Paul-Ehrlich-Institut Das Rätsel um beunruhigende Daten zu Corona-Impfnebenwirkungen

Von Elke Bodderas Verantwortliche Redakteurin

Veröffentlicht am 17.07.2025 Lesedauer: 4 Minuten

Fünf Jahre nach Pandemie-Beginn hält das PEI die Auswertung seiner Safevac-App zurück. Jetzt kommt heraus: Jeder 210. Teilnehmer hatte einen Verdacht auf schwere Impfnebenwirkungen. Was ist da los?

Quelle: skaman306/Getty Images; Eibner-Pressefoto/pa; Montage: Jörn Baumgarten/WELT

Die Zahl aus dem Paul-Ehrlich-Institut klingt für Experten furchterregend - wenn sie denn zutreffen sollte: Mindestens 3506 deutsche Verdachtsfälle auf schwere Corona-Impfnebenwirkungen hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) an die Europäische Arzneimittel Agentur EMA in Brüssel gemeldet. Das geht aus einer Stellungnahme des Gesundheitsministeriums (BMG) auf eine Anfrage der AfD hervor, die WELT vorliegt. Bei der überraschend hohen Angabe bezieht sich das PEI auf eine selbst entwickelte Smartphone-App, mit der sich das Gesundheitsministerium seit 2021 ein Bild von den Risiken der Corona-Impfstoffe machen wollte. Sie war gedacht als Ergänzung zum normalen Meldeweg über Ärzte, Krankenhäuser, Gesundheitseinrichtungen. Für die App hatte das Ministerium bis Ende 2023 vergleichsweise bescheidene 1,6 Millionen Euro springen lassen. Die Aktion stellte sich als voller Erfolg heraus, die gewonnene statistische Basis erwies sich als beachtlich: Mindestens 739.515 Geimpfte hatten an der App-Studie teilgenommen.

Träfen die App-Zahlen tatsächlich zu, dann bestünde bei rund 0,5 Prozent der Geimpften in Deutschland der Verdacht auf schwere Nebenwirkungen. Das dürfte nicht nur bei den Gesundheitsbehörden in Berlin und Brüssel Besorgnis ausgelöst haben.

Denn der 0,5 Prozent-Anteil von Verdachtsfällen auf schwere Impfnebenwirkungen bei Geimpften in Deutschland hebt sich drastisch ab von der Berechnung des damals amtierenden Gesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) Mitte 2023. Danach hätten nur 0,01 Prozent der Geimpften in Deutschland unter schweren Nebenwirkungen zu leiden. Sie liegt auch drastisch über den Werten des Robert-Koch-Instituts, das 2023 von 0,00027 Prozent schwerwiegenden Fällen ausging.

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Wenn, dann, möglicherweise - es sind zu viele Konjunktive, die sich um die bis heute noch nicht aufgeschlüsselte Zahl aus der App-Erhebung ranken. Denn zwei Jahre nach dem Ende der Pandemie steht die offizielle Auswertung der Zahlen noch aus. Zwar hatte das PEI den Teilnehmerkreis schon 2022 geschlossen und im September 2023 via Bundesgesundheitsministerium versichert, die "Vorbereitungen für die Auswertung" seien im Gange. Man rechne erfahrungsgemäß bis zu zwölf Monate, bis "alle Analysen durchgeführt werden". Aber Stand heute sind seitdem knapp zwei ereignislose Jahre vergangen. Die Lizenz der Software sei zwischenzeitlich abgelaufen, hieß es zuletzt aus Kreisen des PEI. Eine Verlängerung habe man sich aus Kostengründen gespart, und für die neue Software hätten dann die programmier-kundigen Mitarbeiter gefehlt.

Brigitte Keller-Stanislawski, bis Mitte 2023 Leiterin der Abteilung Sicherheit von biomedizinischen Arzneimitteln und Diagnostika am PEI, bestätigte das Tohuwabohu in der Behörde. Bis zu insgesamt 5000 Dateneingänge täglich, der Mitarbeitermangel, IT-Probleme - es habe eine massive Überlastung der Behörde gegeben, erklärte sie 2023 vor dem Corona-Untersuchungsausschuss des Potsdamer Landtags. Daten von 700.000 Teilnehmern seien bis Oktober 2023 nicht angefasst worden.

PEI ist internationaler Nachzügler

Damit steht das PEI im internationalen Vergleich der Industrienationen als letzter Nachzügler da. Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat die Daten ihrer "v-Safe"-App bereits in über 20 wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht, auch die Daten der britischen Impfstoff-App "Yellow Card" sind schon seit über einem Jahr publik. Auf Anfrage gewinnt das PEI der Angelegenheit eine positive Seite ab: Die Studie sei zwischenzeitlich ausgeweitet worden "auf die Personen, die noch eine Boosterimpfung im Anspruch genommen hatten". Somit sei "der erhaltene Datensatz sehr viel umfangreicher als ursprünglich geplant." Zusätzliche Daten bedeuteten zusätzliche Erkenntnisse, das dauere eben, so das PEI gegenüber WELT. Ein Veröffentlichungsdatum will die Behörde aber nicht nennen.

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Eher ungläubig nimmt auch die deutsche Epidemiologen-Elite die 0,5 Prozent aus der App zur Kenntnis. Der vormalige WHO-Experte Klaus Stöhr ist sehr überrascht, der Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé hätte gern Genaueres erfahren und findet es "nicht nachvollziehbar, dass die Verdachtsmeldungen nicht ausgewertet wurden." Das Vertrauen der Bevölkerung könne nur zurückgewonnen werden, so Kekulé, "wenn das PEI und die EMA jetzt mit offenen Karten spielen und schnellstens erklären, wie häufig ernste Nebenwirkungen tatsächlich auftraten." Die CDU-Abgeordnete Saskia Ludwig fordert gegenüber WELT "dringend Transparenz und den längst fälligen Zugang zu allen Daten.

Den Betroffenen von Nebenwirkungen muss schnellstmöglich eine unabhängige Anlaufstelle geschaffen werden - mit ernsthafter Unterstützung und Aufklärung statt Hinhaltetaktik." FDP-Vize Wolfgang Kubicki kritisiert "eine Wand aus Intransparenz bei RKI und PEI. Hier liegt entweder systemisches Versagen oder systematisches Verschweigen vor. Beides kann die neue Gesundheitsministerin nicht hinnehmen."


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