Tech-Investor Frank Thelen: "Ich habe Millionen verloren, weil ich mich politisch geäußert habe"

Patricia Platiel

11.07.2026 - 22:12 Uhr

Der "Höhle der Löwen"-Star kritisiert die Ideenlosigkeit der Bundesregierung und sieht keinen echten Reformwillen

Foto: Fredrik von Erichsen/BILD

Frank Thelen (50) gehört zu den bekanntesten Unternehmern und Startup-Investoren Deutschlands. Einem Millionenpublikum wurde er als Investor der Vox-Sendung "Die Höhle der Löwen" bekannt, zudem beriet er von 2018 bis 2021 die Bundesregierung im Innovation Council des Kanzleramts und mischt sich auch sonst seit Jahren in die wirtschafts- und technologiepolitische Debatte ein. Im Interview mit BILD am SONNTAG zieht Thelen eine ernüchternde Bilanz der Reformpolitik von Schwarz-Rot, erklärt, warum Deutschland aus seiner Sicht wirtschaftlich ins Hintertreffen gerät - und weshalb er die Brandmauer für einen strategischen Fehler hält.

BILD am Sonntag: Die Reformen sind jetzt da. Wie blicken Sie auf sie?

Frank Thelen: Boah, also die Reformen sind jetzt da? Das sehe ich nicht so. Man sieht jetzt leider sehr klar, dass eine CDU/CSU und eine SPD komplett andere Pläne mit unserem Land haben. Und deswegen entsteht keine Reform, sondern es werden irgendwelche Kompromisslösungen gefunden. (...) Ich sehe überhaupt keinen echten Reformwillen, und ich sehe leider auch überhaupt nicht, dass hier ein Team entsteht. (...)

Bringen wir die Wirtschaft so voran?

Leider nein. Die deutschen Gründerinnen und Gründer sind frustriert, weil das Geld, weil die Investitionen, die sie brauchen, nicht aus Europa kommen, sondern aus den USA. (...) Und der Konsument hat Angst in Deutschland. Die Leute haben Angst, weil kein klares Programm vorliegt und es mehr nach Chaos in Deutschland aussieht. Wir haben das Thema Migration, wir haben das Thema Infrastruktur. Es gibt eben keine Steuerreform, es gibt keine Reform, mit der der Sozialstaat kleiner gemacht wird und der Mittelstand, der Hartarbeitende, wieder mehr hat. (...)

Sie haben sich selbst immer wieder politisch engagiert ...

2010 habe ich Angela Merkel kennengelernt, und da war ich überrascht. Dass Angela Merkel, bei aller Kritik, die ich auch an einigen ihrer Entscheidungen habe, so glaube ich, dass sie eine Frau ist, die ernsthaft Deutschland nach vorne bringen wollte. (...) Ich bin in die Politik reingestolpert, habe dann den Innovation Council im Kanzleramt mit Dorothee Bär geleitet (von 2018 bis 2021, Anm. der Red.). Ich tausche mich seitdem immer wieder mit Kanzlern und Ministern aus. Auch mit Friedrich Merz (...) habe ich lange, persönliche, tiefgreifende Gespräche geführt. Mein großer Traum von damals war immer eine CDU/CSU-FDP-Regierung. Aber heutzutage bin ich so frustriert mit dem Apparat, der da entsteht. Ich habe so viel Zeit investiert, und ich habe durch meine politischen Äußerungen intensiven Gegenwind bekommen und ganz klar viele Millionen Euro dadurch verloren ...

Thelen im Gespräch mit BILD-Wirtschaftschefin Patricia Platiel in seinem Büro in Bonn
Foto: Fredrik von Erichsen/BILD

Kann man das konkret beziffern?

Das ist sehr schwer zu sagen. Ich habe Spenden getätigt und immer wieder Politiker unterstützt. Aber das wirklich Teure war, sich politisch zu äußern in diesem Land. Ich habe zu einer Zeit, in der das gerade nicht en vogue war, ganz klar gesagt: Ich möchte keine Regierung, die sehr stark links ist. (...) Auch wenn ich es gleichzeitig gut finde, dass jede Partei demokratisch gewählt werden kann. Ich habe mich zudem sehr stark gegen die Energiepolitik der Grünen geäußert, Debatten dazu im Fernsehen geführt, und daraufhin haben Kunden, Investoren, Kooperationspartner wirklich innerhalb von zwei, drei Tagen Projekte in Millionenhöhe gekündigt. Eine konservative Politik, für die ich stehe, war einfach nicht so angesagt. Da sind viele, viele Millionen zusammengekommen.

Sie haben konkret Geld verloren, weil Sie sich politisch äußern?

Ich habe das große Glück, dass ich ein relativ großes Vermögen habe. Ich kann das wegstecken, aber ein Mittelständler, ein Selbstständiger kann das nicht. Und genau das ist das Problem. Man sieht, dass die großen CEOs aus dem DAX sich politisch nicht äußern. Weil sie sagen: Da kann man nur verlieren. Und das ist sehr, sehr schade. Wir müssten zu einer Kultur kommen, in der ich meine politische Meinung in einem demokratischen Spektrum sagen kann. (...) Wenn wir dieses breite politische Diskussionsspektrum nicht mehr zulassen, dann wird unser Land ärmer.

Ist dementsprechend auch das Konzept der Brandmauer gescheitert?

Das Konzept Brandmauer ist rein aus Verhandlungstaktik ein Fehler. Die CDU/CSU muss jetzt diskutieren. Aber so nimmt man sich den Spielraum weg. Und das Gleiche gilt für mich übrigens auch für die Linke, mit der ich wirklich nichts zu tun haben möchte - politisch. Wenn ich eine Verhandlung im Vorhinein ausschließe, dann wird mein Verhandlungsspielraum zu klein, und man kann mich erpressen. Wenn wir also einfach jetzt weiterlaufen, dann kann man die CDU/CSU irgendwann nur noch als Juniorpartner der AfD sehen. So weit haben wir das Ganze meiner Meinung nach überspannt. Und jetzt sind wir in der Situation, wo im September vielleicht der erste Ministerpräsident der AfD kommt, und dann wird man sehen: Wird er entzaubert, weil er das alles gar nicht liefern kann, was er da verspricht? Aber das wird gerade politisch alles sehr, sehr riskant. Meine Überzeugung ist: Die Brandmauer hat Deutschland geschadet. Und damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich will keine AfD-Regierung, aber ohne die Brandmauer wäre der Verhandlungsspielraum größer, und wir hätten heute eine stärkere CDU/CSU.

Frank Thelen (r.) mit Carsten Maschmeyer (67), Dagmar Wöhrl (72), Ralf Dümmel (59) und Judith Williams (54,v.l.) in "Die Höhle der Löwen" (VOX)
Foto: Folge 173

Deutschland diskutiert gerade die Pläne zur Krankschreibung.

Im Mittelstand und Startup-Bereich ist es so: Entweder haben die Leute Bock oder sie haben keinen Bock. Die Pläne bringen eine Menge Belastung für Ärzte, die sowieso schon überlastet sind. Wir haben so viele Themen, die wir angehen müssen. Man kann sich ja gar nicht vorstellen, welchen Papierberg man braucht, um ein neues Büro zu haben - hört doch einfach mal den Leuten zu! (...) Nach ewig langen Wochen hin und her kommt so ein Scheiß raus. Sorry, aber das ist wirklich irrelevant, gemessen an dem, was Familien und Betriebe gerade durchmachen. Und die echt großen Themen, die gehen sie nicht an.

Und es gibt weitere Baustellen ...

Was wollen wir denn mit den Steuern? Türkei, Italien legen Steuerprogramme auf, die sagen: Hallo, lieber Frank. Bei mir überweist du x Euro und dann stelle ich keine Fragen mehr. Ob das fair, ob das richtig ist, keine Ahnung, aber das ist mal deren Programm. Und was ist denn da unser Programm? Also 600 Euro Steuererlassung für die vierköpfige Familie. Also wirklich? Dann sagt einfach: Wir haben aktuell keine Ideen, wir haben keine Konzepte. Wir können gerade hier nichts bewegen.

Was könnte also der Ausweg für Deutschland sein?

Wir brauchen einen Pioniergeist und müssen wieder eine starke Wirtschaftsnation werden wollen. Was ich für Deutschland will ist, dass wir uns an unsere Helden erinnern: dass wir Porsche gemacht haben, dass wir mit Volkswagen führend waren, dass wir die besten Chemiekonzerne hatten. (...) Es muss einfach wieder echt angepackt werden.


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