Ukraine-Krieg Selenskyj räumt Problem der "Busifizierung" ein: Wächst der Druck auf Kiews Mobilisierungspolitik?

Nicolas Butylin

02.02.2026, 16:53 Uhr

Erstmals spricht der ukrainische Präsident offen über die brutale Straßenmobilisierung im Land. Warum Selenskyj jetzt einlenkt und was das über den Zustand der Armee sagt.

In wenigen Wochen wird der Krieg in der Ukraine schon über vier Jahre andauern. Präsident Selenskyj steht unter Druck.
Ukrainisches Präsidialamt/imago

Erstmals hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj öffentlich über das Problem der sogenannten Busifizierung gesprochen. Der umgangssprachliche Begriff steht für die harte, teils gewaltsame Straßenmobilisierung durch die Territorialen Rekrutierungszentren (TCK). Damit vollzieht Selenskyj einen bemerkenswerten Kurswechsel. Noch vor wenigen Monaten hatten ukrainische Stellen entsprechende Berichte als russische Desinformation oder KI-generierte Fälschungen zurückgewiesen.

Bei einem Treffen mit dem neuen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow formulierte Selenskyj Ende Januar drei zentrale Aufgaben: den Schutz des Luftraums, die Lösung des Problems der "Busifizierung" sowie Fortschritte beim Aufbau einer Vertragsarmee. Fedorow, der erst 35 Jahre alt ist, ist seit wenigen Wochen Verteidigungsminister der Ukraine. Er ersetzt Denys Schmyhal, der nur wenige Monate im Amt war. Davor war Selenskyjs Vertrauter Rustem Umjerow fast zwei Jahre lang ukrainischer Verteidigungsminister.

Mobilisierungsvideos sorgen für Aufruhr

Dass Selenskyj jüngst erstmals selbst den Begriff "Busifizierung" verwendete, ist für die ukrainische Presse eine Zäsur. De facto habe der Präsident damit ein gesellschaftlich hoch umstrittenes Phänomen offen benannt, das bislang offiziell kaum zur Sprache kam. Zugleich bleibt unklar, was die entsprechende Ankündigung genau bedeutet. Konkrete Maßnahmen zur Beendigung der Zwangsmobilisierung nannte Selenskyj nicht.

Tatsächlich hat sich die Lage in ukrainischen Städten bislang kaum verändert. Videos und Berichte über aggressive Rekrutierungsmethoden - Männer werden auf offener Straße festgesetzt und in Kleinbussen abtransportiert - gehen in den sozialen Medien viral. Angesichts des akuten Personal- und Rekrutenmangels an der Front stellt sich zudem die Frage, wie die Kiewer Regierung auf diese Praxis verzichten will, ohne von führenden Militärs im Land unter Druck gesetzt zu werden.

Nach geltendem ukrainischem Recht unterliegen grundsätzlich alle wehrpflichtigen Männer im Alter zwischen 25 und 60 Jahren der Mobilisierung. Ausnahmen gelten lediglich für Personen mit schweren gesundheitlichen Einschränkungen, für Studierende in Vollzeit, Alleinerziehende mehrerer minderjähriger Kinder sowie für wenige systemrelevante Berufsgruppen. In der Praxis jedoch verschwimmen diese Grenzen zunehmend. Immer häufiger berichten Betroffene, dass medizinische Atteste ignoriert, Aufschübe nicht anerkannt oder formale Ausnahmen vor Ort schlicht übergangen werden. Gerade in wirtschaftlich schwächeren Regionen, also im Osten des Landes, trifft die Mobilisierung damit vor allem Männer, die kaum über juristische oder finanzielle Mittel verfügen, sich gegen eine Einberufung zu wehren.

Wie rabiat die Mobilisierungstrupps inzwischen vorgehen, zeigen zahlreiche dokumentierte Fälle. TCK-Mitarbeiter kontrollieren gezielt Einkaufszentren, Märkte, U-Bahn-Stationen oder Verkehrsknotenpunkte. Immer wieder ist von körperlicher Gewalt und Einschüchterung die Rede. In einzelnen Regionen kamen zuletzt sogar Drohnen zum Einsatz, um Männer auf Feldern oder in ländlichen Gebieten aufzuspüren. Menschenrechtsorganisationen und selbst ukrainische Parlamentarier kritisieren, dass diese Praxis nicht nur das Vertrauen in den Staat untergräbt, sondern auch das internationale Image der Ukraine beschädigt. Der Abgeordnete Heorhii Masuraschu bezeichnete die "Busifizierung" als "beschämendes Phänomen". Sie treibe Männer in die Illegalität, schade der Wirtschaft und zwinge viele Ukrainer faktisch zur Flucht aus dem Land. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Werchowna Rada, Oleksandr Sawitnewytsch, sprach von einer "Verletzung grundlegender Menschenrechte".

Mobilisierung: Was steckt hinter Selenskyjs Vorstoß?

Doch welche Motive stecken hinter Selenskyjs jüngstem Vorstoß, das Problem auch öffentlich zu benennen? Eine verbreitete Interpretation in Gesprächen mit Ukrainern: Selenskyj versucht, sich medial von der zunehmend toxischen Mobilisierungsfrage zu distanzieren. Die Botschaft laute sinngemäß: "Die Rekrutierungszentren, das bin nicht ich" - obwohl Selenskyj als Oberbefehlshaber letztlich die Verantwortung trägt.

Eine weitere Lesart geht davon aus, dass Kiew auf ein baldiges Ende der Kämpfe hofft und deshalb bereits Lockerungen bei Mobilisierungen vorbereitet. Doch ein Durchbruch in den Verhandlungen ist bislang nicht absehbar. Eine Gesprächsrunde mit russischen Unterhändlern wurde erst vom vergangenen Sonntag auf kommenden Mittwoch verschoben; die Gespräche sollen wie auch zuletzt in Abu Dhabi stattfinden.

Andere wiederum halten einen Strategiewechsel hin zu einer stärker vertraglich organisierten Armee für wahrscheinlich. Übrigens wäre das ganz nach dem Vorbild Russlands. Hinweise auf neue Vertragsmodelle mit begrenzten Dienstzeiten hatte es bereits zuvor in ukrainischen Medien gegeben. Ob diese die Zwangsmobilisierung ersetzen sollen, blieb jedoch offen.

Kritiker bezweifeln die Realisierbarkeit dieses Ansatzes. Um Freiwillige zu gewinnen, wären hohe Prämien und deutlich höhere Gehälter nötig. Geld, das dem ukrainischen Staat mitten im vierten Kriegswinter fehlt. Zudem gilt: Wer freiwillig dienen wollte, hat dies meist bereits zu Beginn des Krieges getan. Selbst die Rekrutenzahlen aus speziellen "Jugendverträgen" für 18- bis 24-Jährige blieben zuletzt hinter den Erwartungen zurück.

Nicht ausgeschlossen ist schließlich ein gegenteiliger Effekt. Die Regierung Selenskyj könnte die Debatte über Reformen nutzen, um die Mobilisierung weiter zu verschärfen. Etwa durch eine Senkung des Einberufungsalters oder härtere Maßnahmen gegen Wehrdienstverweigerer. Entsprechende Gerüchte kursieren bereits in ukrainischen Antikriegskanälen auf Telegram. Fest steht jedenfalls: Mit der öffentlichen Anerkennung der "Busifizierung" ist der politische Druck auf die ukrainische Führung gewachsen. Ob Selenskyjs Worte einen echten Kurswechsel einleiten oder vor allem Teil einer Kommunikationsstrategie sind, dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen.


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