zur Erinnerung
USA - 30 Jahre "Challenger"-UnglĂŒck Kostendruck, Schlamperei

Von Christoph Seidler

28.01.2016, 13.17 Uhr

Die Explosion der "Challenger": Sieben Astronauten starben - dabei hatten wohl alle an Bord die Explosion zunĂ€chst ĂŒberlebt. Die GrĂŒnde des Technik-Versagens lagen auch im Recycle-Konzept des Shuttles. Wiederholen sich jetzt alte Fehler?

Die Booster. Als Schulkind war es das irrwitzige Bild der Booster, das mich am meisten beeindruckte.

Als das Space Shuttle "Challenger" am 28. Januar 1986 genau 73 Sekunden nach dem Start explodierte, als die Bilder des UnglĂŒcks anschließend im Fernsehen gezeigt wurden, blieben meine Gedanken aus irgendeinem Grund ausgerechnet an diesen beiden Feststoffraketen hĂ€ngen, die aus dem Feuerball unkontrolliert weiter in den Himmel schossen. Wie gierige weiße Finger griffen sie ins unendliche Blau ĂŒber Florida - bis Nasa-Manager sie ferngesteuert sprengten.

Dass ein Defekt an einer dieser Feststoffraketen Schuld an alldem war, Schuld am Tod von sieben Menschen, habe ich erst spÀter begriffen.

Als Erwachsener hat mich dann ein anderer Aspekt der Katastrophe beschÀftigt, den ich mit noch viel mehr Verzögerung verstanden habe. Wobei, verstanden ist das falsche Wort. Denn verstehen kann man das nicht, wenigstens ich nicht.

Die Astronauten der "Challenger", Kommandant Dick Scobee, Pilot Michael Smith und all die anderen an Bord, Judith Resnik, Ellison Onizuka, Ronald McNair, Gregory Jarvis und die Lehrerin Christa McAuliffe, sie haben die Explosion ihrer RaumfĂ€hre nĂ€mlich zunĂ€chst ĂŒberlebt. So war das tatsĂ€chlich. Experten haben klar belegt, dass die MannschaftsrĂ€ume sozusagen als Block vom Zentrum der Explosion weggeschleudert wurden, bis in 20 Kilometer Höhe. Als ich das erstmals begriffen habe, war ich schockiert, bin es bis heute.

Keine Rettungseinrichtungen fĂŒr die Crew

Es ist viel darĂŒber spekuliert worden, ob die Crew die unendlich langen 2 Minuten und 45 Sekunden bis zum tödlichen Aufschlag im Atlantik bei Bewusstsein erlebt hat. Drei Crew-Mitglieder hatten, wie man spĂ€ter herausfand, zumindest eine Notversorgung mit Atemluft aktiviert.

Das ist aber fĂŒr mich nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend scheint mir vielmehr: Die Besatzungsmitglieder hatten in keinem Fall eine Chance zu ĂŒberleben. Das System Space Shuttle sah keine Rettungseinrichtungen fĂŒr die Crew vor. Solche Probleme durfte es einfach nicht geben - also brauchte man auch keine Lösungen dafĂŒr. Punkt.

Der konkrete Grund fĂŒr die Explosion der "Challenger" ist einfach zu benennen: Der defekte Dichtungsring zwischen zwei Segmenten einer Feststoffrakete hatte eine tödliche Kettenreaktion in Gang gesetzt. Die Liste der abstrakten GrĂŒnde ist weit komplizierter: Kostendruck, politische ErwĂ€gungen bei der Auftragsvergabe, Schlamperei in der Umsetzung gehören dazu. Eine "Wird schon klappen"-MentalitĂ€t bei der Nasa. Nein, eher ein "Es muss halt klappen".

US-RaumfĂ€hren: Die Ära der Space Shuttle
Foto: ANNE CUSACK/ AFP

Das Space Shuttle war keine Idealkonstruktion, das wussten alle, die damit zu tun hatten. Es war ein Projekt mit Geburtsfehlern, fĂŒr die es GrĂŒnde gab. Ein Projekt, bei dem manche wissentlich zu viel versprochen hatten, um es ĂŒberhaupt möglich zu machen. Ein Projekt, das zum Erfolg verdammt war. Ein Projekt, bei dem, trotz allem, auch irgendwie der Alltag eingekehrt war.

Das darf man nicht vergessen, wenn man heute, 30 Jahre nach dem "Challenger"-UnglĂŒck ĂŒber die Raumfahrt redet. Denn das Konzept der Wiederverwendbarkeit, der attraktivste Punkt des Space Shuttles, feiert gerade seine Wiederauferstehung. Nach fast zwei Jahrzehnten der Routine mit der Internationalen Raumstation mit nur wenigen Innovationen ist die Szene in Bewegung.

Es sind vor allem private Unternehmen, die sich Kostenvorteile zunutze machen wollen, die sich beim Recycling von Raumfahrzeugteilen ergeben:

Die Zukunft, so sagte es der damalige US-PrÀsident Ronald Reagan in einer Rede wenige Stunden nach dem Absturz der "Challenger", gehöre nicht den Verzagten. Sie gehöre den Mutigen.

Möge sie auch den Ehrlichen gehören.

Denn Ehrlichkeit muss die Basis der neuen Raumfahrtprojekte sein. Aus dem "Challenger"-Desaster hat die US-Raumfahrt nicht genug gelernt. Die RaumfĂ€hre "Columbia" ist am 1. Februar 2003 auch deswegen abgestĂŒrzt, weil bei der Nasa nach dem ersten Absturz einer RaumfĂ€hre der Ungeist zurĂŒckkehrte. Wird schon irgendwie klappen? Nein, wird es nicht!

Es gibt in der Raumfahrt keine Routine. Es wird lange keine Routine geben. Raumfahrt ist aufwendig. Raumfahrt ist teuer. Und Raumfahrt ist oft genug auch gefÀhrlich, wird es auch bleiben. Diese Wahrheiten muss man aussprechen. Genauso wie man ehrliche Kostenkalkulationen braucht. Dinge, die zu gut klingen, um wahr zu sein, sind es oft nicht.

Auch neue Projekte werden mit den Schwierigkeiten zu kĂ€mpfen haben, die zur "Challenger"-Katastrophe fĂŒhrten. Kostendruck, politisches Geschacher, menschliche Fehler wird es immer wieder geben. Genau wie es auch wieder UnglĂŒcke in der Raumfahrt geben wird. Nur hoffentlich nicht mehr solche, die so offenkundig zu verhindern gewesen wĂ€ren. Wie der Absturz der "Challenger".

Daran gemahnen auch die katastrophalen Bilder vom 28. Januar 1986, daran gemahnen die sieben Schicksale der Frauen und MĂ€nner an Bord.


Zusammengefasst: Ein kaputter Dichtungsring - das war der offizielle Grund fĂŒr die Explosion der RaumfĂ€hre "Challenger" vor genau 30 Jahren. Aber dahinter steckte in Wahrheit weit mehr. Kostendruck, politische ErwĂ€gungen bei der Auftragsvergabe, Schlamperei in der tĂ€glichen Arbeit bei Nasa und Zulieferern - und der Wunsch, Dinge passend zu machen. Auch wenn sie einfach nicht passten. Verantwortliche in neuen Raumfahrtprojekten mĂŒssen aufpassen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen.


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