Überheblichkeit Deutsche Politik: Vom Ende des moralischen Größenwahns

Immo von Fallois

19.06.2026, 19:44 Uhr 7 Min

Gut 30 Jahre lang fühlte sich die westliche demokratische Welt moralisch überlegen. Nun erleben wir, wie die Deutungshoheit verblasst und die Suche nach neuen Regeln beginnt.

Annalena Baerbock, ehemalige grüne Außenministerin, vertrat eine "feministische" deutsche Außenpolitik, die international nicht überall auf Zustimmung stieß.
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Eines der bekanntesten Sprichwörter stammt aus dem Alten Testament. In den bekannten Sprüchen Salomos heißt es wegweisend: "Hochmut kommt vor dem Fall." Wir erleben es selbst, wenn wir im Rausch eines persönlichen Erfolges unvorsichtig und zu risikofreudig werden. Erfolg kann dann zur Selbstüberschätzung und diese dann zu schlechten Entscheidungen führen.

Final erhöhen sie schließlich das Risiko des Scheiterns. Bereits der große römische Philosoph Seneca sagte: "Nichts ist so verhängnisvoll wie die Selbstüberschätzung." Das biblische Sprichwort können wir auch auf das Verhalten der westlichen Welt und insbesondere Deutschlands anwenden.

Arroganz des Westens

Die Rede von der sogenannten Arroganz des Westens ist dabei nicht einfach, wie oft behauptet, Propaganda autoritärer Staaten. Sie hat einen belastbaren Kern: Nach 1990 dominierte im Westen die Annahme, liberale Demokratie, Marktwirtschaft und regelbasierte Ordnung seien historisch überlegen und langfristig alternativlos. Diese westliche Selbstgewissheit entstand aufgrund der kompletten Niederlage des Kommunismus in Europa.

Der bekannte amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama prägte gar den Grundsatz vom "Ende der Geschichte". Er argumentierte dabei nicht, dass Geschichte als Ereignisfolge ende. Gemeint war das Ende der großen ideologischen Konkurrenz um das "beste" politische System. Die liberal-demokratische Marktwirtschaft erschien ihm als Endpunkt ideologischer Entwicklung, weil Faschismus und Kommunismus diskreditiert waren und es keine gleichrangigen Alternativen mehr gab. Vor ein paar Jahren gestand der Wissenschaftler ein, dass er sich - und viele ähnlich Denkende mit ihm - grundlegend geirrt hat.

Mit dem Erfolg wuchs die moralische Überheblichkeit

Der problematische Punkt: Aus dem berechtigten Befund, dass liberale Demokratien attraktive Systeme sind, entwickelte sich vielerorts eine moralische Überheblichkeit. Diese äußerte sich bereits in den 90er-Jahren. Wer anders regiere, sei entweder rückständig, noch nicht modernisiert oder müsse durch Druck, Handel oder Intervention in Richtung westlicher Normen bewegt werden.

Das übersteigerte Selbstbewusstsein manifestierte sich hauptsächlich in drei optimistischen Punkten. Es gab einen Demokratieoptimismus aufgrund der Transformation in Osteuropa, der EU- und Nato-Erweiterung und neuer Demokratien. Globalisierung und Privatisierung führten zu einem Marktoptimismus. Schließlich bestand lange Zeit ein Interventionsoptimismus. Dieser mündete in die Vorstellung, dass westliche Macht internationale Ordnungen stabilisieren und moralisch begründete Interventionen dauerhaft rechtfertigen könne.

Die Staats- und Regierungschefs der Nato-Länder beschließen bei ihrem Gipfel in Madrid im Juli 1997 die Osterweiterung, indem sie den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten Polen, Tschechien und Ungarn Beitrittsverhandlungen anbieten.
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Der kluge amerikanische Politiker George F. Kennan meinte damals kritisch, der Westen habe Russland bereits in den 90er-Jahren eher als besiegte Macht, denn als gleichberechtigten Partner behandelt. Kritiker warfen Außenminister Joschka Fischer vor, deutsche und westliche Werte als universell gültig zu präsentieren und militärisches Eingreifen, wie im Kosovo-Krieg, moralisch zu legitimieren.

Aber es gab auch die westdeutsche Überheblichkeit nach dem Fall der Mauer. Bei westdeutschen Intellektuellen, Journalisten oder ökonomischen Beratern der Nachwendezeit findet man häufiger Formulierungen, die nahelegen, der Osten Deutschlands müsse nun vom Westen "Demokratie lernen" oder "modernisiert" werden. Diese mangelnde Wertschätzung spiegelt sich bis heute und ist ein bleibendes Trauma vieler Ostdeutscher.

Die Steigerung zum moralischen Größenwahn

Nach der Jahrtausendwende steigerte sich dieses ohnehin schon übersteigerte Selbstvertrauen trotz Rückschlägen wie den Anschlägen vom 11. September 2001 und der globalen Finanzkrise 2008 phasenweise zu moralischem Größenwahn.

Die "wertegeleitete Außenpolitik" von Annalena Baerbock meinte in der deutschen Debatte: Außenpolitik sollte nun nicht nur kurzfristigen Interessen folgen, sondern an Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit orientiert sein. In der Ampel-Version kamen feministische Außenpolitik, Klimagerechtigkeit und Schutz marginalisierter Gruppen hinzu. Diese Politik versuchte, China, Afrika sowie andere nichtdemokratische Länder und deren politische Repräsentanten zu belehren. Ebenso wurde der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ehemaligen Außenminister Heiko Maas eine belehrende Politik nach außen vorgeworfen.

Die Auswirkungen "arroganter" Außenpolitik erleben wir bis heute. Denn Deutschlands Außenpolitik erhielt gerade einen kräftigen Dämpfer, den man durchaus als Quittung interpretieren kann: Die gescheiterte Kandidatur für einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat ist das jüngste Warnsignal. Deutschland erhielt 104 Stimmen, Portugal 134, Österreich 131. Das verdeutlicht eine große Lücke zwischen deutschem Selbstbild und internationaler Unterstützung.

Grenzen der Wertepolitik

Die deutsche Wertepolitik wirkt unglaubwürdig, wenn sie selektiv angewandt wird. Sie handelt strategisch falsch, wenn Macht, Abhängigkeiten und Zielkonflikte ausgeblendet werden. Offensichtlich wirkt sie bei vielen Ländern wie Bevormundung, wenn sie nicht mit Selbstkritik verbunden ist. Und sie stößt an Grenzen, wenn Kooperation mit autoritären Staaten nötig ist, wie bei den Themen Klima, Handel, Migration, Rüstungskontrolle, Schulden, Energie.

Deutschland wie auch die EU und die USA werden im globalen Süden häufig äußerst negativ wahrgenommen. So wird ihnen eine Doppelmoral vorgeworfen; harte Sanktionen gegen Gegner und mildere Maßstäbe bei Verbündeten. Wir konnten das gerade beim Gaza-Krieg und an der deutschen Politik gegenüber Israel wahrnehmen. Häufig werde - so die Kritik - das Völkerrecht selektiv ausgelegt.

Zudem wird die wirtschaftliche Dominanz kritisiert: Hierbei werden Handelsregeln, die Schulden- und Klimapolitik als asymmetrisch wahrgenommen. Ebenso wird dem Westen seine dunkle Kolonialgeschichte vorgeworfen. Westliche Appelle für Ordnung und Regeln treffen auf Erinnerungen an Kolonialismus, Interventionen und wirtschaftliche Ausbeutung. Westliche Thinktanks warnen inzwischen vermehrt vor wachsender Entfremdung zwischen dem Westen und dem globalen Süden.

Realpolitik statt Überheblichkeit

Xi Jinping und Donald Trump bei einem Treffen in Peking im Mai 2026. Aufgrund der politischen Konkurrenz verschiedener Herrschaftsformen muss Deutschland wieder zur Realpolitik finden.
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Nach dem siegreichen Aufbruch der westlichen Demokratien ab 1990 sehen wir inzwischen eine Fülle an Systemalternativen. Wir haben lange Ungarns illiberalere Demokratie erlebt, die viele populistische Parteien inhaltlich verfolgen. Züge des Autoritarismus zeigen Staaten wie Belarus, Saudi-Arabien oder in Teilen die USA unter Präsident Trump. Der sogenannte Einparteienstaat wie in China zeigt sich wirtschaftlich sehr widerstandsfähig. Militärregierungen wie in Ägypten haben den Staat stabilisieren und sicherer machen können. Wir erleben mit der Theokratie im Iran ein System, das sich fast 50 Jahre an der Macht gehalten hat. Schließlich zeigen Monarchien wie in Jordanien oder Marokko, dass sie politisch anerkannt sind und funktionieren.

Aufgrund dieser politischen Konkurrenz verschiedener Herrschaftsformen muss die westliche liberale Demokratie, und hier besonders Deutschland, wieder zurück zur nüchternen Realpolitik kommen. Und das bedeutet: Wir sollten endgültig akzeptieren, dass unsere Staatsform nur eine unter vielen möglichen ist und bleiben wird.

Die westliche Demokratie steht in der Bewährung

Unsere Demokratie hat ohne Frage enorme Vorteile: Nicht nur stehen die Menschenwürde und die juristische Gewaltenteilung im Mittelpunkt eines - wenigstens in der Theorie - fairen Ausgleichs. Kein anderes System verspricht so viel Freiheit und die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wie die demokratische Staatsform. Das wird alles jedoch nicht reichen, um unsere Demokratie - neben anderen Staatsformen - beständig attraktiv zu halten. Die liberale Demokratie ist "in die Jahre" gekommen und hat viel zu viel Speck angesetzt. Sie steht, wie der Schweizer Kulturphilosoph Jean Gebser einmal sagte, "laufend in der Bewährung".

So erleben wir ein Gefühl mangelnder Repräsentation, das viele Bürger beklagen. Diese "Repräsentationslücke" ist insbesondere in Ostdeutschland zu sehen. Es bleibt abzuwarten, ob die AfD sie zu füllen vermag. Zudem sehen wir einen fundamentalen Vertrauensverlust in Parteien und Institutionen. Neben vielen anderen Themen werden außerdem die ungeordnete Migration und die enorm aufgeblähte Bürokratie massiv kritisiert.

All diese Kritikpunkte schmälern die Attraktivität unserer Demokratie. Sie zeigen, dass wir unser System nicht mehr als allein beispielhaft der übrigen Welt präsentieren können. Wir müssen erst mal selbst wieder in eine überzeugende Aufbruchstimmung kommen, um für andere Länder wirklich überzeugend zu sein.


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