Tat Illerkirchberg genug? Vorbildliche Unterbringung, dutzende Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer - dennoch Gewalt

Stand: 09.12.2022 | Lesedauer: 5 Minuten

Von

Marcel Leubecher,

Alexander Dinger

Zwei schwere Verbrechen in drei Jahren - Illerkirchberg macht nicht zum ersten Mal mit Gewalt durch Asylbewerber Schlagzeilen. Vernachlässigt die Gemeinde also ihre Asylbewerber? Könnte mehr Betreuung Gewalt verhindern? Eine Analyse zeigt: Die Versorgung ist jetzt schon vorbildlich.

Einsatzkräfte am Tatort in Illerkirchberg
Quelle: dpa

Es sind immer die gleichen Fragen, die sich stellen, wenn der erste Schock nach einer Bluttat wie der von Illerkirchberg nachlässt: Was hätte man tun können, um sie zu verhindern? Muss der Staat die Asylzuwanderer noch stärker begleiten, sich intensiver um Arbeit, intakte Bekanntenkreise, psychische Stabilität kümmern? Vielleicht. Klar ist aber auch: Schon heute ist der personelle Aufwand zur Betreuung der Migranten bundesweit gewaltig.

Und in Schwaben, wo der junge Eritreer seelisch so entgleiste, dass er auf die beiden Mädchen einstach - in diesem prosperierenden Schwaben werden Asylzuwanderer besonders intensiv gefördert. Neben der bundesweit üblichen Begleitung durch Sozialarbeiter in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder und nach ihrer Verteilung in die Gruppenunterkünfte der Landkreise setzt Baden-Württemberg zusätzlich in großem Stil "Integrationsmanager" ein, die sich um die Zuwanderer kümmern, wenn sie längst in den Gemeinden leben. 1200 Integrationsmanager sind laut Landessozialministerium im Einsatz - was sich das Land 50 Millionen Euro im Jahr kosten lässt.

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Im Alb-Donau-Kreis, wo der Eritreer lebte, sind derzeit 24 von ihnen tätig, wie das Ministerium WELT AM SONNTAG mitteilte. 1,4 Millionen Euro zahlt das Land dafür dieses Jahr dem Kreis. Und das Betreuungsnetz reicht bis Illerkirchberg. Auch dort ist eine dieser speziellen Integrations-Sozialarbeiterinnen eingesetzt.

Genaues über ihre Arbeit mit dem mutmaßlichen Täter wollte sie dieser Zeitung nicht sagen. Sie verweist an Daniela Baumann, ihre Vorgesetzte im Landkreis. Die erklärt: "Die Integrationsmanager treffen sich regelmäßig mit den Migranten", wie oft, richte sich "nach der individuellen Situation. Wenn es akute Anliegen gibt, wöchentlich oder sogar mehrmals die Woche." Es könne aber auch seltener sein.

Unterkunft des Täters genügte sehr hohen Standards

In Illerkirchberg habe die Integrationsmanagerin ein Büro im Rathaus, es machten aber auch Kräfte Besuche. Da gehe es um Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Busverbindungen, Fachärzte, Arbeitsplatzsuche, Hilfe bei Anträgen und Behördengängen, Kinderbetreuung, Vermittlung von Vereinen und Vorbereitungsklassen oder private Probleme.

Viele, sagt Baumann, kämen rasch klar nach dem Umzug in die Wohnorte, andere begleite man länger. "Das Integrationsmanagement ist eine Erfolgsgeschichte." Erst ein Pilotprojekt, sei es bis 2024 verlängert worden. "Zwei unserer Integrationsmanager im Alb-Donau-Kreis sind Flüchtlinge, die 2015 kamen."

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Baden-Württemberg leiste generell viel für die Integration, so Baumann, und in Illerkirchberg seien "die Verwaltung, der Bürgermeister und die Helferkreise besonders engagiert". So beschäftigt die Stadt auch einen Migrationsbeauftragten, der sich um behördliche Anliegen der rund 50 Flüchtlinge kümmere. Auch sind die Helferkreise hier laut Kommunalvertretern sehr aktiv und gehen wöchentlich in die Unterkünfte. Das seien Privatleute, Ex-Lehrer, Kirchenmitglieder, Menschen mit Fluchterfahrungen. Obendrein halten Moscheen und Kirchen eigene Integrationsangebote bereit.

Trotz dieser enormen Anstrengungen in Illerkirchberg mit seinen 5000 Einwohnern ist der Messerangriff des Eritreers nach einer Gruppenvergewaltigung 2019 schon die zweite schreckliche Gewalttat durch Asylzuwanderer. Und der Angreifer aus dem ostafrikanischen Staat lebte nicht in einem großen Asylheim, sondern in einem kleinen Haus mit nur zwei Wohnungen mitten im Ort, ganz so, wie es Integrationsfachleute raten.

"Haben es mit Leuten in Freiheit zu tun, die eine Gefahr sind"

Eine 14-Jährige wird in Illerkirchberg getötet. 2019 gab es eine Gruppenvergewaltigung in dem kleinen Ort. Baden-Württemberg würde den inzwischen wieder auf freiem Fuß befindlichen Haupttäter gern nach Afghanistan abschieben, Berlin lehnt das ab. Ibrahim Naber erläutert die Hintergründe.
Quelle: WELT | Ibrahim Naber

Laut Sebastian Altemüller, im Sozialministerium für die Integration zuständig, sind neben den Integrationsmanagern und Integrationsbeauftragten der Kommunen weitere Einheiten von Sozialarbeitern für die Migranten da. "Wir haben die MBE, die sogenannte Migrationsberatung für Erwachsene ab 27 Jahren, mit rund 139 Stellen und den Jugendmigrationsdienst für die jüngeren Leute." Für Minderjährige ohne Eltern sorge die Jugendhilfe mit betreuten Wohngruppen.

Hinzu kämen "unsere ganz normalen Sozialarbeiter" in den Erstaufnahmen. Der Mangel an Betreuungspersonal sei aber enorm, "weil der Bedarf an Sozialpädagogen und Erziehern im Integrationsbereich wahnsinnig hoch ist".

170.000 potenzielle Sozialarbeiter, 8000 Maurer- und Dachdeckerazubis

Doch nimmt das Personal im sozialen Bereich seit Jahren zu, ein großer Teil der Schulabgänger strömt in die Sozialbranche. Allein in den Studiengängen des Sozialwesens sind aktuell rund 110.000 junge Leute eingeschrieben. Weitere 62.000 studieren Pädagogik im Erstfach. Zum Vergleich: Eine Maurer- oder Dachdeckerlehre machen aktuell nur jeweils rund 8000 Azubis im ganzen Land. Nach Bund, Ländern und Kommunen sind die größten deutschen Arbeitgeber die katholische Caritas mit mehr als 600.000 Mitarbeitern und ihr evangelisches Pendant Diakonie. In großem Abstand folgen Edeka und Volkswagen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat sich von einer kleinen Bearbeitungsstelle für Asylanträge zur größten Migrationsbehörde der Welt entwickelt, worauf der Flüchtlingsexperte Gerald Knaus hinwies. Das Amt unterhält eine eigene Integrationsabteilung und ist für die mehrmals ausgebauten Integrationskurse zur Sprach- und Kulturvermittlung zuständig. Durchgeführt werden sie von rund 1500 Trägern der Sozialbranche und kosten jährlich etwa eine Milliarde Euro.

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Sie bestehen meist aus 600 Stunden Sprachschulung und einem 100-stündigen Orientierungskurs, in dem über Geschichte und Gesetze Deutschlands sowie über das Sozialsystem und Arbeitsmöglichkeiten informiert wird. Für Analphabeten wird der Sprachkurs um 300 Stunden erhöht. Die Ampel-Regierung hat diese ursprünglich nur für anerkannte Flüchtlinge konzipierten Kurse für Asylsuchende mit geringer Bleibeperspektive geöffnet. Auch solche, die aus Staaten mit Anerkennungsquoten unter fünf Prozent unerlaubt einreisen, dürfen die Kurse besuchen.

Auch diese enormen Integrationsleistungen führen dazu, dass viele Migranten nach Deutschland streben. Allein im November wurden in Deutschland 29.383 Asylerstanträge gestellt - dieser Monat war einer der zugangsstärksten seit Bestehen der Bundesrepublik. Zuletzt wurden im Oktober 2016 mehr Asylanträge gestellt (30.864). Wie damals bleiben auch heute die meisten Antragsteller dauerhaft, auch wenn sie abgelehnt werden.


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