grunewald, die unbewaffnet wie immer und durchaus unter Lebensgefahr auf die Flure gingen und mit den aufgebrachten Frauen sprachen. Sie machten Zusagen im Rahmen des Gesetzes, sagten aber auch, was nicht möglich ist. Die Gefängnistore für alle konnten und wollten auch sie nicht öffnen.

"Wir sind regelrecht überrumpelt worden mit der Amnestie", sagt Frau Hauptmann. "Wir hatten keine Möglichkeit, die Frauen vorzubereiten, die Maßnahmen zu erläutern, die großzügigen Chancen, aber auch die notwendigen Begrenzungen des Erlasses erzieherisch auszuwerten. Und dazu noch tagtäglich die Presseberichte über die Verbrechen der Partei- und Staatsführer und kein konkretes Wort über deren Bestrafung.

Unverantwortlich ..."

Nennenswerte Ausschreitungen blieben Gott sei Dank aus, die Situation ist mittlerweile wieder halbwegs unter Kontrolle. Aber gestreikt wird immer noch. In allen drei Produktionshallen des Gefängnisses: Bei der "Bettwäsche" ebenso wie bei "Strumpfhosen" und bei der "Gefängnisbekleidung". Der Schaden ist groß, denn der Anteil, den die Strafgefangenen der DDR an der industriellen Warenproduktion erwirtschaften, beträgt jährlich über 12,5 Milliarden Mark. Auf die Führungszeugnisse der Sträflinge wird sich die Arbeitsverweigerung auch nicht gerade vorteilhaft auswirken. Nun also wollen sie mit uns reden. Wir sind einverstanden.

Gabriela N. - Eine Mörderin, die ihre Not auf fast poetische Weise aus sich herausschreibt.

Die Strafgefangene N. wird gebracht. Sie ist groß, schlank. Ein ausdrucksstarkes, trotziges Gesicht. Sie weiß, was sie wert ist. Kraft ihrer Berliner "Kodderschnauze" hat sie hier das Sagen. Man hat sie zur Sprecherin des Gefangenenrates gewählt. Sie hat die Notizen zu einem Brief mitgebracht, den sie an den Staatsrat geschickt hat. Forderungen der Häftlinge, die sie formuliert hat. Acht Seiten. Fehlerlos. Er beginnt mit den Worten: "G. N ...‚ 30 Jahre alt - ich bin ein Mörder!"

"Na klar", sagt sie, "wat wahr is, is wahr. Darum sitz ick doch hier. Sieben Jahre schon. Wissen Sie, wat det heißt? ... Endlich kommt mal eener hierher. Wir dachten schon, uns hat die Welt hier in dem Mauseloch verjessen."

Wir, reden stundenlang. Allmählich wird sie weicher, spricht über ihr Leben, ihre unvorstellbare Tat. Es ist immer derselbe Kreislauf. Männer, die saufen und prügeln. Der erste, der zweite ... Sie selbst fängt an zu trinken. Immer mehr. Bis zur Bewusstlosigkeit. Entlassung wegen Arbeitsbummelei. Mehrere Selbstmordversuche. Und dann, eines nachts, betrunken und lebensmüde, nimmt sie ihr Kind und schmeißt es hinunter auf den Asphalt.

Dann der Knast. "Jawoll Knast. Det hörn se hier nich jerne. Aber jehn Sie mal in'n Arrest. Vierzehn Tage, jefesselt womöglich ... Und diese Schufterei hier, fürn Appel und 'n Ei... Dieset janze beschissene Leben!"

Gabriela N. schenkt uns ihr Tagebuch. "Wenn ick ma rauskomme, is sowieso alles nich mehr wahr. Machen Se damit, wat Se wohn." Später lesen wir darin. Atemlos. Schmerzensschreie sind es. Gerichtet an die Geliebte, die schon entlassen ist. Fast Poesie. " ...Stumme Schreie hämmern mir im Gehirn und bohren, wie die Totenwürmer im Grabe. Dieses langsam, doch stetig nagende Gewürm, das Sehnsucht heißt, zerfrisst mir die Sinne bis zum Wahnsinn. Ich halte mir verzweifelt die Ohren zu..."

Nicht alle Erzieherinnen sehen es gern, dass wir uns so ausgiebig mit der N. befassen. Sie haben viel Scherereien mit ihr. Egoistisch, frech, aufsässig. Es gibt Strafgefangene, die sich sehr gut entwickelt haben, einen guten Einfluss ausüben auf andere.

Maria K. - Die Mutter hat sie drangsaliert, bis sie es nicht mehr ertragen konnte… Sie malt traumschöne, menschenleere Landschaften.

"Sprechen Sie mit Maria. Sie ist etwas verschlossen, aber ein wunderbarer Mensch. Und sie ist eine Künstlern." Der Vorschlag kommt von Frau Hauptmann Wetzel und klingt wie eine Bitte. Sie ist Offizier für Bildung und Freizeit. Dass ihr diese Aufgabe am Herzen liegt, ist nicht zu übersehen. Das Freizeit-Zentrum ist mit vielen schönen Ideen, ja liebevoll gestaltet. Jede Strafgefangene kann sich hier in ihrer Freizeit kreativ betätigen. Bildungsmöglichkeiten gibt es auch: Facharbeiterausbildung und Teilabschluss 9. und 10. Klasse.

Maria malt. Der Freizeitbereich ist ausstaffiert mit ihren Gemälden; sie hängen auch im Besucherzentrum. Wenn sie sie verkaufen würde - und es gibt schon Angebote von draußen - kämen etwa 25.000 Mark zusammen. Die gehen an den Umweltschutz, sagt Maria. Es ist schon festgemacht.

Die schöne heile Welt der Strafgefangenen und Hobbymalerin Maria K. - Lichtblick in einer tristen Welt.

Die junge Frau mit dem weichen, traurigen Gesicht hat ihre Mutter ermordet. Zahllose Schlagwunden, 25 Stiche und zwei Schnitte wurden festgestellt. Wie den Unterlagen zu entnehmen ist und auch dem leisen, selbstanklägerischen Bericht der Maria K., war es ein Akt der Selbstbefreiung von einem Menschen, dessen Liebe sie von klein auf schmerzhaft vermisste, und dessen Psychoterror sie noch als Heranwachsende hilflos ausgesetzt war. Aus dem psychiatrischen Gutachten: "Zur Tatzeit abnorme Erlebnisreaktion, die die Schwere einer zeitweiligen krankhaften Störung der Geistesfähigkeit erreichte. Hinzu kam zeitweilige Bewusstseinsstörung." Das Urteil: Wegen Mordes Freiheitsstrafe von 13 Jahren ... Maria legte keine Berufung ein. Sie fand das Urteil gerecht.

Die Hälfte der Zeit ist nun um. Wahrscheinlich wird sie bald vorzeitig entlassen. Hauptmann Dotzauer hat den Antrag gestellt. Und die, die uns Maria so anempfohlen hat, freut sich. "Sie wird es packen, das Leben. Ich bin ganz sicher", sagt Hauptmann Wetzel.

Die Frauen vom Westflügel III haben sich vor uns aufgereiht. Die Sitzgelegenheiten in der Fernsehecke auf dem langen Flur reichen längst nicht aus. Sie bringen Stühle aus ihren Verwahrräumen mit. Viele Gesichter, hauptsächlich junge, alle gezeichnet. Zuerst bleibt es ruhig. Wir reden von uns. Wer wir sind, woher wir kommen, was wir hier machen ... Wir sind die Öffentlichkeit, ein Strang nach draußen, eine Stimme, ihre Stimme vielleicht, die noch nie so weit gedrungen ist.

Dann geht es los. Massiv: ... Leistungsdruck in drei Schichten. Leistungslohn. Durchschnittlich 800 Mark im Monat, aber nur, wenn man rackert. 18 Prozent, also etwa 160 Mark, erhalten Sie. Ein Teil davon geht auf ein Sparkonto, ein anderer wird für die Tilgung von Schulden eingesetzt. Und über den dritten schließlich können die Frauen frei verfügen. Das ist zu wenig. Und ständig defekte Maschinen. Das heißt Lohnabzug ... Kein echtes Mitspracherecht. Die EBÄ (Erziehungsbereichsältesten) und auch andere "Funktionäre" können nicht gewählt werden… Sie werden bestimmt. Das ist ungerecht! ... Allen Langsträflern eine Chance! Keine Generalamnestie, 0. k., aber genaue Überprüfung eines jeden Falles unter den neuen Gesellschafts- und Rechtsbedingungen. Wenn Gerechtigkeit, dann überall! ... Jeder muss das Recht haben nicht auf einen, sondern auf seinen Rechtsanwalt. Sonst gibt es kein Vertrauen!

Und dann noch etwas, etwas Tragisches. Aus jedem Gefängnis holte sich die Stasi seinerzeit sogenannte Hausarbeiter für ihre U-Haft-Abteilungen. Wäscherei, Küchendienste, Reinigungsarbeiten aller Art etc. Keine schöne Arbeit, aber manchmal etwas günstigere Haftbedingungen. Ausgewählt wurden die Gefangenen nach Gutdünken der Stasi. Sie übernahm auch für die oft mehrjährige Dauer des "Arbeitseinsatzes" die Verwaltung des Geldes und der Ak-ten der Häftlinge.

Die Gefängniswäscherei - das ist mit die schwerste Arbeit. Der Arbeitsraum soll demnächst rekonstruiert werden.

Dann kam die Wende und mit ihr die Demokratie. Bei der Leipziger Behörde trat sie in Gestalt einer rigorosen Bürgergruppe in Aktion (wenn man uns recht informiert hat). Sie requirierte alles, was ihr unter die Finger kam. Auch den mühsam erarbeiteten und für die einstmalige Freilassung lebensnotwendigen Lohnanteil der Strafgefangenen, samt ihren Akten. Wie sollen sie entlassen werden - ohne Akte? Wovon sollen sie einmal draußen leben - ohne einen Pfennig Geld? Ist das rechtens? Wir hoffen, es klärt sich auf - im Namen der Demokratie...

Die sitzen immer nur mit den Strafgefangenen zusammen. Um die dreht sich hier sowieso alles. Wer kümmert sich eigentlich um uns. Wir sind hier der letzte Dreck...

So geht die Rede unter den Frauen vom Aufsichtsdienst. Hauptmann Dotzauer sagt, dass wir unbedingt mit ihnen sprechen müssten, weil sie die schwierigste Arbeit machen. Das hatten wir sowieso vor, denn wir wundern uns unentwegt, dass diese jungen Frauen - kaum eine ist älter als 30 - den Laden hier schmeißen.

Wir sind eingeladen zum Kaffee im Dienstraum, der nicht größer ist als eine Zelle. Dort sind in der Regel acht Gefangene untergebracht, was den UNO-Auflagen entspricht, hier halten sich bei Schichtwechsel bis zu zehn Frauen auf. Alles ist denkbar primitiv, die Toilette beinahe unzumutbar. Einen Frauenruheraum haben sie nicht, obwohl eine von ihnen im sechsten Monat schwanger ist. Der Dienst wird in drei Schichten gemacht, von sieben bis sieben. Er umfasst alle operativen Arbeiten, die sich aus dem Tagesablauf der Häftlinge ergeben. Zuführung zu den Arbeitsstätten und zurück in die Verwahrräume, Begleitung in den Gesundheitstrakt, ins Freizeitzentrum, in die Speiseräume etc., Ausgabe der Medikamente, Ausführung aller von den Vorgesetzten, auch von den Erzieherinnen, getroffenen Weisungen und Festlegungen.

"Draußen gibt es starke Vorbehalte gegen uns. Wir stehen immer da, als wären wir die Verbrecher. 'Knastweiber' schimpfen sie uns… Aber andererseits sind die Leute froh, dass wir die Straffälligen hier unter Verschluss halten. Neulich kam ein Brief: ‚Lasst nicht die Mörder raus. Und die Diebe könnt Ihr auch behalten...'" Einige der Aufsichtsfrauen sind aus der Partei ausgetreten. "Was wir jetzt hören, das spottet doch jeder Beschreibung. Da geht es um Millionenbetrügereien, und wir halten hier Diebe jahrelang fest, die zugegriffen haben, nur weil die Umstände günstig waren."

Keine der Frauen möchte ihre Arbeit missen. Alle sind sie irgendwann mal von der Schulbank weg geworben worden, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt. Es ist der Umgang mit Menschen unter extremen Bedingungen und die große Verantwortung, die ihre Arbeit so interessant macht. Sie kennen ihre Pappenheimer, die Großkotze und Randalierer ebenso wie die Stillen und Reumütigen. Nur eine ist da, die sie nicht einordnen können. Sie ist arbeitsam, unauffällig, immer "zu Diensten". Und dennoch meinen einige, wenn die eine Waffe gehabt hätte an jenen Tagen des Gefangenen-Aufstandes im Dezember, dann hätte sie geschossen. Sie sprechen von Erika Bergmann*, der "Bestie in Menschenhaut".

Unter diesem Namen war sie als Aufseherin im KZ Ravensbrück bekannt und berüchtigt. (Wir wollen es uns und Ihnen ersparen, Zeugenaussagen zu zitieren. Falls Sie es aushalten können, lesen Sie bitte selber nach: "Frauen im KZ Ravensbrück", Autorenkollektiv, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1986.) Obwohl uns inzwischen Schutzhäute gewachsen sind, zweifeln wir, ob wir dieser Begegnung gewachsen sind. Mörder sind nicht gleich Mörder ... Aber wenn den Aufsichtfrauen und den Erzieherinnen ein solcher Umgang zugemutet wird, mit welchem Argument können wir uns dann entziehen .. ' ?

Als ihr unser Wunsch nach einem Gespräch mitgeteilt wird, verlangt sie Bedenkzeit. Sie lehnt ab. Wir lassen uns zu ihr in den Verwahrraum bringen, den sie, wie alle hier, mit anderen teilt, und fragen sie selbst. Es ist merkwürdig, einer solchen Frau gegenüberzustehen und alle Klischees einer sadistischen Mörderin schlagartig ad absurdum geführt zu bekommen. Kaum eines der viel jüngeren Gesichter hier ist so unzerstört, wirkt so glatt und ausgeglichen wie dieses.

Lebenslänglich: KZ-Aufseherin Erika Bergmann

Die Strafgefangene Bergmann lässt sich gewinnen für ein Gespräch. Zunächst argwöhnisch und nach allen Seiten absichernd, aber schließlich ist sie bereit. Und was wir nicht zu hoffen wagten, auch gegen ein Foto hat sie letztlich nichts einzuwenden.

Wir wollen fair sein, wollen ihre Antworten weder deuten noch kommentieren, wollen genauestens wiedergeben, was sie gesagt hat. Möge sich jeder seinen Reim darauf machen.

Frage: Wie haben Sie es geschafft, Frau Bergmann, in der langen Zeit hier so gut über die Runden zu kommen? Sie sehen blendend aus.
Antwort: Ich bin 75. 34 Jahre und sechs Monate bin ich in Haft. Überall gibt es bestimmte Regeln und Anforderungen. Wenn man sich fügt, hat man es gut. Ich bin es gewohnt, mich anständig zu benehmen. Damit hatte ich noch nie Schwierigkeiten.
Frage: Waren Sie nie krank oder unpässlich?
Antwort: Nein, eigentlich nicht. Und ist es mir wirklich mal nicht gut gegangen, dann bekam ich sofort Hilfe. Ich bin immer anständig behandelt worden. So ist es eben: Wie es hineinschallt, so schallt es heraus.
Frage: Haben Sie irgendwann gehofft, vorzeitig entlassen zu werden?
Antwort: Als ich 25 Jahre um hatte, hab' ich gehofft. Dann nicht mehr. Damit hab' ich mich abgefunden. Ich kann damit leben. Ich ja. Ich bin ein ruhiger Typ, wissen Sie.
Frage: Sie arbeiten noch?
Antwort: Ja, ohne Arbeit kann man nicht leben. Ich arbeite gern. In der Schneiderei. Drei Schichten. Und nachts am liebsten. Genäht hab' ich schon immer gern.
Frage: Was machen Sie sonst noch?
Antwort: Ich lese viel. Reiseliteratur und die Zeitungen ... ND, Junge Welt, Freie Presse, FÜR DICH
Frage: Dann wissen Sie auch von der großen gesellschaftlichen Umwälzung, die sich jetzt draußen vollzieht?
Antwort: Natürlich.
Frage: Und was sagen Sie dazu?
Antwort: Gut. Das musste sein. Die Vorkommnisse in der Parteiführung sind ja himmelschreiend. Für die, die nun aufbauen, ist es hart. Das dauert seine Zeit.
Frage: Was halten Sie von Wiedervereinigung?
Antwort: Dazu wird es bestimmt irgendwann kommen. Aber erstmal soll man versuchen, den Staat hier wieder aufzubauen.
Frage: Und die Neonazis - wie denken Sie darüber?
Antwort: Das mit den Schmierereien und Grabschändungen ist eine Schweinerei. Und der Schönhuber soll bleiben, wo er ist.
Frage: Das hört sich so an, als hätten Sie mit Ihrer Vergangenheit gebrochen. Es war schlimm, was Sie getan haben?
Antwort: Ja, es war schlimm. Und ich habe es tief bereut. Schon lange.
Frage: Sie haben jetzt ein Gnadengesuch gestellt. Was würden Sie tun, wenn sie wirklich freikämen?
Antwort: Ich glaube nicht daran. Aber ich würde hinziehen, wo Wald und Wasser ist, und ich würde arbeiten gehen. In der LPG oder im Betrieb. Arbeit hält jung.

1888 gebaut als "Weiberzuchthaus", heute Strafvollzugseinrichtung Stollberg.
Am nächsten Tag reisen wir ab.

*Wir verwenden den vollen Namen, weil er bereits vielfach öffentlich dokumentiert ist. Erika Bergmann, geb. Erika Belling, ab 1939 in 1. Ehe Erika Koch (* 3. Januar 1915 in Berlin-Neukölln; † 1996 in Guben). Bis Mai 1991 verbüßte sie insgesamt 36 Jahre ihrer Strafe im Frauengefängnis Hoheneck. - Quelle: Wikipedia


Das Gebäude steht auf den Grundmauern eines Jagdschlosses aus dem 16. Jahrhundert, das wiederum auf den Ruinen einer mittelalterlichen Grenzfeste errichtet wurde, der „Staleburg“, die dem Ort Stollberg den Namen gab. Im 17. Jahrhundert wurde das Schloss als Untersuchungsgefängnis genutzt, zu dessen Zweck ein neuer Bergfried (der heutige Uhrenturm) im Hohen Eck errichtet wurde, wovon sich der neue Name des Schlosses und der späteren Siedlung Hoheneck ableitete.

Ende April 2001 wurden das Gefängnis geschlossen und die letzten Gefangenen in andere Gefängnisse verlegt.


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 27.01.2021 - 15:13