04.05.2026, 13:30 Uhr 4 Min
© imago stock&people
Vier Jahre später erzählt Liefers im Podcast Hotel Matze eine bemerkenswerte Episode: Unmittelbar nach Veröffentlichung der Videos habe ihn ein Bekannter, der inzwischen bei Correctiv mitarbeite, angerufen und gedrängt, das Video zurückzunehmen oder eine Erklärung abzugeben, in der er sich von rechts distanziere. Andernfalls sei nicht abzusehen, was losbrechen werde.
Also, diese Dinger waren veröffentlicht, und ich bekam sofort in den ersten Sekunden danach einen Anruf von einem - ich würde sagen - Kumpel, den ich aus einem anderen Zusammenhang kenne, der inzwischen bei Correctiv mitarbeitet. Der sagt mir am Telefon: "Was um Gottes Willen ist das? Das musst du sofort zurücknehmen. Du musst das sofort runternehmen, du musst sofort eine Erklärung abgeben: Ähm, das war ein Irrtum, das war falsch, tut mir leid."
Jan Josef Liefers
Liefers nahm von der Teilnahme an der Aktion keinen Abstand. Und das hatte Folgen.
Liefers berichtet, dass insbesondere beim Berliner Tagesspiegel Rechercheteams beschäftigt worden seien, um mögliche Verbindungen der Beteiligten in rechte Milieus zu finden. Eine Strategie, die in der digitalen Empörungsökonomie funktioniert: Wer einmal in die Nähe eines Verdachts gerückt ist, muss sich rechtfertigen.
Es ist genau jener Mechanismus, den der Journalist Alexander Teske auf X präzise beschreibt: "Jeder kann sich mal verrennen. Aber manche Medien versuchen ihre Rolle in der Pandemie aufzuarbeiten. Andere tun so, als sei nichts gewesen." Diese Beobachtung trifft einen wunden Punkt - denn die empirische Befundlage zur Medienberichterstattung in der Pandemie ist inzwischen beachtlich.
Eine Studie der Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer (Mainz) und Carsten Reinemann (München) untersuchte die Berichterstattung von elf deutschen Leitmedien zwischen Januar 2020 und April 2021.
Besonders bemerkenswert: Die Position, die Maßnahmen gingen zu weit, kam in der Berichterstattung quantitativ vor, war aber meist eine Minderheitenposition. Bei einzelnen Medien dominierte sie deutlicher, bei anderen war sie kaum sichtbar.
Satire wie #allesdichtmachen unterliegt nicht der Wahrheitsprüfung im engeren Sinne. Sie kann gelingen oder misslingen, treffen oder danebenliegen - aber sie ist ein legitimes Mittel demokratischer Auseinandersetzung.
Liefers, im Osten Deutschlands aufgewachsen, formuliert im Podcast eine subtile Beobachtung: Wer gelernt habe, zwischen offizieller und privater Sprache zu unterscheiden, erkenne wieder, wenn sich gesellschaftliche Diskurse verengen. Es geht ihm dabei ausdrücklich nicht um eine Gleichsetzung - sondern um das Klima, in dem gesprochen wird.
Was Soziologen Ambiguitätstoleranz nennen, ist die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft mit Widersprüchen umgehen kann. In der Pandemie ging diese Toleranz vielerorts verloren - auf allen Seiten.
Corona-Politik - Jahrestag der Kunstaktion #allesdichtmachen: "Ich hatte wochenlang Angst"
Im Podcast sagt Liefers, er würde es wieder tun. Das ist keine Trotzreaktion, sondern eine Standortbestimmung: die Aussage eines Künstlers, der seine Rolle nicht darin sieht, den Mainstream zu massieren, sondern ihn zu reiben.
Die eigentliche Aufgabe besteht in der Aufarbeitung. Welche Rolle spielten die Medien? Welche Rolle spielen Organisationen, die sich als Hüter der Wahrheit verstehen - jenseits ihres Selbstverständnisses, immer auf der richtigen Seite zu stehen?
Der Wert der Meinungsfreiheit zeigt sich nicht im Einklang, sondern im Aushalten dessen, was uns missfällt. Diese Mühe verlangt die Demokratie - und sie ist es wert.