Freitag, 16.01.2026, 08:46
Wir verblöden! Das mag jetzt ein bisschen hart und plötzlich für Sie kommen. Aber diese Woche war nicht nur für Grönländer schwierig, sondern auch für die deutsche Bildungsbranche. Selbst wenn man die Gründe des jeweiligen Unglücks erfreulicherweise nicht vergleichen kann.
Wir sind nun mal eine Bildungsnation. Bisher. Da wird man, sorry, bei allen Arten von Experimenten empfindlich. Und die hiesige Pädagogik war schon früher voller spannender Laborversuche. Eine Zeit lang war mal "Schreiben nach Gehör" das ganz heiße Ding in deutschen Lehrerzimmern. Das fürte laida schnäl datsu, das man seer märgwürdege Sezze entsifern muhste. Aber ich schweife ab.
Zuerst kündigte diese Woche Niedersachsens grüne Kultusministerin an, es solle ihren Grundschulen künftig selbst überlassen werden, ob sie die zauberhafte Disziplin des schriftlichen Dividierens abschaffen möchten. Wer deutschen Schulbehörden irgendwas freistellt, weiß schon, wie das endet - mit konsequenter Nivellierung nach unten. Als Nächstes ist vielleicht das Muttipli Mulzipi also das Malnehmen fällig.
Dann sickerte noch durch, dass Gymnasiasten in Berlin nur noch Klassiker in Light-Versionen zugemutet werden, die eigentlich für Hauptschulen gedacht sind. Die Originale seien einfach zu anspruchsvoll. Als 2013 "Fack ju Göhte" die Kinos eroberte, haben wir alle noch herzlich gelacht über den Charme bildungsferner Gymnasiasten wie Chantal. Allmählich schwant uns: Das war gar keine Komödie, sondern eine Doku.
Zwar gab es Kurzversionen schon immer. Friedrich Schillers "Lied von der Glocke" etwa wurde reduziert auf: "Loch in Erde, Bronze rin. Glocke fertig, bim, bim, bim." Aber um das komisch finden zu können, sollte man eben das Original kennen mit seinen vierfüßigen Trochäen. Da staunen Sie, was!?
Die Wahrheit ist: Seit etwa 2012 werden die Ergebnisse unserer Kinder bei der Pisa-Studie jedes Jahr schlechter - in Mathe, Naturwissenschaften und Lesekompetenz. Mehr als ein Viertel verfehlt die Mindestanforderungen für mittlere Schulabschlüsse, bilanzierte der jüngste IQB-Bildungstrend. Statt die Anstrengungen zu erhöhen, legt man die Messlatte immer tiefer - mittlerweile gefühlt auf das Level professioneller Limbo-Tänzer, also knapp über dem Boden.
Qualität ist anstrengend. Viel einfacher scheint es zu sein, die Inhalte anzupassen. Wichtig ist unter dem Strich nicht die Klugheit des Schülers, sondern sein Notenschnitt. Wir sind nur noch Weltklasse im Selbstbetrug. Aber woher soll es kommen, wenn selbst der Stuttgarter Grünen-Ministerpräsident (und Gymnasiallehrer) Winfried Kretschmann es nicht mehr für nötig hält, Fremdsprachen zu lernen: "Ich stecke mir einen Knopf ins Ohr, und mein Telefon übersetzt."
Das Fundament von Bildung ist Wissen, nicht Wikipedia oder ChatGPT, wenngleich die Krise natürlich mehr Ursachen hat als linke Experimental-Pädagogik, die Bildungsgerechtigkeit schon bei einem kleinsten gemeinsamen Nenner erfüllt sieht: Hauptsache, alle gleich doof!
Mitverantwortlich sind Elternhaus, Personalmangel, die Corona-Lücken, Smartphones und Social-Media-Dauerbeschallung, ungelöste Migrationsprobleme, die Verheißung, dass uns künstliche Intelligenz bald auch noch die Schnürsenkel zubindet, obwohl wir dann ja eh nicht mehr rausgehen. Das alles spielt eine Rolle.
Mit unseren Bildungsproblemen ist es wie mit dem Bahn-Desaster, Rente oder Bürokratie-Overload: Alle wissen schon lange Bescheid, die Daten liegen auf dem Tisch. Und trotzdem scheint alles immer noch schlechter zu werden.
Also wer das jetzt endlich hinkriegt und dabei noch die schriftliche Division rettet, hätte meine - Achtung Wortwitz! - ungeteilte Aufmerksamkeit!