Wider die staatsfromme Kirche

Rainald Leistikow ist Berliner, evangelischer Christ und Hörer des Deutschlandfunks. Ihn stören die politischen Positionen seiner Kirche zur Flüchtlingspolitik, als Andersdenkender fühlt er sich ausgegrenzt. "Obrigkeit ist für mich keine Instanz, vor der ich einknicke", sagt er. Er ist zum Widerspruch entschlossen, erst recht so kurz vor dem Kirchentag.

Reinald Leistikow, 73 Jahre alt. Fester Händedruck, klarer Blick, freundlich-zugewandtes Wesen. Der Berliner Jurist hat lange Jahre für Kirche und Diakonie gearbeitet – so als Verwaltungsleiter eines evangelischen Krankenhauses. In letzter Zeit allerdings hat sich Leistikow von seiner Kirche entfernt. Mehr noch – er ist empört. In einer langen E-Mail an den Deutschlandfunk hat er sich Luft gemacht, spricht von "Multi-Kulti-Schönfärberei" und kritisiert, dass die Kirchenleitung in punkto Flüchtlingspolitik eine offizielle Meinungsvorgabe mache und Andersdenkende ausgrenze.

"Die politisierte Kirche kommt überall durch und breitet sich wie ein Schirm über alles aus."

Der Islam als Wolf im Schafspelz?

Die Predigt greift die politische Diskussion über Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr auf. Der Rentner schüttelt den Kopf – genau das meint er, wenn er von einer "politisierten Kirche" spricht. Einer Kirche, die seiner Ansicht nach falsche politische Schwerpunkte setzt. Ginge es nach Reinald Leistikow, würden die Sonntagspredigten stattdessen die Ausbreitung des Islam anprangern.

"Der Islam ist der Wolf im Schafspelz. Und wenn der sich in die Lämmerherde begibt, ist das gefährlich. Und unsere Kirchenoberen erkennen eben den Wolf nicht, weil er im Schafspelz daherkommt."

Reinald Leistikow spricht pauschal von "dem Islam". Dieser sei eine kriegerische Eroberungsreligion mit Unterwerfungsanspruch. Seiner Sicht nach leben schon zu viele Moslems in Deutschland. Fühlt er sich persönlich bedroht?

"Das ist ein Verlust an Heimat"

"Ich habe keine Bedrohungsgefühle. Aber ich habe Verlustgefühle, was Heimat anbelangt. Und das ist entscheidend, dieser Unterschied. Und wenn sich ein Bild so verwandelt, das ich die Stadt nur noch an den Fassaden der Häuser wiedererkenne, aber sonst nicht mehr, dann ist das eben ein Verlust an Heimat."

"Meine Befürchtung ist doch schon Realität."

"Obrigkeit ist für mich keine Instanz, vor der ich einknicke"

"Und insofern bin ich früh nicht nur christlich sozialisiert worden, sondern auch in einer konfrontativen Situation aufgewachsen. Also Obrigkeit war für mich nie eine Obrigkeit, vor der ich mich gebeugt und gebückt habe, sondern wo ich immer in einer kritischen Auseinandersetzung stand. Und so bin ich geblieben. Obrigkeit ist für mich keine Instanz, vor der ich einknicke."

Auch deshalb ärgert sich Reinald Leistikow über seine Kirche. Sie sei eben "staatsfromm", zu obrigkeitshörig, stelle sich unkritisch hinter die Flüchtlingspolitik Angela Merkels, andere Meinungen seien nicht zugelassen.

"Und diese Unausgewogenheit, diese Einseitigkeit, dieses Ausgrenzen, was darin steckt, das empört mich eigentlich."


Der komplette Artikel auf dem DLF vom 22.05.2017