zur Erinnerung
Welche Rolle Polens im Holocaust? Israelischer Historiker "Polen hat eine lange Antisemitismus-Tradition" Das neue polnische "Holocaust-Gesetz" ist h├Âchst umstritten. Robbi Waks, Historiker in Tel Aviv, bef├╝rchtet eine Verf├Ąlschung der Geschichte. Judenhass hatte seine Eltern kurz nach dem Krieg aus Polen fl├╝chten lassen. Von Hans-Peter F├Âhrding

02.02.2018, 17.07 Uhr

Nachdem Deutschland 1939 Polen ├╝berfiel und besetzte, starben im Zweiten Weltkrieg etwa sechs Millionen Polen durch Besatzung, Zwangsarbeit und Terror. Vernichtungslager errichteten die Nationalsozialisten unter anderem in Auschwitz , Treblinka, Belzec, Sobibor und Majdanek. Sie ermordeten dort drei Millionen Juden.

Das war allein das Werk der Nazis. Nach 1945 wurde indes in etlichen Teilen Europas, die Deutschland mit seinem brutalen Vernichtungsfeldzug verw├╝stete, auch ├╝ber heikle Fragen der Mitverantwortung diskutiert - etwa ├╝ber Komplizenschaft, Kollaboration, Denunziation. Polens Parlament hat soeben ein neues Gesetz verabschiedet , das noch der Unterschrift des Pr├Ąsidenten Andrzej Duda bedarf. Es sieht Geld- und Haftstrafen vor, wenn der Nation oder dem Staat Mitschuld gegeben werde. In Israel ist die Emp├Ârung gro├č, viele sehen darin einen Versuch, Verbrechen von Polen an Juden zu verschleiern. Auch die US-Regierung hat vor einer Einschr├Ąnkung der Meinungsfreiheit gewarnt.

einestages: Herr Waks, die polnische Regierung betont, dass das neue Gesetz vor allem Bezeichnungen wie "polnische Todeslager" unter Strafe stelle. Zu Recht?

Haupteingang von Auschwitz-Birkenau, deutsches Konzentrationslager in Polen Haupteingang von Auschwitz-Birkenau, deutsches Konzentrationslager in Polen
Foto: imago

Waks: Es hat nat├╝rlich keine polnischen Todeslager gegeben. F├╝r die Vernichtungsfabriken, in denen Millionen Juden umgebracht worden sind, trugen die Deutschen die Verantwortung. Ebenso gab es keine polnische "Wannsee-Konferenz", bei der die systematische Ausrottung der Juden beschlossen wurde, wie es Nazideutschland im Januar 1942 gemacht hat. Der Genozid, gleichsam als Regierungsprogramm: Diesen Zivilisationsbruch haben die Deutschen begangen.

einestages: Dann w├Ąre ja die Aufregung ├╝ber das Warschauer Gesetzesvorhaben unangemessen. Nur ein medialer Erregungsausbruch der Politik?

Waks: Keineswegs. Man muss den Vorsto├č der rechtskonservativen PiS-Regierung in einem breiteren historischen Kontext sehen. Polen hat eine lange Tradition mit virulentem Antisemitismus, die Wurzeln liegen weit vor dem deutschen Einmarsch 1939. Mentor dieses Antisemitismus war vor allem die katholische Kirche, die ├╝ber die Juden als angebliche "Christusm├Ârder" predigte. Diese Mentalit├Ąt sickerte tief in den polnischen Nationalismus ein. Die Deutschen wussten schon, warum sie w├Ąhrend der Besatzungszeit gerade Polen mit einem riesigen KZ- und Gettosystem ├╝berzogen haben. Denn die Nazis kalkulierten, dass sie auf eine stillschweigende Akzeptanz f├╝r die Ausgrenzung und T├Âtung der Juden bei umfangreichen Bev├Âlkerungskreisen rechnen konnten. Die Verfolgung geschah doch unter den Augen der Polen. In Lodz zum Beispiel, wo meine Eltern w├Ąhrend der ganzen Zeit im Getto ausharren mussten, fuhren tagt├Ąglich mehrere Stra├čenbahnlinien mitten durch diesen Bezirk. Hinter den Stacheldrahtz├Ąunen des Gettos konnte jeder Fahrgast das Elend und Sterben der eingepferchten Juden sehen und registrieren.

Foto: Hans-Peter F├Âhrding Zur Person

Der Historiker Reuven "Robbi" Waks war lange Jahre Dozent f├╝r neuere Geschichte und Nationalsozialismus an der Universit├Ąt Tel Aviv. Er wurde 1947 in einem Lager f├╝r j├╝dische Fl├╝chtlinge im hessischen Ziegenhain geboren. Dorthin flohen seine Eltern aus ihrer fr├╝heren polnischen Heimat Lodz wegen der Bedrohung durch den neuen virulenten Antisemitismus in den Nachkriegsjahren. W├Ąhrend seine Mutter Lea und sein Vater Aron noch einige Jahre in Deutschland blieben, w├Ąhlte Robbi Waks nach dem Abitur Tel Aviv als Wohnsitz.

einestages: Das allein bedeutet noch keine Verstrickung oder Beteiligung von Polen.

Waks: Ganz gewiss nicht. Da der polnische Antisemitismus sich zuv├Ârderst individuell ausdr├╝ckte, also im pers├Ânlichen Verh├Ąltnis der einzelnen Polen zu den Juden, gab es auch keine kollektiv organisierte Jagd, wie sie die Deutschen betrieben. Auch bestand keine ausdr├╝ckliche antisemitische Partei, wie etwa die Pfeilkreuzler in Ungarn. Mein Vater hat jedoch immer gesagt: Ohne die Hilfe der Polen w├Ąre der Holocaust nicht so abgelaufen, wie er tats├Ąchlich geschehen ist. Er musste die Erfahrung machen, dass die Polen manchmal noch gr├Â├čere Antisemiten waren als die Deutschen. Dabei hatten sie es vor allem auf den Besitz der j├╝dischen Nachbarn abgesehen, immerhin damals von 3,5 Millionen Menschen, zehn Prozent der Bev├Âlkerung.

einestages: Ihre Mutter und Ihr Vater konnten dem Getto Lodz entkommen, machten aber nach 1945 bittere Erfahrungen mit dem polnischen Antisemitismus. Wie ist das zu erkl├Ąren?

Waks: Meine Eltern haben Polen Mitte 1946 verlassen, als die Nachkriegspogrome, die allein von der einheimischen Bev├Âlkerung begangen wurden, mit den Morden in Kielce einen traurigen H├Âhepunkt erreichten. Dabei hat ein wilder Mob 42 Juden erschlagen. Danach fl├╝chteten Zehntausende Juden aus Polen. Seitdem hat es immer wieder Wellen von Antisemitismus in diesem Land gegeben, in den F├╝nfziger- und Sechzigerjahren, auch sp├Ąter. Die Juden wurden stets verd├Ąchtigt, in Verbindung mit den Sowjets das kommunistische Regime etabliert und gest├╝tzt zu haben.

einestages: Kein Lichtblick in diesem desolaten Bild?

Waks: Doch. Meine Mutter beispielsweise ist von einer fr├╝heren katholischen Angestellten der Familie 1944, bei der Aufl├Âsung des Lodzer Gettos, gerettet worden. In der israelischen Gedenkst├Ątte Yad Vashem bilden Polen die Mehrheit in der "Allee der Gerechten unter den V├Âlkern". Doch dar├╝ber darf man die deprimierenden Ausw├╝chse des polnischen Antisemitismus nicht vergessen.

Polens Regierung betont, unter Strafe stehe k├╝nftig insbesondere die Formulierung "polnische Konzentrationslager". Doch die taucht im Gesetz gar nicht auf. Darin hei├čt es: "Jeder, der ├Âffentlich der polnischen Nation oder dem polnischen Staat faktenwidrig die Verantwortung oder Mitverantwortung f├╝r Verbrechen zuschreibt, die durch das Dritte Deutsche Reich begangen wurden, unterliegt einem Bu├čgeld oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt ebenso f├╝r die Zuschreibung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Frieden sowie f├╝r Kriegsverbrechen."

einestages: Das neue Gesetz richtet sich gegen jede "faktenwidrige" Zuweisung von polnischer Mitverantwortung f├╝r Nazi-Verbrechen. Was bedeutet das praktisch in seiner Wirkung?

Waks: Dahinter steckt viel mehr. Einige Historiker haben inzwischen eingehend die Rolle der Polen am Holocaust erforscht. Zu nennen sind hier beispielsweise Jan T. Gross mit seinen B├╝chern ├╝ber den Mord an den Juden in Jedwabne und den Antisemitismus nach Auschwitz oder die Forschungen des israelischen Historikers Jehuda Bauer ├╝ber den Tod des Schtetl und die Flucht. Und dies mit keineswegs erfreulichen Ergebnissen. Das passt nat├╝rlich der rechtskonservativen Regierung in Warschau nicht in den Kram. Aber es geht noch weiter, etwa nach dem Motto: Was Fakten sind und ├╝ber welche Fakten in welchem Sinne gesprochen werden darf, das bestimmen wir. Hier bleibt der Text bewusst vage, um die Strafandrohung besser in Szene setzen zu k├Ânnen.

einestages: Israels Regierungschef Netanyahu hat nach einem Telefonat mit Polens Premier Morawiecki erkl├Ąrt, Arbeitsgruppen beider L├Ąnder w├╝rden einen Dialog ├╝ber das Gesetz aufnehmen. Also alles nicht so wild?

Waks: Das ist geradezu l├Ącherlich. Man kann doch nicht historische Tatsachen in Gremien er├Ârtern. F├╝r die Geschichte gibt es keine Kompromissformeln oder Weichzeichnungen. Das ├Âffnet der Manipulation T├╝r und Tor. Aber das passt zur Politik Netanyahus. Er unterh├Ąlt gute Beziehungen zu den rechtspopulistischen Regierungen in Polen und Ungarn, die sich h├Ąufig den Vorhaben und Vorgaben der EU widersetzen, beispielsweise in der Fl├╝chtlingsproblematik. Deshalb spielt unser Premier den skandal├Âsen Vorgang herunter, nicht zuletzt im Blick auf seine Likud-W├Ąhler. Ich finde es schon traurig, dass auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen der Historie f├╝r aktuelle politische Ziele instrumentalisiert werden.

einestages: Was bedeutet das Gesetz f├╝r Sie im Hinblick auf Ihre Familie und andere Holocaust-├ťberlebende?

Waks: Meine Eltern hatten nach ihrer Ankunft in Westdeutschland mit Polen abgeschlossen. F├╝r meinen Vater wie auch meine Mutter existierte die alte Heimat nicht mehr. Das ging so weit, dass zu Hause niemand mehr Polnisch sprach. Ich wei├č von vielen j├╝dischen Familien, die als Holocaust-├ťberlebende Polen verlassen hatten, dass es dort ebenso praktiziert wurde.

einestages: 1990 sind Sie dennoch mit der Mutter, Ihrer Frau und den beiden T├Âchtern nach Polen gereist. Warum?

Waks: Das konnten wir erst nach dem Tod meines Vaters unternehmen, er h├Ątte polnischen Boden nie wieder betreten. Mit meiner Mutter wollte ich den Kindern zeigen, wo unsere Urspr├╝nge waren. Doch auf der gesamten Reise sp├╝rten wir immer noch einen krassen Antisemitismus. Man ging uns aus dem Weg. In Lodz hat uns die polnische Frau, die heute in der Wohnung meiner Gro├čeltern lebt und wo auch meine Mutter die Kindheit verbrachte, die T├╝r vor der Nase zugeschlagen, sogar Beschimpfungen hinterhergebr├╝llt. Gerade f├╝r meine Mutter war das ein bleibender Stich.

einestages: Was bleibt Ihnen aufgrund der neuen Versuche, an der Vergangenheit herumzudeuteln?

Waks: Ein St├╝ck Bitternis, auch Entt├Ąuschung. Aber in Israel werden solche Relativierungen der Geschichte nicht verfangen. Denn zu viele Holocaust-├ťberlebende und deren Nachkommen haben ein umfassendes pers├Ânliches Wissen von Tatsachen und Schicksalen. Diese authentische Erinnerung ist wirkm├Ąchtiger als alle manipulativen Gesetze.


Quelle: spiegel vom 02.02.2018


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