Zeitzeugen
Wüstenkrieger Lawrence - Der Verrat an den Arabern Der britische Abenteurer Lawrence von Arabien führte vor 100 Jahren die Stämme der Wüste gegen die Osmanen und damit das Deutsche Reich. Er wurde zur Legende - und die Region das, was sie bis heute ist: ein Schlachtfeld.

Von Samiha Shafy

25.12.2016

Alle kursiven Zitate stammen aus Schriften von T.E. Lawrence

Offizier Lawrence um 1919
Foto: Granger, NYC / Interfoto

Ein Mann kann sich ohne Weiteres zugrunde richten; aber wie abscheulich, dass sich die Unschuld und die Ideale der Araber meinem schmutzigen Dienst fügen sollten, auf dass ich beides zugrunde richte.

Das Ziel, das Lawrence von Arabien im September 1917 unbedingt erobern wollte, ist ein kleiner sandfarbener Säulenbau, der sich in die fahle Wüste duckt. Um ihn herum stehen heute ein paar Flachbauten und Zelte: die Siedlung Mudawwara. Nur wenige Kilometer südlich von hier verläuft eine jener Grenzen, welche die Kolonialherren zu Lawrence' Zeiten kreuz und quer durch den Nahen Osten zogen. Sie trennt diesen Teil der Wüste, der nun Jordanien heißt, von jenem dahinter, der heute Saudi-Arabien genannt wird.

Der Scheich von Mudawwara, in traditionell weißem Gewand mit rot-weiß-karierter Kopfbedeckung, schreitet auf das verwitterte Gebäude zu, dann bleibt er in respektvollem Abstand stehen. Er möchte die Familien nicht stören, die sich in der Ruine angesiedelt haben. Ein Hauch von Schatten wäre jetzt eine Gnade, Schutz vor der gierigen Wüstenhitze, die jeden verschlingt, der sich ihr aussetzt. Nur den Scheich nicht, natürlich - er blinzelt entspannt in die Sonne.

Khaled Suleiman al-Atoun, 54, ist der Anführer des Stammes der Atoun, die seit Generationen in dieser Region leben. "Mein Großvater hat an Lawrence' Seite gegen die Türken gekämpft", erzählt er. "Hätte ich zu jener Zeit gelebt, hätte ich wohl auch mitgemacht - angesichts all der Versprechen, mit denen die Araber damals in den Aufstand gelockt wurden."

Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, einte Leutnant Thomas Edward Lawrence im Auftrag des britischen Geheimdienstes arabische Stämme. Von Oktober 1916 an führte er sie in einen abenteuerlichen Wüstenkrieg gegen das Osmanische Reich, den Verbündeten Deutschlands. Er selbst wuchs dabei zu einem Helden, dem Aberwitziges gelang, zu einer der legendären Gestalten der Weltgeschichte: zu Lawrence von Arabien.

Was Lawrence dem Großvater Atouns und den anderen Arabern im Auftrag der britischen Krone versprochen hatte, war: Freiheit. Wenn sie gemeinsam mit ihm die Türken aus Arabien verjagten, wenn sie dem British Empire also dabei helfen würden, das Osmanische Reich zu zerschlagen, werde ihr Lohn eine freie arabische Nation sein. Sie sollte neben der Arabischen Halbinsel auch den Großteil der heutigen Staaten Jordanien, Irak, Syrien, Israel sowie die Palästinensergebiete umfassen.

Scheich Atoun deutet auf die Ruine: "Das war der Bahnhof von Mudawwara." Durch ihn lief die strategisch entscheidende Bahnlinie der Osmanen Richtung Medina. Und hier lagerten damals, im Herbst 1917, die Wasservorräte der osmanischen Truppen. Doch sie waren zu gut bewacht für einen Angriff. Deshalb installierten Atouns Großvater und weitere Kämpfer, angeführt von Lawrence, eine Sprengstofffalle auf den Gleisen. Als sich ein osmanischer Zug näherte, jagten sie ihn in die Luft. Er finde es schade, sagt der Scheich, dass der Verlauf der Bahnlinie kaum noch zu erkennen sei: "Es wäre gut, wenn jüngere Generationen ihn sehen und begreifen könnten, wie wir in diese missliche Lage geraten sind."

Missliche Lage?

Seit damals gebe es in Mudawwara keine Bahnverbindung mehr, klagt Atoun. Noch schlimmer aber sei etwas anderes. Er macht eine Geste gen Süden, Richtung Saudi-Arabien. Nicht weit von hier gebe es eine zweite Wasserquelle, erzählt er, deshalb habe sich sein Stamm früher oft dort aufgehalten. Doch als nach dem Ersten Weltkrieg jene unseligen Grenzen durch den Nahen Osten gezogen wurden, sei auch sein Stamm gespalten worden: Diejenigen, die in Mudawwara blieben, wurden Jordanier, die anderen Saudi-Araber. "Wenn ich meine Familie auf der anderen Seite besuchen will, brauche ich ein Visum und muss monatelang warten", sagt Atoun. Seine Augen blitzen streitlustig: "Finden Sie das etwa fair?"

Die arabische Welt, einst so leidenschaftlich verklärt von europäischen Dichtern, Malern und Komponisten, beherrscht heute die Weltpolitik mit Krisen und Terror, Zerstörung und Flucht. Staaten wie Syrien und der Irak sind zum Schlachtfeld von Großmächten geworden, die vordergründig, beiläufig fast, den "Islamischen Staat" (IS) bekämpfen, während sie um Vorherrschaft in der Region ringen. So beschäftigt der Nahe Osten den Westen mehr als jede andere Gegend der Welt: durch seine Kriege, den Zerfall seiner Staaten und all jene Gefahren, die darin ihren Ursprung haben.

Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, sollte hundert Jahre zurückblicken, nach England und in die arabische Wüste. Dort spielt die Geschichte jenes Mannes, der aus dem Nichts kam und das Schicksal der Araber in seine Hände nahm. Für die einen ist Lawrence von Arabien ein tragischer Freiheitskämpfer, für die anderen ein Verräter. Auf jeden Fall gehört er zu den Männern, die das 20. Jahrhundert prägten, neben Figuren wie Churchill, Lenin, Stalin, Mussolini - so sieht es der amerikanische Historiker David Fromkin, Autor des Standardwerks zur Entstehung des modernen Nahen Ostens. Auch Hitler gehört auf diese Liste.

Scheich Atoun: "Wir sollten bis in alle Ewigkeit Schwarz tragen wegen Lawrence' Taten"
Foto: Dirk-Jan Visser / DER SPIEGEL

Generationen von Wissenschaftlern haben versucht zu verstehen, wie dieser eine junge Abenteurer die Weltgeschichte derart beeinflussen konnte: Es gibt mehr als 70 Biografien, die jüngste erschien im Mai. Seine eigenen Memoiren sind, über 81 Jahre nach seinem Tod, in mehr als einem Dutzend Sprachen erhältlich. Ein schillerndes Denkmal setzte ihm 1962 Hollywoodregisseur David Lean: ein größenwahnsinniges, mit sieben Oscars gekröntes Filmepos - "Lawrence von Arabien".

Im Film ist Lawrence, gespielt von Peter O'Toole, ein gebrochener Held. Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, brüskiert seine Vorgesetzten und bringt die Araber dazu, ihm zu folgen - bis die Kräfte, die er selbst geweckt hat, ihn zu zerreißen drohen. Der echte Lawrence war dem Filmhelden schon optisch ähnlich, ein sehniger Mann mit hellem Haar und stahlblauen Augen, der sich in arabische Gewänder hüllte und in der Wüste Grenzerfahrungen suchte. Eine widersprüchliche und rätselhafte Figur selbst für jene, die ihn aus der Nähe erlebten: brillant, besessen, eitel - aber auch mitfühlend und von Zweifeln gepeinigt.

Wie konnte der einst mächtige, kulturell blühende Nahe Osten nach Lawrence' Kampf zu einer Region ohne Chancen werden? Warum zerfallen arabische Staaten vor den Augen der Welt, gefangen in zerstörerischem Wahn? Wie kam es zum Siegeszug der Islamisten, die behaupten, westliche Werte seien die Krankheit, religiöser Fanatismus das Heil? Antworten findet man auch in der Geschichte des Lawrence von Arabien.

Der Ausländer kommt immer hierher, um zu lehren, wo er vielmehr lernen sollte, denn in allem, Verstand und Wissen ausgenommen, ist der Araber im Allgemeinen der bessere Mensch von beiden.

Um ein Haar wäre seine Geschichte zu Ende gewesen, bevor sie richtig beginnen konnte. T.E. Lawrence, geboren am 16. August 1888 im walisischen Tremadog, war der zweite von fünf unehelichen Söhnen des Gutsbesitzers Thomas Chapman und der Gouvernante Sarah Junner, die sich um Sir und Lady Chapmans vier Töchter gekümmert hatte. Da die gehörnte Lady Chapman die Scheidung verweigerte, nahmen ihr Mann und das Kindermädchen einen anderen Namen an: Lawrence.

Sie zogen nach Oxford und versuchten dort, den Anschein zu erwecken, ein gewöhnliches Ehepaar zu sein. Wohl um die geheime Schande zu kompensieren, gab sich vor allem Mrs Lawrence fromm und sittenstreng. Ihr Zweitgeborener, Thomas Edward, versuchte früh, dem Korsett seines Elternhauses zu entkommen. Er studierte Geschichte und reiste Ende 1910 ins heutige Syrien, um bei Ausgrabungen zu helfen. Bald streckte ihn die Ruhr nieder, und er wurde sterbensschwach.

Während er zwischen Leben und Tod schwebte, besuchte ihn täglich ein junger arabischer Wasserträger namens Dahoum. Lawrence genas - und verliebte sich. Es war natürlich zu jener Zeit eine ebenso unmögliche Liebe wie die seiner Eltern. Möglich ist, dass sich die Romanze vor allem in der Fantasie des jungen Briten abspielte. Für Lawrence, der mit dem verklärten Blick des Orientromantikers auf die Araber blickte, verkörperte Dahoum das Idealbild des reinen, edlen Beduinen.

Foto: DER SPIEGEL

Später, als er zu Lawrence von Arabien geworden war, schrieb er: "Mein stärkster Beweggrund war während der ganzen Zeit ein persönlicher gewesen, der hier nicht erwähnt wurde; aber er ist, wie ich glaube, mir zu jeder Stunde dieser zwei Jahre gegenwärtig gewesen ... Er war tot, noch bevor wir Damaskus erreichten."

Als Lawrence im Juni 1914 in seine Heimat zurückkehrte, blieb Dahoum als Wächter auf der Ausgrabungsstätte zurück. Später, in der entscheidenden Phase des Krieges, erfuhr Lawrence, dass sein Freund an einem Fieber gestorben war.

Am 4. August 1914 trat Großbritannien in den Krieg gegen Deutschland ein. Das Osmanische Reich bröckelte längst. Aus Nordafrika hatte es sich zurückgezogen, ebenso aus Südosteuropa. Aber es erstreckte sich noch von der Levante und Mesopotamien bis an den Persischen Golf und über den westlichen Teil der Arabischen Halbinsel bis in den Jemen. Städte gehörten zum Großreich der Türken, deren Namen damals wie Verheißungen klangen und heute für Tod und Terror stehen - Aleppo, Damaskus, Bagdad, Sanaa. Dass in dieser Erde auch die größten Ölreserven der Welt schlummerten, war den Herrschern in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, noch kaum bewusst.

Zunächst war nicht klar, ob das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg Partei ergreifen würde. 1911 hatte es mit Großbritannien über eine Allianz verhandelt, vergebens. Die anderen Mitglieder der sogenannten Entente - Frankreich und Russland - zeigten kein Interesse. Die Deutschen winkten im Juli 1914 ebenfalls ab.

Doch dann änderten die Diplomaten des deutschen Kaisers Wilhelm II. ihre Meinung. Die Osmanen besaßen keine besonders schlagkräftige Armee, doch sie beherrschten Mekka und Medina, die heiligen Stätten des Islam. Der Sultan betrachtete sich als spirituellen Führer aller Muslime. Wenn dieser Mehmed V. nun, so überlegten die Deutschen, alle Muslime - auch jene 140 Millionen, die in Ländern wie Ägypten und Sudan unter der Kontrolle der Entente standen - zum heiligen Krieg gegen die Alliierten aufriefe, könnte das den Krieg entscheiden.

Die Deutschen verbündeten sich mit den Osmanen, diese riefen prompt zum Dschihad gegen Deutschlands Feinde auf. Die Briten, in deren Kolonien hundert Millionen Muslime lebten, mussten reagieren.

Wir erkannten, dass der Osten eines neuen Elements bedurfte, irgendeiner Macht oder Rasse, die den Türken an Zahl, an Stoßkraft und geistiger Regsamkeit überlegen war.

Durch Zufall war Lawrence genau da, wo die britische Antwort ersonnen wurde: in Kairo. Weil er sich in der arabischen Welt besser auskannte als die meisten Briten, hatte er eine Stelle als Leutnant in der "Geografischen Abteilung des Generalstabs" bekommen.

Der Plan des britischen Nachrichtendienstes in Kairo war es, Hussein Bin Ali, den Scherif von Mekka, zum Widerstand gegen die Türken anzustacheln. Der strenge, weißbärtige Hussein wurde in der islamischen Welt als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed und als eigentlicher Hüter der heiligen Stätten verehrt.

Der Scherif pflegte Kontakte zu arabischen Nationalisten und träumte von einem panarabischen Kalifat. Weil die Türken das wussten, hatten sie Vorkehrungen getroffen: Sie hatten sich von deutschen Ingenieuren die Hidschas-Bahnlinie bauen lassen, die Damaskus mit Medina verband und bis nach Mekka verlängert werden sollte. Mithilfe der Bahnlinie konnte der Sultan seine Truppen schnell dorthin verlegen, wo Unruhe aufkam.

Lawrence gehörte zu den leidenschaftlichsten Verfechtern des britischen Plans. Er schrieb nun Strategiepapiere. Schließlich einigten sich Sir Henry McMahon, der britische Hochkommissar in Ägypten, und Scherif Hussein: Die Araber sollten den Aufstand wagen und das Osmanische Reich angreifen.

Partner Feisal (vorn), Lawrence (3.v.r.) bei der Pariser Friedenskonferenz 1919: Linien im Sand
Foto: Topham Picturepoint

Nach dem Sieg, so versprach McMahon in einem Brief Ende Oktober 1915, würde Großbritannien Husseins Anspruch auf ein unabhängiges Arabien unterstützen - mit der Arabischen Halbinsel, Syrien, Mesopotamien und Palästina. McMahon wählte seine Worte so wolkig, wie es nur ging; so war es ihm aus London aufgetragen worden.

Damit bereitete er einen historischen Verrat vor, der die arabische Welt bis heute destabilisiert: "Man kann natürlich argumentieren, dass alle Grenzen künstlich sind", sagt der britische Historiker James Barr, "aber der Unterschied im Nahen Osten ist, dass die Grenzen für ein gebrochenes Versprechen stehen - ein Versprechen, mit dem die Briten die Araber damals dazu brachten, für sie in den Kampf zu ziehen."

Barr, 40, ein freundlicher, schmaler Mann, hat Jahre in britischen und französischen Archiven zugebracht, um anhand freigegebener Geheimakten aus dem Ersten Weltkrieg nachzuvollziehen, wie es zum Verrat der Kolonialmächte an den Arabern kam. Das Ergebnis ist sein 2011 erschienenes Buch "A Line in the Sand".

Im Zentrum des Geschehens steht der junge Leutnant in Kairo: Lawrence. "Auch Lawrence war in erster Linie ein britischer Imperialist", sagt der Historiker. Er habe für ein unabhängiges Arabien gekämpft, das unter britischem Einfluss stehen sollte. "Nach damaligen Maßstäben war er weniger rassistisch als viele andere." Zumindest, was die Araber betraf. "Seine hervorstechende Eigenschaft war, dass er die Franzosen nicht ausstehen konnte."

Dann war da noch der fantasievolle Anwalt aller unerfüllten Weltbewegungen, Mark Sykes, auch er ein Bündel von Vorurteilen, Eingebungen und Halbheiten.

Anfang 1916 hörte Lawrence Gerüchte aus London. Danach hatte der britische Parlamentarier Mark Sykes mit einem Gesandten der Franzosen namens François Georges-Picot ein Geheimabkommen ausgehandelt, das die arabischen Provinzen des Osmanischen Reichs vorsorglich zwischen Großbritannien und Frankreich aufteilte. Sykes und Picot hatten eine Linie quer über eine Landkarte Arabiens gezogen, die vom Buchstaben "e" im Namen der Stadt Acre (Akko) bis zum letzten "k" im Namen der Stadt Kirkuk reichte: Was nördlich davon lag, sollte nach einem Sieg über die Deutschen und die Türken unter Frankreichs "Schutz" gelangen, die südlichen Gebiete sollten Großbritannien zufallen. Nur Palästina wollte keiner dem anderen überlassen; es sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden.

Das Sykes-Picot-Abkommen ist der zweite Teil des historischen Verrats an den Arabern. Die Briten sahen sich genötigt, ihren wichtigsten Verbündeten entgegenzukommen: den Franzosen. Die hatten mit Drohungen reagiert, als sie von McMahons Absprache mit Scherif Hussein erfuhren.

Die Engländer versprachen den Franzosen also riesige Landstriche, die noch den Türken gehörten und die sie auch schon den Arabern versprochen hatten.

Im Nahen Osten steht der Begriff Sykes-Picot heute für ein Gefühl von Ohnmacht und Wut darüber, immer wieder Opfer fremder Interessen zu werden. Das liegt an der strategisch entscheidenden Lage der Region zwischen Ost und West und an einer offenen Topografie, die immer schon Eindringlinge anlockte. Und es liegt an der Fülle jener Rohstoffe, die zu der Zeit entdeckt wurden und fremde Begehrlichkeiten weckten: Öl vor allem.

Mit Sykes-Picot beginnt aus arabischer Sicht eine Kette der Katastrophen, die sich bis in die Gegenwart verlängert - bis zum Krieg in Syrien, der zu einer Art Weltkrieg auf syrischem Boden geworden ist.

Lawrence-Verwandte Jenkins-Teague (vor Lawrence' Hütte Clouds Hill.): "Er wäre so schockiert"
Foto: Jonathan Browning / DER SPIEGEL

Es ist dieses Ohnmachtsgefühl, das Islamisten und andere Feinde des Westens heute geschickt ausnutzen. Zum Beispiel jenes IS-Kämpfers, der in einem Video an einem von der Terrorgruppe eroberten Grenzübergang zwischen Syrien und dem Irak steht und prahlt: "Wir werden die Grenzen des Irak, Jordaniens, des Libanon, aller Länder durchbrechen." Das IS-Video, veröffentlicht im Sommer 2014, trägt den Titel: "Das Ende von Sykes-Picot".

Die Briten waren unglücklich mit dem Abkommen und suchten nach Wegen, es zu umgehen. Vor allem sollten ihre arabischen Verbündeten auf keinen Fall von Sykes-Picot erfahren; sie wurden ja für den Kampf gegen die Osmanen gebraucht.

Das ungute Gefühl, den Franzosen zu viel Territorium überlassen zu haben, verleitete die Briten zu einer dritten folgenschweren Absprache, diesmal mit europäischen Zionisten. Sie war mit keiner der beiden vorherigen vereinbar: Großbritannien würde die Zionisten dabei unterstützen, Juden in Palästina anzusiedeln.

Mit der Dankbarkeit der jüdischen Siedler, so das Kalkül in London, würde sich Großbritannien die Kontrolle über jenes Gebiet sichern, das es ursprünglich den Arabern versprochen hatte und das laut Sykes-Picot neutral bleiben sollte. Etwa 640.000 Araber und rund 60.000 Juden lebten damals in Palästina. Der neue Plan der Briten wurde zur Basis des Staates Israel.

Lawrence kannte zunächst weder den Pakt mit den Juden noch die Details von Sykes-Picot. Doch er gönnte den Franzosen keinen Zipfel arabischer Erde. Er beschloss, die Pläne der Politiker zu durchkreuzen.

Ich fühlte auf den ersten Blick: Dies war der Mann, den zu suchen ich nach Arabien gekommen war - der Mann, der die Erhebung Arabiens zu glorreichem Ende führen würde.

Im Sommer 1916 war es so weit: Scherif Husseins Truppen vertrieben die Türken aus Mekka. Die Arabische Revolte geriet aber gleich wieder ins Stocken. Ernüchtert stellten britische Beobachter fest, wie schlecht vorbereitet die Araber waren, wie planlos sie sich in den Kampf stürzten. Nur einer glaubte an sie, unverdrossen: "Wenn diese Revolte Erfolg hat, wird sie das größte Ding im Nahen Osten", schrieb Lawrence an seine Eltern.

Doch im Oktober setzten die Türken zur Rückeroberung Mekkas an. Lawrence wurde gemeinsam mit einem Kollegen nach Arabien entsandt. Die beiden sollten herausfinden, ob der Aufstand zu retten war - mit Gold und Ratschlägen, aber bitte ohne britische Truppen. Es war Lawrence' Chance auf das große Abenteuer.

Er war erst 28 Jahre alt und hatte keine militärische Erfahrung, doch das hinderte ihn nicht, die Revolte umzukrempeln. Als Erstes suchte er einen neuen Anführer; der 63-jährige Hussein, immun gegen britischen Rat, erschien ihm ungeeignet. Also besuchte Lawrence Husseins Söhne.

Den schwächlichen Ali und den genussfreudigen Abdullah schrieb er gleich ab. Aber dann war da noch Feisal. Um ihn zu treffen, musste Lawrence über eine Strecke von 160 Kilometern auf dem Rücken eines Kamels der Wüste trotzen.

Feisal, fünf Jahre älter und etwa einen Kopf größer als Lawrence, war der Anführer, den er gesucht hatte: "Groß, geschmeidig und kraftvoll, in Gang und Haltung von einer wahrhaft königlichen Würde", so notierte Lawrence. Nun musste er ihn nur in die richtige Richtung lenken. Auf die höfliche Frage seines Gastgebers, wie ihm die Gegend gefalle, entgegnete er: "Gut, aber sie ist weit weg von Damaskus."

Denn dies war Lawrence' geheimer Plan, mit dem er Sykes-Picot sabotieren und die garstigen Franzosen fernhalten wollte: Als Feisals Berater würde er die Araber gen Norden dirigieren, damit sie vor den Franzosen und den Briten Damaskus einnehmen könnten, damals ein wirtschaftliches Zentrum der arabischen Welt. Es musste schnell gehen, damit die Araber die Stadt mit dem Recht des Eroberers für sich beanspruchen konnten. Dafür mussten sie vor allen Dingen die Bahnlinie der Türken durchschneiden.

Die Station Mudawwara bedeutete in vieler Beziehung den entscheidenden Punkt der Eisenbahnlinie. Die Araber konnten das nicht einsehen, da sie sich in ihrem Kopf keine Vorstellung zu machen vermochten von der Gesamtheit der türkischen Front.

Die britischen Archäologen Neil Faulkner und Nick Saunders von der University of Bristol haben von 2006 bis 2014 mehr Fußmärsche in der jordanischen Wüste zurückgelegt, als ihnen lieb war - immer auf Lawrence' Spuren. Die Forscher entdeckten, dass Lawrence' Erzählungen über den Krieg keine Heldenmärchen sind, wie Kritiker oft behaupten, sondern weitgehend akkurat. Und dass er, der Zivilist, eine Art der Guerillakriegsführung perfektionierte, von der moderne Militärstrategen einiges lernen könnten.

Die Frage sei, so Saunders, wie man eine militärische Offensive auf fremdem Territorium organisiere, wenn man keine starken Bodentruppen zur Verfügung habe. Lawrence "war ein Meister darin, scheinbares Chaos zu strukturieren". Er habe auf Anhieb erkannt, dass Feisals Kämpfer als Soldaten wenig taugten, aber tapfer genug waren, die osmanische Großmacht mit riskanten Einzelaktionen zu destabilisieren.

Der graubärtige Archäologe Saunders sitzt in einem Pub in Bognor Regis, einem Ferienort an der südenglischen Küste, er hat ein Guinness bestellt und zündet sich eine Zigarette an. Eine kleine Pause. Saunders hat sich nach Bognor Regis zurückgezogen, um zehn Jahre Lawrence-Forschung zu einem Buch zu verdichten; es soll 2017 im Verlag der Oxford University erscheinen.

Saunders trinkt einen Schluck Bier und legt Fundstücke aus der Wüste auf den Tisch: den platt gedrückten Knopf einer Uniform, Munition, das Hufeisen eines Maulesels - Spuren von Lawrence' Krieg, die hundert Jahre lang unberührt im Sand lagen, nicht weit von Mudawwara.

Lawrence und seine Araber auf ihren Pferden und Kamelen erreichten den Ort im September 1917. Der Brite war in finsterer Stimmung. Der Aufstand lief zwar nach Plan, doch er wusste nun mit Sicherheit, dass die Araber betrogen werden würden. Sykes selbst hatte es ihm gesagt, als der Politiker sich mal in die Wüste gewagt hatte.

Lawrence kleidete und verhielt sich inzwischen wie ein Araber. Scheinbar mühelos glitt er von einer Identität in die andere, ein britischer Leutnant, der wie ein Beduine lebte, anspruchslos bis zur Selbstverleugnung. Wenn es Wasser gab, trank er, wenn nicht, dann eben nicht. Auch später, als er wieder in England lebte, ernährte er sich spartanisch, aus Dosen.

Er litt unter dem Verrat; er musste mehrere Tausend Krieger belügen, damit sie weiter für Großbritannien kämpften. Er versuchte, sein Gewissen zu entlasten, indem er Feisal ins Vertrauen zog - und ihn gleichzeitig anspornte, nun erst recht nach Damaskus zu marschieren, um Fakten zu schaffen.

Feisal hörte auf seinen Rat. Erst eroberten sie zusammen die Stadt Wadschh, dann die strategisch wichtige Hafenstadt Akaba auf dem Weg gen Norden. Lawrence hatte die Araber eigenmächtig dorthin geführt, gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Hunger und Durst begleiteten sie auf ihren Ritten, eine fleischfressende Sonne und Sandstürme, die ihnen die Haut im Gesicht zerrissen, "während die Augenlider, körnig von Sand, gleichsam einzuschrumpfen und die in die Höhlen gesunkenen Augen bloßzulegen schienen".

Wadi Rum in Jordanien: Eine fleischfressende Sonne und Sandstürme
Foto: Dirk-Jan Visser / DER SPIEGEL

Sie zogen immer weiter nach Norden, wie Banditen fielen sie über die Außenposten des Osmanischen Reiches her. Die Gefechte setzten Lawrence zu, die Brutalität, die Araber mit ihren Säbeln, die Maschinengewehre der Osmanen, das Blut, das Sterben. In Akaba hatte er vor lauter Aufregung seinem eigenen Kamel von hinten in den Kopf geschossen, als die Kugeln flogen. Es sackte zusammen, und er fürchtete, fallend, dass er nun sterben müsste.

Beim Angriff auf den Zug bei Mudawwara spielten sich irrwitzige Szenen ab: Die Araber stürzten sich auf die Waggons, um sie zu plündern. "Das Tal war der reinste Hexenkessel", so Lawrence. "Die Araber, wie von Sinnen gekommen, rasten umher, barhäuptig, halb nackt, brüllend, blindlings schießend und sich gegenseitig mit Nägeln und Fäusten bearbeitend, während sie Waggons aufbrachen und mit riesigen Ballen hin und her stolperten."

Als Lawrence einen anderen Zug sprengte, wurde er bei der Explosion durch die Luft geschleudert. Er kam wieder zu sich mit blutigen Rissen in seinem Arm, vor ihm lag der Oberkörper eines Türken.

Manchmal zweifelte er nun an seiner Mission. Feisals Armee stellte keine Einheit dar, die eine große arabische Nation bilden und die Franzosen verjagen konnte. Die Beduinenstämme, die sich am Anfang hinter Feisal geschart hatten, konnten wenig mit anderen Arabern aus dem heutigen Syrien und Irak anfangen, die als Freiwillige dazugestoßen waren. Immer wieder kam es zwischen den verschiedenen Gruppen zu Streit. Lawrence stand vor einer Frage, die bis heute nicht zu beantworten ist: Wer sind eigentlich "die Araber"?

Wir würden unweigerlich Verbitterung ernten, eine jämmerliche Frucht für eine heroische Anstrengung.

In London kamen zur selben Zeit Mark Sykes ebenfalls Zweifel an seiner Rolle. Von jenseits des Atlantiks blies den Briten und Franzosen ein scharfer Wind entgegen. US-Präsident Woodrow Wilson, anders als viele seiner Nachfolger noch von demokratischem Idealismus beseelt, forderte für die Völker des Osmanischen Reiches eine "völlig ungestörte Gelegenheit zur selbstständigen Entwicklung". Sykes fürchtete, auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.

Im August 1918 vertrieben die Araber die Osmanen aus Mudawwara, Brunnen und Anlagen wurden zerstört. Damit war die Eisenbahnlinie unterbrochen. Ihren Nachschub, ihre Truppen hätten die Türken nun in mörderischen Märschen durch die Wüste transportieren müssen - unmöglich. Sie waren praktisch erledigt. Ein paar Tage später war Lawrence' 30. Geburtstag. Er verbrachte ihn allein in seinem Zelt, mit hohem Fieber und Selbstvorwürfen.

Es war falsch, alles: Feisal vertraute ihm und verließ sich auf seine Ratschläge. Die arabischen Kämpfer verehrten ihn. Doch was nutzte das alles, wenn es ihm nicht gelang, den Verrat zu verhindern?

Je näher die Araber Damaskus kamen, je euphorischer ihre Stimmung wurde, desto elender fühlte sich Lawrence. Er verkroch sich, manchmal für Tage. "Zwei Jahre lang hatte ich, nur um sie auszunutzen, fälschlich ihren Gefährten gespielt", notierte er. "Ein, zwei Wochen, drei vielleicht, und ich würde auf meiner Entlassung bestehen. Meine Nerven waren zerrüttet; und ich konnte froh sein, wenn mein Zusammenbruch noch bis dahin verborgen blieb."

Am 1. Oktober 1918 erreichte die Arabische Revolte ihr Ziel: Damaskus. Die Menschen in den Straßen jubelten und tanzten, als die arabischen Kämpfer in die Stadt einrollten, sie feuerten Salven und warfen Blumen in die Luft, sie riefen die Namen der arabischen Helden.

Und immer wieder riefen sie einen englischen Namen: "Lawrence, Lawrence!"

Es war der größte Triumph der Araber. Und zugleich ihre größte Niederlage. Als der britische Feldmarschall Edmund Allenby in Damaskus eintraf, musste er Feisal erklären, dass Großbritannien die Stadt nicht nur den Arabern, sondern auch den Franzosen zugesagt hatte. Und die Franzosen seien wichtiger. Lawrence' schneller Vormarsch hatte nichts gebracht.

Die arabische Nation war ein leeres Versprechen: Nun, da der Krieg gewonnen war, brauchten die Briten die Araber nicht mehr. Die Kolonialmächte zogen neue Grenzen nach eigenen Wünschen, künstliche Linien, die ethnische und konfessionelle Wirklichkeiten missachteten.

Der britische Außenminister Arthur Balfour, der im Jahr zuvor den Zionisten eine jüdische Heimstätte in Palästina zugesagt hatte, verkündete in London, dass die britische Regierung das Sykes-Picot-Abkommen respektieren werde. Er verschwieg nur, dass dies nicht für Palästina galt.

Abenteurer Lawrence 1928: Brillant, größenwahnsinnig, eitel
Foto: Rex Features Ltd. / action press

Sykes verfolgte besorgt, wie sich die Lage entwickelte. Er bereute seinen Deal mit Picot und suchte nach einer Alternative, die dem Nahen Osten eher gerecht würde. Ihm schwebte eine Aufteilung in autonome Provinzen vor, die ethnische und konfessionelle Besonderheiten berücksichtigen sollte. Doch im Februar 1919 starb er an der Spanischen Grippe.

Auch Lawrence konnte in Arabien nichts mehr ausrichten. Er bat General Allenby um seine Entlassung und reiste zurück nach England.

Im Januar 1919 begann die Friedenskonferenz in Paris. Der britische Kriegsminister Winston Churchill nahm Lawrence als Berater mit. Im Schloss von Versailles sah man die großen Staatsmänner des Westens, die den Nahen Osten zerteilten, öfter ratlos vor einer Landkarte stehen, auf der Suche nach dieser oder jener Stadt: "Wo ist noch dieses verdammte ...?"

Ihre Vorlage waren jene Grenzen, die Sykes und Picot vereinbart hatten. Aus drei weitgehend autonomen osmanischen Provinzen erwuchs der Irak. Im Süden der neuen Nation leben bis heute vor allem Schiiten, im Zentrum die sunnitische Minderheit, im Norden Kurden - natürlich ein explosives Gemisch. Syrien wurde in kleine rivalisierende Regionen aufgeteilt. Verschiedene Gruppen sollten einander bekämpfen, damit sie nicht auf die Idee kämen, gemeinsam die französische Schutzmacht zu vertreiben. Es war, in den Worten des Historikers David Fromkin, "ein Frieden, der jeden Frieden beendete".

Bis heute hält in vielen arabischen Ländern nur der eiserne Griff korrupter Autokraten Staaten zusammen, was alte Feindschaften verschärft und Hass schürt. Stürzt ein solcher Diktator, wie 2003 im Irak oder 2011 in Libyen, zerfällt auch der Staat. Wankt der Diktator bloß, wie in Syrien, kann das Ergebnis noch blutiger sein. So prägen im Nahen Osten die Folgen des Ersten Weltkriegs die politische Gegenwart.

Eine Gegenwart, die oft apokalyptische Züge trägt: Araber zu sein bedeute, sich ohnmächtig zu fühlen, verfolgt und voller Selbsthass, das schrieb der libanesische Politologe und Journalist Samir Kassir 2004 in seinem Lamento "Das arabische Unglück". Er klagte über Analphabetenraten, über die Unterschiede zwischen unerhört Reichen und elenden Ärmsten, vor allem aber über ein weitverbreitetes arabisches Gefühl: "dass die Zukunft versperrt ist". Wenige Monate später war Kassir, ein furchtloser Kritiker des syrischen Regimes, tot - zerfetzt von einer Autobombe. In den Jahren seit seiner Ermordung ist alles noch schlimmer geworden.

2011 kam für einen Moment Hoffnung auf, dass vieles anders werden könnte: Doch für die Menschen, die in arabischen Ländern für Würde und Brot protestierten, wurde der Arabische Frühling zu einem Desaster, mit noch mehr Krieg und Terror, mit religiösem Fanatismus. Die Ausnahme ist Tunesien, der kleine, fragile Staat, der ein demokratisches Experiment wagt. Auf der anderen Seite steht Syrien, die größte Katastrophe unserer Zeit.

Im Chaos der Aufstände erstarkten die bärtigen Nihilisten des "Islamischen Staats" "wie Ungeziefer, das sich in den Trümmern einer Stadt ausbreitet", so der libanesische Autor Hisham Melhem, der mit Kassir befreundet war. Melhem lebt in den USA, er meidet seine Heimat. "Es ist schwer für uns Journalisten und Akademiker, den Zustand der arabischen Welt zu erklären", sagt er, "wir sind dazu verdammt, Klageschriften zu schreiben."

Verwirrung ist das Einzige, was ich gegenwärtig empfinde. Ich stelle mir vor, dass Blätter, die von ihrem Baum gefallen sind, sich so fühlen müssen, bis sie sterben.

Vor dem winzigen weißen Cottage Clouds Hill, zwischen Wäldern und Hügeln in Südengland, sitzt eine kräftige, blonde Frau neben einem lebensgroßen Lawrence aus Pappe. Sie sitzt in einem Beduinenzelt, das sie aus der jordanischen Wüste mitgebracht hat, und bietet Spaziergängern Tee mit Minze an, dazu saudi-arabische Dattelkekse.

In diesem Häuschen, ohne Toilette, ohne Küche und ohne elektrisches Licht, verkroch sich Lawrence vor seinen Dämonen und vor seinem Ruhm. Er litt noch jahrelang darunter, dass auch er die Araber verraten hatte, lehnte Orden und Posten ab. Stattdessen diente er als einfacher Soldat in der Luftwaffe - unter den Tarnnamen John Hume Ross und T. E. Shaw. Als seine falsche Identität aufflog, versteckte er sich beim Königlichen Panzerkorps vor der Öffentlichkeit, dann wieder bei der Luftwaffe. Er wollte nicht der Held sein, der er für viele war.

Am Morgen des 13. Mai 1935 fuhr er mit seinem geliebten Motorrad über eine Landstraße, es war eine Brough Superior SS100, die schnellste Serienmaschine ihrer Zeit. Plötzlich tauchten zwei Jungs auf Fahrrädern vor ihm auf. Er versuchte auszuweichen, er stürzte. Sechs Tage später starb er an seinen Verletzungen.

"Lawrence wäre so schockiert, wenn er den Nahen Osten heute sehen könnte", sagt die Frau im Zelt. Ihr Name ist Theresa Jenkins-Teague, sie ist 55 Jahre alt und sagt, sie sei eine entfernte Verwandte von Lawrence. Deshalb sei sie hin und wieder hier, bei seinem Cottage: um ihn zu verteidigen und das, wofür er gekämpft habe - die arabische Welt. "Nicht alle Araber sind schwarze Fahnen schwingende Kerle." Ein paar Gäste sitzen auf Kissen im Zelt.

Sie nicken, etwas unsicher.

In einem anderen Zelt, fast 4000 Kilometer Luftlinie entfernt, sitzt der Scheich von Mudawwara im Schneidersitz auf dem Boden: "Als ich als Kind den Namen Lawrence von Arabien hörte, dachte ich, dieser Mann muss etwas ganz Besonderes für Arabien geleistet haben", sagt Khaled al-Atoun, während einer seiner Söhne Tee serviert, ein anderer Kardamomkaffee, ein dritter Datteln und ein vierter Wasser.

"Dann las ich Lawrence' Erinnerungen", fährt Atoun fort, "und ich entdeckte die große Lüge, die er und die anderen Briten den Arabern erzählten, während sie den Zionisten einen Staat versprachen und den Rest der Region zwischen sich und den Franzosen aufteilten." Etwa ein Dutzend Männer und Knaben sitzt um den Scheich herum und hört ehrfürchtig zu: "Nun haben sich die Briten also für den Brexit entschieden, und überall hieß es, das sei ein trauriger Tag für das vereinigte Europa", sagt Atoun und wirft die Hände in die Luft. "In wie viele Staaten wurden wir Araber aufgeteilt? 21? 22? Wir sollten bis in alle Ewigkeit Schwarz tragen wegen Lawrence' Taten!" Er hält inne: "Verzeihen Sie, wenn ich so direkt bin." Frage zurück: Ist es nicht schwach, nach 100 Jahren immer noch Lawrence die ganze Schuld zuzuschieben? Was hindert denn heute die Araber, sich zusammenzuschließen?

"Uneinigkeit ist ein Problem", räumt der Scheich ein. Dabei teile die Mehrheit der Araber ja sogar, anders als die Europäer, eine Sprache und eine Religion. Auch deshalb aber werde sich die Idee, für die Lawrence von Arabien kämpfte, auf Dauer durchsetzen, hofft er. "Ich rechne damit, dass diese Grenzen verschwinden werden", sagt Atoun. "Die arabische Einheit wird kommen."

Im Video: Lawrence von Arabien - T.E. Lawrence im Profil DER SPIEGEL

Alle kursiven Zitate stammen aus Schriften von T.E. Lawrence


Quelle: spiegel.de vom 25.12.2016


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