Open Source Sind wir bald alle arbeitslos? 80 Bewerbungen, nur Absagen und eine unbequeme Antwort

Alexander Thiele

26.06.2026, 18:53 Uhr 4 Min

Der Autor ist Softwareentwickler, also angeblich gefragt. Warum aber findet er keinen neuen Job? Eine Spurensuche zwischen KI-Hype und einem überfüllten Markt.

Die Zahl arbeitsloser Softwareentwickler stieg binnen eines Jahres um mehr als ein Drittel auf rund 17.000.
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Der Beruf des Softwareentwicklers galt lange als das sicherste Versprechen in der digitalen Wirtschaft. Wer programmieren kann, so hieß es, wird gebraucht. Ich kann programmieren, und trotzdem habe ich in sechs Monaten rund 80 Bewerbungen verschickt. Auf neun von zehn kam eine standardisierte Absage, auf den Rest gar nichts. So fühlt sich ein Markt an, der über Fachkräftemangel klagt und mich zugleich im Dutzend abweist.

Die Zahlen erzählen keinen Untergang, sondern eine Umschichtung. Der Branchenverband Bitkom meldet weiter über 109.000 unbesetzte IT-Stellen. Zugleich brach die Zahl der ausgeschriebenen IT-Stellen 2024 laut Institut der deutschen Wirtschaft um gut ein Viertel ein, bei den hochqualifizierten Positionen sogar um rund ein Drittel, während die Zahl arbeitsloser Softwareentwickler binnen eines Jahres um mehr als ein Drittel auf rund 17.000 stieg. Mangel und Andrang treffen sich nicht. Gesucht werden die Erfahrenen. Abgewiesen werde ich, der Quereinsteiger, zusammen mit den anderen Einsteigern.

Die bequeme Erzählung von der Maschine

Am einfachsten wäre, die Künstliche Intelligenz verantwortlich zu machen. Sie schreibt inzwischen selbst Code, also, so der schnelle Schluss, braucht es mich immer weniger. Diese Deutung ist bequem, weil sie nur eine Ursache kennt. Sie greift trotzdem zu kurz. Jurek Tiedemann, Studienautor am Institut der deutschen Wirtschaft, führt den Rückgang der IT-Stellen vor allem auf die schwache Konjunktur zurück, nicht auf die Künstliche Intelligenz.

Das ist die eine Hälfte. Die andere erlebe ich an mir selbst. Ich arbeite täglich mit KI, und ich bin damit deutlich schneller als noch vor zwei Jahren. Wofür früher ein halbes Team nötig war, schaffe ich heute allein. Dazu kommt, dass Firmen ihre Software immer öfter selbst bauen, statt jemanden dafür einzustellen. Beides führt zum selben Punkt: Es braucht weniger von uns. Nicht, weil die Maschine mich ersetzt, sondern weil ich mit ihr die Arbeit von mehreren mache. Konjunktur und KI sind keine konkurrierenden Erklärungen, sie verstärken sich. Die eine geht vielleicht vorbei. Die andere bleibt.

Während sich der Zugang verengt, wächst der Andrang. In meinem Feed sehe ich täglich die anderen: frisch umgeschult, das Bootcamp oft bis zu hundert Prozent von der Arbeitsagentur bezahlt, jetzt auf Stellensuche. Dass es die Einsteiger zuerst trifft, kann ich nicht nur fühlen, ich kann es belegen. Beim Jobportal Stepstone lag der Anteil der Einsteiger-Anzeigen Anfang 2025 um 45 Prozent unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Eine Stanford-Auswertung fand, dass die Zahl der jungen Softwareentwickler zwischen 22 und 25 seit Ende 2022 um fast ein Fünftel gesunken ist. Den Andrang lese ich sogar aus meinen eigenen Absagen heraus. "Aufgrund der Vielzahl an vielversprechenden Bewerbungen", schreibt eine Firma, sei die Auswahl schwergefallen.

Eine Tür, die enger wird

Ob die KI uns alle arbeitslos macht, ist die falsche Frage. Tut sie nicht. Die richtige Frage ist, wer überhaupt noch hereinkommt. Für mich fühlt es sich an, als wäre die Tür in den Beruf schmaler geworden, und die Maschine hat, anders als ihre Verteidiger behaupten, daran mitgeschoben.

Für die Erfahrenen öffnet sich der Markt vielleicht wieder, wenn die Konjunktur anzieht. Ob er das auch für die tut, die gerade erst anfangen, weiß ich nicht. Ich tippe gerade Bewerbung einundachtzig.

Alexander Thiele, Jahrgang 1981 und in der DDR geboren, schreibt über Einsamkeit, Depression, künstliche Intelligenz und die Arbeitswelt von morgen. Er interessiert sich zudem für ein Leben jenseits sozialer Medien und für die Frage, wie wir in einer digitalen Welt bei uns selbst und miteinander bleiben.

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