02.01.2026, 14:51 Uhr
Jörg Carstensen
Der Konflikt rund um das Sozialhotel in der Fuggerstraße in Schöneberg spitzte sich zuletzt dramatisch zu. Von "unhaltbaren Zuständen" war die Rede. Doch die sind nicht über Nacht entstanden - sie sind das Ergebnis jahrelangen Wegsehens.
Seit Mitte der 2010er-Jahre wurde das frühere BB-Hotel zunächst als Unterkunft für Geflüchtete genutzt, später diente es als Obdachlosenunterkunft. Inzwischen ist das Haus geräumt - doch die Debatte über Berlins Behördenversagen ist damit keineswegs zu Ende.
Schon früh gab es Hinweise auf Gewaltvorfälle im Umfeld des Gebäudes; zudem klagten Anwohner über Lärm und Müll. Die Frage liegt auf der Hand: Warum hat der Bezirk diese Zustände so lange geduldet?
Monate-, wenn nicht gar jahrelang fühlten sich die Anwohner der Unterkunft belästigt und bedroht. Sie berichten, sich durch aggressiv auftretende Bewohner zunehmend unsicher gefühlt zu haben.
Seit Jahren gibt es Hinweise auf Missstände in dem Haus. Berichte über unzumutbare hygienische Zustände, über Überbelegung, über Menschen, die dort nicht wohnen, sondern irgendwie "untergebracht" sind. Zuletzt ging es sogar um Zwangsprostitution. All das kam nicht über Nacht.
Im Zentrum steht eine ältere Betreiberin, die das Haus über Jahrzehnte geführt hat. Die Summen, die sie mit dieser und einer anderen Unterkunft eingenommen hat, gehen in die Millionen - zulasten des Steuerzahlers. Auch der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei Berlin ärgerte sich: "Die Hotel-Betreiberin macht einen Reibach und kassiert jede Menge Geld des Landes Berlin. Das muss ein Ende haben: EU-Freizügigkeit bedeutet nicht Freizügigkeit von Sozialleistungen. Wenn diese Menschen in Berlin nichts machen, außer die innere Sicherheit zu gefährden, kann man eben diese Freizügigkeit auch entziehen."
Fakt ist auch: Wenn eine einzelne Person offenkundig nicht mehr in der Lage ist, ein Haus mit Dutzenden vulnerablen Menschen verantwortungsvoll zu führen, dann darf der Staat nicht wegsehen. Der Bezirk hätte durchaus Instrumente gehabt. Bau- und Wohnungsaufsicht, Gesundheitsamt, Ordnungsamt - sie alle sind nicht nur dazu da, Akten zu studieren, sondern Zustände zu prüfen und notfalls einzugreifen. Dass man sich offenbar über Jahre mit Auflagen, Gesprächen und dem Prinzip Hoffnung begnügte, wirft kein gutes Licht auf die Verwaltung. Gerade bei sogenannten Sozialhotels, in denen Menschen leben, die kaum eine Lobby haben - Wohnungslose, Arme, Kranke -, braucht es mehr Kontrolle, nicht weniger.
Stattdessen entsteht der Eindruck, dass man froh war, das Problem "untergebracht" zu haben. Solange Menschen irgendwie ein Dach über dem Kopf hatten, schien es politisch bequem, nicht genauer hinzuschauen. Das Sozialhotel wurde so zur grauen Zone: privat betrieben, aber faktisch Teil des Sozialsystems. Verantwortlich fühlte sich am Ende niemand so richtig.
Kulturkampf in der Fuggerstraße: Bezirk weiß nicht, wieviel Unterbringung von Wohnungslosen kostet
Die Straße in Schöneberg ist seit Jahren Kriminalitätshotspot. Das beklagen zumindest die Nachbarn eines berüchtigten Hotels. Doch es gibt auch andere Stimmen.
Von Carola Tunk
Tempelhof-Schöneberg
21.09.2025
Als die Zustände nicht mehr zu übersehen waren, ging alles plötzlich sehr schnell. Räumungen, Ersatzunterkünfte, öffentliche Stellungnahmen. Doch die Frage bleibt: Warum mussten erst Medienberichte und öffentlicher Druck entstehen, damit gehandelt wird? Warum muss immer erst etwas passieren, damit der Staat tätig wird?
Der Fall Fuggerstraße ist mehr als ein Einzelfall. Er steht exemplarisch für eine behäbige Berliner Verwaltung. Solange Elend nicht sichtbar ist, wird es verwaltet - oder ignoriert. Erst wenn es skandalisiert wird, greift der Staat durch.
Der Bezirk sollte sich ehrlich machen. Nicht nur über das Versagen einer einzelnen, eiskalten Geschäftsfrau, sondern über das eigene. Über fehlende Kontrollen, über eine Sozialpolitik, die prekäre Lösungen zulässt, solange sie billig und leise sind. Verantwortung heißt nicht, sich moralisch zu erheben. Verantwortung heißt, rechtzeitig hinzusehen - gerade dann, wenn niemand sonst hinschaut.