05.08.2026, 15:31 Uhr 4 Min
© Christoph Schmidt
Seine Exzellenz, der ukrainische Botschafter, is not amused. Oleksii Makeiev weist darauf hin, "dass es in Deutschland Parteien am rechten und am linken Rand gibt, die offenbar jeden Morgen Weisungen aus Moskau bekommen". Gemeint sind das BSW, die Linke und die AfD.
Ihm missfällt auch, dass es deutsche Politiker gibt, die sich mit hochrangigen Russen zu Gesprächen treffen. Konkret fallen in seinem Interview mit der Tageszeitung Welt die Namen Matthias Platzeck (SPD) und Ronald Pofalla (CDU). Die "Erwachsenen im Raum" hätten längst begriffen, wie Entscheidungsprozesse in Russland verliefen. Mit den Erwachsenen meint er wohl sich selbst, jedenfalls nicht Platzeck und Pofalla. Die sind für ihn nur "solche Persönlichkeiten".
Außerdem hat Seine Exzellenz eine "klare Botschaft" an die deutschen Wähler. Was er meint, ist, dass "man nicht den Dingen Vorschub leistet, vor denen wir Europäer uns eigentlich schützen sollten: vor Autokratie, vor Ausländerhass, vor der Billigung von Kriegsverbrechen, vor Aggression".
"Wir Europäer" - hört, hört. Danke für den Ratschlag. Aber hat der Botschafter auch vor der eigenen Tür gekehrt?
Beim Thema Aggression hat er recht. Russland ist zweifellos der Aggressor in diesem Krieg. Ein Aggressor, gegen den die Ukraine einen Verteidigungskampf führt, den man nur heroisch nennen kann. Respekt und Achtung.
Kriegsverbrechen dürfen nicht gebilligt werden, auch das ist richtig. Nur wie verhalten wir uns da, als Deutsche? Unsere eigenen vor 1945, die haben wir gebüßt und bewältigt, jedenfalls unserem Selbstverständnis nach. Die russischen werden wir nicht leugnen. Und die Ukraine? Die hat erst im Mai eine Militäreinheit nach den "Helden der UPA" benannt, den Schlächtern von Wolhynien zwischen 1941 und 1943. Vielleicht sollten wir die Polen fragen.
Nächster Punkt: Ausländerhass. Ob der in der Ukraine wirklich weniger verbreitet ist als in den Nachbarländern in Ost und West?
Bleibt die Autokratie. Im direkten Vergleich mit dem russischen Gegner ist die Ukraine der derzeit demokratischere Staat - dabei gewiss nicht die Schweiz Osteuropas. Indem der Botschafter "wir Europäer" sagt, versucht er, diesen relativen Unterschied in ein Wesensmerkmal zu verwandeln. Ein argumentativer Trick, der danebengeht. Versteht man unter Europa die EU, so gibt es kein "Wir". Und versteht man darunter den Kontinent, so schließt das "Wir" auch Russland ein.
Der Botschafter hätte zudem gern, dass es der deutschen Wirtschaft noch schlechter ginge. "Leider" gebe es deutsche Firmen, die in Russland auch nach 2022 weiter Handel trieben, Geld verdienten und Steuern zahlten.
Und überhaupt: apropos morgendliche Weisungen aus Moskau. Der Autor dieser Zeilen war Anfang 2024 ein einziges Mal beim Presserapport in der ukrainischen Botschaft mit dabei. Die deutschen Medien, die Crème de la Crème, dazu der Botschafter mit seiner Agenda bis in die Sprachregelungen hinein. Warum er immer wieder vom "Ukrainekrieg" lesen müsse, war da zu hören - es heiße "völkerrechtswidriger russischer Angriffskrieg". Ungelogen. Eine verschämte Antwort erklang: Man tue ja sein Bestes, aber es sei nicht immer durchzusetzen.
Inzwischen sollte Seine Exzellenz wissen, dass nicht alle 83,5 Millionen Deutschen hinter der Ukraine stehen wie ein preußisches Grenadierregiment hinter seinem König. Auch das gehört zur Realität. Deutschland hat seine eigenen Interessen, seine eigene Geschichte und seine eigenen Vorstellungen von der Zukunft - wobei über alle drei herzhaft gestritten wird.
Deutsche Unternehmen werden auch künftig mit Russland Handel treiben, genau wie mit der Ukraine. Was die gefühlte Nähe zu den Kriegsparteien betrifft, sind die Deutschen sowieso gespalten. Die Meinungen zur Sinnhaftigkeit deutsch-russischer Gespräche gehen ebenfalls auseinander.
Ob Oleksii Makeiev der Ukraine mit seinem Auftritt einen Gefallen tut? Rhetorisch steht er in der Tradition seines stets medienpräsenten Vorgängers Andrij Melnyk. Der hatte am Ende für so viel böses Blut gesorgt, dass Spötter bereits vom besten russischen Botschafter sprachen, den Putin in Deutschland je hatte.