27.10.2026, 06:00 Uhr 10 Min
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Collien Fernandes schaut mich aus ihren großen dunklen Augen an. Ich lasse vor Schreck fast die Aldi-Tüte fallen. "Jedes Opfer hat eine Geschichte. Wir sehen sie", steht auf dem riesigen Plakat. Frau Fernandes macht jetzt also Reklame für den Weißen Ring, der in diesem Jahr 50 Jahre alt wird. Und umgekehrt: Der Weiße Ring hat sich die Schauspielerin als neuen Werbeträger ausgesucht. Wie konnte es dazu kommen? Und welche Rolle spielen wir Medien dabei?
Frau Fernandes begann als Background-Sängerin und Moderatorin bei Viva und RTL zwei. Als Model warb sie für Tchibo, Pudding und Dessous, als Schauspielerin zeigt sie sich vor allem in Nebenrollen. Erstmals im verfilmten Computerspiel "Autobahnraser", dann in der Zombie-Komödie "Die Nacht der lebenden Loser", später in Filmen wie "Morgen, ihr Luschen!", "Kein Sex ist auch keine Lösung" oder in "Macho Man". In der Serie "Jerks" spielt sie sich selbst und seit fünf Jahren flimmert sie als Dr. Delgado in der ZDF-Seifenoper "Das Traumschiff" über die Bildschirme.
2011 heiratete sie den Schauspieler-Kollegen Christian Ulmen. Vor einem Jahr erfolgte die Trennung. Vor sechs Monaten bezichtigte sie ihren Ex-Mann und Vater der gemeinsamen Tochter öffentlich der physischen und der digitalen Gewalt. Bewiesen ist das nicht. Die spanische Polizei lehnte die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens bisher ab. Die deutschen Behörden stellten das Verfahren ein, nachdem Frau Fernandes auf Nachfragen der Polizei zur Übermittlung weiterer Unterlagen nicht mehr reagiert hatte. Frau Fernandes widerspricht dieser Darstellung, die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat deswegen die Ermittlungen gegen Ulmen nun erneut aufgenommen. Bisher konnte aber ihre Vernehmung noch nicht abgeschlossen werden. Ob die Beweismittel inzwischen bei der Staatsanwaltschaft eingetroffen sind, ist unklar.
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Trotz dieser Umstände erhält Frau Fernandes für ihre Geschichte die maximale mediale Bühne. Auftakt war eine Titelgeschichte Ende März im Spiegel. Frau Fernandes auf dem Cover. Ihr Mann habe sie virtuell vergewaltigt. Inzwischen ist dem Spiegel die Aussage, Ulmen habe KI-generierte Deepfakes seiner Ex verbreitet, gerichtlich untersagt worden. Doch das interessiert viele Journalisten nicht. Zahlreich wurde die Geschichte abgeschrieben und weiterverbreitet. Promis, Streit, Sex, KI, Scheidung - das klickt!
Fernandes saß zur besten Sendezeit in der ARD-Talkshow "Carmen Miosga", die "Tagesschau" berichtete um 20 Uhr. Flankiert wurden die Auftritte von einem neuen Gesetzentwurf der Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, SPD. Dieser lag bereits fertig in der Schublade, als die Vorwürfe öffentlich wurden, und Frau Hubig stellte diesen Entwurf Seite an Seite mit Frau Fernandes vor. Anschließend kritisierten zahlreiche Anwälte die Einseitigkeit des Auftritts der Ministerin und bestritten, dass es hier in Deutschland überhaupt eine Gesetzeslücke gibt.
Seitdem wurde der Entwurf mehrfach überarbeitet und nun am 7. Oktober von der Bundesregierung beschlossen. Der Gesetzentwurf enthält u. a. auch folgenden Passus: "Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer unbefugt eine Bildaufnahme herstellt oder einer dritten Person zugänglich macht, die ... 3. in sexuell bestimmter Weise die bekleideten Genitalien, das bekleidete Gesäß oder die bekleidete weibliche Brust einer anderen Person abbildet, ..."
Zuvor war Frau Fernandes am 1. Oktober als von der SPD-Fraktion ernannte Sachverständige in den Landtag von Nordrhein-Westfalen eingeladen worden, um als "Expertin" über digitale Gewalt und Deepfakes zu sprechen. Fernandes beklagte gravierende Schutz- und Strafbarkeitslücken gegen sexualisierte Gewalt im Netz. Zwar gebe es Meldemechanismen bei den großen Plattformen, diese würden aber ihrer Erfahrung nach nicht funktionieren. Ebenfalls als Sachverständige wurden die Journalistin und ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin Georgine Kellermann, die sich mit über 60 Jahren beruflich als Transfrau geoutet hatte, sowie HateAid eingeladen. Die Organisation, die sich laut Eigenvermarktung gegen Hass im Netz engagiert, unterstützt Fernandes von Anfang an.
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Besonnene Stimmen, die vor einer Vorverurteilung warnten, wurden von Anfang an von der Medienkampagne überrollt. Inzwischen hatte sich das Bündnis "Feminist Fight Club" gegründet und lud innerhalb weniger Tage zu Demonstrationen ein. Auch Frau Fernandes trommelte dafür in den sozialen Medien. Tausende folgten im April den Aufrufen, erst in Berlin, dann in Hannover oder in Frankfurt am Main. Auf der Bühne oder in der ersten Reihe im Publikum: Saskia Esken (SPD), Ricarda Lang, Lisa Paus, Katrin Göring-Eckardt oder Jette Nietzard sowie die Aktivistin Luisa Neubauer (alle Grüne), die eine kurze Pause beim Klimaretten einlegen konnte. Auch Josephine Ballon, Geschäftsführerin von Hate Aid, war dabei.
Bei den Demos wurde für eine Klarnamenpflicht im Netz geworben und die Sprecherin ermahnte die Männer in der ersten Reihe, sie sollten die Klappe halten und Platz für Flintas machen. In Hamburg trat Collien Fernandes als umjubelte Rednerin auf. Sie stehe hier in schusssicherer Weste "weil Männer mich killen wollen", rief sie. Dann erzählte sie etwas von "einem Dunkelfeld von um die 95 Prozent". Die Polizei verneinte auf Nachfrage eine Bedrohungslage für Fernandes. Immer dabei: NDR, WDR, Sat.1 oder RTL. Hunderte Artikel erschienen. Gezeigt wurde ein Plakat mit der Aufschrift: "Angebracht wären Mistgabeln und Fackeln. #Männer".
Über eine zeitgleich bekannt gewordene mutmaßliche Vergewaltigung einer 16 Jährigen in einem Berliner Jugendklub durch mehrere Jugendliche mit muslimischen Wurzeln wurde vor allem regional berichtet, obwohl es den Vorwurf gab, dass die Mitarbeiter der Einrichtung und das Jugendamt wochenlang nichts unternommen haben, weil sie die Täter schützen wollten. Für bzw. gegen reale Vergewaltigungen gibt es keine Demonstrationen. Ihre Zahl stieg 2025 um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit markierten die mehr als 14.000 Fälle einen neuen Höchststand. Die Zahl ist das sechste Jahr in Folge gestiegen. Und die Medien? Stürzen sich auf Fernandes. Dabei weiß jeder Familienrichter: Ein Rosenkrieg ist schmutzig. Der einst geliebte Mensch soll nun nicht selten vernichtet werden. Dazu sind viele Mittel recht.
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Und damit kommen wir zur Verdachtsberichterstattung. Medien berichten über einen noch nicht bewiesenen Vorwurf. Das ist unter bestimmten Bedingungen statthaft. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist es zulässig, wenn ein Mindestbestand an Beweistatsachen vorliegt, ein berechtigtes öffentliches Interesse besteht, der Betroffene vorher Gelegenheit zur Stellungnahme bekommt und der Bericht den Verdacht nicht als erwiesen darstellt. Gleichwohl gilt die Unschuldsvermutung. Außer im ZDF, wo der "Satiriker" Jan Böhmermann sich darüber lustig machen darf. Sein "Gag": Adolf Hitler sei ja auch nie von einem deutschen Gericht verurteilt worden.
Tatsächlich wären ohne Verdachtsberichterstattung zahlreiche echte Missstände wie beim Regisseur Dieter Wedel nicht bekannt geworden. Leider geht Verdachtsberichterstattung auch regelmäßig schief. So warf eine Bankkauffrau 2004 dem Moderator Andreas Türck 2004 vor, sie drei Jahre zuvor nach einem Barbesuch auf einer Frankfurter Mainbrücke misshandelt und zum Oralsex gezwungen zu haben. Der Sender ProSieben trennte sich daraufhin von seinem prominenten Mitarbeiter. Vor allem die Bild-Zeitung berichtete während des Prozesses im Sommer 2005 fast täglich, mit Schlagzeilen über intime Details, zunächst aus Sicht der Frau, später mit Zweifeln an ihrer Glaubwürdigkeit. Auch die Bunte griff den Fall auf und schrieb schon vor dem Urteil, seine TV-Karriere sei unabhängig vom Ausgang vorbei. Im Prozess wurde Türck von allen Anklagepunkten freigesprochen.
2010 wurde der Wettermoderator Jörg Kachelmann der Vergewaltigung einer Ex-Freundin beschuldigt und saß mehrere Monate in Untersuchungshaft. Vor allem Bild und Bunte berichteten massiv, teils mit intimen Details. 2011 wurde er freigesprochen. Er klagte anschließend erfolgreich gegen Axel Springer und erhielt eine der höchsten Geldentschädigungen, die ein deutsches Gericht je wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung zugesprochen hat.
Interessant ist auch der Fall des Sat.1-Moderators Luke Mockridge. Denn hier versuchte sich der Spiegel mit einer Verdachtsberichterstattung, nachdem der Beschuldigte bereits in allen Punkten freigesprochen war. 2019 hatte die Podcasterin und Komikerin Ines Anioli ihren Ex-Freund Mockridge angezeigt. Es ging um Körperverletzung, sexuellen Übergriff und Vergewaltigung. Mockridge hatte alles bestritten und vor Gericht gewonnen. Trotzdem legte der Spiegel mit einer Titelgeschichte nach, in der Frauen Mockridge anonym übergriffiges Verhalten vorwarfen. Mockridge zog sich daraufhin aus der Öffentlichkeit zurück. Sein Anwalt ging erfolgreich gegen die Berichterstattung vor.
Auch gegen den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff hat sich am Ende vor Gericht kein einziger Vorwurf bestätigt. Trotzdem führte die Kampagne, an der sich fast alle Medien beteiligten, zu seinem Rücktritt. Auch die meisten Vorwürfe gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann sind bis heute nicht belegt, Medien wie der Spiegel, die Süddeutsche oder der NDR mussten Behauptungen später zurücknehmen.
Der Fall Stefan Gelbhaar gilt als einer der gravierendsten Fälle missglückter Verdachtsberichterstattung. 2024 berichtete der RBB über Belästigungsvorwürfe gegen den Grünen-Bundestagsabgeordneten, woraufhin der seine Kandidaturen verlor. Später stellte sich heraus, dass die Hauptbelastungszeugin nicht existierte. Der RBB zog große Teile seiner Berichte zurück und entschuldigte sich. Eine externe Kommission bescheinigte dem Sender schwere journalistische Fehler. Trotzdem äußerte die Bundessprecherin der Grünen Jugend, Jette Nietzard, man müsse den Opfern glauben und die Unschuldsvermutung gelte nur vor Gericht. 2025 einigten sich RBB und Gelbhaar außergerichtlich auf eine Entschädigung, deren Höhe laut Medienberichten zwischen 400.000 und 900.000 Euro liegen soll.
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Insofern gibt es viele Gründe, auch im Fall Fernandes vorsichtig zu berichten. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Zurück zum Weißen Ring. Er ist eine Opferschutzorganisation. Mitgegründet vom ehemaligen ZDF-Moderator der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst", Eduard Zimmermann. Das Motto lautet: "Wir helfen Kriminalitätsopfern". Es hätte auch andere Gesichter gegeben, mit denen der Weiße Ring sinnvoll hätte werben können, um diesem Motto zu entsprechen. Zum Beispiel dem von Michael Kyrath.
Kyrath verlor seine 17 Jahre alte Tochter Ann-Marie 2023. Sie und ihr 19 Jahre alter Freund Denny wurden im Regionalzug zwischen Kiel und Hamburg in Brokstedt getötet. Erstochen mit einem Fleischermesser durch den staatenlosen Palästinenser Ibrahim, der bei der Tat drei weitere Menschen schwer und zwei leicht verletzte. Der Asylantrag von Ibrahim war abgelehnt worden, gegen ihn liefen 24 Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Ladendiebstahl und sexueller Belästigung. Viermal wurde er rechtskräftig verurteilt. Trotzdem wurde er nicht abgeschoben und gelangte nach seiner Haftzeit wieder auf freien Fuß. Der Gefängnispsychologe hatte Ibrahim bescheinigt, dass von ihm keine Gefahr ausginge. Sechs Tage später stach er zu. Kyrath trauert seitdem öffentlich um seine Tochter und sucht Kontakt zu anderen Familien, die Ähnliches erleben mussten.
Medienkolumne - Abscheu und Arroganz: Wie Redakteure des ÖRR auf alternative Medien herabblicken