19.04.2026, 07:55 Uhr
ZDF/ Screenshot
Lieber Jan, hör mal kurz zu. Setz dich. Trink was. Das hier wird nicht lange dauern, versprochen - ich weiß, du hast zu tun. Vermutlich ist gerade wieder ein Zwanzigminüter in Arbeit, in dessen Verlauf du Grimassen ziehst und an dessen Ende ein Mensch seinen Job verliert. Wie schon mehrfach. Glückwunsch schon mal zur sicheren Auszeichnung deiner Supporter dafür. Spart Zeit.
Ich bin seit Oktober 2025 Nachrichtenchef bei der Berliner Zeitung und seit einigen Wochen der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Ja. Berliner Zeitung. Das Blatt, bei dem du reflexhaft irgendwas mit Putin oder Orbán denkst, bevor du nachdenkst.
Und, mal ehrlich, bei hunderten Artikeln im Monat und tausenden im Jahr kommt es auch bei uns natürlich zu Fehlern. Wir setzen uns damit intern regelmäßig auseinander.
Aber weißt du, was der Unterschied zu dir ist, Jan? Wir diskutieren. Wir werden nicht von jedem Bäcker in Berlin oder Brandenburg zwangsfinanziert, damit wir uns moralisch über ihn erheben.
Für die Leute, die deine Sendung am vergangenen Freitag nicht gesehen haben - und das sind, bei allem Respekt vor der Grimme-Jury, immer noch die meisten Menschen in diesem Land: Thema war der Fall Collien Fernandes vs./ Christian Ulmen.
Der Spiegel hatte zuvor berichtet, Ulmen habe über Jahre mit Fake-Accounts die Identität seiner Ehefrau missbraucht. Schwere Vorwürfe. Der Spiegel hat sie in die Form gegossen, in der man solche Vorwürfe in Deutschland in die Form gießt: Verdachtsberichterstattung, Aussagen, Indizien, Geraune, Moralisierung als Kitt. Ulmen widerspricht über seinen Anwalt Christian Schertz. Das Verfügungsverfahren läuft in Hamburg.
Ein klassischer Fall für einen seriösen Abend, begleitet von einer seriösen Redaktion.
Du aber hast daraus gut 20 Minuten gemacht, in denen du formal vieles richtig machst und inhaltlich die ganze Zeit etwas anderes sagst. Du erklärst dem Publikum geduldig, was Verdachtsberichterstattung ist. Du erklärst, warum der Konjunktiv wichtig ist. Du erklärst sogar den Unterschied zwischen Konjunktiv und "Modalverb Infinitiv Perfekt". Ausführlich. Mutmaßlich richtig.
Und gleichzeitig ziehst du über gut 20 Minuten eine Dramaturgie auf, an deren Ende niemand im Publikum und niemand vor dem Fernseher noch den geringsten Zweifel hat, dass Ulmen das getan hat. Schuldig. Fertig. Applaus. Werbung.
Das ist grandios. Wirklich. Das ist Handwerk auf höchstem Niveau. Das ist Chirurgie mit der Kettensäge - der Patient steht hinterher auch auf, nur halt ohne Beine.
Es ist nur eben keine Satire. Es ist Verdachtsberichterstattung mit Lachern aus der Konserve.
Und dann, Jan, dann kommt Adolf Hitler. Mitten rein. Wörtlich. Und damit niemand sagt, das sei aus dem Zusammenhang gerissen, hier dein Zitat:
Deswegen ist mein Führer Adolf Hitler für mich bis heute unschuldig, bis zu einem ordentlichen Gerichtsurteil. Vor einem ordentlichen deutschen Gericht ist er für mich unschuldig.
Jan Böhmermann
Ich hab's zweimal zurückgespult. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Hatte ich nicht.
Der Witz soll offenbar all jene lächerlich machen, die in Kommentarspalten auf das Prinzip der Unschuldsvermutung verweisen. Die Logik: Wenn das Prinzip auch für Hitler gelten würde, kann es ja nicht ernst gemeint sein. Das ist rhetorisch alt, das ist rhetorisch billig, und das ist - du merkst, ich werde jetzt unlustig, tut mir leid - rhetorisch gefährlich.
Die Unschuldsvermutung ist nicht deshalb lächerlich, weil sie theoretisch auch für Adolf Hitler gegolten hätte. Was Quatsch ist, wie jeder Völkerrechtler weiß. Oder auch nur jeder medienkompetente Mensch, der den Wikipedia-Artikel über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse gelesen hat.
Die Unschuldsvermutung ist deshalb großartig, weil sie genau das tut: Sie gilt für alle. Auch für die Unsympathischen. Auch für die mutmaßlich Schuldigen. Auch für die, von denen das Studio-Publikum am Donnerstagabend schon weiß, dass sie es waren. Genau da fängt Rechtsstaat an. Genau da, wo es unbequem wird.
Dass ausgerechnet ein öffentlich-rechtlicher Sender, der sich seit Jahren als Bollwerk gegen autoritäre Rückfälle inszeniert, dieses Prinzip mit einem Hitler-Kalauer in die Tonne tritt - Jan, das ist nicht mutig. Das ist faul. Das ist der bequemste Gag, den man in diesem Land machen kann, weil du weißt, dass dir niemand widerspricht, aus Angst, selbst in die Nähe von Hitler gerückt zu werden. Das ist nicht Satire-Punk. Das ist Satire-Feigheit im Kik-Kostüm mutigen Engagements.
Arne Schönbohm. Kennst du noch, ne?
Oktober 2022. Du verspottest den Präsidenten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik als "Cyberclown" und suggerierst, er habe Kontakte zu russischen Geheimdiensten unterhalten. Elf Tage später ist er seinen Job los. Seine Kinder werden auf dem Schulhof gefragt, ob Putin das Haus bezahlt hat. Er bekommt Morddrohungen.
Ein halbes Jahr Ermittlungen. Verfassungsschutz. Alles. Ergebnis: Nichts. Dran. Null. Keine russischen Kontakte. Keine Geheimdienstnähe. Gar nichts.
Landgericht München I: vier zentrale Aussagen untersagt. Oberlandesgericht München bestätigt. O-Ton des Vorsitzenden Richters: "Bestenfalls war es eine schlampige Recherche." Bestenfalls. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Das ist die freundliche Variante, Jan. Die unfreundliche spart er sich wohl für den Urteilsspruch auf.
Und weißt du, was dein Sender macht? Dein Intendant, Norbert Himmler, erklärt monatelang - monatelang - öffentlich, kein Satz der Sendung sei falsch gewesen. Bis er eine Unterlassungserklärung unterschreibt. "Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht." Die juristische Formulierung für: "Wir haben verloren, aber wir wollen's nicht laut sagen, damit die Kohle nächstes Jahr trotzdem kommt."
Schönbohm selbst sagt den Satz, den man sich ausdrucken und an den Kühlschrank hängen sollte: "Im Mittelalter gab es einen Pranger, heute gibt es Jan Böhmermann."
Du hast einen Mann beruflich und privat hingerichtet. Mit meinem Geld. Und du hast keinen einzigen Satz zur Wiedergutmachung gesagt. Keinen selbstironischen Sketch. Kein Schönbohm-Update. Kein "Oops, wir lagen falsch, ruft uns an, wir bezahlen das Haus." Stattdessen der nächste Fall. Die nächste Folge. Der nächste Mensch. Der nächste Preis.
Weil ich weiß, dass du einfache Argumentation magst, hier dein Vorgehen in fünf Schritten.
Jan, jetzt wende ich mich mal an diese Leser. Nur zwei Minuten. Ist ja dein Lieblingsstilmittel, das verkraftest du.
Liebe Leserinnen und Leser:
8,5 Milliarden Euro. Pro Jahr. Das ist der Rundfunkbeitrag. Das ist kein Satire-Budget. Das ist Schulbau. Das ist Krankenhaus. Das ist jede Frau, die bei Hate Aid anruft, weil ihr Ex Nacktbilder von ihr verteilt, und der gesagt wird: "Tut uns leid, Bagatelldelikt, kein öffentliches Interesse."
Und wofür wird das Geld verwendet? Unter anderem dafür, dass donnerstags ein einzelner Schauspieler zerlegt wird. Ein einzelner sächsischer Imker. Ein einzelner Polizeigewerkschafter. Ein einzelner Beamter, dessen Leben hinterher in Scherben liegt, während das ZDF-Justiziariat die Unterlassungserklärungen bereithält.
Wir haben uns daran gewöhnt. Das ist das eigentlich Gruselige. Wir finden das unterhaltsam. Wir finden das mutig. Wir finden das Haltung. Und wenn jemand sagt: "Moment, das ist der falsche Rechtsstaatsbegriff" - dann ist er automatisch ein Männerrechtler, ein CDU-Wähler oder, im Zweifel, ein Faschist. Die Schublade ist schon offen. Man muss nur noch reinfallen.
Wacht mal auf. Es ist ein Sender. Es ist kein Evangelium. Ihr dürft den Sender kritisieren. Ihr dürft sogar den Moderator kritisieren. Ihr werdet nicht deshalb zum schlechten Menschen. Versprochen.
Zurück zu dir, Jan.
Die Frage ist nicht: "Darf Böhmermann das?"
Die Frage ist: "Muss das ZDF das bezahlen?"
Darf ein gebührenfinanzierter Sender ein Format betreiben, dessen Kernmechanik darin besteht, reale Menschen öffentlich zu zerlegen - mit einer Haftungsstruktur, die garantiert, dass am Ende niemand verantwortlich ist?
Nicht du - du berufst dich auf die Redaktion.
Nicht die Redaktion - die beruft sich auf die Satirefreiheit.
Nicht der Sender - der beruft sich auf die redaktionelle Unabhängigkeit.
Nicht der ZDF-Intendant Himmler - der erklärt, alles sei korrekt gewesen, bis ein Gericht das Gegenteil feststellt.
Das ist keine Pressefreiheit. Das ist eine Verantwortungswaschanlage. Vorn rein geht ein Mensch mit Ruf, hinten raus kommt ein Mensch ohne Ruf, und in der Mitte dreht sich eine ziemlich anständig bezahlte Unterhaltungssendung, an deren Ende niemand die Hand hebt und sagt: "Ich war's."
Beim nächsten Fall erklär uns die Unschuldsvermutung gern wieder. Mach das Erklärbär-Segment. Mach die Animation dazu.
Aber dieses Mal: Mein sie auch.
Ohne Konjunktiv-Kabarett. Ohne Hitler-Gag. Ohne die rhetorische Hintertür, durch die du am Ende herausspazierst, während draußen jemand mit zerstörter Karriere, gemobbten Kindern und Morddrohungen im Briefkasten sitzt und sich fragt, wie man eigentlich einen öffentlich-rechtlichen Sender verklagt, ohne in der nächsten Folge als Thema wiederzukommen.
Wenn du das nicht kannst - deine Sache.
Wenn das ZDF es dir weiter bezahlt - unsere.
Schalom.
PS: Und, Digga, wenn du noch einmal die Hitler-Keule gegen ein Objekt deiner Kampagnen auspackst, dann schreibe ich dir fortan jeden Freitag solche Briefe und nenne dich darin bis zum Intendantenwechsel konsequent nur noch den "Größten Himmler-Journalisten" (GröHiJo) des ZDF. Ich schwöre.