Zerstört über 80 Prozent der Ziele "Wir haben keine Infanterie": Ukraine wird zur Drohnen- und Roboterstreitmacht

FOCUS-online-Redaktion

Sonntag, 10.05.2026, 10:31

In der Ukraine ersetzt Hightech immer öfter den einfachen Soldaten: Drohnen, Roboter und KI verändern den Krieg und machen klassische Infanterie fast überflüssig.

picture alliance/dpa | Oliver Weiken

Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie schnell sich ein Schlachtfeld verändern kann. Der frühere britische Infanterieoffizier Ben Obese-Jecty beschreibt im "Telegraph" eine Front, die von modernen Sensoren und Fluggeräten überzogen ist. Bewegungen im offenen Gelände seien dort kaum noch möglich, ohne entdeckt und angegriffen zu werden.

Gruppenbewegungen, wie sie jahrzehntelang Standard waren, weichen kleinen Teams oder einzelnen Soldaten. Der klassische Fußsoldat kann ohne technische Unterstützung kaum noch bestehen.

Ein Pilot ersetzt einen Trupp: Lehren aus der Ukraine

In ukrainischen Verbänden steuern einzelne Bediener mehrere kleine Fluggeräte parallel. Laut "Military Times" kann ein Operator über ein Tablet zwischen drei FPV-Drohnen wechseln, Aufklärung betreiben und Ziele bekämpfen - Aufgaben, für die früher eine ganze Gruppe nötig war.

Viele ukrainische Brigaden arbeiten nur noch mit 50 bis 60 Prozent ihrer Sollstärke arbeiten, manche Frontverbände liegen bei 30 Prozent. In manchen Abschnitten halten "maximal 12 Kämpfer 5 bis 10 Kilometer Front".

Die "Infanterie ist tot", sagt "Scooby", ein polnischer Drohnenpilot der 28. Brigade, gegenüber "Military Times". "Unser Bataillon ist ein unbemanntes Systembataillon", erklärt "Ash", der dort für medizinische Versorgung und Betreuung zuständig ist. "Das bedeutet: Wir haben keine Infanterie."

Obese-Jecty sieht darin einen "Generationswechsel" der Kampfführung: Die Grundidee des Gefechts bleibe zwar, aber die Art und Weise, wie Ziele gefunden und bekämpft werden, habe sich grundlegend verschoben.

"Drohnen ändern alles": US-Armee reagiert

Russische Drohnen-Angriffe richten auch dieses Jahr große Schäden in der Ukraine an.
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Auch die US-Streitkräfte beobachten diese Entwicklung. Beim ersten "Best Drone Warfighter Competition" im Februar 2026 in Huntsville, Alabama, sagte Generalmajor Clair A. Gill, Chef des U.S. Army Aviation Center of Excellence in Fort Rucker, gegenüber "Military Times": "Die Anwendung von Drohnentechnologie wird nur durch deine Kreativität begrenzt."

In den vergangenen 5 bis 10 Jahren habe es "einen kompletten Wandel" gegeben, so Gill. Kleine, günstige Systeme seien heute so verbreitet, dass Luftfahrteinheiten nur noch "ein Nutzer unter vielen" seien. "Jeder wird in irgendeinem Umfang Fluggeräte im Luftraum haben", erklärt er.

Die Zahlen, die "Military Times" unter Berufung auf ukrainische Quellen nennt, zeigen die Dimension:

Bis Ende 2025 waren Drohnen für über 80 Prozent aller zerstörten Ziele verantwortlich. 819.737 Treffer wurden in diesem Jahr per Video dokumentiert.

"Wir brauchen beides": Drohnen und bemannte Luftfahrt

Besonders kritisch sieht Obese-Jecty die Frage, wann der Mensch aus der sogenannten "Kill Chain" verschwindet - also aus der Abfolge von Aufklärung, Zielerkennung und Waffeneinsatz. Heute würden im Westen zwar schon Sensoren und Künstliche Intelligenz riesige Datenmengen sichten, die endgültige Entscheidung liege aber noch beim Menschen, so der "Telegraph". Er warnt, dass genau dieser Faktor uns künftig "zum langsamsten Glied der Kette" machen könnte, während autoritäre Gegner weniger Skrupel hätten, Entscheidungen zu automatisieren.

Trotz aller technischer Fortschritte zieht Gill eine klare Grenze: "Am Ende brauchst du bemannte Luftfahrzeuge, um eine Angriffsgruppe auf ein Ziel zu bringen", betont er. Als Beispiel nennt er eine Operation zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, bei der laut Gill "einige unserer besten Piloten und Luftfahrzeuge" im Einsatz gewesen seien.

Die Vorstellung, unbemannte Systeme könnten die bemannte Luftfahrt vollständig ablösen, weist er zurück: "Viele glauben, weil wir uns so schnell im unbemannten Bereich bewegen, entfernen wir uns vom bemannten Bereich", sagt Gill. "Wir brauchen beides."


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