zur Erinnerung
Welche Rolle Polens im Holocaust? Widerspr√ľche nutzen, mit dem Teufel reden Im Wilnagebiet brachte 1944 die vorr√ľckende sowjetische Armee die polnische Heimatarmee ("Armia Krajowa") und die Wehrmacht dazu, √ľber Allianzen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu verhandeln.

Ein Kämpfer der polnischen Heimatarmee während der Straßenkämpfe des Warschauer Aufstands

Die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) zählte im Zweiten Weltkrieg mit bis zu 350.000 Männern und Frauen zu den mächtigsten Untergrundbewegungen Europas. Der polnischen Exilregierung in London unterstehend, kämpften Einheiten der Armia Krajowa in Zentralpolen und in den ethnischen Mischgebieten Weißrusslands, Galiziens und des Baltikums gegen die deutschen Besatzer. Der bewaffnete Widerstand des Untergrundstaates zählt zusammen mit den nach dem Zweiten Weltkrieg festgeschriebenen Grenzverschiebungen von 1939 und dem Verlust Westpolens bis heute zu den zentralen Topoi des nationalen polnischen Gedächtnisses.

Ihre gr√∂√üte Ausdehnung erreichte die Armia Krajowa 1944. Ihre Aufkl√§rungsabteilungen beobachteten die operative T√§tigkeit der Wehrmacht, ihre Ausr√ľstung, Bewaffnung, Logistik und Ausbildung. Polnische Aufkl√§rer informierten die Alliierten erstmals √ľber das Vernichtungslager Auschwitz und die V2-Rakete. Seit dem Sommer 1942 galt eine Weisung der Londoner Exilregierung, ebenso die erstarkende sowjetische Partisanenbewegung in den Blick zu nehmen, die Jagd auf polnische "Nationalisten" und "Kollaborateure" machte und die polnische Bev√∂lkerung drangsalierte.

F√ľr die F√ľhrung der Sowjetunion war die Armla Krajowa ein Hindernis auf dem Weg zur Herrschaft in Ostmitteleuropa. Ebenso wie andere nationale Widerstandsbewegungen wurde die Heimatarmee seit dem Sommer 1944 durch Rote Armee und NKWD kompromisslos bek√§mpft und zerschlagen. Noch Jahre nach Kriegsende vernichteten sowjetische Truppen letzte "nationalpolnische Banden" auf sowjetischem Territorium, w√§hrend man im gleichgeschalteten kommunistischen Polen die Heimatarmee zun√§chst totschwieg und ihre √ľberlebenden Angeh√∂rigen verunglimpfte und verfolgte.

Zu den umstrittensten Regionen Ostmitteleuropas z√§hlte das Wilnagebiet. Mit mittelalterlichen Wurzeln als Zentrum des m√§chtigen litauischen Gro√üreiches war Wilna bis zum Ersten Weltkrieg Teil Russlands. In der Stadt, √ľberwiegend bewohnt von Juden, Polen und Russen, bl√ľhten j√ľdische und wei√ürussische Kultur. Im Ersten Weltkrieg deutsch besetzt und seitens des 1918 gegr√ľndeten litauischen Staates als Hauptstadt beansprucht, fiel Wilna w√§hrend des polnisch-sowjetischen Krieges abwechselnd in die H√§nde der Roten Armee und der polnischen Streitkr√§fte. Von 1922 bis 1939 war die Stadt Teil Polens und Sitz einer Wojewodschaft, bevor es Sowjets und sp√§ter Deutsche der litauischen Sowjetrepublik beziehungsweise einem deutsch beherrschten litauischen Marionettenstaat zuschlugen.

> Lage: Zamenhofa Straße Blick nach Norden von der Kreuzung mit Wolynska Straßen in Richtung Mila Straße. Auf der linken Seite Zamenhofa 25 róg Wolynskiej 2

1943/44 √ľberlagerten sich im Wilnagebiet unterschiedliche Konflikte, die Z√ľge eines B√ľrgerkriegs zeigten. Die Wehrmacht errang im Osten keine Siege mehr, sondern z√∂gerte - trotz anderslautender nationalsozialistischer Propaganda - nur noch den Zusammenbruch des "Dritten Reiches" hinaus. Die Rote Armee befand sich in der Offensive. Zunehmend besser ausgebildete und ausger√ľstete sowjetische Partisanengruppen griffen in Wei√ürussland und im Baltikum die Wehrmacht und ihre Nachschublinien an. Angesichts der verst√§rkten sowjetischen Pr√§senz eskalierten Konflikte zwischen russischen Partisanen und der Heimatarmee. Litauische Sicherheitskr√§fte, unter anderem die Polizei sowie die ber√ľchtigten Schutzmannschafts-Bataillone, gingen im Auftrag oder mit Wissen der Deutschen im Wilnagebiet gegen den polnischen Untergrund vor und ver√ľbten Morde an der polnischen Bev√∂lkerung. Im ebenfalls deutsch besetzten Galizien f√ľhrte die Heimatarmee zu diesem Zeitpunkt einen regelrechten Krieg gegen die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA).

Die Heimatarmee hoffte darauf, polnische Anspr√ľche auf das Wilnagebiet √ľber den Krieg hinweg retten zu k√∂nnen. 1943/44 verhandelten h√∂here Vertreter des polnischen Widerstandes mit der deutschen Seite √ľber ein milit√§risches Zusammengehen gegen sowjetische Partisanen und die vorr√ľckende Rote Armee. Einzelne Einheiten der Armia Krajowa erhielten von der Wehrmacht Waffen, Munition und Ausr√ľstung. Die Wehrmacht wies ihnen Operationsgebiete zu, aus denen die deutschen Truppen sich zur√ľckzogen. Mehrere solche Episoden waren bereits in den Jahren nach Kriegsende be-kannt. Im fr√ľhen Volkspolen und in der Sowjetunion dienten sie dazu, die Armia Krajowa als reaktion√§re Organisation und deren Angeh√∂rige als Kollaborateure und Vaterlandsverr√§ter zu denunzieren. Auch nach der offiziellen Rehabilitierung der Heimatarmee in Polen und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 verloren die seinerzeitigen deutsch-polnischen Kontakte wenig von ihrer Brisanz: Angesichts der katastrophalen deutschen Besatzungspolitik in Polen kam schon das Nachdenken √ľber √∂rtliche Allianzen einem Tabubruch gleich.

Kämpfer der polnischen Heimatarmee während des Warschauer Aufstandes im August 1944. Ein Zivilist zeigt polnischen Soldaten die Position der deutschen Truppen
Quelle: picture-alliance / akg-images

Neue Aktenfunde aus dem russischen Milit√§rarchiv, darunter NKWD-Verh√∂rprotokolle inhaftierter Wehrmachtoffiziere und polnischer "Nationalisten", spiegeln die komplizierte Lage in Wilna. Die russischen Dokumente zeigen nationale Konflikte zwischen Polen und Litauern unter dem Schirm deutscher Besatzungsherrschaft. Die wachsende Angst vor der R√ľckkehr der Sowjets hatten Polen und Deutsche gemeinsam. Dies gab √∂rtlichen deutsch-polnischen Arrangements durchaus eine gewisse Logik. Auch nach Jahren verbrecherischer Polen-Politik und der weitgehend abgeschlossenen Ermordung der Juden tr√§umten manche deutschen Offiziere von einem Burgfrieden und einem milit√§rischen Zusammengehen gegen die UdSSR.

√úber die existentiellen Konflikte zwischen dem polnischen Untergrund und den Sowjets waren der Sicherheitsdienst (SD) des Reichsf√ľhrers SS und der deutsche Milit√§rgeheimdienst, das Amt Ausland/Abwehr, relativ gut informiert. Immer wieder gelang die Enttarnung von Angeh√∂rigen der Heimatarmee. Gewalt und Drohungen machten manchen Gefangenen kooperationswillig. Andere lie√üen sich kaufen, so etwa der Leiter des Aufkl√§rungsst√ľtzpunktes der Heimatarmee in Wilna, Romuald Giecewicz, Deckname "Monter". Um den Verdacht von ihm abzulenken, ein Spitzel der Deutschen zu sein, inszenierte die Abwehr eine Schie√üerei, in deren Verlauf Giecewicz dem Gewahrsam seiner deutschen Aufpasser "entkam" und untertauchen konnte. Giecewicz arbeitete f√ľr die Abwehr und legte das Netz polnischer Residenturen in Lida, Kaunas, D√ľnaburg, Riga, Molodeczno, Minsk und Tallinn offen. F√ľr seine Dienste erhielt er vor allem Lebensmittel und Wodka, mit denen er auf dem Schwarzmarkt viel Geld verdiente.

Julius Christiansen

Ein deutscher und ein polnischer Stabsoffizier wurden entscheidend f√ľr deutsch-polnische Kontakte im Wilnagebiet. Julius Christiansen, Jahrgang 1897, entstammte einer alten Sylter Kapit√§nsfamilie. Christansen diente zwischen 1936 und 1939 als ziviler Mitarbeiter bei der Abwehr in Hamburg. Zu Kriegsbeginn wurde er als Reserveoffizier eingezogen und in die Abwehr-Residentur nach Kopenhagen entsandt. 1941 wurde er Leiter der Abwehrstelle im franz√∂sischen Biarritz. Von November 1942 bis 1944 f√ľhrte Christiansen als Oberstleutnant die Abwehrstelle in Wilna und geriet nach Kriegsende im tschechischen Pisek in sowjetische Gefangenschaft.

Im November 1942 wurde Julius Christiansen in Berlin in die Lage im Wilnagebiet eingewiesen. Im Bendlerblock am Tirpitzufer traf er einen Kameraden aus der Zeit in Hamburg, Kopenhagen und Frankreich, den Leiter der Gruppe III F f√ľr Gegenspionage im Amt Ausland/Abwehr Oberstleutnant Joachim Rohleder. Rohleder informierte Christiansen √ľber zunehmende Aktivit√§ten der britischen Special Operations Executive (SOE), die mit der Heimatarmee zusammenarbeitete. Er teilte Christiansen mit, dass der SD in Wilna √ľber eine steigende Bereitschaft der Armia Krajowa berichtete, mit der deutschen Seite zu kooperieren.

As Leiter der Wilnaer Abwehrstelle registrierte Christiansen im Verlauf des Jahres 1943 Ver√§nderungen im Verh√§ltnis zwischen Heimatarmee und Wehrmacht. Nach Gefechten lie√ü die Armia Krajowa wiederholt gefangene deutsche Soldaten frei und lieferte Verwundete bei deren Einheiten ab. Angeh√∂rige litauischer Hilfstruppen, die an deutscher Seite gek√§mpft hatten, wurden hingegen ausnahmslos erschossen. Mehrere deutsche Truppenf√ľhrer erreichten polnische Angebote zur Zusammenarbeit. In Lida suchten im Januar 1944 Vertreter der AK den √∂rtlichen Wehrmachtkommandanten, Generalmajor Wilhelm Runge, auf, um ihn zur Durchf√ľhrung gemeinsamer Operationen gegen sowjetische Partisanenbrigaden zu bewegen. In der Minsker Dienststelle des SD ging eine Bitte der Heimatarmee ein, den gemeinsamen Kampf gegen die Sowjets im Raum Molodeczno und Lida zu koordinieren.

Christiansen war beseelt von dem Gedanken, ein deutschpolnisches Abkommen auf h√∂herer Ebene zustande zu bringen. Sein Gegen√ľber auf polnischer Seite war Aleksander Krzyanowski, Deckname "Wilk" (Wolf), Jahrgang 1895, geboren im russischen Brjansk, noch wenige Monate in der zarischen Armee kriegsgedient und sp√§ter Berufsoffizier in den polnischen Streitkr√§ften, zuletzt als Kommandeur eines leichten Artillerieregiments. Krzyanowski f√ľhrte die Heimatarmee im Wilnagebiet. Die russischen Dokumente geben Einblick in die systematischen Bem√ľhungen Christiansens, mit Krzyanowski pers√∂nlich zusammenzukommen. Anfang Februar 1944 fand zu diesem Zweck ein erstes konspiratives Treffen in einem abgelegenen Weiler 14 Kilometer von Oschmjany entfernt statt.

Aleksander Krzyžanowski

Als Vertreter "Wilks" erschien dort ein Offizier mit dem Decknamen "Zapora" (Staudamm), F√ľhrer der 3. Brigade der AK. Au√üerdem nahm ein etwa gleichaltriger Engl√§nder ("Robert") an den Verhandlungen teil, den man als den soeben aus London abgestellten Chef des Stabes der Brigade vorstellte. Christiansen einigte sich mit seinen Gespr√§chspartnern grunds√§tzlich darauf, "im Rahmen der Selbstverteidigung der polnischen Bev√∂lkerung" Operationen gegen sowjetische Kr√§fte zu koordinieren. Im Anschluss nahm er "Zapora" in seinem schwarzen Horch mit nach Wilna, wo die Verhandlungen auf Einladung "Zaporas" mit einem Abendessen in einer Privatwohnung endeten. Die Mahlzeit begann mit einem Toast des polnischen Gastgebers auf die Erfolge der Wehrmacht. Der eu-phorische Christiansen erwiderte mit einem Lob auf die Tapferkeit der polnischen Soldaten.

Noch merkw√ľrdiger verlief wenige Tage sp√§ter die erste Zusammenkunft zwischen Christiansen und "Wilk". Im zweiten Stock eines Hauses mitten in Wilna, in der Gediminasstra√üe, befand sich ein beliebtes polnisches Restaurant. Als Christiansen dort eintraf, fand er das Lokal gr√∂√ütenteils durch bewaffnete AK-Soldaten besetzt. In einem abgetrennten Raum traf Christiansen endlich Krzyanowski. Diesen hatte die Londoner Exilregierung kurz vor dem Treffen zum Generalmajor bef√∂rdert, nach Einsch√§tzung des SD, um den Gespr√§chsangeboten zus√§tzliches Gewicht zu verleihen. "Wilk" stellte Christiansen in Aussicht, im Wilnagebiet 15.000 Soldaten aufzubieten und als Freiwilligendivision in den Kampf gegen sowjetische Partisanen und regul√§re Truppen zu f√ľhren. Von der deutschen Seite erbat er Waffen, Munition und Uniformen.

Der Abend hinterlie√ü bei beiden M√§nnern den Eindruck, ein Gegen√ľber gefunden zu haben, mit dem man "etwas Gro√ües" schaffen k√∂nne, wie Christiansen das sp√§ter enthusiastisch in einem Brief an seinen Sohn ausdr√ľckte. Am Ende des Abends stellte Christiansen f√ľr die Polen Passierscheine aus, damit diese in Wilna w√§hrend der Sperrstunde nicht von deutschen Patrouillen verhaftet w√ľrden.

Obwohl h√∂here Stellen der SS wiederholt an √∂rtlichen deutsch-polnischen √úbereinkommen beteiligt waren, fand sich weder im Reichssicherheitshauptamt noch innerhalb der NS-F√ľhrung die Bereitschaft f√ľr eine √Ąnderung der deutschen Polenpolitik. Auch die F√ľhrung der Heimatarmee untersagte letztlich die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht. Die Verhandlungen zwischen Krzyanowski und Christiansen, die sich noch √ľber einige Zeit hinzogen, machte der Verlauf des Krieges bedeutungslos. Mit dem Vormarsch der Roten Armee, die im Sommer 1944 ganz Wei√ürussland besetzte, begannen die Zerschlagung der Heimatarmee im Wilnagebiet und die Resowjetisierung Ostmitteleuropas.

Krzyanowski und Christiansen gerieten beide in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sie starben 1951 in Haft - Krzyanowski in Warschau und Christiansen in einem Lager in Swerdlowsk.

BERNHARD CHIARI / ALEKSANDER SABELIN


Quelle: FAZ vom 15. Juni 2016 Seite N3


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