Von Sven Röbel und Klaus Wiegrefe
01.06.2026, 18.09 Uhr
Foto: Rolf Zoellner / epd / IMAGO
Die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" (SFVV) des Bundes muss eine Finanzaffäre in den eigenen Reihen aufklären. Nach SPIEGEL-Recherchen ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin seit Kurzem gegen einen ehemaligen SFVV-Mitarbeiter wegen des Anfangsverdachts der Untreue.
Der Mann soll demnach eine sechsstellige Summe aus Mitteln der steuerfinanzierten Stiftung abgezweigt haben. Wie ein Behördensprecher auf SPIEGEL-Anfrage mitteilte, prüft die Staatsanwaltschaft zudem, ob auch wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung und Betrug ermittelt werden muss.
Hintergrund der Finanzaffäre ist eine Strafanzeige, die eine Berliner Anwaltskanzlei Anfang des Jahres im Auftrag der Stiftung erstattet hatte. Demnach sei der Beschuldigte für den dienstlichen PayPal-Account der Stiftung zuständig gewesen und habe darüber insgesamt mehr als 200.000 Euro auf einen privaten Paypal-Account transferiert.
Als die Geldabflüsse intern für Fragen sorgten, habe der Mitarbeiter von einem "Missverständnis" gesprochen und mehrere Rechnungen vorgelegt, die die Transaktionen erklären sollten. Nachfragen bei den angeblichen Rechnungsstellern sollen jedoch ergeben haben, dass die Dokumente offenbar gefälscht waren.
Zusätzlich soll der Beschuldigte den Amazon-Account der Stiftung für private Bestellungen genutzt haben, darunter hochwertige Handys, Uhren und Goldbarren im Wert von etwa 30.000 Euro.
Offenbar ist der SFVV noch weiteres Vermögen abhandengekommen - insgesamt soll in der Strafanzeige von einem Schaden in Höhe von mehr als 500.000 Euro die Rede sein. Der Etat der Stiftung mit ihren insgesamt 32 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen beträgt 8,6 Millionen Euro.
Die Stiftung bestätigte auf SPIEGEL-Anfrage, dass die Staatsanwaltschaft Berlin gegen einen früheren Mitarbeiter wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Dem Beschuldigten sei bereits fristlos gekündigt worden. Detailfragen hat Direktor Roland Borchers mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren nicht beantwortet.
Die Finanzaffäre trifft die Stiftung zur Unzeit. Erst kürzlich war sie wegen politischer Querelen in die Schlagzeilen geraten, die zuletzt auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beschäftigt haben. Die langjährige Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm war im März abgelöst worden, ihr Nachfolger Borchers hat erst an diesem Montag seinen Posten übernommen.
Der Personalwechsel wird darauf zurückgeführt, dass die Vertriebenenverbände und die CDU/CSU eine Neugestaltung der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum der Stiftung verlangt hatten. In der Ausstellung, die im Deutschlandhaus in Berlin zu sehen ist, geht es um die Flucht und Vertreibung von bis zu 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten des Reiches und anderen Regionen im östlichen Europa am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren.
Nach SPIEGEL-Informationen war im Stiftungsrat, der die Personalie zu entscheiden hatte, bekannt, dass in Bavendamms Amtszeit Gelder verschwunden waren. Es soll angesichts der mutmaßlichen kriminellen Energie der Taten allerdings nicht das entscheidende Argument dafür gewesen sein, einen neuen Direktor zu berufen. Im Stiftungsrat sitzen unter anderem Vertreter des Bundestags, der Bundesregierung und des Bundes der Vertriebenen. Am 15. Juni ist eine Sondersitzung zu der Finanzaffäre anberaumt.
Wie so viel Geld offenbar unkontrolliert abfließen konnte, dürfte auch politische Fragen aufwerfen. Die SFVV ist eine unselbstständige Stiftung und steht unter der Trägerschaft der Stiftung "Deutsches Historisches Museum". Zurzeit übt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) die Rechtsaufsicht aus. Die mutmaßlich kriminellen Machenschaften des ehemaligen Mitarbeiters sollen schon unter seiner Vorgängerin Claudia Roth (Grüne) begonnen haben.
Die Bundesregierung hat kürzlich einen Gesetzentwurf vorgelegt, wonach künftig die Vertriebenenstiftung als selbstständige Stiftung dem Bundesinnenministerium von Alexander Dobrindt (CSU) unterstellt werden soll. Dieses Vorhaben hat nach Angaben aus der Bundesregierung jedoch nichts mit der Finanzaffäre zu tun.